DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, Überwachungsmonitore

Angst überwinden

Erfahrungen aus Jena von Roland Jahn


1.7.2017
Um das autoritäre Machtsystem von SED und MfS zu besiegen, bedurfte es vor allem Zivilcourage. Solcher Mut wuchs in kleinen Schritten. Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, schildert Beispiele aus seiner Jugendzeit in Jena.

Auf dem Weg zur Mensa gab es in Jena eine Verkehrsampel, die offensichtlich eine Fehlschaltung haben musste. Sie sprang einfach nicht um. Wenn die Ampel für die Autos auf Rot schaltete, wechselte sie für die Fußgänger trotzdem nicht auf Grün. Das Männchen stand und stand auf Rot. Man musste dort sehr lange warten, um über die Straße zu gelangen.

Roland Jahn sitzt auf einer Bank am Grab des 1981 in Geraer Stasi-Haft zu Tode gekommenen Mathias Domaschk aus Jena.Roland Jahn am Grab des 1981 in Geraer Stasi-Haft zu Tode gekommenen Matthias Domaschk aus Jena. (© Holger Kulick)

Ich habe mir ausgemalt, dass diese Ampel von der Stasi manipuliert worden ist. Als eine Art Test, um festzustellen, wer sich wider besseren Wissens an die Regeln hielt und wer nicht. Zu meiner kleinen Phantasie gehörte auch, mir vorzustellen, dass ein Stasimitarbeiter in einer Wohnung mit Blick auf die Ampel saß und den ganzen Tag aufpasste, wer sich der Unlogik der Ampel beugte und wer nicht. Wer sich also anpasste und wer potenziell renitent war. Oft habe ich mich gefragt, warum alle stehen blieben, wo es doch so offenkundig ein Fehler in der Anlage sein musste. Warum merkte das keiner?

Diese Ampel, sie war für mich auch eine Metapher: Wann geht jemand bei Rot über die Straße? Wann verliert jemand erst die Geduld und dann die Angst vor den Konsequenzen des Regelbruchs? Das Ende einer Feigheit. Das ist die Formel, auf die Jürgen Fuchs diesen Moment gebracht hat, so hat er auch seinen Roman über die sechswöchige Militärzeit an der Uni genannt.

Der Held des Romans hatte sich nach dem Grundwehrdienst eigentlich geschworen, nie wieder zum Militär zu gehen. Doch als er während des Studiums ins Militärlager muss, ist er wieder zur Stelle: »Muß man eine Erfahrung zweimal machen? Ja, bis man es weiß. Bis du weißt, warum du mitmachst. Weil ich muß. Weil ich nicht gegen sie ankomme. Weil ich studieren will. Noch mal von vorn! Bis du begreifst, was sie aus dir machen. Was du aus dir machst. Was du aus dir machen läßt. Was du mit anderen machst.«[1]

Während er erneut in den Alltag des Militärs eintaucht, wieder auf dem »Doppelstockbett mit Blick auf die Stahlmatraze« über ihm liegt, wieder Dienst schiebt und Befehlen gehorcht, schreibt der Ich-Erzähler all seine Gedanken auf. Er notiert sie in schwarze Kladden, die er versteckt, immer in dem Wissen darum, dass eine Entdeckung ihm große Schwierigkeiten bereiten würde. Aber es ist seine Strategie, die Angst zu überwinden, sich dem Ende einer Feigheit zu nähern, obwohl er gerade erst wieder einen Kompromiss eingegangen ist. »Angst. Der eigene Weg. Das Ende einer Feigheit.«[2] So fasst er seinen Zustand zusammen.

Werner Schulz, im Jahr 1979 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität, hatte sich selbst nie verziehen, dass er mit seiner Unterschrift 1968 dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag zugestimmt hatte. Die »fünf Zentimeter Tinte« lasteten dauerhaft auf seinem Gewissen. Das war der Preis, den er für das Studium und später die Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter gezahlt hatte. Doch jetzt, im Dezember 1979, wiederholte sich für ihn Geschichte: Wieder sollten die Intellektuellen – die »Intelligenz« an den Universitäten der DDR – ihre Zustimmung zu einem sowjetischen Militäreinsatz bekunden. Bei einer Versammlung der Sektion Nahrungsgüterwirtschaft und Lebensmitteltechnologie, bei der Schulz beschäftigt war, kamen Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren zusammen, insgesamt etwa 80 Personen. Die Tagesordnung sah vor, eine Resolution zu verabschieden, die den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan unterstützte.

