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Dossierkopf Geheimsache Ghettofilm

8.5.2013 | Von:
Kay Hoffmann

Zum "richtigen" Umgang mit historischem Filmmaterial

Das im Warschauer Ghetto gedrehte Material sah Goebbels vermutlich im August 1942: "Einige grauenhafte Filmstreifen werden mir aus dem Ghetto in Warschau gezeigt. Dort herrschen Zustände, die überhaupt nicht beschrieben werden können. Das Judentum zeigt sich hier in aller Deutlichkeit als eine Pestbeule am Körper der Menschheit. Diese Pestbeule muss beseitigt werden, gleichgültig mit welchen Mitteln, wenn die Menschheit nicht daran zugrunde gehen will."[13] Goebbels fühlte sich in seinen Ressentiments bestätigt.

Das Material aus dem Warschauer Ghetto wurde als Teil des Reichsfilmarchivs als "Geheime Kommandosache" deklariert. 1956 wurde im "Neuen Deutschland" der Fund dieses Materials im Staatlichen Filmarchiv der DDR gemeldet. Dies hängt sicherlich mit dem Kompilationsfilm "Du und mancher Kamerad" zusammen, einem Abriss zur deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Andrew und Annelie Thorndike zusammen mit Karl-Eduard von Schnitzler für das DEFA-Dokumentarfilmstudio erstellten. Bei Minute 71 wird eine Minute des Ghetto-Materials erstmals öffentlich gezeigt. Zunächst zu einem Schwarzbild hört man den Kommentar: "Und nun, für eine Minute, Bilder, die vor dem deutschen Volke geheim gehalten wurden. Aufnahmen aus einem Geheimfilm des Reichs-Propaganda-Ministeriums. Das Warschauer Ghetto." Nach einer Totale werden vor allem hungernde Kinder auf der Straße gezeigt sowie Kinder, die beim Schmuggeln von Gemüse erwischt werden sowie der Abtransport von Toten auf einem Leichenwagen. Unterlegt werden die Bilder mit einem jüdischen Klagegesang.

Der nach Schweden emigrierte Regisseur und Publizist Erwin Leiser bei einem Besuch in Berlin im Jahr 1990. Leiser nutzte in seinen Filmen auch Aufnahmen von Opfern des Holocausts – für ihn waren diese Bilder auch ein Argument gegen die Leugner des organisierten Massenmords an den europäischen Juden. (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0209-305)Der nach Schweden emigrierte Regisseur und Publizist Erwin Leiser bei einem Besuch in Berlin im Jahr 1990. Leiser nutzte in seinen Filmen auch Aufnahmen von Opfern des Holocausts – für ihn waren diese Bilder auch ein Argument gegen die Leugner des organisierten Massenmords an den europäischen Juden. (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0209-305 Foto: Senft, Gabriele / 9. Februar 1990)
Danach wurden die Aufnahmen aus dem Ghetto sowohl in Dokumentar- als auch in Spielfilmen regelmäßig gezeigt. In der DDR wurde das Material nach 1956 für die Nutzung weitgehend gesperrt.[14] Außerhalb der DDR nutzte das Material als Erster der nach Schweden emigrierte Erwin Leiser in seinem Kompilationsfilm "Den blodiga tiden" ("Mein Kampf"). In seinem Begleitbuch zum Film spricht er von "noch unveröffentlichten Filmrollen aus dem Warschauer Ghetto"[15]. Er zeigte sieben Minuten und bezeichnete es als Propagandamaterial der Nationalsozialisten. Sieben Minuten des Ghetto-Materials wurden von Heinz Huber und Artur Müller für die vierzehnteilige SDR-Reihe "Das Dritte Reich" (1960/61) des SDR und WDR in Folge acht "Der SS-Staat" verwendet. Die beiden Filmemacher, die ebenfalls auf die Herkunft als Propagandamaterial hinwiesen, gingen auf die mangelnde medizinische Versorgung und Verknappung von Medikamenten ein, die den Ausbruch von Krankheiten wie Fleckfieber begünstigten, an denen viele Ghettoinsassen starben. Es war die erste umfassende Auseinandersetzung des westdeutschen Fernsehens mit der NS-Diktatur. Häufig wurden die Aufnahmen als authentische Bilder des Warschauer Ghettos eher illustrativ eingesetzt. Ihr Entstehungszusammenhang und ihre Herkunft aus einem NS-Propagandafilmprojekt wurden meist nicht offengelegt.

