"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

29.4.2005 | Von:
Dietmar Süß

Erinnerungen an den Luftkrieg in Deutschland und Großbritannien

Die historische Erinnerung in Großbritannien

Selbst ohne eine vergleichbar große Zahl an Gedenkfeierlichkeiten hat das Genre der Erinnerungssammlungen an den Luftkrieg auch in Großbritannien einen erheblichen Stellenwert im öffentlichen Gedächtnis. Denn obwohl der Grad der Gewalterfahrung im Vergleich zu Deutschland zumindest in der letzten Kriegsphase sehr viel geringer war, wurde in Großbritannien die Erinnerung an den Luftkrieg dennoch zu einem zentralen Referenzsystem nationaler Selbstvergewisserung - wenn auch unter anderen Vorzeichen. Dabei überlagerte die individuelle Erfahrung des Luftkrieges rasch die Debatte um die moralische Legitimität der Bombenangriffe gegen deutsche Städte, die angesichts der Katastrophenbilder aus Dresden zu erheblichen Zweifeln an der Strategie des "Bomber Command" in der letzten Kriegsphase geführt hatte.

An der Notwendigkeit der Bombardierung militärischer und industrieller Ziele hatten auch Kritiker wie der anglikanische Bischof von Chichester, George Bell, keinen Zweifel gelassen. Schließlich ging es darum, die Hitler-Barbarei zu besiegen. Doch gaben er und einige amerikanische Bischöfe zu bedenken, ob es angemessen war, ganze Städte dem Erdboden gleichzumachen.[28] Und auch im Unterhaus kam es im Frühjahr 1945 zu einer heftigen Attacke des Labour-Abgeordneten Richard Stokes gegen die Luftwaffenführung.[29] Vor allem die Bilder der Zerstörung Dresdens und die internationalen Reaktionen hatten einen tiefen Schatten auf das "Bomber Command" geworfen, das angesichts der hohen Opferzahlen nun nicht mehr vorbehaltlos als Kämpfer gegen die Barbarei gefeiert wurde, sondern auf die moralische Anklagebank gesetzt zu werden drohte. Daran hatte nicht zuletzt die nationalsozialistische Propaganda erheblichen Anteil, die von den eigenen Verbrechen abzulenken versuchte, wenn sie die Methoden der alliierten Kriegsführung anprangerte. Trotz moralischer Zweifel und einer gewissen Verlegenheit, die mit dem Symbol "Dresden" und mit Arthur Harris, dem Chef des "Bomber Command", verbunden waren, überwog doch letztlich ein anderes Deutungsmuster, das die Angriffe als angemessene Antwort auf die Kriegsführung der nationalsozialistischen Diktatur interpretierte.[30] Legitimität bezog es aus der britischen Erfahrung als Opfer deutscher Luftangriffe und dem ebenso erfolgreichen wie stolzen Abwehrkampf der eigenen Streitkräfte.

Die Kriegserfahrungen der Jahre 1940/1941 bedeuteten mehr als nur einen Sieg in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.[31] Es war die historische Stunde der Nation, als Großbritannien alleine stand und dem Tyrannen trotzte; "Britain's finest hour", in der aus der bis dahin zerklüfteten Klassengesellschaft gleichsam in den U-Bahnschächten ein neues, solidarisches Großbritannien und aus "einfachen" Leuten Helden der Heimatfront geworden waren.[32] So ähnlich deutete es die Labour-Regierung unter Clement Attlee, die den Zweiten Weltkrieg als Wendepunkt auf dem Weg zum modernen Wohlfahrtsstaat sah.[33] Der Luftkrieg erschien in dieser Interpretation als "Good War", an dessen Ende Arbeiterklasse und Mittelschichten ein "New Jerusalem" aufbauen konnten - ein Land, in dem die Arbeitslosen nicht mehr wie noch in den dreißiger Jahren mit Hungermärschen das Elend auf die Straßen trugen, sondern das den breiten Konsum für alle Schichten durch politische und ökonomische Planung ermöglichte. Unterschiedliche Elemente verschmolzen zum wirkmächtigen "Mythos von 1940": die Schlachten der britischen Kampfflieger über London gegen die deutsche Luftwaffe, die Erinnerung an die Bombenangriffe sowie die verlustreiche Evakuierung der von den Deutschen eingeschlossenen britischen Truppen aus Dünkirchen im Juni 1940.

