"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Die nationalsozialistische Massenbewegung in der Staats- und Wirtschaftskrise

Führerkult

Während sich die Partei politisch noch im Abseits oder allenfalls im Aufwind befand, entstand so der organisatorische Rahmen für die spätere Massenmobilisierung. Vor allem wurde der auf Hitler fixierte Führerkult endgültig institutionalisiert: Alle Parteigenossen hatten sich mit "Heil Hitler" zu grüßen und der Jugendverband wurde in "Hitler-Jugend" (HJ) umbenannt. Goebbels wurde nun zum Propagandisten des Führerkultes, den aber auch der in Bamberg unterlegene Gregor Strasser nun energisch unterstützte.

Neben der Schaffung von äußeren Symbolen für seine politische Herrschaft gelang es Hitler vor allem, das Parteiprogramm ganz mit seiner Person zu identifizieren. Adolf Hitler war, wie von der Parteipropaganda unablässig verbreitet, das Programm und stand darum nach außen für eine Geschlossenheit der Partei, die in der parteiinternen Realität nur bedingt existierte und durch Konflikte zwischen einzelnen Unterführern immer wieder gefährdet wurde. Idee und Organisation waren nun in der charismatischen Führerpartei untrennbar miteinander verbunden.

Hitler war zum ideologischen und machtpolitischen Bezugspunkt innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung geworden. Seine Herrschaft gründete sich auf eine tatsächliche persönliche Machtposition über der Partei und ihrer rivalisierenden Fraktionen, aber auch auf eine symbolische, außergewöhnliche Stellung: Auf eine Führererwartung und einen Führerkult, der an ihn herangetragen und von der Propaganda unaufhörlich verstärkt und verbreitet wurde. Diese personale, auf außergewöhnliche Merkmale begründete Herrschaft wurde mit dem Soziologen Max Weber als charismatische Herrschaft bezeichnet. Sie unterscheidet sich von einer traditionalen Herrschaft ererbter Titel wie von einer legalen, unpersönlichen und bürokratischen Herrschaft. Sie war auf eine außerordentliche Machtstellung eines einzelnen gegründet, der das Bedürfnis nach Heroismus und Sendungsbewußtsein, nach Größe und Hingabe verkörperte. Dieser charismatische Herrscher war andererseits auf Erfolg und eine sich ständig erneuernde Zustimmung angewiesen. Seine Entscheidungen orientierten sich nicht nach bürokratischen Regeln, sondern an "Tat und Beispiel" (Max Weber) und erfolgten von Fall zu Fall.

Zu einem erfolgreichen charismatischen Führer gehörte überdies eine Organisation bzw. Gefolgschaft, die alle Kennzeichen einer charismatischen Gemeinschaft erfüllte. Sie bestand aus einem engen Kreis Vertrauter, die zugleich als Transmissionsriemen des Führerkultes dienten und sich zum "Führer" in einem gleichsam feudalen personalen Treueverhältnis befanden. Eine solche charismatische Führerfigur konnte freilich nur in Zeiten Massenwirksamkeit erzielen, die so krisenhaft und außergewöhnlich waren.

Die Willensbildung in der charismatischen Führerpartei, als die man die NSDAP wie kaum eine andere Bewegung charakterisieren kann, bezog sich allein auf die personale Autorität des "Führers". Ansätze kollegialer politischer Willensbildung wurden unterbunden. Innerparteiliche Gruppierungen organisierten sich nicht gegen Hitler, sondern suchten seine Unterstützung im Machtkampf mit anderen Personen und Gruppierungen der Partei zu gewinnen. Hitler duldete und förderte zeitweise solche Gruppenbildungen, die seine Rolle als oberste Schiedsinstanz herausstellen halfen. Die Versuche des Reichsorganisationsleiters Gregor Strasser, durch eine zentrale Reichsleitung die politischen Entscheidungswege der Partei dauerhaft und bürokratisch zu organisieren, gefährdete den Machtanspruch des charismatischen Führers, war aber umgekehrt für eine Massenpartei unverzichtbar. Bezeichnenderweise wurden nach dem Ausscheiden Strassers im Dezember 1932 von Hitler alle Elemente, die auf eine eigene Machtkompetenz der zentralen Reichsitung zielten, wieder rückgängig gemacht und auf Hilter allein bezogen, was die Tendenz zum Zerfallen der Partei in personenorientierte Machtgruppen wieder verstärkte.

Erste Erfolge

Die politischen Erfolge der NSDAP blieben in den Jahren der Stabilisierung der Weimarer Republik sehr beschränkt. Bei dem ersten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl am 29. März 1925 erreichte der von der NSDAP unterstützte Weltkriegsheld Ludendorff nur 285000 Stimmen. Das bedeutete zugleich das politische Ende eines für Hitler damals noch gefährlichen Rivalen. Bei den Reichtstagswahlen 1928 erhielt die NSDAP 2,6 Prozent der Stimmen und 12 Abgeordnetensitze. Ende 1929 saßen in 13 Landtagen insgesamt 48 NSDAP-Abgeordnete.

Die erdrutschartigen Wahlerfolge der NSDAP seit 1930 lassen sich nicht aus der Persönlichkeit Hitlers erklären, sondern aus den Erwartungen, die in der großen Krise auf einen charismatischen Führer und seine Bewegung gerichtet wurden. Es war die Aufgabe der nationalsozialistischen Partei, die als charismatische Gemeinschaft längst auf ihren Führer eingeschworen war, das Bild von Hitler als dem Führer und Retter in die Wählerschaft zu tragen und die wachsende Zustimmung zu organisieren. Dabei wurde aus der NSDAP eine ideologische Protestbewegung, deren vorrangiges Ziel die Mobilisierung der Wähler durch eine permanente Propagandakampagne war.