"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Der Weg in den Krieg

Putsch in Österreich

Noch unmittelbarer brach das nationalsozialistische Moment in den Beziehungen zu Österreich durch. Entsprechend drastisch und risikoreich waren die Folgen der Politik. Der Traum von einem vereinten und starken "Großdeutschland" gehörte zu den frühesten Vorstellungen Adolf Hitlers und war wesentlicher Bestandteil aller deutschen Revisionserwartungen. Für Hitler und die NSDAP konnte die nationalsozialistische Revolution in Österreich nur auf demselben Wege wie in Deutschland und unter Ausnutzung der im Reich errungenen Machtpositionen zum Sieg gebracht werden, um dann die populäre Idee des Anschlusses zu verwirklichen. Auch in Österreich war in den verschiedensten politischen Lagern der Anschlußgedanke verbreitet. Aber die Vorstellung, daß dieser nun als Anschluß an ein nationalsozialistisches diktatorisches Regime durchgeführt werden könnte, weckte in sozialistischen wie in national-klerikalen Kreisen Österreichs eher Ablehnung als Zustimmung.

Seit 1933 wurden die österreichischen Nationalsozialisten propagandistisch und finanziell massiv aus dem Reich unterstützt. Die österreichische Regierung reagierte mit Protesten auf diese Einmischung in die Innenpolitik eines Nachbarstaates. Diesen Protesten schlossen sich Frankreich, England und auch das faschistische Italien an. Das NS-Regime antwortete darauf bereits im Mai 1933 mit einer Reisesperre gegen das Touristenland Österreich, indem jede Ausreise mit einer Gebühr von Tausend Reichsmark belegt wurde. Österreich reagierte wiederum mit der Einführung eines Visumzwangs und traf damit vor allem den kleinen Grenzverkehr österreichischer und deutscher Nationalsozialisten. Diese antworteten mit einer Attentatswelle, deren Urheber immer wieder nach Bayern flüchteten.

Die österreichischen Nationalsozialisten standen vor einem ähnlichen Dilemma wie Hitler am 9. November 1923. Vorerst widersetzten sich konservativ-nationale Kräfte dem nationalsozialistischen Aufstieg zur Macht. Als der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892–1934) seit dem Februar 1934 den Ausbau seines autoritären Ständestaates durch die blutige Unterdrückung der politischen Linken fortsetzte, fühlten sich in der spannungsgeladenen innenpolitischen Atmosphäre die Nationalsozialisten herausgefordert. Am 25. Juli 1934 ermordeten sie den Bundeskanzler. Doch ihr Putsch scheiterte an der drohenden Haltung Mussolinis, die Hitler schließlich statt einer unterstützenden Intervention zugunsten der österreichischen Nationalsozialisten einen sofortigen Rückzug ratsam erscheinen ließ. Die deutsche Beteiligung war unverkennbar, doch nun zog sich Hitler ganz auf die Staatspolitik zurück und bestritt jede Verbindung mit der Parteiaktion. Die Mehrgleisigkeit nationalsozialistischer Politik hatte sich als politisches Instrument in dieser Aktion nicht bewährt, und das Verhältnis zum faschistischen Italien war vorerst gestört. Damit wurde deutlich, daß weniger die Ideologie als das machtpolitische Kalkül das Verhältnis der beiden Staaten bestimmte.

Herausgeholfen aus der mißglückten Affäre hat Hitler ein Vermittler, der sich schon in anderen Situationen als Helfer angeboten hatte: der frühere Reichskanzler Franz von Papen. Selbst der Umstand, daß wenige Wochen zuvor sein engster Mitarbeiter einer staatlichen Mordaktion zum Opfer gefallen war und er seine Vizekanzlerschaft verloren hatte, hinderte ihn nicht daran, als Sonderbotschafter Hitlers nach Wien zu reisen, um dort, wie in Rom, beschwichtigend zu wirken. Der Sommer 1934 brachte das nationalsozialistische Regime sowohl aus innenpolitischen als auch aus außenpolitischen Gründen insgesamt in eine labile Situation. Die blutige Mordaktion vom 30. Juni 1934 (Röhm-Affäre) und die außenpolitische Isolierung zwangen Deutschland zum vorsichtigen Taktieren, was bei nicht wenigen Akteuren die Illusion einer Mäßigung des NS-Regimes entstehen ließ. Hitlers Handlungsspielraum zwischen politischer Abschirmung einerseits und einer weiteren Machtausdehnung bzw. Aufrüstung andererseits war vorerst sehr eng.

