"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

23.12.2011 | Von:
Reinhard Sturm

Kampf um die Republik 1919 - 1923

Kommunistische Umsturzversuche

Ende August 1923 beurteilte das Politbüro der KPdSU die krisenhafte Entwicklung in Deutschland als revolutionäre Situation und beschloss, eine "Oktoberrevolution" der KPD (nach dem Vorbild Russlands von 1917) mit allen Mitteln zu unterstützen. Es gab sogar Vorbereitungen für eine groß angelegte militärische Intervention. Denn im Falle einer deutschen Revolution mit sowjetischer Hilfe erwartete man einen Krieg zuerst mit dem Durchmarschland Polen, danach mit Frankreich, England und den baltischen Ländern. Nach einem Sieg der KPD würde das hoch industrialisierte "Sowjetdeutschland", so kalkulierte man in Moskau, den wirtschaftlichen Aufbau der noch überwiegend agrarischen Sowjetunion unterstützen. Im September begann die KPD mit der konkreten Vorbereitung revolutionärer Aktionen, die sie am 9. November, dem symbolträchtigen Jahrestag der Revolution von 1918/19, auslösen wollte. Moskau half mit Geld und Militärexperten bei der Aufstellung "Proletarischer Hundertschaften" (ca. 50.000-60.000 Mann, darunter auch Sozialdemokraten). Außerdem nutzte die KPD die Chance, durch den Eintritt in SPD-geführte Landesregierungen am 10. Oktober in Dresden, am 16. in Weimar in staatliche Machtpositionen zu gelangen. Von Sachsen und Thüringen sollte der "deutsche Oktober" seinen Ausgang nehmen. Die zum linken Flügel der SPD zählenden sächsischen und thüringischen Sozialdemokraten versprachen sich von einer Koalition mit den Kommunisten einerseits die Überwindung der Feindschaft zwischen den beiden Arbeiterparteien; andererseits wollten sie mit Hilfe der "Proletarischen Hundertschaften" den aus Bayern befürchteten "Marsch auf Berlin" stoppen. Die revolutionären Absichten der KPD nahmen sie nicht wahr. Anders als in Bayern handelte es sich in Sachsen und Thüringen um legitime parlamentarische Mehrheitsregierungen. Jedoch verstießen die "Proletarischen Hundertschaften" gegen den Versailler Vertrag. Außerdem hielten Ebert und Stresemann Kommunisten in Staatsämtern für untragbar. Der Reichspräsident ordnete daher am 29. Oktober 1923 gegen Sachsen, am 6. November gegen Thüringen die Reichsexekution an. Reichswehrtruppen marschierten nach Dresden und Weimar; es gab mehrere Dutzend Tote und Verletzte. Die "Proletarischen Hundertschaften" wurden aufgelöst, die kommunistischen Minister entlassen (Sachsen), oder sie traten zurück (Thüringen). Der "deutsche Oktober" war allerdings schon kurz vor den Reichsexekutionen wieder abgeblasen worden. Anders als bei früheren Aufständen scheute die KPD diesmal das Risiko, mit einer isoliert bleibenden Aktion zu scheitern. Daher versammelte sie am 21. Oktober in Chemnitz 450 Arbeiterdelegierte – Kommunisten, Gewerkschafter und einige Sozialdemokraten, hauptsächlich aus Sachsen und Thüringen. Die Konferenzteilnehmer lehnten revolutionäre Aktionen mehrheitlich ab. Trotzdem kam es noch zu einem Aufstand in Hamburg am 23. Oktober: Bewaffnete kommunistische Trupps – rund 300 Mann – überfielen wie geplant 17 Polizeistationen und besetzten öffentliche Gebäude. Die Hintergründe sind ungeklärt; entweder wollte die aktionistische Hamburger KPD-Leitung die vorsichtigere Parteiführung in Berlin doch noch zum Losschlagen zwingen, oder sie wurde von ihren Delegierten, die in Chemnitz erst nach der Konferenz eintrafen, irrtümlich falsch informiert. Die Polizei schlug den Aufstand binnen weniger Tage nieder; 24 Kommunisten und 17 Polizisten kamen bei den Kämpfen ums Leben.