Das "Ende einer Feigheit" finden



Als der Versammlungsleiter über die Notwendigkeit sprach, die »imperialistischen Kräfte« niederzuschlagen, fühlte sich Werner Schulz wie in einer Zeitmaschine: Plötzlich war er wieder im Jahr 1968. Er war der Erstsemestler, der sich einer Vorgabe der Partei fügen sollte. Reichlich ein Jahrzehnt später stand er vor der gleichen Entscheidung wie damals. Spontan meldete er sich zu Wort. »Das ist doch kein Zurückdrängen imperialistischer Kräfte. Das ist eine militärische Intervention zum Erhalt von Einflusssphären. Das wird das Vietnam der Sowjetunion. Wie können wir das denn sehenden Auges unterstützen?« Die Studenten im Raum raunten. Die Kollegen nickten verstohlen. Die Professoren hingegen reagierten überrascht und empört. Die geplante Resolution wurde nicht verabschiedet. Auf dem Flur klopften die Kollegen Werner Schulz auf die Schulter. »Es wurde Zeit, dass einmal jemand etwas sagt. Danke!«

Wenige Tage später wurde Schulz von seinem Institutsleiter die Entlassung mitgeteilt. Kurz und schnörkellos. Wieder waren die Kollegen verständnisvoll und betroffen, aber keiner legte offiziell Protest ein. Zu diesem Zeitpunkt war Schulz 30 Jahre alt, seine Frau schwanger, seine Dissertation stand kurz vor dem Abschluss. Er sollte die Arbeit nie zu Ende schreiben. »Ich habe in dem Moment einfach nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Ich war mit ’68 beschäftigt und meiner Unterschrift damals und dass ich hier nun die Gelegenheit hatte, ehrlich meine Meinung zu sagen. Natürlich war das nicht klug, ins offene Messer zu rennen. Aber ich habe es einfach nicht mehr ertragen.« Die Angst zu verlieren, endlich das »Ende einer Feigheit« zu finden, das war für ihn eine Befreiung. Der permanente Druck, sich immer wieder zu fragen, wie weit die eigene Anpassung gehen kann, die Konsequenzen der Verweigerung abzuwägen – dieser Druck war plötzlich weg.

Buchcover "wir Angepassten"Der Text ist mit freundlicher Genehmigung des Piper-Verlags dem Buch von Roland Jahn entnommen "Wir Angepassten", erschienen 2015 im Piper Verlag München und bei der bpb (Bestellnummer 1628)
Feigheit, so sagt es das Lexikon, ist eine Haltung, bei der man sein Handeln durch Angst oder Furcht bestimmen lässt. In der Konsequenz handelt man entgegen der eigenen Intention oder auch Moralvorstellung, weil man Angst hat vor dem, was passiert, wenn man das tut, was man eigentlich will. Oder weil man Angst davor hat, welche Folgen das für andere haben könnte. Die Angst vor möglichen Folgen war so tief in der DNA der Gesellschaft der DDR verankert, das man sich dessen oft gar nicht mehr bewusst war.

»Es war eben so.« Dieser Satz geht mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich darüber nachdenke, wie Menschen heute ihr Handeln von damals begründen. Denn zur Wahrheit gehört ja auch: Der Alltag in der DDR war gerade nicht durch ein ständiges Angstgefühl geprägt. Die Mehrheit hatte sich an die Verhältnisse gewöhnt. Man hatte sich mit den vielen Zumutungen arrangiert, mit der Mauer, mit dem Allmachtsanspruch der SED in jeder kleinen Ritze des Alltags. Man hatte sich zumeist damit abgefunden, dass die Partei das Sagen hatte, selbst wenn man dies innerlich ablehnte. Man hatte sich eingerichtet und versuchte, das Beste daraus zu machen. Die Gewöhnung an die Situation erleichterte es, Gewissenskonflikte zu vermeiden und in Ruhe sein Leben zu leben. Und sich so eben auch nicht der Angst stellen zu müssen. So war das Gefühl der Angst nicht allgegenwärtig, aber es lauerte im Unbewussten und bestimmte das Denken und Handeln der Menschen.