Der französische Versuch, unter dem Eindruck der Ereignisse des Sommers 1934 mit diplomatischen Mitteln zu einer gemeinsamen Haltung der Westmächte und der östlichen Nachbarn Deutschlands gegenüber der nationalsozialistischen Herausforderung zu kommen, setzte auf die Wiederherstellung und Erweiterung der alten Bündnisbeziehungen zu den Ländern Südost- und Ostmitteleuropas. Auch die UdSSR wurde in die diplomatische Offensive einbezogen, was Moskau mit dem Eintritt in den Völkerbund und mit der Unterzeichnung des französisch-sowjetischen Beistandspaktes am 2. Mai 1935 beantwortete. Doch die machtpolitischen und ideologischen Interessengegensätze sowie die inneren Schwächen dieser Mächtekonstellation waren unüberbrückbar und führten dazu, daß der Gedanke einer großen Koalition gegen den Nationalsozialismus, die in der kommunistischen Propaganda bald als antifaschistische Koalition bezeichnet wurde, bloße politische Rhetorik blieb.

Ausbruch aus der Isolierung

Bis zum Beginn des Jahres 1936 sollte sich an der internationalen Isolierung des nationalsozialistischen Deutschland nichts ändern. Den Weg zurück zur außenpolitischen Handlungsfreiheit fand nicht Hitler, er wurde ihm durch die Manöver der Gegenseite eröffnet. Der einzige außenpolitische Erfolg dieser Phase des Wartens und der erzwungenen Zurückhaltung fiel Hitler in den Schoß, als die Westmächte in Erfüllung einer Bestimmung des Versailler Vertrags eine Volksabstimmung über das künftige Schicksal der Saar zuließen. Am 13. Januar 1935 sprachen sich 91 Prozent der Bevölkerung dabei für die Wiedervereinigung mit Deutschland aus. Trotz der verzweifelten antifaschistischen Kampagnen der politischen Linken, die sich an der Saar noch frei betätigen konnten, zählte für eine übergroße Mehrheit der Saarländer das nationale Bekenntnis mehr als der Verlust der politischen Freiheit, der sie im nationalsozialistischen Reich erwartete. Dem Regime brachte das den ersehnten Popularitätsgewinn, und Hitler zögerte nicht, die Abstimmung als persönlichen Erfolg im Kampf gegen den Versailler "Schandvertrag" auszugeben.

Die nationalpolitische Zustimmung gab auch die Rückendeckung für einen ersten politischen Überraschungs-Coup, dem weitere folgen sollten. Am 16. März 1935 führte das NS-Regime unter Verletzung internationaler Verträge die allgemeine Wehrpflicht ein und gab das offizielle Startzeichen für den bis dahin verschwiegenen Ausbau der Luftwaffe. Die neue Wehrmacht sollte eine Friedensstärke von 36 Divisionen und 550000 Mann besitzen. Dieser Schritt lag in der Logik der Aufrüstungsplanungen, die von der Reichswehr längst vorangetrieben worden waren. Der Tatbestand des Vertragsbruchs wurde propagandistisch mit einem glanzvollen militärischen Zeremoniell am 17. März, dem "Heldengedenktag", überspielt, bei dem die preußische Tradition in einem Festakt in der Staatsoper Berlin beschworen wurde.

Hitlers Vertragsbruch verstärkte zunächst die westeuropäischen Bemühungen um eine gemeinsame Front zur Eindämmung der deutschen Herausforderung, an der seit dem Februar 1934 vor allem der französische Außenminister gearbeitet hatte. Die drei Mächte England, Frankreich und Italien bekannten sich am 14. April 1935 mit der Erklärung von Stresa (aus Anlaß der Verletzungen des Versailler Vertrags durch das nationalsozialistische Deutschland) zur Erhaltung des internationalen Status quo und drohten Deutschland mit Interventionen, die der Vertrag von Locarno (vgl. auch Informationen zur politischen Bildung Nr. 261, "Weimarer Republik") bot. Doch sowohl Mussolinis Expansionsgelüste in Äthiopien als auch die britische Politik, die sich mit dem Gedanken trug, Hitler durch Zugeständnisse zu zügeln, sorgten dafür, daß die Stresa-Front schon bröckelte, bevor sie überhaupt besiegelt worden war.

In dieser Absicht, Hitler durch Zugeständnisse zu zügeln, kamen der britische Außenminister John Allsebrook Simon und Lordsiegelbewahrer Anthony Eden nach Berlin, wo ihnen Hitler den Abschluß eines Flottenpaktes vorschlug, der nur die Vorstufe für ein weitergehendes globales Bündnis sein sollte. Hitlers Hinweis auf die weit vorangeschrittene Luftrüstung des Reiches, die zu diesem Zeitpunkt nur ein Bluff war, ließ die Besucher in Verhandlungen über einen Flottenpakt einwilligen. Hitler ernannte seinen treuen Parteigänger Joachim von Ribbentrop (1893-1946) zum Sonderbotschafter in London.

