"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

9.4.2005 | Von:
Gerd R. Ueberschär

Auf dem Weg zum 20. Juli 1944

Staatsstreich während des Krieges

Die Kenntnis dieser Ereignisse hat Tresckow in seinem Kampf gegen das NS-Regime bestärkt, noch während des Krieges den Staatsstreich gegen Hitler zu wagen. Ebenso führte sie zum persönlich belastenden Wissen um die Verbrechen. Es gelang ihm, mit mehreren Offizieren, die zum Teil zu Zeugen von massenhaften und willkürlichen Judenerschießungen im Osten geworden waren, den Stab der Heeresgruppe Mitte zu einem Zentrum des Widerstandes im Offizierskorps des Heeres auszubauen.

In Berlin hatten sich mit dem Dienstantritt von General der Infanterie Olbricht als Chef des Allgemeinen Heeresamtes ab Mai 1940 neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen den Hitlergegnern im OKW und OKH sowie des Stabes der Heeresgruppe Mitte ergeben. Obwohl die Niederlage der 6. Armee bei Stalingrad als Katastrophe empfunden wurde, blieb die Chance, diese als Anstoß für den Staatsstreich zu nehmen, ungenutzt. Einerseits hielt man einen solchen Versuch für zu spät angesichts der alliierten Kriegszielpolitik, die seit dem 24. Januar 1943 gemäß den Verabredungen auf der Konferenz von Casablanca zur Beendigung des Krieges die bedingungslose Kapitulation ("unconditional surrender") des Reiches verlangte. Andererseits musste man registrieren, dass es der NS-Führung gelang, die "Schockwirkung von Stalingrad" - wie Goebbels formulierte - propagandistisch aufzufangen. Nach Stalingrad war es deshalb vorrangiges Ziel der Militäropposition, die Widerstandszentren in Berlin, Paris und im Stab der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront enger miteinander zu verknüpfen.[44]

Sowohl die abscheulichen NS-Verbrechen als auch die katastrophale militärische Situation waren für mehrere Offiziere Motive für ihre Bereitschaft zum Widerstand. So hatte Claus Schenk Graf von Stauffenberg schon in seiner Dienststellung bei der Organisationsabteilung des OKH in den Jahren ab 1941 die NS-Verbrechen in den besetzten Ostgebieten verabscheut. Im April und August 1942 waren weitere Erkenntnisse über Massaker und den Judenmord sowie Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen für ihn das ausschlaggebende Motiv, um zwei mitverschworenen Generalstabsoffizieren zu verdeutlichen, dass Hitler beseitigt werden müsse, da sonst die Verbrechen kein Ende nehmen würden.[45] Wiederholt bemühte sich von Stauffenberg, auch anderen Offizieren den verbrecherischen Charakter des Regimes vor Augen zu führen, um sie für die Widerstandssache zu gewinnen.

Nach mehreren Rückschlägen bei Attentatsvorbereitungen und -plänen im Frühjahr und Sommer 1943 fanden sich schließlich mit Oberstleutnant von Stauffenberg, Oberst von Tresckow und deren Mitverschwörern in ihren Stäben energische Hitlergegner zusammen, die ab Herbst 1943 den Anschlag auf den Diktator anstrebten und vorbereiteten. Stauffenberg und Tresckow[46] waren in dieser Zeit die wichtigsten Antriebskräfte für die Vorbereitung des Attentats auf Hitler, das schließlich am 20. Juli 1944 im "Führerhauptquartier" im ostpreußischen Rastenburg ausgeführt wurde. Es scheiterte, weil Hitler den Sprengstoffanschlag überlebte. Dadurch blieben gerade jene Motive, die zeigten, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer für Deutschland eine rechtsstaatliche Ordnung wiederherstellen wollten, nur als Proklamationen, Denkschriften und Absichtserklärungen überliefert, ohne dass sie aufgrund des gescheiterten Attentats in die Praxis umgesetzt werden konnten.
Auszug aus:
Aus Politik und Zeitgeschichte (B 27/2004) - Auf dem Weg zum 20. Juli 1944

Fußnoten

44.
Zu den drei Zentren vgl. Peter Hoffmann, Militärischer Widerstand in der zweiten Kriegshälfte 1942 - 1944/1945, in: Heinrich Walle (Hrsg.), Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933 - 1945, Herford 19944, S. 400ff.
45.
Vgl. Peter Hoffmann, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1992, S. 249ff.; siehe auch die Aussage von Major i. G. Kuhn vom 2. 9. 1944 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, in: Bengt von zur Mühlen/Andreas von Klewitz (Hrsg.), Die Angeklagten des 20. Juli vor dem Volksgerichtshof, Berlin-Kleinmachnow 2001, S. 355ff.; ferner in: BA-MA Freiburg, MSg 126.
46.
Vgl. dazu die Biographie von P. Hoffmann (Anm. 45); zur weiteren biografischen Literatur siehe G. R. Ueberschär, (Anm. 1).