Zahlreiche Filme knüpften in den vierziger und fünfziger Jahren an dieses Erzählmuster des "People's War" an und bedienten sich der Bilder, die bereits die Kriegspropaganda popularisiert hatte.[34] Dabei ging es nicht darum, nachträglich Legitimation für den Krieg zu stiften - dafür war der Konsens über den Kampf gegen Hitler zu umfassend und zu tief in der britischen Gesellschaft verankert. Deshalb spielte auch die Auseinandersetzung über die Notwendigkeit der Flächenbombardements keine Rolle, galt sie doch bei allen Bedenken als notwendiges Übel und Antwort auf die Verbrechen der NS-Diktatur; und das umso mehr, je deutlicher die Umrisse des Holocausts in der Öffentlichkeit erkennbar wurden. "1940" wurde zum Symbol für die Überlegenheit von "Britishness", denn nur diese Mischung aus Mut, Entschlossenheit und individueller Pflichterfüllung hatte es möglich gemacht, dem Druck des deutschen Diktators auch zu einem Zeitpunkt standzuhalten, als das Empire allein auf sich gestellt war.

Diese Interpretation der Kriegs- und Luftkriegsgeschichte setzte andere Akzente als die "Sozialstaats-Triumphalisten", die in den fünfziger und sechziger Jahren die Geschichte der Sozialpolitik und der Attlee-Regierung schrieben und zu den tonangebenden Interpreten der Nachkriegszeit wurden.[35] Aus der Sicht der Konservativen bedeutete der Krieg zunächst vor allem eines: den Beweis dafür, dass Großbritannien auch künftig eine zentrale Rolle im weltweiten Kampf gegen Diktaturen würde spielen können. Als Siegermacht des Zweiten Weltkrieges sollte Großbritannien den Anspruch erheben, nicht nur den Ausbau der Vereinten Nationen zu steuern, sondern vor allem das Empire bzw. den Commonwealth als Bastion gegen die "Tyrannei" zu stärken. "The Blitz" erschien als Ausdruck und Gradmesser britischer Kontinuität und Stabilität in einer neuen Weltordnung, in der Großbritannien auf der Suche nach seiner Rolle im Konzert der Supermächte USA und UdSSR war. Bis weit in die sechziger Jahre hinein herrschte eine Deutung des Krieges, die Ausdruck des allgemeinen politischen Nachkriegskonsenses zwischen Labour und den Tories in wesentlichen Fragen der sozial- und wirtschaftspolitischen Neuordnung war und zugleich ein einheitliches Bild britischer Geschichte vermittelte.[36]

Als in den späten sechziger Jahren die Kritik an der Konsenspolitik der Nachkriegsjahre lauter wurde und als angesichts sinkender Wachstumsraten und steigender Arbeitslosigkeit immer häufiger von der "englischen Krankheit" die Rede war, gerieten auch die bestehenden Deutungsmuster des Krieges in die Kritik. Historiker wie Angus Calder machten deutlich, dass der "People's War" mitnichten alle sozialen Ungleichheiten eingeebnet hatte und der mystische Schleier, der sich über das Jahr "1940" gelegt hatte, viele der ungelösten Probleme der Kriegszeit nur überdeckte.[37]

Doch während diese Kritik auch auf die steckengebliebenen sozialstaatlichen Reformen der Labour Party zielte, ging es den Konservativen und seit Ende der siebziger Jahre vor allem Margaret Thatcher darum, die Erfahrungen des "Battle of Britain" als Legitimationsquelle ihres antietatistischen Generalangriffs auf die Konsenspolitik der Nachkriegsjahre umzudeuten, wobei "Konsens" aus ihrer Sicht nicht viel anderes meinte als den "sozialistischen Labour-Staat" Großbritanniens.[38] Wohlfahrtsstaat und staatliche Planung, einst als Lernerfahrung des Krieges gepriesen, galten in ihren Augen als ökonomisches und moralisches Übel und waren verantwortlich für die Krise des Staates. Großbritannien müsse deshalb einen "Second Battle of Britain" führen.[39] "1940" sei es um den Kampf gegen den deutschen Tyrannen, die Verteidigung der freiheitlichen Rechte und um die Eigenverantwortung des Volkes, nicht um die Einführung der sozialistischen Staatsbürokratie gegangen - das war das geschichtspolitische Leitmotiv Thatchers, in das sie auch den Falkland-Krieg gegen die argentinische Militärjunta 1982 einfügte.