Als ich im Februar 1977 vom Studium ausgeschlossen wurde, war ich befreit von dem Zwang, jede meiner Entscheidungen dem politischen Wohlverhalten unterordnen zu müssen, um weiterhin an der Universität bleiben zu können. Man hatte mich zur »Bewährung« in die Produktion geschickt. Als Transportarbeiter bei Carl Zeiss Jena war ich nun im Hauptwerk für die Umsetzung von Schwermaschinen in einer Transportkolonne eingesetzt. Jetzt war ich Teil einer Brigade. Wir waren sechs Kollegen, zwischen 30 und 50 Jahre alt. Ich war der jüngste, der »verkrachte Student«, den sie schnell in ihre Gruppe integrierten.

Es war eine harte, klare Arbeit, und Klartext redeten auch die Kollegen. Für die »Bonzen« in der SED gab es wenig Bewunderung. Für die Lobeshymnen auf die sozialistische Wirtschaftsleistung hatten die Kerle von der Transportkolonne nur ein geringschätziges Lächeln übrig. »Aber zu koofen gibt es nüscht.« Der 1. Mai bedeutete diesen harten Arbeitern vor allem eines: ein freier Tag. Mitlaufen bei der Parade, das war nichts für sie. Die Angst von möglichen Nachteilen haben sie gar nicht an sich herangelassen. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Vertreter der »Arbeiterklasse« die Parade für erledigt hielten, empfand ich als befreiend.

Mein Rauswurf aus der Uni war gerade einmal zwei Monate her, und meine Gedanken wanderten zurück: Was würden meine Exkommilitonen am 1. Mai tun? Immer noch war ich empört darüber, dass man mir die Chance zu studieren einfach genommen hatte. Ich war auch verletzt, dass meine Mitstudenten dazu beigetragen hatten. Frei, wie ich mich nun fühlte, beschloss ich, meinen Protest gegen den Rauswurf zu artikulieren, und hoffte, meine ehemaligen Mitstudenten damit zum Nachdenken zu bringen.

Ein leeres Plakat sagte alles



Der 1. Mai präsentierte sich da als eine Gelegenheit. Noch im Jahr zuvor hatte ich mich in den Block der Studenten, die sich am Universitäts-Hochhaus versammelten, eingereiht. Jetzt war ich befreit von dem Druck, das Studium zu retten, und wollte ein Zeichen setzen. So kam mir die Idee für ein unbeschriebenes Plakat. Wenn ich einfach eine leere Pappe zum Sammelort der Studenten tragen würde, könnte ich zumindest zeigen, dass alle hier bei einer Sache mitmachten, die keine Meinungsfreiheit zuließ. Das leere Plakat sollte zeigen, dass ich meine Meinung nicht sagen durfte. Zugleich war es auch eine Strategie, sich den möglichen Folgen meines Handelns zu entziehen. Wenn nichts auf dem Plakat draufstand, konnte ich auch für nichts zur Verantwortung gezogen werden.

Natürlich hätte ich deutliche Worte auf das Plakat malen können, aber dazu fehlte mir ganz klar der Mut. Das leere Plakat schien mir eine schlaue Idee. Dennoch klopfte mein Herz laut bis zum Hals, als ich meine Wohnung verließ. Meinen Eltern hatte ich von meiner Idee nichts erzählt. Nicht schon wieder Streit und Diskussionen. Nicht mal meine Freunde wussten Bescheid. Ich befürchtete, dass jemand versuchen würde, mich von dieser Idee abzuhalten, gerade jetzt, wo ich das Gefühl hatte, ein kleines bisschen Freiraum zu haben.

Die ersten Schritte waren noch zögerlich. Ich schaute mich um. Gab es irgendwo einen Polizisten? Einen auffälligen Menschen, der nach Stasi aussah? Keine Anzeichen. Ich lief los. Raus aus meiner Wohnung, vorbei am Markt, am Uni-Hochhaus bis zum Sammelort der Marschblöcke. Mit jedem Schritt fühlte ich mich sicherer. Kinder zeigten auf das leere Plakat und staunten. »Mutti, guck mal. Auf dem Plakat steht gar nichts drauf!« Ein paar Passanten schauten aufmunternd. Manche schüttelten den Kopf. Andere lachten und freuten sich mit mir. Ich wurde immer selbstbewusster und hatte zunehmend Spaß an der Aktion.

Ich stellte mich an den Straßenrand und sah, dass meine Exkommilitonen im Block standen und auf ihren Abmarsch warteten. Sie schauten unsicher auf das Plakat. Auch ein paar Professoren bemerkten mich. Niemand sprach mit mir. Unbehelligt stand ich eine Stunde am Rand der Parade. Weil ich mich nun gut fühlte, lief ich auch noch eine Weile durch die Stadt. Die leere dünne Presspappe, weiß bemalt, an einer Holzlatte aus dem HO-Laden »Heimwerker« festgenagelt – sie wurde in den Augen vieler zu einer Protestaktion. Und passiert ist nichts. Niemand hat eingegriffen. Schritt für Schritt aber hatte ich die Angst überwunden.

