Fotoalbum vom jüdischen Kinderheim Beit Ahawah. Die Kinder feiern Seder. Sie lesen am ersten Abend von Pessach aus der Haggadah, einer Erzählung vom Auszug aus Ägypten. Auf dem Tisch steht der Sederteller.

24.4.2018

Transkript Tagebuchauszug

Tagebuch Harry Kranner Fiss AR 25595 BOX 1 FOLDER 12 S. 10-16

Mittwoch, den 9. XI. 38

Heute hatte ich ausnahmsweise keine Französischstunde. Es ist nämlich heute Feiertag, und das heißt für uns, daß man nicht auf die Straße gehen soll. Stattdessen habe ich diesen Samstag Stunde.

Donnerstag, den 10.

Heute begann der Tag ja fein! In aller Früh wurde ich um ½ 8h durch großes Sturmgeläut geweckt. 3 große Männer traten ein. Sie bestanden darauf, meinen Vater zu sprechen, der ja schließlich bald kam. Dann kramten sie in unserem Kasten herum, unter dem Einwand, daß sie nach Waffen suchten: Also kurz mit einem Worte, eine Hausdurchsuchung. Da wir immer eine friedliche Partei waren, regten wir uns, speziell Mutti, darüber sehr auf. Wir hätten uns aber in ruhigeren Zeiten noch mehr aufgeregt. Jetzt sind wir schon leidlich daran gewöhnt. Natürlich konnten sie nichts finden, da wir nichts hatten, und gingen bald. Aber ich muß sagen, daß sie sich sehr korrekt benommen haben, nunmal in diesen Tagen der deutsche Gesandte in Paris von einem Juden ermordet wurde. Aber wenn man glaubt, daß damit Schluß ist, so ist man am Holzweg, Eine Stunde oder 2 wurde Onkel Arthur verhaftet! Wie das enden wird, weiß ich nicht. Nur eines weiß ich, daß wir ungeheures Glück gehabt haben. Aber schließlich weiß ich nicht, ob mit der Hausdurchsuchung Schluß ist. Ich kann es nicht mit Worten ausdrücken! Mutti hat geweint und ich bin gerade schon lebensüberdrüßig. Bitte, das ist kein Witz. Der Leser wird es auch nie mehr glauben können. Gehe heute den ganzen Tag, wahrscheinlich auch morgen und übermorgen, nicht auf die Straße. Es ist einfach furchtbar. Gestern schmissen Burschen, als ich mit Großmutter einkaufen ging, uns Steine nach, so etwas erlebe ich ja täglich fünfmal. Das soll ich auch schreiben. Ich bin furchtbar traurig, weiß nicht, was morgen sein wird, und habe die Hoffnung, jemals auswandern zu können, schon aufgegeben. Aber das ganze war nur der Anfang. Alle J. [uden] Wiens wurden in Wohnungen eingesperrt, weil die Gefängnisse voll waren. Großmutti und Großpapa wurden in ihre Wohnung und noch 1 Partei eingesperrt. Erste ist ganz fertig. Onkel Egon, überhaupt die ganze junge Römerfamilie und die ganzen Parteien des Hauses – 14 Personen, wurden in ihre Zimmer eingesperrt und die Schlüssel abgezogen. Am ärgsten machte Familie Singer mit. Herta kam ganz verweint zu uns ins Bureau. Sie erzählte, daß ihr Vater eingesperrt wurde. Sie wurden aus ihrer Wohnung einfach hinausgeschmissen und konnten nur mit Müh und Not ein wenig Geld mitnehmen. Es ist mir unmöglich alles zu berichten. Papa entging durch einen Zufall noch ein 2. Mal der Gefangenschaft. Er kam nämlich nur 3 Min später, als die Gestapo kam, um alle Kursmitglieder, die sich im Bureau befanden auch den Hans gefangenzunehmen. Da F.[rau] Singer obdachlos ist, schläft sie heute bei uns, auch vielleicht Onkel Arthur, da Tante Hella inzwischen sich erkundigt hat, und man ihr gesagt hatte, er werde in 3h frei sein. Aber man weiß ja heute überhaupt nichts mehr. Das Telephon rasselt ununterbrochen. Ich fiel heute für kurzen in Ohnmacht, und als man die Wohnung von F.[rau] Singer versiegelt hatte, bekam Herta einen Schreikrampf! Während ich nun dieses Schauermärchen schreib‘ kommt plötzlich im Radio die Verlautbarung, daß alle Gefangenen losgelassen werden und die Wohnungen zurückgeben werden. Wir werden ja morgen sehen, was sein wird. Ich bin ganz fertig, aber noch mehr Tante Hella. Deswegen überlasse ich ihr für diese Nacht mein Bett und schlafe mit Herta auf der Erde – Juchu! Man sieht, daß ich noch nicht den Humor verloren habe. Weil ich gerade beim Humor bin, so möchte ich sagen, daß heute mitten in dem Wirrwarr die lang ersehnten Bücher aus Paris kamen. Jetzt werde ich endlich, bis sich alles wieder gelegt haben wird, nach einem Lehrplan lernen und ich hoffe, daß auch einmal mein Visum kommen wird. Es ist schon Abend – Gott sei dank! – Nun in diesen Tagen erlebte ich mehr, als in 5 Jahren. Lege mich jetzt nieder, und hoffe, daß Onkel Arthur heute noch zurückkommen wird. So endeten die Vergeltungsmaßnahen. Oder war es vielleicht nur der Anfang?

