Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul
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"Das ist meine Welt! Da muss ich hin!"

Von Kind auf Europäer: Selahattin Biner


18.10.2011
Selahattin Biner kam aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Edirne in der Türkei. Er war ausgebildeter Modellschreiner und ging 1964 mit zwei Freunden als Gastarbeiter nach Deutschland. Beinahe ein halbes Jahrhundert später haben seine Frau und er nach der zweiten in Deutschland noch eine dritte Heimat gefunden.

Das Ehepaar Biner vor seiner ersten gemeinsamen Wohnung in München.Das Ehepaar Biner vor seiner ersten gemeinsamen Wohnung in München.


Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der bpb-Publikation Auf Zeit. Für immer., Oktober 2011.
    Dunedin, Neuseeland, 18. Februar 2011

    Kia Ora, liebe Frau Goddar,

    »"ia Ora", das ist Maori und bedeutet so viel wie "Mögest du gesund sein". Aus Neuseeland sende ich Ihnen frische Sommerluft mit Ozeanduftgrüßen aus unserem Lieblingsland. Eigentlich wollten wir am 21. März wieder in München sein. Aber nun haben wir ein wunderbares Angebot von der Tante unseres Schwiegersohns aus Sydney bekommen, sie zu besuchen. Es ist für uns natürlich ein Riesenglück, und dann auch noch so günstig, in Australien herumreisen zu können. Und irgendwann würden wir die Tante auch gern in München begrüßen und ihr unser wunderschönes Bayernland zeigen können. Uns geht es sehr gut, wir unternehmen vieles. Wandern, Kanu, Rudern, Fischen, Enkelinnen betreuen, Gartenarbeit, Konzerte besuchen, nette Menschen aus allen Ländern der Welt kennenlernen. Und auch die wunderbare Luft ist für meine Gattin und mich wie Balsam auf unseren Seelen!

    Herzliche Grüße,
    Selahattin Biner
Seine Familie hat es immer geahnt: Schon als er von den Anzeigen am Schwarzen Brett seiner Schule erzählt, schärfen Vater und Bruder ihm ein: "Guter Junge, wir wissen ja, wie gerne du reist. Aber wenn du nach Deutschland gehst, dann musst du dort Geld verdienen. Und sparen, dass du dir ein schönes Haus auf einem schönen Grundstück in der Türkei leisten kannst!"

"Ja, ja", erwiderte der Abenteuerlustige da, "wenn es sein muss, spare ich natürlich auch. Aber ich möchte auch das Land, Europa und am besten noch viel mehr kennenlernen!" Nach Deutschland gehen, als Gastarbeiter – um die Welt zu sehen? Seine Familie fand das völlig verrückt.

Dabei war es genau das, was er wollte, 1964, als er mit 20 Jahren an seinem Staatlichen Institut zur Ausbildung von Handwerkern die Aushänge deutscher Firmen studierte: Der junge Selahattin Biner war gut ausgebildet, mobil, unternehmungslustig. Vor allem aber fühlte er sich als Europäer, als einer, dem das Leben im Westen schon deswegen nicht schwerfallen würde, weil seine ganze Umgebung immer schon dorthin geschaut hatte. In seiner Schule waren nicht nur Englisch und Französisch oder Deutsch Pf lichtfächer; die Lehrer lasen mit den Schülern auch die Sage des Rattenfängers von Hameln und das Märchen der Bremer Stadtmusikanten. Und natürlich hatten sie ihnen auch schon vom Ruhrgebiet als der Herzschlagader des deutschen Wirtschaftswunders erzählt. In Kırklareli war das, einer kleinen Stadt in der Nähe von Edirne, im europäischen Teil der Türkei, nahe dem griechisch-bulgarisch-türkischen Dreiländereck. Und der junge Modellschreiner, der er war, dachte sich: "Das ist meine Welt! Da muss ich hin!"

Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert später, blickt Selahattin Biner nicht nur auf ein Leben in Duisburg und München zurück. Er kennt auch Polen und Ungarn, die Toskana und Andalusien, den Sinai und Marokko. Und vor allem: Das Land der Schafe und Berge – Neuseeland. Am anderen Ende der Welt haben seine Frau und er nach der zweiten in Deutschland noch eine dritte Heimat gefunden. Ihre ältere Tochter hat es, der Liebe wegen, dorthin verschlagen – und die Biners, die inzwischen auch Großeltern zweier neuseeländischer Enkelinnen sind, lassen keine Gelegenheit aus, sie zu besuchen. Und alles nur, weil er damals, mit 20 Jahren, zusammen mit zwei Freunden beschloss: Wir gehen nach Deutschland! Drei Monate dauerte es nur, dann durften sie weg.
    "Das war natürlich ein Abenteuer! Wir hatten noch nicht einmal unseren Militärdienst absolviert. Normalerweise hätten wir die Türkei gar nicht verlassen dürfen. Das war verboten. Nur über die Anwerbung aus Deutschland konnten wir überhaupt weg. Wir haben uns riesig gefreut. Unser Arbeitgeber war ein Hersteller von Sitz- und Liegemöbeln, so hieß das damals, in Duisburg. Vier Mark und 16 Pfennig in der Stunde haben wir bekommen, das war ein guter Stundenlohn. Aber wir hatten ja auch einen guten Beruf, man hat uns gebraucht. Leider blieben davon nach Abzug der Kosten für Wohnheim und Essen am Ende jeder Woche dann aber doch nur 15 oder 20 Mark übrig, das war nicht so viel. Also haben wir angefangen, am Wochenende und abends zusätzlich zu arbeiten. Unser Meister, der ja gesehen hat, wie gut wir unseren Job machen, hat da manches vermittelt. So haben wir noch ein bisschen hinzuverdient, sagen wir einmal: unter der Hand. Ansonsten aber war ich natürlich vom ersten Tag kranken- und rentenversichert. Deswegen bekomme ich heute eine ganz zufriedenstellende Rente, mit unseren Bausparanlagen aus dieser Zeit konnten wir es uns dann auch leisten, meinem Betrieb diese Wohnung abzukaufen. Und unsere Reisen müssen auch bezahlt werden!

    Aber auch wenn ich gut und gern gearbeitet habe: Ich wollte immer mehr vom Leben; Freunde haben, Sport treiben, meine neue Umgebung erobern. Ich war neugierig auf die deutsche Kultur, die deutsche Sprache, die deutsche Lebensart. Da war es ein Glück, dass ich sofort Kontakt bekommen habe. Im Lohnbüro habe ich den Franz kennengelernt. Wir haben uns gleich angefreundet. Er hat mir Deutsch beigebracht und ich ihm Türkisch. Wann immer wir Zeit hatten, sind der Franz und ich mit den Rädern los, den Rhein hinauf oder bis nach Belgien und Holland. Es war eine wunderbare Zeit; ich habe so viel Neues gesehen! Und obwohl in Duisburg die Luft damals nicht sehr gut war und jedes weiße Hemd von all dem Ruß in einem halben Tag grau wurde – auch dort konnte man viel unternehmen. Ich bin gerudert, und ich habe Basketball gespielt. Beim Meidericher SV, heute heißt er MSV Duisburg, war ich in der Mannschaft. Am Wochenende sind wir bis zu Hannover 96 oder zum HSV nach Hamburg zu unseren Spielen gefahren. Ich war zwar ein kleiner, aber ein sehr zielstrebiger Basketballspieler, darauf bin ich heute noch ein wenig stolz! Ach, dieses erste Jahr in Deutschland – es war eins der schönsten meines Lebens!

    Nach einem Jahr lief mein Vertrag aus – aber in die Türkei zurückzugehen hatte ich nie vor. Und ich hatte ein neues und sogar besseres Angebot bekommen: Von einem Campingwagen-Hersteller, der Weltbummler hieß. Für eine Mark mehr in der Stunde als zuvor habe ich dort Modelle für die Inneneinrichtung der Wohnwagen gefertigt: für die Tische oder Bänke oder Betten. Immer größere und schönere Modelle haben wir gebaut. Es war ja die Zeit des Wirtschaftswunders, die Menschen fingen an, Geld auszugeben und anzulegen. Und auch sie wollten einmal etwas anderes machen als arbeiten. An Fernreisen war dennoch für die allermeisten überhaupt noch nicht zu denken. Also haben immer mehr Menschen sich einen Wohnwagen zugelegt und damit am Wochenende und in den Sommerferien Urlaub im grünen Nordrhein-Westfalen gemacht."



 

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