"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

9.4.2005 | Von:
Peter Steinbach

Der 20. Juli 1944 - mehr als ein Tag der Besinnung und Verpflichtung

Sie waren "das andere Deutschland", das gute: Die Attentäter des 20. Juli gehören fest zu unserem Selbstbild. Sie gelten als Vorkämpfer der freiheitlichen Demokratie. Die wirklichen Menschen in ihren Konflikten gehen unter diesem Bild verloren. Dafür zeigt es beispielhaft die Instrumentalisierung der Erinnerung an den Widerstand.

Briefmarkenblock zum Jahrestag des 20. Juli.Briefmarkenblock zum Jahrestag des 20. Juli. (© Wikimedia)

Stauffenberg - von der Diffamierung zur Anerkennung

Im 60. Jahr nach dem Anschlag auf Hitler macht die Konkurrenz der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten um die optimalen Sendeplätze großer Dokudramen über die Attentäter deutlich, dass die Würdigung dieser Hitler-Gegner inzwischen einen festen Ort in der historischen Erinnerung der Deutschen einnimmt. Dies war in den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland keineswegs immer so. Zunächst bestimmte noch die NS-Propaganda das Bild. "Ehrgeizzerfressene Offiziere" hätten versucht, ihn zu töten, verkündete Hitler in den frühen Abendstunden des 20. Juli 1944 im Rundfunk. Die meisten Deutschen machten damals aus ihrem Abscheu gegen die Regimegegner keinen Hehl, und der Sicherheitsdienst registrierte akribisch, wie sehr die Deutschen der "Vorsehung", die Hitler vor dem Tode bewahrt habe, vertrauten.

Stauffenberg wurde damals nur insgeheim von jenen bewundert und gerechtfertigt, die dem Regime kritisch und distanziert gegenüberstanden und die wussten, dass Deutschland nur durch die militärische Niederlage von der NS-Herrschaft befreit werden konnte. Die meisten Zeitgenossen sahen nur den offenbar dilettantisch ausgeführten Versuch eines hohen Offiziers, in letzter Minute die eigene Haut und die Stellung seiner "Kaste" zu retten. Welcher Mut zur entscheidenden Tat gehörte, was der im Krieg schwer verletzte Offizier und Familienvater Stauffenberg riskierte, wollten sie weder wissen noch würdigen.

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wechselte die Perspektive. Nun wurde Stauffenberg nicht länger als Verräter diffamiert, seine Familie nicht mehr geächtet. Geachtet war der Attentäter freilich auch nicht. Viel zu spät sei der Bombenanschlag erfolgt, nicht konsequent genug sei seine Ausführung gewesen, hieß es an Stammtischen. Die meisten Deutschen lehnten es bis weit in die fünfziger Jahre strikt ab, eine Schule oder eine Straße nach ihm zu benennen. Diese Ablehnung lässt sich tiefenpsychologisch erklären, denn Fragen der Nachwachsenden nach der Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern wurden in der Regel so beantwortet, dass sich fast immer eine Rechtfertigung für die Angepassten und Mitläufer ergab, die durch ihr Verhalten vieles von dem ermöglicht hatten, wogegen sich Stauffenberg gestellt hatte. Dennoch kamen seine Tat und seine Herkunft Mitte der fünfziger Jahre vielen gelegen, die den Widerstand als Ausdruck eines "anderen Deutschland" deuteten. Das Wort von dem einen Gerechten, dessen Existenz Deutschland vor dem Verderben bewahren sollte, wurde oft zitiert. Nicht selten schien es gar, als sei das Deutsche Reich das erste von den Nationalsozialisten besetzte Land gewesen - mit Stauffenberg als Freiheitskämpfer.

Die beiden Nachfolgestaaten wollten zehn Jahre nach der Niederlage einen Teil ihrer Traditionen aus dem Widerstand begründen. In der DDR sah die Führung die Sache so: In entscheidendem Maße sei der Widerstand von den Kommunisten angeleitet worden, und die Moskauer Kommunisten seien die führende Kraft des Gesamtwiderstands gewesen. Hüben las sich das anders: Die Regimegegner hätten sich der Vollmacht eines Gewissens gebeugt, das vor allem die Menschenwürde zum Maßstab gemacht habe.