Leiser war die Wichtigkeit und Bedeutung des Materials aus Warschau sehr bewusst. Vor dem Kinostart von "Den blodiga tiden" 1960 in Schweden zeigte er im schwedischen Fernsehen Ausschnitte aus den Ghettosequenzen.[16] Der französische Regisseur Claude Lanzmann dagegen verzichtete 1985 in seinem Dokumentarfilm "Shoah" bewusst auf Bilder von Opfern. Er erklärte, dass er Dokumentaraufnahmen der Massenmorde in den Gaskammern vernichten würde, wenn er sie hätte. Denn wenn es Bilder von diesen Verbrechen gäbe, würden sie vorstellbar. Leiser konterte: "Ich teile nicht Lanzmanns Auffassung, daß es ausreicht, die Orte der Verbrechen zu zeigen. Denn diese Verbrechen fanden an vielen Orten statt, und wenn jemand, der den Holocaust nicht selbst erlebt hat, nur eine Aufnahme des Ortes zu sehen bekommt, an dem die Verbrechen verübt wurden, kann er sich deshalb die Verbrechen nicht vorstellen. Ich würde auch authentische Aufnahmen aus den Gaskammern benutzen, als Argument gegen die Holocaust-Leugner, die sowohl den Massenmord an den Juden wie die Existenz von Gaskammern nicht wahrhaben wollen."[17]

Bei der Verwendung von Propagandamaterial sollten auch die Hintergründe dazu erläutert werden

Für seinen Spielfilm "The Pianist" ("Der Pianist") nutzte Roman Polanski 2002 zu Beginn bewusst nur Archivmaterial aus Warschau bis zum Jahr 1939. Er verzichtete auf das Propagandamaterial aus dem Jahr 1942, es diente ihm jedoch als Vorlage für die Rekonstruktion des Alltags im Ghetto. Für entsprechende Szenen ließ er beispielsweise die Holzbrücke über die Straße, die das Ghetto teilte, nachbauen. Diese gelangen ihm so perfekt, dass der Zeitzeuge und Publizist Marcel Reich-Ranicki den Eindruck hatte, "es seien authentische Dokumentaraufnahmen eingeblendet worden".[18] In einer genauen Analyse arbeitet der Filmhistoriker Tobias Ebbrecht die Funktionsweise der Bild-Ikonografie heraus: "Dieser Erinnerungseffekt ist Folge der medialen Erinnerung. Polanskis Darstellung des Warschauer Ghettos ruft jene Bilderinnerungen bei den Zuschauern wach, die aus der Bekanntheit von historischen Dokumenten oder deren populären Nachbildungen folgen. Auf diese Weise entstehen Geschichtsbilder, die historischen Fotografien oder Filmaufnahmen nachempfunden werden."[19]

Wie aufgezeigt, wurden die Aufnahmen aus dem Warschauer Ghetto seit 1956 verwendet. Ihre Nutzung bleibt eine Gratwanderung, die eine differenzierte Argumentation und Analyse des Produktionshintergrundes der Bilder erforderlich macht. Dies wird aber in der Regel nicht geleistet und kann in aktuellen Fernsehproduktionen auch nicht eingelöst werden, da ein Exkurs über die Herkunft des Materials den Informationsfluss stören würde. Die Bilder zeigen weder wertfrei den Alltag im Ghetto, noch sind sie reine Propaganda.

Der holländische Filmhistoriker Karel Margry hat bei seiner Analyse[20] von Bildern aus Theresienstadt – dort wurde zwischen 1944 und 1945 ein Propagandafilm gedreht und auch fertiggestellt – sicherlich Recht, dass in den Bildern mehr Alltag zu sehen ist, als auf den ersten Blick zu vermuten ist. Allerdings ist die Gefahr groß, dass bei den zeithistorischen Programmen im Fernsehen das Material auf seine Symbolkraft reduziert wird und eine Auseinandersetzung mit den Produktionsbedingungen nicht stattfindet. Die propagandistischen Aufnahmen einer von den Nationalsozialisten konstruierten Scheinwelt der Normalität in den Ghettos könnte von den Zuschauern für wahrgenommen und das Propagandaziel damit letztlich erreicht werden.

Fußnoten

13.
Elke Fröhlich (Hg.), Die Tagebücher von Joseph Goebbels, Teil II. Die Diktate 1941-1945. Ebd. Bd. 5, München u.a. 1995, S. 391.
14.
http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/meldungen/01415/index.html.de
15.
Erwin Leiser: "Mein Kampf". Eine Bilddokumentation. Frankfurt/M. und Hamburg 1962, S. 7.
16.
Erwin Leiser: Gott hat kein Kleingeld. Erinnerungen. Köln 1993, S. 150.
17.
Erwin Leiser: Auf der Suche nach der Wirklichkeit. Meine Filme 1960-1996. Konstanz 1996, S. 197.
18.
Marcel Reich-Ranicki: Polanskis Todesfuge, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2002.
19.
Tobias Ebbrecht: Geschichtsbilder im medialen Gedächtnis. Filmische Narrationen des Holocaust. Bielefeld 2011, S. 171.
20.
Karel Margry: Das Konzentrationslager als Idylle. "Theresienstadt". Ein Dokumentarfilm aus dem Siedlungsgebiet, in: Fritz Bauer Institut, Frankfurt/M. 1996, S. 335.
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