RAF Fahndungsplakat
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Das Ende der RAF


20.8.2007
Am 20. April 1998 geht bei der Nachrichtenagentur Reuters ein Schreiben ein: "Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte." Nach 28 Jahren löst sich die RAF auf.

Als am 20. April 1998 bei der Nachrichtenagentur Reuters ein acht Seiten umfassendes Schreiben der RAF eintraf, in dem es ultimativ hieß, "Heute beenden wir dieses Projekt", herrschte zunächst einmal Ungläubigkeit vor, doch schon bald legte sich das über Jahrzehnte angewachsene Misstrauen und wich der Erleichterung, dass der "Spuk" nun offenbar vorüber war.

Das letzte Schreiben: "Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte."Das letzte Schreiben: "Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte." (© AP)
Bei genauerer Lektüre des Papiers, deren oder dessen Verfasser auch den Behörden bislang unbekannt geblieben sind, stellte sich bei den ersten Kommentatoren jedoch Verwunderung über die stellenweise immer noch deutliche mentale Starrheit und weiter anhaltende ideologische Verblendung ein. Einerseits war der vielleicht nachvollziehbare Gestus, zwar geschlagen, aber mit erhobenem Haupt den Platz des Geschehens verlassen zu wollen, unübersehbar, andererseits jedoch überwogen Passagen einer ungebrochen phrasenhaften Subjekt- und Befreiungsrhetorik.

Die RAF, so heißt es, vom Ton her fast an den antinapoleonischen Duktus preußischer Partisanen erinnernd, hätte "den Befreiungskrieg in der Bundesrepublik aufgenommen". Der Tenor des gesamten Papiers folgt der gespaltenen Maxime: Sich einerseits zwar verabschieden, andererseits aber doch nicht ganz aufhören zu wollen.

In dem Abschnitt "Wir stehen zu unserer Geschichte" heißt es etwa: "Die RAF war der revolutionäre Versuch einer Minderheit. [...] Wir sind froh, Teil dieses Versuchs gewesen zu sein. Das Ende dieses Projekts zeigt, daß wir auf diesem Weg nicht durchkommen konnten. Aber es spricht nicht gegen die Notwendigkeit und Legitimation der Revolte. Die RAF ist unsere Entscheidung gewesen. [...] Für uns ist diese Entscheidung richtig gewesen. [...] Wir haben die Konfrontation gegen die Macht gewollt. Wir sind Subjekt gewesen, uns vor 27 Jahren für die RAF zu entscheiden. Wir sind Subjekt geblieben, sie heute in die Geschichte zu entlassen. Das Ergebnis kritisiert uns. Aber die RAF – ebenso wie die gesamte bisherige Linke – ist nichts als ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Befreiung." Ganz nach dem von Ernst Bloch ein ums andere Mal aus den Bauernkriegen zitierten Motto: "Geschlagen ziehen wir nach Haus, unsere Enkel fechtens besser aus." Konkret stellt die Erklärung zwar eine Aufgabe, abstrakt jedoch immer noch ein Kontinuitätsbegehren dar.

Eingeständnisse von Fehlern kommen vor, doch sie fallen weitgehend taktisch aus. So sei die Schleyer-Entführung zwar richtig gewesen, um "die Gefangenen aus der Folter zu befreien", jedoch nicht die sich daran anschließende Entführung der Lufthansa-Maschine nach Mogadischu; so hätten die bewaffneten Aktionen "die politischen und gegenkulturellen Prozesse" unterbewertet; so sei es insgesamt ein strategischer Fehler gewesen, "neben der illegalen, bewaffneten keine politisch-soziale Organisation" aufgebaut zu haben. Aus diesem Hauptfehler resultiert das Eingeständnis, dass das RAF-Konzept künftig "in den Befreiungsprozessen keine Gültigkeit mehr" für sich beanspruchen könne.

Manches hätte zwar anders gemacht werden können, es sei jedoch trotz der eingeräumten Fehler "grundsätzlich richtig gewesen, [...] die Kontinuitäten der deutschen Geschichte mit Widerstand zu durchkreuzen". Nach Faschismus und Krieg hätte die RAF etwas Neues in die Gesellschaft gebracht, "das Moment des Bruchs". Einen Sieg will sich die RAF, wie sie ganz unmissverständlich zum Ausdruck bringt, im Moment ihrer Niederlage nicht nehmen lassen: "Die RAF hat nach dem Nazi-Faschismus mit diesen deutschen Traditionen gebrochen und ihnen jegliche Zustimmung entzogen." Das ist vermessen und klingt, als habe die RAF persönlich für eine neue Gesellschaftsordnung gesorgt.

Durch "alle Härten und Niederlagen hindurch", heißt es das eigene Durchhaltevermögen belobigend weiter, hätte sie mit Entschiedenheit gezeigt, dass sie "im Gang der Geschichte unkorrumpierbar" geblieben sei. Kein Wort über die Aussteiger, über die politischen Frontenwechsler wie Horst Mahler etwa, keines über die als "Verräter" denunzierten Kronzeugen und vor allem keines über die Opfer – kein Wort an deren Angehörige, keine Geste der Entschuldigung, kein Bitten um Vergebung, rein gar nichts.

Und – als sollten letzte Zweifel ausgeräumt werden, wer allein für Tod und Terror verantwortlich gewesen sein kann – heißt es: "Der tatsächliche Terror besteht im Normalzustand des ökonomischen Systems." Damit ist alles wieder im Lot. Alle Eingeständnisse sind mit diesem einen Satz nivelliert.

Und hier schließt sich im Übrigen der Kreis. Ideologisch ist man dort wieder angelangt, wo man 1972 mit der Erklärung "Dem Volke dienen" aufgehört hat. Was man selbst getan hat, waren offenbar nichts anderes als Akte "revolutionärer Gewalt", Akte, die lediglich von ihren Feinden durch die Etikettierung "Terror" stigmatisiert und denunziert worden sind. Das kapitalistische System als solches ist demnach terroristisch und nicht diejenigen, die es stürzen wollten.



 

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