Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul
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"Mit den Peitschenstriemen der Armut kam ich hierher"

Im Ruhrgebiet zu Hause: Ali Başar


18.10.2011
November 1961: Im zweiten Zug aus Istanbul nach München sitzt Ali Başar. Ohne Ausbildung, ohne Sprachkenntnisse, ohne Geld kommt der heute 79-Jährige ins Ruhrgebiet.

Ali BaşarAli Başar im Frühjahr 2011 in seiner Wohung in Duisburg-Marxloh.


Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der bpb-Publikation Auf Zeit. Für immer., Oktober 2011.

Im zweiten Zug aus Istanbul nach München sitzt Ali Başar. Ohne Ausbildung, ohne Sprachkenntnisse, ohne Geld kommt der heute 79-Jährige ins Ruhrgebiet. Seine Heimat Tunceli (kurdisch: Dersim) in Ostanatolien hatte er schon als 13-Jähriger verlassen, um den Unterhalt für die Familie zu verdienen. Er landete in Istanbul, schlief auf Parkbänken, schlug sich als Tagelöhner durch. Ein Anwerbevertrag bringt ihn nach Deutschland, hier arbeitet er viele Jahre im Bergwerk und als Schweißer. Wie ein Paradies sei ihm das vorgekommen, erzählt er. Verschweigt aber nicht, dass selbst paradiesische Zustände weder Leid noch Ungerechtigkeiten verhindern.

Vor dem Wohnzimmerfenster der Familie Başar in Duisburg-Marxloh ragen heute die rauchenden Schlote der ThyssenKrupp AG ins Panorama. Ali Başar freut sich, seinen alten Arbeitsplatz jeden Tag im Blick zu haben. Gülten Başar hat Börek gebacken und ergänzt die Erzählungen ihres Mannes, vor allem wo es um nachbarschaftliche Beziehungen geht. Sie kam erst später, nach der Hochzeit Mitte der 60er-Jahre, nach Deutschland. Der älteste Sohn Cahit, Studienrat an einem Kölner Gymnasium, ist auch da, um die Lebensgeschichte seines Vaters zu hören.

Das Kapitel "Deutschland" beginnt für Ali Başar im Herbst 1961 mit einer Visitenkarte, die er in Istanbul von einem Freund zugesteckt bekommt. Darauf steht der Name eines Mannes, der ebenfalls Ali heißt und für die Deutsche Verbindungsstelle in Istanbul-Tophane arbeitet. Ali Başar gibt die Visitenkarte nicht mehr aus der Hand, bis er schnellen Schrittes bei dem Gebäude ankommt, in dem das Auswahlverfahren stattfindet. Er erkundigt sich nach Ali, landet aber wie alle anderen in der Warteschlange und schließlich bei der Gesundheitsprüfung.
    "An die Atmosphäre bei den medizinischen Untersuchungen kann ich mich noch sehr gut erinnern. Alle waren aufgeregt, voller Hoffnungen. Wir haben viel gelacht. Wer allerdings mit einem schlechten Ergebnis aus den Untersuchungen kam, hat oft auch geweint. Die jungen Menschen, die sich für Deutschland beworben hatten, waren in der Türkei ja alle arbeitslos. Mit der Ablehnung verloren sie jede Hoffnung. Es ging bei vielen von uns ums Überleben. Ich will aber auch etwas Lustiges erzählen. Bevor ich an die Reihe kam, eilte ein Kollege auf mich zu, der gerade untersucht worden war: 'Hey, Ali! Mein Urin ist super! Willst Du was davon haben?', fragte er. Für ihn wäre das ein gutes Geschäft gewesen – 15 oder 20 türkische Lira konnte man für guten Urin bekommen.

    Bei meiner Untersuchung waren eine Schwester und zwei, drei Ärzte anwesend. Ich wurde von Kopf bis Fuß untersucht: abgeklopft, abgetastet, geröntgt. Das hatte schon alles seine Ordnung so. Wenn jemand krank gewesen wäre, hätten ja die Krankenkassen in Deutschland dafür aufkommen müssen. Die Ärzte prüften meine Augen, meine Lunge, mein Herz. Eine Narbe auf meinem Bauch machte sie stutzig. Woher die Narbe stamme, wollten sie wissen. Ich wusste es nicht mehr, ich muss noch sehr klein gewesen sein, als ich sie mir zugezogen habe. Am Ende habe ich aber bestanden. Den Bescheid bekam ich eine Woche später per Post. Laut Arbeitsvertrag und Visum sollte ich zwei Jahre in Deutschland bleiben.