Dabei existiert schon seit Jahrzehnten ein Beispiel für eine andere Art von Erinnerungspolitik, für eine andere "Erzählung" des Krieges, die ihren Ausgangspunkt in Coventry hatte. Am 14. November 1940 flog die deutsche Luftwaffe einen schweren Angriff gegen die Industriestadt und zerstörte dabei auch die mittelalterliche Kathedrale St. Michael. Doch anders als die britische Kriegspropaganda, die ihre Angriffe gegen deutsche Städte als Vergeltung für Coventry definierte, deutete der Dompropst von St. Michael, Richard Howard, das Schicksal seiner Kirche anders: Die Angriffe seien ein böses Verbrechen gewesen, so der Probst in seiner landesweit von der BBC übertragenen Predigt am ersten Weihnachtsfeiertag 1940. Jedoch habe die Kathedrale trotz der Zerstörung ihre Schönheit und Würde behalten. Christus sei in ihren Herzen wiedergeboren. Deshalb solle die Gemeinde versuchen, so schwer es ihr falle, alle Gedanken an Vergeltung zu verbannen und die Kirche wiederaufzubauen. Sobald der Krieg zu Ende und die Tyrannei besiegt sei, müsse es darum gehen, "to try to make a kinder, simpler - a more Christ-Child like sort of world"[40]. Das waren mitten im Krieg und angesichts der schwierigen militärischen Lage ungewöhnliche Töne. Im Zentrum dieser christlichen Versöhnungsinitiative stand die Botschaft von der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi, die Howard nicht nur als Auftrag zum Wiederaufbau der Kathedrale, sondern auch als aktive Form der Friedensarbeit begriff.

Schwarz-Weiß-Foto (undatiert!): Zerstörtes Reichstagsgebäude am Ende des Zweiten Weltkriegs, davor Trümmer und zerstörte Militärfahrzeuge. Perspektive auf Kuppel und Eingang mit Schriftzug "Dem deutschen Volke".Das Zerstörte Reichstagsgebäude am Ende des Zweiten Weltkriegs. (© AP)

Was das bedeutete, zeigte sich bereits unmittelbar nach Kriegsende. In der Weihnachtspredigt 1946 wandte sich Howard an einen katholischen Pfarrer im zerstörten Hamburg. Wenn er das Jesuskind sehe, fielen ihm zwei Dinge ein, die er seinem Gegenüber sagen möchte: "The First word is 'Forgiveness' (...). The second word is this - 'New Birth'. Here in Coventry we have 20 000 new homes to build, a whole new city centre and a Cathedral to restore. Your task is even greater. But more important still, there is a new spirit to be born - new courage, new faith, new unselfishness, new pity for each other's suffering, new family love and purity."[41] Im Zeichen dieses neuen Geistes vollzog sich der Neubau der Kathedrale, der selbst zum geschichtspolitischen Streitpunkt wurde.

Die Versöhnungsbotschaft, die von der neuen Kathedrale ausgehen sollte, war keineswegs unumstritten. Streit entzündete sich beispielsweise an den Plänen für die "Kapelle der Einheit" - einen Teil der Kirche, der nicht dem Domkapitel, sondern dem "Christenrat von Coventry" und damit allen Konfessionen unterstehen sollte. Für deren Bau warb die Gemeinde überall um Spenden, auch in Deutschland. Doch als Bundespräsident Theodor Heuss 1958 Geld für die Fenster der Kapelle spendete und sich auch Kanzler Konrad Adenauer am Fonds für den Wiederaufbau beteiligte, gab es vor allem in der konservativen Presse nicht wenige Stimmen, welche die deutschen Spenden als "Blutgeld" bezeichneten.[42]

Während viele bombardierte britische Städte vor allem die lokale Erinnerung an die Bombenangriffe wach hielten, setzte die starke anglikanische Kirchengemeinde auf den umfassenden, nationale Grenzen sprengenden christlichen Versöhnungsgedanken. Bereits 1960 entstand ein International Center of Reconciliation, das von Jugendlichen der "Aktion Sühnezeichen" mit aufgebaut und vom EKD-Ratsvorsitzenden Otto Dibelius eingeweiht worden war. 1963, der Aufbau der Kathedrale war abgeschlossen, entstand im Anschluss an die stark debattierte Veröffentlichung von David Irvings Buch über die Bombardierung Dresdens[43] die Idee zu einer Initiative in die umgekehrte Richtung: Britische Freiwillige sollten sich am Wiederaufbau des im Luftkrieg zerstörten Diakonissen-Krankenhauses in Dresden beteiligen - eine Initiative, die nach schwierigen diplomatischen Verhandlungen und bürokratischen Hürden 1965 schließlich unter dem Dach der "Aktion Sühnezeichen" verwirklicht werden konnte.[44]

Dies war der Auftakt für zahlreiche Gedenk- und Versöhnungsinitiativen der beiden (bereits seit 1956 offiziell verbundenen) Partnerstädte, die bis zur Spende des goldenen Turmkreuzes für die wiederaufgebaute Frauenkirche durch den British Dresden Trust im Sommer 2004 reichten.[45] Coventry stand nicht mehr allein für eine im Krieg schwer zerstörte Industriestadt in den Midlands, sondern war zu einem transnationalen ökumenischen Erinnerungsort geworden,[46] der an die grausamen Folgen des Luftkrieges und die schwer belasteten deutsch-britischen Beziehungen erinnert hat und sich schließlich - im Zeichen des Nagelkreuzes von Coventry - die Versöhnung ehemaliger Feinde weltweit auf seine Fahnen schreibt.


