Marshallplan

31.10.2005 | Von:
Dr. Elke Kimmel

Der Marshallplan in der Praxis

Ein Hauptproblem der europäischen Volkswirtschaften nach dem Zweiten Weltkrieg war, dass sie zwar Waren aus den USA benötigten, aber keine entsprechenden Dollarreserven besaßen. Da die USA auf der anderen Seite starkes Interesse an einer Exportsteigerung nach Europa besaß, musste die Lösung dieses Problems auch im wirtschaftlichen Interesse der USA liegen.

Die Lösung bestand darin, dass die amerikanische Regierung bei einheimischen Produzenten gegen Dollar Waren kaufte und diese – vorzugsweise auf amerikanischen Schiffen – nach Europa lieferte. Die dortigen Abnehmer zahlten den Preis für die Waren in der jeweiligen Landeswährung in so genannte "Counterpart Funds" (Gegenwertfonds) ein. Über deren Verwendung entschieden dann die amerikanische "European Cooperation Administration" (ECA) und die jeweilige Regierung gemeinsam. Großbritannien nutzte die Mittel zur Entschuldung, Frankreich zur kurzfristigen Deckung von Haushaltsdefiziten.

Die ECA

Die ECA war direkt dem amerikanischen Präsidenten unterstellt und beschäftigte zeitweise 3.000 Angestellte. Ihr Chef war der ehemalige Automobilmanager Paul Hoffman. Die ECA unterhielt Vertretungen in allen Teilnehmerstaaten, die die Verwendung der ERP-Gelder überwachten. Ihre europäische Zentrale befand sich in Paris. Im besetzten Deutschland arbeitete sie mit den beiden Militärbefehlshabern der "Bizone" zusammen, die Regierungsfunktionen besaßen. 1951 wurde die ECA durch die "Mutual Security Agency" (MSA) abgelöst, die der Verlagerung auf Unterstützung der strategischen Produktion Ausdruck gab. Schon vorher war der Behördenapparat der ECA nicht nur wegen seiner bürokratischen Trägheit häufig kritisiert worden, sondern auch wegen seiner zivilen Ausrichtung unter Hoffman.

Der bundesdeutsche Kanzler Konrad Adenauer und der Hohe Kommissar der USA für Deutschland John J. McCloy schütteln die Hände, nachdem sie in Bonn am 15. Dezember 1949 das ECA-Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland unterzeichnet haben.Adenauer und US-Beauftragter McCloy, nachdem sie das ECA-Abkommen zwischen den USA und der jungen BRD unterzeichnet haben. (© AP)

Die OEEC

Auf europäischer Seite wurde am 16.4.1948 die "Organization für European Economic Cooperation" (OEEC) mit Sitz in Paris ins Leben gerufen. Diese überwachte die Maßnahmen zur Produktionssteigerung in den Empfängerländern ebenso wie die Bestrebungen zur Ausweitung des multilateralen Handels. Durch die OEEC sprachen die angeschlossenen Staaten mit einer Stimme. Interne Konflikte entstanden vor allem darüber, wie zentralistisch die Organisation sein dürfe. Großbritannien widersetzte sich dabei den Kräften, die ein verantwortliches Beschlussgremium bilden wollten. So blieb es bei einem Beratungsort für Vertreter der teilnehmenden Regierungen, die deutschen Interessen wurden zunächst von den Militärbefehlshabern der "Bizone" wahrgenommen. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland war Vizekanzler Blücher als Minister für den Wiederaufbau auch für die Marshallplan-Gelder zuständig. Er und seine Mitarbeiter vertraten die Bundesrepublik in den verschiedenen Ausschüssen der OEEC.

Insbesondere die USA sah ihre wiederholten Versuche, aus der OEEC eine supranationale Behörde zu bilden, zurückgewiesen. Tatsächlich hatten sie aber von vorneherein - trotz der europäischen Perspektive des Marshallplans - die Einzelheiten der Wirtschaftshilfe in zweiseitigen Verträgen mit den einzelnen Empfängerländern bestimmt. In diesen Verträgen waren die Kontroll- und Eingriffsrechte festgelegt. Mit der Bundesrepublik Deutschland wurde dieser Vertrag am 15.12.1949 vereinbart. Scheinbar hatte man dem Integrationswillen der Europäer zumindest nie so weit getraut.

Propaganda und Erfolg

Ein Teil der Mittel war von Beginn an begleitenden PR-Maßnahmen vorbehalten. Aus ihm wurden Filme, Ausstellungen, Plakatpropaganda usw. finanziert. Schon bevor überhaupt Hilfslieferungen eintrafen, wurde die Bevölkerung aller europäischen Staaten auf den Marshallplan vorbereitet. Die Erwartungshaltung war entsprechend groß, half aber beispielsweise den deutschen, die "Durststrecke" bis Anfang 1949 besser zu verkraften.

Über die Erfolge des ERP musste sorgfältig Buch geführt werden. Dies war auch deswegen entscheidend, weil über die Höhe der Gelder aus den USA jährlich neu vom US-Kongress entschieden werden musste. Der Kongress sicherte sich so das entscheidende Mitspracherecht. Am 3. April 1948 wurden erstmals Gelder für den Marshallplan freigegeben, die ersten Lieferungen erreichten Europa im Herbst desselben Jahres. Insgesamt wurden Waren und Dienstleistungen im Wert von ca. 14 Milliarden US-Dollar nach Europa gebracht, was heute in etwa dem achtfachen Wert entspräche. Nach Deutschland gelangte etwa ein Zehntel dieses Betrags.