68er Dossier
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Mythos 1968

19.3.2008

Was bleibt?



Der Protest von 1968 zeigte sich zuerst in den sprachlos-emotionalen Formen einer neuen Jugendkultur. Bald aber fand er einen politischen Ausdruck. Besonders der Vietnamkrieg und die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit lieferten der Abspaltung eines wachsenden Teils der jungen Generation von der Mehrheitsgesellschaft politische Interpretationsmuster. So entstand, aufgeladen durch innere Verweigerungsmotive einer durch emotionale Schwächen und Glaubwürdigkeitsmängel ihrer Eltern beladenen jungen Generation, eine Form des Ausbruchs, die sich bis zur Selbstsuggestion, Teil einer weltrevolutionären Bewegung zu sein, radikalisierte.

Der von den Zeitgenossen empfundene "wilde Zauber" jener Jahre zeigt, wie sehr die Revolte in Kategorien eines neuartigen und singulären Generationenkonflikts gedeutet werden muss. Das Ausmaß der Selbstüberschätzung wie die bald ins Possenhafte abgleitende "revolutionäre Selbststilisierung" lässt freilich auch auf das Fehlen einer inneren Stärke der Protestierenden schließen, die realistische Selbstdeutungen verhinderte. So kann man in der Bewegung von damals auch einen auf der Bühne der Gesellschaft ausgetragenen Kampf ums eigene Ich sehen. Dabei sind in der kumulativen Radikalisierung des Protests auch Seelenverwandtschaften zwischen den Protagonisten des Protests und der attackierten Vätergeneration deutlich geworden. Daraus freilich auf eine Kontinuität der "Dreiunddreißiger und Achtundsechziger" zu schließen, wird der schillernden Vielfalt von 1968 schon deshalb nicht gerecht, weil Obsessionen, Pathologien und der hochgestochene Elitarismus selbsternannter Avantgardisten noch keine Schlussfolgerungen zulassen für die Protestbewegung als Ganzer. Hinzu kommt ihr ganz eigenes Changieren zwischen Realität und Fiktion, das es erschwert, alle wirren Reden und Pamphlete von damals zum revolutionären Nennwert zu nehmen.

Politisch ist von den systemkritischen Impulsen nicht viel geblieben. Bürgerinitiativen sind heute Ergänzung des repräsentativen Systems, die Grünen haben sich von ihren bewegten Ursprüngen gelöst. Und der Glaube, die Welt ließe sich nach Maßgabe großer theoretischer Modelle revolutionär aus den Angeln heben, wirkt heute Lichtjahre entfernt. Geblieben sind die Fundamentalliberalisierung des Alltagslebens und eine Verschiebung von hegemonialen Deutungsmustern von Geschichte und Gesellschaft. Das gilt vor allem für die Interpretation deutscher Geschichte und den kritischen Blick auf Amerika.

Die Permissivität der heutigen Gesellschaft würde keiner jungen Generation auch nur annähernd die Provokationsräume liefern, wie sie die 68er hatten. Zu dieser Liberalisierung hat die Protestbewegung beigetragen, freilich auf widerspruchsvolle Weise. Sie selber war überwiegend gar nicht liberal - oft nicht mal tolerant. Sie hat Räume geöffnet und Anstöße geliefert, aber auch Erfolge erzielt, die sie gar nicht haben wollte. Wenn es ein "Programm von 1968" gegeben hätte, hätte dies nur scheitern können. Sicher darf man Geschichte nicht einfach vom Ergebnis her betrachten. Aber die Selbstsuggestion der Protestierenden von der revolutionären Situation war absurd und der Kostümierungsversuch der antiautoritären Revoluzzer als selbsternannte Arbeiterführer kurios.

So bleibt in der Erinnerung vor allem das befreiende Erlebnis eines jugendlichen Aufbruchs aus allen möglichen Zwängen einer mit rigiden Ge- und Verboten behafteten Existenz - eine Befreiung, die für viele lebensgeschichtlich prägend war. Deshalb ist der kulturelle Umbruch jener Jahre der tiefste, den die Gesellschaften des Westens seit 1945 erlebt haben. Dagegen ist die "Generation Golf" ein aufgeblasenes Kunstprodukt. Freilich hat die Rebellion gegen Tradition und bürgerliche Pflichtethik ungewollt auch den Boden bereitet für die inzwischen ausgreifende Kraft einer entgrenzten Ökonomie, der weder durch die Kraft sicherer kultureller Sinnbestände noch durch politische Macht Grenzen gesetzt werden. Hier liegt die eigenartigste Paradoxie von 1968.

Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 14-15/2008)



 

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