    Was für eine Freude das war! Mein erster Gedanke war: Nun würde ich meiner Mutter, meinen Geschwistern etwas zu essen geben können. Ich bin der Älteste von uns. Meinen Vater habe ich kaum kennengelernt, er ist gestorben, als ich sechs Jahre alt war. Meine Mutter hat uns allein großgezogen. Sechs Geschwister! Wir besitzen kein Land, meine Geschwister hatten keine Arbeit, einer meiner Brüder ist auf einem Auge blind. Wir haben in großer Armut gelebt. Wie kann ich das beschreiben, man kann sich das hier ja nicht vorstellen. In einer Blechhütte haben wir gewohnt."
Die Provinz Tunceli, in der das Heimatdorf von Ali Başar liegt, gehört bis heute zu den ärmsten Regionen des Landes und verzeichnet seit der Gründung der Türkischen Republik 1923 einen kontinuierlichen Bevölkerungsschwund aufgrund von Umsiedlung, Flucht, Vertreibung und Auswanderung. Dersim ist der alte kurdische Name der Provinz und ihrer Hauptstadt Tunceli. Die meisten Menschen in der Türkei verbinden den Namen bis heute mit dem sogenannten Aufstand von Dersim in den 30er-Jahren, bei dem sich die vornehmlich kurdisch-alevitische Bevölkerung gegen die offiziellen Bestrebungen wehrte, dem Volk der neugegründeten Republik eine türkisch-muslimische Identität aufzuerlegen. Der Aufstand wird vom türkischen Militär blutig niedergeschlagen. Bis heute finden sich die Ausgewanderten und Vertriebenen von Dersim in anderen Ländern zusammen. In Deutschland wurde 2006 die "Föderation der Dersim-Gemeinden in Europa" gegründet.

Als Anfang der 60er-Jahre die ersten Züge vom Bahnhof Istanbul-Sirkeci nach Deutschland rollen, ahnt wohl kaum jemand, dass damit Migrationsgeschichte geschrieben wird. Im Enthusiasmus, mit dem der Aufbruch der Arbeiter begleitet wird, verbirgt sich jedoch die sichere Ahnung davon, dass die Reisenden auf diesem Wege Armut, Gewalt, politischem oder sozialem Druck entkommen. Der Bahnsteig von Sirkeci verwandelt sich am Abfahrtstag zum Festplatz: Mit Jubel, Trubel und Tränen werden die Gastarbeiter der ersten Stunde von Freunden und Verwandten verabschiedet. Ali Başars Familie kann natürlich nicht aus ihrem Dorf anreisen. Aber die Studenten aus dem Istanbuler Wohnheim, in dem er zuletzt als Hausmeister gearbeitet hat, sind gekommen, um ihm Lebewohl zu sagen.
    "'Güle güle, Ali!' (Geh lachend), riefen sie mir zu. 'Schick uns ein Farbfoto aus Deutschland!' Es wurde gelacht, geweint, gesungen, manche haben sogar Musik gemacht. Bis Edirne an der bulgarischen Grenze ist eine Gruppe Journalisten mit uns im Zug gefahren. Am nächsten Tag waren die Zeitungen voll mit uns. Wir waren ja der zweite Zug, das hat ganz schön für Aufsehen gesorgt. Vor der Grenze stiegen die Journalisten aus, und dann passierte etwas Lustiges. In Sirkeci hatte ein Mann im schicken Anzug durch ein Megafon gesagt: 'Sehr geehrte Damen und Herren, hinter dem Eisernen Vorhang werden die Türen der Züge verschlossen bleiben. Bitte verlassen Sie hinter dem Eisernen Vorhang nicht mehr den Zug!' Als wir von der Türkei nach Bulgarien kamen, schauten wir also neugierig aus dem Fenster, sahen aber nichts. 'Wo ist denn nun der Vorhang aus Eisen?', fragten die Leute, 'wir können ihn ja gar nicht sehen!' Was hatten wir denn schon für eine Ahnung von der Welt da draußen!?"



 

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