Hitlerputsch

Im Laufe des Jahres 1923 konnte die NSDAP von der krisenhaften Entwicklung stark profitieren. Ihre Mitgliederzahl stieg sprunghaft auf 55000; sie hatte sich in Bayern zur aktivsten rechtsradikalen Kraft entwickelt. Die SA gehörte zum "Deutschen Kampfbund", einem Zusammenschluss der drei radikalsten (von Reichswehroffizieren ausgebildeten) Wehrverbände, der von Hitler und Ludendorff – inzwischen die Galionsfigur des deutschvölkischen Lagers – geleitet wurde. Hitler verkehrte in den besten Münchner Kreisen und galt in Bayern vielen bereits als "deutscher Mussolini", dem ein "Marsch auf Berlin" gelingen konnte. Hitler beschloss, die Initiative an sich zu reißen und am 9. November – für die Rechtsradikalen ein Symbol der "nationalen Schmach" – den gegenrevolutionären Umsturz zu wagen. Vorher wollte er Kahr, Lossow und Seißer, die am Abend des 8. November im Münchner Bürgerbräukeller eine politische Versammlung abhielten, überrumpeln und mitreißen. Die SA umstellte das Lokal. Hitler ließ den Saal mit einem Maschinengewehr in Schach halten und verschaffte sich mit einem Pistolenschuss in die Decke Gehör. Er proklamierte die "nationale Revolution", erklärte die bayerische und die Reichsregierung für abgesetzt und kündigte die Bildung einer "nationalen Regierung" an. Anschließend beschworen in einem Nebenraum der NSDAP-Führer und der erst jetzt herbeigeholte Ludendorff das Triumvirat, den "Marsch auf Berlin" mitzuorganisieren und in eine Regierung Hitler einzutreten – scheinbar erfolgreich. Das Publikum bejubelte die Einigung; die SA nahm sicherheitshalber im Saal noch einige prominente Geiseln; dann löste sich die Versammlung auf. Noch in der Nacht trafen Kahr, Lossow und Seißer Maßnahmen zur Unterdrückung des Putsches. Am Morgen des 9. November musste Hitler erkennen, dass sein Umsturzversuch isoliert bleiben würde. Daran konnte auch ein eilig improvisierter Demonstrationsmarsch des "Deutschen Kampfbundes" um die Mittagszeit nichts mehr ändern. An der Feldherrnhalle stieß der von Hitler und Ludendorff angeführte Zug von mehreren tausend Personen auf eine Absperrung der bayerischen Landespolizei. Es kam zu einem Handgemenge und zu einem kurzen Feuergefecht, bei dem 14 Demonstranten und drei Polizisten starben. Die Menge stob auseinander; Hitler floh zu einem Freund und wurde dort einige Tage später verhaftet. Der dilettantische Frühstart der NSDAP machte alle Pläne für einen "Marsch auf Berlin" zunichte. Der anschließende Hochverratsprozess gegen Hitler, Ludendorff und andere geriet zu einer Farce. Die Angeklagten – in den Augen der Richter Männer von "rein vaterländischem Geist" und "edelstem selbstlosen Willen" – durften Propagandareden gegen die Republik und ihre Politiker halten; der Ankläger agierte eher wie ein Verteidiger. Am 1. April 1924 erhielten Hitler und drei weitere Angeklagte lediglich fünf Jahre (ehrenvolle) Festungshaft mit der Aussicht auf Begnadigung nach sechs Monaten; die übrigen kamen mit noch geringeren Strafen davon. Ludendorff wurde sogar freigesprochen. Das Gericht lehnte es ausdrücklich ab, auf "einen Mann, der so deutsch denkt und fühlt wie Hitler", die Bestimmungen des Republikschutzgesetzes anzuwenden und ihn als wegen Hochverrats verurteilten Ausländer nach Österreich abzuschieben.