Für mich war dieser Vormittag ein Akt der Befreiung. Das Gefühl, nur Gegenstand der Handlung anderer zu sein, mich gegen meinen Willen aus der Uni entfernen zu lassen, diese Ohnmacht war dem Bewusstsein gewichen: Ich hatte ihnen gezeigt, dass ich protestiere. Ich hatte es geschafft, meinen neuen Freiraum für eigenes Handeln zu nutzen.

Angst abwehren. Angst überwinden. Angst verlieren. Das war immer auch abhängig von dem Umfeld, in dem man aufwuchs. Wer umgeben war von Menschen, die sich fürs Mitmachen im System entschieden hatten, hatte weniger Anreize, umzudenken. Wer aber in dem steten Spiel zwischen anpassen und sich selbst treu bleiben unversehens aus der Deckung geriet, der war auf einem neuen Pfad. Ereignisse wie der Überfall auf die Wohngemeinschaft in der Gartenstraße oder der Rauswurf aus der Uni schafften unter uns Jugendlichen ein Gemeinschaftsgefühl.

DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, Zwangsexmatrikulation, DDR-BildungssystemProtestpostkarte des Jenaer Studenten Roland Jahn nach dessen Zwangs-Exmatrikulation 1983 (© BStU, ASt. Gera, MfS, BV Gera, AU 724/83, GA Bd. 2 , S. 18)
In Jena waren wir Mitte der 70er-Jahre eine »Szene« von vielleicht 100 jungen Leuten, die alle schon ihre »Grenzerfahrungen« gemacht hatten, die also sehr genau wussten, was der Staat erlaubte und was nicht. In gewisser Weise waren wir ja von diesem Staat an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden. Uns zusammenzufinden, gemeinsam Dinge zu tun, das war auch ein Signal gegen die Ausgrenzung. Wir wollten uns unseren Lebensmut und den Spaß nicht nehmen lassen, bloß weil die Partei verlangte, dass wir uns ihren Vorgaben anpassten.

Sich mit kleinen Aktionen den immer gleichen Ritualen zu entziehen, kleine Denkanstöße zu liefern, das hatten Freunde von mir zuvor schon einmal am 1. Mai getan. In Anspielung auf die von der SED vorgegebenen Losungen aus dem Neuen Deutschland klebten sie zum Maifeiertag eine kleine Parole auf ein Papier hinter ihrem Wohnungsfenster: »Wie jedes Jahr im Mai sind wir für Losung Nummer zwei.« Meine Freunde waren junge Facharbeiter, die in der Nähe der Zeiss-Werke wohnten, unweit des Treffpunkts für die Zeiss-Werker. Ein Gag am Rande, platziert als Gruß an jene, die zum Aufstellplatz unterwegs waren. Und zugleich eine Erinnerung, dass diese Losungen eigentlich nichts sagten, austauschbar waren und keiner wirklichen Meinungsäußerung entsprachen.

Gegen die Angst suchten wir die Gemeinschaft Gleichgesinnter und die Kraft von Künstlern wie Gerulf Pannach. In Anlehnung an ein Lied des spanischen Politsängers und Diktaturkritikers Raimon (Ramón Pelegero Sanchis) hatte er einen Song geschrieben, der uns ein steter Begleiter war.

»Nun denn, ich nenn die Sache gleich beim Namen: Brechen wir nicht des Schweigens Wände, Werden wir im Schweigen enden. Gegen die Angst seid nicht stille! Gegen die Angst kommt hervor! Gegen die Angst, wir sind doch viele Gegen die Angst, ohne Angst.«[3]

Das machte uns Mut. Wenn wir viele sind, ist die Angst kleiner. Wir wollten gesellig sein, Spaß haben, unser Ding machen und zeigen, dass das alles ohne Staat gut funktionierte. Manchmal zogen wir in einer riesigen Gruppe durch die Stadt hinauf in die Jenaer Berge. Wir redeten und alberten, sprachen über Musik und die Arbeit, über Lebensträume und die Paare, die sich gefunden hatten. Es war ein irres Gefühl, mit so vielen unterwegs zu sein. Es war unsere eigene Welt, die uns Kraft für den Alltag gab.