Wie sollte man mit Stauffenberg umgehen? Seine Herkunft und Funktion konnte man nicht verändern. Vielleicht ließ sich seine innere Überzeugung ein wenig korrigieren? Der Potsdamer Historiker Kurt Finker, ein DDR-Historiker, deutete ihn als Attentäter, der zumindest Kontakt zu den Kommunisten gesucht habe. Natürlich hatte Stauffenberg niemals eine programmatische Nähe zu den Zielen des kommunistischen Widerstands artikuliert, so sehr er sich darum bemühte, mit Vertretern der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wie Julius Leber und Adolf Reichwein aus dem Widerstand ohne Volk einen Widerstand aus dem Volk zu machen. Im Westen hingegen wurde Stauffenberg zunehmend als Regimegegner gezeichnet, der entschieden antikommunistisch war. Das war aber gewiss nicht sein Hauptmotiv. Vergessen wurde gern, dass er Leber ermutigt hatte, Kontakte zu kommunistischen Widerstandskämpfern zu suchen.

Warum ist es so schwer, Menschen aus den Denkvorstellungen ihrer Zeit heraus zu würdigen? Der angemessenen Würdigung von Stauffenberg stand eine Deutung im Weg, die ihn als Vorkämpfer der freiheitlich-demokratischen Grundordnung reklamierte. Kritiker betonten dagegen, dass er aus den Denkvorstellungen des Obrigkeitsstaates heraus den Weg in den Widerstand gesucht und noch bis in die letzten Wochen vor dem Attentat in der Sicherung einer deutschen Hegemonialstellung in der Mitte Europas ein wichtiges Ziel seiner Bestrebungen gesehen habe. Stauffenberg wurde zum Objekt der Kritik des bürgerlich-militärischen Widerstands und vielleicht sogar ein besonders prominentes Opfer vieler Deutscher, die sich von den Widerstandskämpfern im Umkreis des 20. Juli 1944 abwandten.

Verstellt wurde der Blick auf den Menschen Stauffenberg, auf die Leistung, Positionen zu überwinden, die er mit den Nationalsozialisten zunächst geteilt hatte. Keinen Blick hatte man für die Stufen seiner Distanzierung. So war zu lesen, er habe vor der Hakenkreuzfahne salutiert, er sei ohne Zögern in den Krieg gezogen. Das Gespür für die Dramatik, die in der Überwindung individueller Verstrickungen in die Zeitströme liegt, war nur schwach ausgeprägt - man suchte den reinen Helden, die Lichtgestalt und verfehlte die Wirklichkeit eines Lebens an der doppelten Front: von Bomben und Gestapo, von Kooperation und Konfrontation, von Gehorsam und Widerspruch.

Bekannte und Freunde betonten Stauffenbergs Entschlossenheit und Selbstlosigkeit, seine Begeisterungsfähigkeit und Konsequenz. Er wurde erst spät - 1943 - zum Motor des Widerstands in Berlin. Als er diese Funktion übernommen hatte, zögerte er nicht, sondern suchte Verbindungen, wollte die Basis des Widerstands vergrößern. Stauffenberg suchte die Verantwortung. Dass er scheiterte, lag nicht an ihm, sondern an seinen Kameraden in den Berliner Kommandos und in den Wehrkreisen, die sich am Abend des 20. Juli auf ihre Bindung durch den auf Hitler geleisteten Eid besannen und Stauffenberg verrieten.

Ein Erfolg seiner Tat hätte viele Menschen vor dem Tod bewahrt. Er wollte die Deutschen von Hitler befreien. Danach hätten die Überlebenden um die Struktur und die Prägung Deutschlands gerungen. Welches Deutschland das Resultat geworden wäre, wissen wir nicht. Stauffenberg zum Symbol des Rückwärtsgewandten zu machen, weil er aus den Horizonten seiner Zeit handelte, wäre unhistorisch. Es wäre ebenso leichtfertig, ihn zum Träger der freiheitlichen Grundordnung zu überhöhen. Diese Ordnung war ein Resultat der Niederlage. Der Mensch Stauffenberg bleibt faszinierend. Er handelte nicht, als es zu spät war, sondern er handelte, weil er zu den wenigen gehörte, die entscheidungsfähig waren, die Verantwortung suchten und deshalb den "entscheidenden Wurf" riskierten.