Separatistenbewegungen

Seit Ende September 1923 verstärkten separatistische Bewegungen im preußischen Rheinland, in der bayerischen Pfalz und in Rheinhessen mit Unterstützung der französischen und belgischen Besatzungsmacht ihre Bestrebungen, diese Gebiete in selbstständige, eng mit Frankreich und Belgien zusammenarbeitende Territorien zu verwandeln. Poincaré – seit 1922 französischer Ministerpräsident – sah die Chance zur Schaffung eines unabhängigen rheinischen Staates und damit zur Abtrennung des Ruhrgebietes vom Deutschen Reich. Die Separatisten versprachen sich wirtschaftliche und politische Vorteile für die ausgegliederten Regionen. Am 21. Oktober riefen sie eine "Rheinische Republik" aus, am 12. November eine "Autonome Pfalz". In Aachen, Koblenz, Bonn, Wiesbaden, Trier und Mainz stürmten sie die Rathäuser. Die Reichsregierung war machtlos, da sie keine Truppen in die entmilitarisierte Zone schicken durfte. Die separatistischen Bewegungen, denen sich auch kriminelle Elemente anschlossen, scheiterten jedoch innerhalb weniger Monate einerseits am energischen Widerstand der Bevölkerung. Andererseits lehnten Großbritannien und die USA eine Loslösung des Ruhrgebietes von Deutschland wegen der unabsehbaren internationalen wirtschaftlichen und politischen Risiken ab. Im Februar 1924 ließ Poincaré die separatistischen Bewegungen fallen und besiegelte damit ihr Ende.

Sturz der Regierung

In der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion herrschte Empörung darüber, dass die (aufs Ganze gesehen erfolgreiche) Regierung Stresemann gegen die Rechtsdiktatur des Triumvirates in Bayern praktisch nichts unternahm, gegen die SPD-KPD-Regierungen in Sachsen und Thüringen dagegen die Reichswehr einsetzte. Am 2. November 1923 schieden die SPD-Minister aus der Reichsregierung aus. Als der Kanzler am 23. November bei der Abstimmung über die Vertrauensfrage eine Niederlage erlitt, trat er zurück. Neuer Regierungschef einer bürgerlichen Minderheitsregierung (DDP, Zentrum/BVP, DVP), der Stresemann als Außenminister angehörte, wurde der Zentrumsführer Wilhelm Marx. Das Jahr 1923 markierte den Höhepunkt der krisenhaften Nachkriegsentwicklung in Deutschland. Die Hauptkrisen dieses Jahres waren die Ruhrbesetzung und die durch den passiven Widerstand verstärkte Währungszerrüttung. Sie wurden durch vernünftiges politisches Handeln gelöst: Frankreich blieb mit seiner überharten Deutschlandpolitik im Kreise der Siegermächte isoliert und musste schließlich einlenken. Die nach dem unvermeidlichen Abbruch des passiven Widerstandes durchgeführte Währungsreform, die Sozialdemokraten wie Deutschnationale mittrugen, wurde rasch zum Erfolg. Bei den übrigen Gefahren handelte es sich um gezielt ausgelöste Nebenkrisen, die mehr oder weniger aus denselben Gründen scheiterten: Der "deutsche Oktober" musste bereits in Sachsen und Thüringen vorzeitig abgebrochen werden, der "Marsch auf Berlin" gelangte nicht einmal über München hinaus, und der rheinische Separatismus brach kläglich zusammen, nicht nur weil die Akteure dilettantisch vorgingen, sondern vor allem, weil eine "Diktatur des Proletariats" nach sowjetischem Muster, ein "Führerstaat" nach italienischem Vorbild oder eine Zerstörung der Reichseinheit jeweils nur einer kleinen Minderheit der Bevölkerung als erstrebenswert galt. Deshalb erreichten die Nachkriegskrisen 1923 mit ihrem Gipfel zugleich auch ihr Ende.
Aus: Informationen zur politischen Bildung (Heft 261) - Kampf um die Republik 1919-1923 (2011)