Fußnoten

28.
Vgl. Stephan A. Garrett, Ethics and airpower in World War II. The British bombing of German cities, New York 1993.
29.
Vgl. Mark Connelly, Reaching for the Stars. A New History of Bomber Command in World War II, London 2001, S. 117.
30.
Vgl. Tom Harrison, Mass-Observation Archive, University of Sussex, File Reports, 2000, Vengeance: public opinion about reprisal air raids on Germany.
31.
Vgl. Malcolm Smith, Britain and 1940. History, Myth and Popular Memory, London 2001, S. 111 - 129.
32.
Vgl. Mark Connelly, We can take it! Britain and the Memory of the Second World War, London 2004, S. 54 - 94.
33.
Vgl. Martin Francis, Ideas and Policies under Labour, 1945 - 51: Building a New Britain, Manchester 1997.
34.
Vgl. Geoff Eley, Finding the People's War: Film, British Collective Memory, and World War II, in: American Historical Review, 106 (2001), S. 818 - 838.
35.
Vgl. José Harris, Planung und "Modernisierung": Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Zukunftsvorstellungen in Großbritannien, in: Matthias Frese/Michael Prinz (Hrsg.), Politische Zäsuren und gesellschaftlicher Wandel im 20. Jahrhundert. Regionale und vergleichende Perspektiven, Paderborn 1996, S. 125 - 136, hier S. 131.
36.
Zur Musealisierung des "Blitz" vgl. vor allem Lucy Noakes, Making Histories. Experiencing the Blitz in London's Museums in the 1990s, in: Martin Evans/Ken Lunn (Hrsg.), War and Memory in the Twentieth Century, Oxford 2000, S. 89 - 104.
37.
Vgl. Angus Calder, The People's War: Britain 1939 - 1945, London 1969.
38.
Vgl. Dominik Geppert, Thatchers konservative Revolution. Der Richtungswandel der britischen Tories 1975 - 1979, München 2002, S. 95 - 144.
39.
Margaret Thatcher, The Downing Street Years, London, 1995, S. 155; vgl. ausführlich Thomas Noetzel, Political Decadence? Aspects of Thatcherite Englishness, in: Journal for the Study of British Cultures, 1 (1994) 2, S. 133 - 148.
40.
R. T. Howard, Ruined and Rebuilt. The Story of Coventry Cathedral 1939 - 1962, Letchworth 1962, S. 22.
41.
Ebd., S. 87; vgl. auch Olaf Meyer, Vom Leiden und Hoffen der Städte. Öffentliches Gedenken an die Kriegszerstörung in Dresden, Coventry, Warschau und St. Petersburg, Hamburg 1996, S. 109.
42.
R.T. Howard, S. 114; vgl. auch Theodor Heuss, Tagebuchbriefe 1955 - 1963. Eine Auswahl aus Briefen an Toni Stolper, hrsg. und eingeleitet von Eberhard Pikart, Tübingen 1970, S. 354 - 357.
43.
Vgl. David Irving, The Destruction of Dresden, London 1963 (Der Untergang Dresdens, Gütersloh 1964); vgl. zu Irving, seinen antisemitischen Positionen und den von ihm überzogenen Opferzahlen: Richard Evans, Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess, Frankfurt/M.-New York 2001.
44.
Zur Vorgeschichte der "Aktion Sühnezeichen" vgl. Christian Staffa, Die "Aktion Sühnezeichen". Eine protestantische Initiative zu einer besonderen Art der Wiedergutmachung, in: Hans Günter Hockerts/Christiane Kuller (Hrsg.), Nach der Verfolgung. Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in Deutschland?, München 2003, S. 139 - 156, S. 151f.
45.
Zu den Schwierigkeiten und Hintergründen vgl. Merrilyn Thomas, Idealism as a Political Tool. The Coventry-Dresden Relationship 1963 - 1965, in: Arnd Bauerkämper (Hrsg.), Britain and the GDR. Relations and Perceptions in a Divided World, Berlin 2002, S. 305 - 324.
46.
Vgl. Stephan Goebel, Coventry nach der "Coventrierung". Der Bombenkrieg im europäischen Gedächtnis, in: Heinz-Dietrich Löwe, Europäische Stadt - europäische Identität, Heidelberg 2005 (i.E.).