[Der später in Geraer Stasi-Haft zu Tode gekommene] Matthias Domaschk, Matz, wie wir ihn nannten, wurde in dieser Zeit ein guter Freund. Er war vier Jahre jünger als ich. Aber es gab viele Ähnlichkeiten zwischen uns. Unsere beiden Väter waren kriegsversehrt, auch der Vater von Matz hatte im Zweiten Weltkrieg ein Bein verloren. Beide Väter waren nicht in der Partei, und beide arbeiteten bei Carl Zeiss Jena, beide in gehobenen Stellungen. Beide Väter machten uns Druck. Matz war das Abitur verwehrt worden, ich war von der Uni geflogen, wegen unseres Protests gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Biermann. Wir kannten die Sprüche unserer Väter zur Genüge: »Pass auf, was du sagst/Mach keinen Ärger!/Das fällt auf mich zurück, und dann gibt’s Schwierigkeiten im Betrieb./Am Ende leidet unsere ganze Familie./Konzentriere dich auf deine Ausbildung!/Halte dich zurück!/Halte dich raus!«

"Angst verliert sich leichter, wenn man nicht allein ist"



Wir waren auf einer Wellenlänge. Matz und ich, wir wollten der staatlichen Gängelung etwas entgegensetzen. Zugleich hatten wir aber Rücksicht zu nehmen auf unsere Väter, die uns so ganz andere Ratschläge gaben, weil ihr Leben ihnen andere Lektionen erteilt hatte. Über diesen Konflikt haben wir uns immer wieder ausgetauscht. Wir wollten uns nicht gefangen nehmen lassen von den Ängsten und Zwängen unserer Väter, von ihrem Streben nach Sicherheit. Manchmal liefen wir nachts durch die Straßen von Jena und sangen laut die Liedzeile »Wir sind geboren, um frei zu sein«. Das hat uns gestärkt. Die Angst verliert sich leichter, wenn man nicht allein ist.

Und doch. Als Matz zum Grundwehrdienst einberufen wurde, ging er hin. Er brachte es nicht übers Herz, seine Eltern noch mal zu enttäuschen. Das verwehrte Abitur, es belastete die Familie. Eigentlich wollte Matz auch noch studieren. Und wenn er beruflich nicht ganz verloren sein wolle, so müsse er seinen Dienst regulär ableisten, das sei seine einzige Chance, predigten ihm die Eltern. Sein Vater, der Ingenieur, war zudem Auslandsreise-Kader. Dieses Privileg hätte der Sohn mit einem Dienst als Bausoldat, das heißt ohne Waffe, oder gar mit einer Totalverweigerung gefährdet. Und so wurde auch Matz Soldat, obwohl er das Militär ablehnte. Ich habe ihn sehr gut verstanden.

Immer noch erschien es uns beiden richtig, sich wieder einzurichten in der DDR, sich alle Optionen offenzuhalten. Es war eben unsere Heimat. Aber das empfand nicht jeder unter den Freunden so. Die Proteste gegen die Ausbürgerung Biermanns, sie hatten zu Inhaftierungen und Haft geführt. Die Liedermacher Pannach und Kunert aus Leipzig und neun Freunde aus Jena, darunter der Autor Jürgen Fuchs und der Jugenddiakon Thomas Auerbach, saßen in Stasi-U-Haft und wurden später fast alle aus der Haft abgeschoben. »Es hat doch alles sowieso keinen Zweck in diesem Staat.« Das dachten nicht wenige von uns. Der Frust wuchs.

Seit Mitte der 70er-Jahre kam eine neue Option ins Spiel, die es einfacher machte, die Angst zu verlieren. Mit der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki hatte sich die DDR im August 1975 international auf die Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet. Das Land zu verlassen, auszureisen, das war jetzt theoretisch möglich. Plötzlich gab es eine Chance, anderswo eine Zukunft zu gestalten, ohne die Risiken einer Flucht über die Grenze.