Freitag, den 11. XI /38

Gestern Abend kam Hans noch zurück. Er wurde sehr freudig empfangen und zeigte besonders gegen mich eine besondere Freundlichkeit. Ja! Das Schicksal macht die Menschen weich! Von Onkel Arthur ist leider noch nichts zu hören. Tante Hella rennt sich den ganzen Tag die Füße aus. Nicht einmal die Wohnungsschlüssel hat sie noch bekommen. Wir sind in einer verzweifelten Lage.

Samstag, den 12./38

Von Onkel Arthur ist noch nichts zu hören. Wir haben furchtbare Angst um ihn. Zumal am Abend noch die Nachricht kam, daß alle Gefangenen zur Westbahn fuhren. Das heißt in der jetzigen Zeit, daß sie ins Konzentrationslager nach Dachau, oder nach Mauthausen, wo man ziemlich leicht zu Grunde gehen kann, kommen. Man kann sich die Aufregung Tante Hellas vorstellen. Sie fuhr rasch mit Papa mit einem Taxi zum Westbahnhof. Dort war es Gott sei dank ruhig. Dann fuhren sie rasch zum Franz-Joseph-Bahnhof, wo es auch ruhig war. Da sie sich bei der Pramagasse gerade befanden, wo die Gefängnisse waren, beschlossen sie, dorthin zu schauen. Da bemerkten sie nun allerdings grüne Heinriche, welche zum Westbahnhof fuhren. Da der Chauffeur sehr nett war, ging er auf die Forderung Papas, die Autos zu verfolgen, ein. Nach der Erzählung Papas, kann man sich denken, wie aufregend das war. Vor ihnen fuhr auch ein Auto, welches die Gefangenenautos zu verfolgen schien. Zuletzt stellte sich heraus, dass der Insasse Tante Irma, eine Schwägerin Tante Hellas, war. Aber die Gefangenen steigen nicht auf der Westbahn aus sondern in der Kenyongasse, in der Nähe von uns, wo sie in der Klosterschule einquartiert wurden. Wenn ein alter Mann nicht geschwind genug ausstieg, schrie man ihm zu und schimpfte über ihn. Es war einfach furchtbar, zuzuschauen. Währen nun Papa und Tante Hella dort hinschauten, hätte es letzteren fast erwischt. Wir hatten furchtbare Sorge um ihn. Am Abend gingen wir zur Großmutti, wo eine große Debatte über das Geschäft statt fand, da man es ihnen zusperrte und ihnen die Schlüssel dafür nahm. Man einigte sich endlich daß man 1 Umschulungskurs veranstalten werde, von der Gestapo bewilligt. Deswegen sollte Papa am nächsten Tage zur Kultusgemeinde fahren. Nachher hörten wir im Radio die ersten Bußestrafen der Juden. Vorläufig wurden nur 2 Verordnungen verlautbart: die 1. daß bis Januar alle jüdischen Betriebe aufgelöst sein müssen. Die 2. war, daß den Juden ein Betrag von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt wird. Brrr!


Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet für die deutschen Juden von Anfang an eine antisemitische  Politik der Diskriminierung und Verdrängung.
Jüdisches Leben in Deutschland

1933-1945:­

Verdrängung und Vernichtung

Am 30. Januar 1933 beginnt die Herrschaft der Nationalsozialisten. Die jüdischen Bürger werden zunehmend ausgegrenzt und ihrer Existenzgrundlagen beraubt. Die antisemitische Politik bedroht diejenigen, die nicht auswandern oder im Untergrund abtauchen können, mit Deportation und Tod in den Vernichtungslagern.

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Nachdem er bei der Polizei eine Anzeige wegen Sachbeschädigung aufgeben wollte, wird der jüdische Anwalt Dr. Michael Siegel von SA-Truppen durch die Münchener Innenstadt getrieben. Auf dem ihm umgehängten Schild steht: "Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren".
Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft

Verfolgung

Unmittelbar nach der Machteroberung 1933 beginnt die Verfolgung von politischen Gegnern, Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, "Asozialen" und "Erbkranken". Insbesondere das Vorgehen gegen die Juden radikalisiert sich und findet einen vorläufigen Gipfelpunkt im Pogrom des 9. November 1938.

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Die "Reichspogromnacht" stellt einen vorläufigen Höhepunkt der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland dar, die schlussendlich in den Vernichtungslagern ihren Zielpunkt fand. Die vorliegenden Materialien sollen dazu dienen, einen Projekttag zum 9. November 1938 zu ermöglichen.

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