"La Sarraz" – Mediencollage von Lutz Dammbeck, Kulturhaus "Nationale Front“, Leipzig, 24. Juni 1984
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Die Vorgeschichte der selbstbestimmten Ausstellungskultur 1945 - 1970


6.9.2012
Der einst vielfältige private Antiquariats-, Antiquitäten- und Kunsthandel im Osten Deutschlands war nach dem Krieg fast vollständig zum Erliegen gekommen. Daran änderte sich nach der Gründung der DDR bis in die 1970er Jahre wenig. Auch die Möglichkeiten für Künstler, ihre Werke auszustellen, blieben sehr begrenzt.

Die staatliche Kunstpolitik fokussierte sich vor allem auf das betriebliche Auftragswesen und den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) als wichtigstem Auftraggeber für bildende Künstler. Ausstellungen von Gegenwartskünstlern in Museen waren selten zu sehen, allein die Akademie der Künste in Ostberlin veranstaltete regelmäßig Ausstellungen damals zeitgenössischer Künstler. Es gab vereinzelt staatlich zugelassene private Galerien, sechs Verkaufsgenossenschaften mit Ausstellungsräumen in Berlin, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Erfurt und Weimar und die zentralen Kunstausstellungen des Landes alle drei und ab 1962 alle fünf Jahre in Dresden.

Die Galerie Henning in Halle und die Kunstausstellung Kühl in Dresden



Die Galerie Henning in Halle zählte zu den wenigen frühen Orten privaten kunsthändlerischen Engagements in der DDR. Der 1908 in Kassel geborene Kaufmann und Fotograf Eduard Henning war kurz nach Kriegsende mit seiner Familie nach Halle gezogen und hatte bereits im Oktober 1945 eine Zulassung als Kunstverleger und Kunsthändler erhalten. Seine erste Ausstellung zeigte Werke von im Nationalsozialismus verfemten Künstlern wie Karl Schmidt-Rottluff, Karl Hofer, Max Pechstein, Hans Orlowski und Heinrich Ehmsen. Auf seinen Reisen nach Paris hatte Henning Georges Braque, Henri Matisse und Pablo Picasso kennengelernt. Die zum Teil sehr engen Beziehungen ermöglichten es ihm, 1950 Georges Braque erstmals in Deutschland auszustellen und 1951 einen großen, vorzüglich edierten Band über Picasso herauszugeben. 1955 widmete er die 100ste Ausstellung Marc Chagall, der damit zum ersten Mal in der DDR zu sehen war. Das Programm der Galerie Henning bestimmten Künstler wie Ernst Barlach, Lyonel Feininger, Ernst Heckel, Karl Hofer, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Käthe Kollwitz, Alfred Kubin, Gerhard Marcks, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff, er vertrat aber auch die jüngere Künstlergeneration Halles um Hermann Bachmann, Kurt Bunge, Carl Crodel, Gerhard Hoehme, Herbert Knispel, Ulrich Knispel und Karl Rödel. Den Bildern dieser Maler war bei aller stilistischen Differenz ein sensibler, poetischer Gestus gemeinsam, der den Erwartungen des "parteilichen“ Realismus nicht entsprach und der im Laufe der 1950er Jahre wegen seines "formalistischen Charakters“ diffamiert wurde. Besonders diejenigen der sogenannten "Hallenser Schule“, die an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein (heute Hochschule für Kunst und Design Halle) lehrten, waren heftigsten politischen Anfeindungen ausgesetzt. Alle Genannten verließen bis 1958 die DDR, einige von ihnen prägten als Lehrer die nachfolgende Künstlergeneration im Westen Deutschlands (so war Gerhard Hoehme der Lehrer von Sigmar Polke in Düsseldorf). Selbst zunehmend argwöhnender Beobachtung ausgesetzt sah sich Henning nach dem Mauerbau von seinen lebenswichtigen Kontakten abgeschnitten. Er nahm sich 1962 das Leben. Seine Frau Christel Henning erhielt danach keine Genehmigung, die Galerie weiterzuführen.[1]

Johannes Kühl bei einer Eröffnungsansprache, Kunstausstellung Kühl, Dresden, 1987
Foto: Matthias CreutzigerJohannes Kühl bei einer Eröffnungsansprache, Kunstausstellung Kühl, Dresden, 1987 (© Matthias Creutziger)

So blieb die Kunstausstellung Kühl in der Zittauer Straße in Dresden-Neustadt die einzige private Galerie in der DDR, die sich bis 1989 (und darüber hinaus) behauptete. 1924 von zwei ehemaligen Mitarbeitern der Dresdner Kunsthandlung Ernst Arnold gegründet, befasste sich die Galerie mit der zeitgenössischen Moderne. 1925 fand eine der ersten Einzelausstellungen von El Lissitzky statt, wenig später Ausstellungen mit Werken von László Moholy-Nagy, Piet Mondrian, Man Ray, Karl Schmidt-Rottluff und Kurt Schwitters. 1927 stellte zum ersten Mal der junge Hermann Glöckner aus, der in der DDR zu den großen Vorbildern stilistischer Freiheit in der Kunst gehören sollte. Auch während der Jahre des Nationalsozialismus setzte der nunmehr alleinige Inhaber Heinrich Kühl den Ausstellungsbetrieb fort und zeigte, was nicht erwünscht war: die Maler der Dresdner "Brücke“, Otto Dix und Karl Hofer sowie Hans Theo-Richter und Kurt Querner. Am 13. Februar 1945 verbrannte mit dem gesamten Lager auch die gerade laufende Ausstellung mit dem Frühwerk von Ernst Hassebrauk. Wenige Monate nach Kriegsende bezog Kühl provisorische Räume in der Zittauer Straße, um erste Ausstellungen mit Hermann Glöckner, Ernst Wilhelm Nay und K.O. Götz zu organisieren. Nach dem Tod von Heinrich Kühl 1965 übernahm dessen Sohn Johannes die Galerie. Er zeigte neben Künstlern der klassischen Moderne auch damals junge Dresdner Maler und Grafiker wie Gerda Lepke, Max Uhlig und Claus Weidensdorfer. Dass die private Weiterführung des Geschäfts im Jahr des 11. Plenums des ZK der SED – das einige der unerbittlichsten und folgenreichsten Maßnahmen zur Disziplinierung künstlerischer Selbstbestimmung in der DDR zur Folge hatte – ohne größere Probleme möglich war, dürfte dabei auf die informelle Allianz des Inhabers mit dem Ministerium für Staatssicherheit zurückzuführen sein.[2]


Fußnoten

1.
Hans Georg Sehrt, Die Galerie Henning in Halle 1947–1962. In: Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Hrsg. von Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel. Berlin und Köln 1996, S. 237–251.
2.
Zur Kunstausstellung Kühl vgl. Peter Nüske, Rückblick auf 65 Jahre Tradition – Kunstausstellung Kühl. In: Bildende Kunst, Heft 9/1989, S. 7. Von 1963 bis 1989 war Johannes Kühl inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Vgl. Hannelore Offner, Überwachung, Kontrolle, Manipulation. Bildende Künstler im Visier der Staatssicherheit. In: Eingegrenzt – Ausgegrenzt. Bildende Kunst und Parteiherrschaft in der DDR 1961–1989. Hrsg. von Hannelore Offner und Klaus Schroeder. Berlin 2000, S. 269.

 

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