Mein Freund Nobi, mit dem ich im Sommer 1975 bis nach Bulgarien getrampt war und den es bis ins Mark getroffen hatte, dass er nicht den Rest der Welt bereisen konnte, ging eines Tages einfach aufs Amt und beantragte die Ausreise – unter Berufung auf Helsinki. Sein Antrag wurde mehrfach abgelehnt, er wurde immer wieder von sturen Funktionären abgebügelt. Was die DDR international mache, das könne er gar nicht beurteilen und schon gar nicht auf sein Leben anwenden, wurde ihm gesagt. Doch die Aussicht, das Land verlassen zu können, machte ihn radikaler. Sein Leben fand in Gedanken schon anderswo statt. Er hörte auf, als Werkzeugmacher zu arbeiten, und jobbte beim Theater. Beständig setzte er den Behörden zu, um rauszukommen. Ohne Erfolg. Irgendwann war sein Frust so groß, dass er die Angst vor den möglichen Konsequenzen einer Flucht überwand. In einem Kofferraum versteckt, ließ er sich in den Westen ausschleusen.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, stellte am 8. Januar 2015 die neue Stasi-Mediathek in Berlin vorRoland Jahn ist seit März 2011 Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Beispielhafte Stasi-Akten ließ er 2015 in einer neu eingerichteten "Stasi-Mediathek" online stellen. (© picture-alliance / dpa)
Bleiben oder gehen? Das wurde fortan eine Kernfrage in unserer Szene. Bleiben und sich wehren, aufgeben und gehen. Das waren die Linien, entlang derer wir diskutierten. Wer ausreisen wollte, wer einen Antrag stellte, der war selbst in den größeren Lebensentscheidungen konsequenter. Nobis WG-Freund Detlef Pump war ebenfalls entschlossen zur Ausreise. Als sein Einberufungsbefehl kam, fühlte er sich zu keinen Rücksichten mehr verpflichtet und verweigerte den Wehrdienst total. Auch eine Haftstrafe schreckte ihn nicht ab. Er hatte die Angst verloren. 19 Monate saß er dafür im Gefängnis, das Ziel Ausreise fest vor Augen.

Ausreisen, also nicht mehr zurückdürfen, das wollten wir »Dableiber« vermeiden. Oft waren es Verbindungen zu Freunden und zur Heimat, die wir nicht kappen wollten, und zur Familie, auf die wir Rücksicht nehmen wollten. Und so bestimmte das Wechselspiel zwischen Anpassen und Widersprechen immer noch unseren Alltag. Wir »Dableiber« wollten daran festhalten, dass man trotz Staat, Partei und Gängelung in der DDR etwas bewegen konnte.

Im Herbst 1978 wurde meine Freundin Petra, mit der ich seit dem Frühjahr zusammen war, schwanger. Wir teilten uns meine winzige Wohnung, die nur mit einem Abflussrohr und einem Kohleofen ausgestattet war. Das Wasser musste vom Hahn im Treppenhaus geholt werden, das Plumpsklo lag daneben. Ein Dutzend Mal hatte Petra schon beim Wohnungsamt vorgesprochen und nach einer passenden Wohnung für ein Neugeborenes und die Mutter angefragt. Erfolglos. Einen privaten Wohnungsmarkt gab es nicht. Aber der Staat war nicht in der Lage, ausreichend Wohnraum bereitzustellen. Wenige Monate vor der Entbindung war Petra so verzweifelt, dass sie einen Brief an den Stadtrat für Wohnungswesen schrieb und ihn aufs Amt trug. Ein Gang, der eine Mutprobe war.

Denn dieser Brief war keine Bittstellerei nach den Ritualen der Eingabe – eine Verneigung vor der Partei und den Fortschritten des Sozialismus, bevor man höflich zu umschreiben wagte, was man eventuell noch als Verbesserung vorschlagen könnte. Petra beschrieb ihre Situation im Detail und verlangte die sofortige Zuweisung einer Wohnung, ansonsten wolle sie den bevorstehenden »Kampftag der Werktätigen«, den 1. Mai, dazu nutzen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Den Staat mit so einer Aktion zu bedrängen, dazu gehörte tatsächlich Mut. Aber das Gefühl, als Mutter für das Kind das Beste zu tun, es sich selber zu beweisen, dass man die Kraft dazu hatte, das war die Brücke zur Überwindung der Angst.

Zum Thema:



Als in Leipzig die Angst überwunden wurde.Eine Reportage von Peter Wensierski.

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution.Ein Film von Holger Kulick

Angst auf beiden Seiten. Der Sturm auf die Stasi in der Provinz. Von Christian Dellit

Besetzung mit Folgen. Wie das MfS endgültig entmachtet und die Aufarbeitung der Stasi-Akten durchgesetzt werden konnte. Ein Rückblick von Stephan Konopatzky


Fußnoten

1.
Jürgen Fuch, Das Ende einer Feigheit, Reinbek 1984, S. 11
2.
A.a.O., S. 38
3.
Zitiert nach Jürgen Fuchs, Gedächtnisprotokolle, Reinbek 1977, S. 116

 
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