Ein Modell der Berliner Museumsinsel.

Harald Bodenschatz


3.4.2005
"Beispiele in Europa zeigen, dass auch einige schrumpfende Städte den Strukturwandel zu Gunsten der Innenstädte wenden können", so Harald Bodenschatz, Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin. Dazu könnten die Kommunen durchaus auch kommerzielle Investoren einspannen.

60 Jahre nach Kriegsende kann man eine schleichende Zerstörung, die Verödung der Städte beobachten. Die Verödung hat verschiedene gesellschaftliche und politische Ursachen: soziale, wirtschaftliche und geistige. Zu diesem Thema stellten wir vier Fragen an Prof. Dr. Harald Bodenschatz.

bpb: Wie kann die kommunale Verwaltung der Abwanderung in den "Speckgürtel" und der Verlagerung von Arbeitsplätzen entgegentreten? Gibt es Konzepte gegen die Schrumpfung?

Prof. Dr. Harald Bodenschatz: Zuallererst: Ich finde die Zustandsbeschreibung nicht angemessen. Wir können nicht nur von einem durchgängigen Trend der Verödung sprechen. Das betrifft weder alle Städte noch alle Räume in der Stadt. Dennoch sind die Probleme unübersehbar. Etwa das Problem der Zersiedelung. Wichtige Rahmenbedingungen, die die Zersiedelung fördern, sind auf der Ebene des Bundes verankert: Pendlerpauschale, Eigenheimzulage – zum Teil –, usw. Hier muss mehr geschehen. Dennoch kann auch die Kommune durch Leitprojekte und den aktiven Aufbau einer Innenstadtrevitalisierungskoalition die Dezentralisierung zumindest bremsen. Zahlreiche Beispiele in Europa zeigen, dass auch einige schrumpfende Städte den Strukturwandel zu Gunsten der Innenstädte wenden können. Ein Problem bleibt die Konkurrenz innerhalb der Stadtregion, sie müsste herabgefahren werden – durch neue Kooperationen.

bpb: Angesichts leerer Kassen gibt es für viele Kommunen kaum noch Handlungsspielraum: Leben Deutschlands Städte von ihrer Substanz?

Bodenschatz: Die Kommunen sind in einer dramatischen Lage – im Vergleich zu früheren Perioden. Dennoch kommt es auf den Einzelfall an. Kommunen müssen ihre aktive Rolle neu bestimmen – sie müssen aber aktiv bleiben. Alle bekannten Beispiele (relativ) erfolgreichen städtischen Strukturwandels in Europa wurden unter einer sehr aktiven kommunalen Führung realisiert.

bpb: Wem gehört die Stadt? Investoren und Fondgesellschaften kommen für ihre Bauprojekte leicht an Filetstücke im Stadtraum. Besteht hier nicht die Gefahr, dass kommerzielle Projekte die Bedürfnisse der Bürger und Bewohner nicht erfüllen?

Bodenschatz: Kommerziell oder nicht kommerziell ist nicht immer die richtige Meßlatte. Auch kommerzielle Projekte können helfen, den städtischen Strukturwandel zu fördern. Notwendig ist eine aktive Kommune, die selbstbewusst den Rahmen setzt – und bei solchen Projekten eine öffentliche Projektklärung garantiert. Das hilft auch – seriösen – Investoren.

bpb: Zum Stichwort Stabilisierung durch Identität: Kann es in einer zersplitterten, von Parallelgesellschaften und steigender Armut gekennzeichneten Gesellschaft überhaupt ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Stadt geben?

Bodenschatz: Natürlich gibt es das – die Frage ist, wie breit sie ist, und auf welche Orte sie sich reduziert. Das Zentrum einer Stadt ist für viele ein wichtiges Thema, das aufregt und bewegt – auch wenn man es selbst kaum besucht und nutzt. Ein Problem ist es, dass sich die Identifikation mit einer Stadt immer mehr auf das Zentrum beschränkt.



 

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