Vertrag mit England

Er sollte das "Bündnis mit England" vorbereiten und entsprechend starr und undiplomatisch gab sich Ribbentrop bei seinen ersten Gesprächen in London. Keinen konkreten Plan, sondern ein Angebot mit "welthistorischer Bedeutung" wollte er den irritierten britischen Gesprächspartnern unterbreiten: Eine weltpolitische Aufgabenteilung von Land- und Seemacht, ein Bündnis mit England, um gegenüber der Sowjetunion "freie Hand" für eine deutsche Expansion und für einen Kreuzzug gegen den Bolschewismus zu bekommen. Doch Ribbentrop war nicht nur die Stimme Hitlers. In der Unnachgiebigkeit seines Auftretens schwangen auch eigene antibritische Ressentiments mit, die sich eigentlich mit Hitlers Bündnisvorstellungen schwer vertrugen. Nach der anfänglichen britischen Drohung, die Verhandlungen abzubrechen, war diesen dann doch Erfolg beschieden. Man einigte sich darauf, daß die britische und die deutsche Überwasserflotte ein Stärkeverhältnis von 100 zu 35 besitzen sollte und Deutschland auch dann an diese Vereinbarung gebunden wäre, wenn dritte Mächte auf See aufrüsten würden.

Hitler bezeichnete den Vertragsabschluß vom 18. Juni 1935 als den "glücklichsten Tag seines Lebens", schließlich hatte er damit von einer der Siegermächte des Ersten Weltkriegs die Zustimmung für eine Aufrüstung erhalten, die weit über die im Versailler Vertrag vorgesehenen Rüstungsbeschränkungen ging. Dafür nahm er in Kauf, daß man in London meinte, mit der Festlegung der Rüstungsparitäten ein Modell gefunden zu haben, das zur Grundlage für eine sehr viel umfassendere internationale Regelung werden und das die deutsche Aufrüstung kalkulierbarer machen könnte. Hitler hingegen dachte nur an eine bilaterale Vereinbarung.

Auch wenn man in London weit davon entfernt war, auf Hitlers Angebote einer deutsch-britischen Herrschaft über Europa einzugehen, sah man in einer Rüstungskontrolle, wie sie das Flottenabkommen vorsah, eine Entlastung in einem potentiellen Konfliktbereich. Das war für die britische Politik angesichts der Belastungen, die der ostasiatische Schauplatz mit dem aggressiven Japan bereitete, nicht unwichtig und schien im Augenblick eine vernünftige Alternative gegenüber einer Politik der Konfrontation zu sein. Dahinter stand ein nüchternes Kalkül, das auch die spätere Appeasement-Politik bestimmen sollte. Man wußte um die eigenen Schwächen in der Rüstung und um die öffentliche Meinung, die Arbeit und Brot verlangte anstelle weiterer militärpolitischer Belastungen. Darum suchte die britische Regierung Zeit zu gewinnen, freilich um den hohen Preis eines Bruches der europäischen Solidarität und der Sanktionierung skrupelloser Vertragsbrüche durch Deutschland.

Abessinien-Krieg Mussolinis

Während London testen wollte, ob sich das nationalsozialistische Deutschland nach diesem ersten Vertragsabschluß in eine kollektive Ordnung einfügen lassen wollte, war es Mussolini, der im Herbst 1935 die antinationalsozialistische Front von Stresa weiter zerstörte. Im Windschatten der politischen Spannungen, die von Hitlers aggressiver Politik der Vertragsrevision ausgingen, betrieb Mussolini Eroberungspolitik auf eigene Faust, indem er am 2. Oktober 1935 auf einer sorgfältig inszenierten Massenkundgebung Äthiopien den Krieg erklärte. Nicht nur die schrillen nationalistisch-imperialistischen Töne, die bei dieser gelenkten Massenmobilisierung erklangen, sondern auch die rassistischen Elemente in der Kriegsführung Italiens machten den Feldzug zu einem faschistischen Krieg.

Der Handlungsspielraum, den die Diktatur Mussolinis durch einen wachsenden politischen Konsens im Innern besaß, wurde dadurch vergrößert, daß die Widersprüche und Interessengegensätze Europas nur zu einer sehr halbherzigen internationalen Reaktion auf den Angriff gegen das Völkerbundmitglied Äthiopien (Abessinien) führten. Die mangelnde Entschlossenheit, mit der die Westmächte auf die Verletzung des internationalen Ordnungssystems reagierten, mußte auch für Hitler aufschlußreich sein. Konnte Mussolini indirekt darauf setzen, daß die Existenz Hitlers Franzosen wie Engländer zum nachsichtigen Umgang mit dem faschistischen Italien veranlaßte, so fand Hitler endlich einen Weg aus der außenpolitischen Isolierung. Er konnte die Schwächen des internationalen Systems und der westlichen Demokratien noch schonungsloser ausnutzen, als dies Mussolini getan hatte.