Dossierbild Geschichte im Fluss

11.5.2012 | Von:
Uwe Rada

Russlands Suche nach der Memel

Seit 1991 bildet die Memel die Grenze zwischen dem Kaliningrader Gebiet und dem unabhängigen Litauen. Doch im Gegensatz zu den Litauern bleibt der Fluss vielen Russen fremd. Das hat auch mit einer Geschichtspolitik zu tun, die das kulturelle Erbe Ostpreußens lange Zeit ignoriert hat.

Die Brücke von Tilsit, heute SowjetskDie Brücke von Tilsit, heute Sowjetsk, erinnert wieder an die Königin Luise. (© Inka Schwand)

Russische Wolga, unrussische Memel

Spricht man von der Wolga, weiß in Russland jeder, um was es geht. Europas größter Strom ist ein nationaler Mythos. Manchen gilt er, nach der Schlacht um Stalingrad, als russischer Schicksalsstrom. Anderen ist er das "russische Mütterchen Wolga". Wie mythisch aufgeladen die Wolga ist, zeigt sich schon an der Quelle in Wolgowerchowje, 450 Kilometer nordwestlich von Moskau. Jedes Jahr im Mai pilgern Hunderte von Gläubigen in das Dorf, um die geistliche Segnung der Wolgaquelle zu erleben. Ganz anders die Memel, obwohl diese im Grunde auch ein Schicksalsstrom der Russen geworden ist. Zweieinhalb Jahre nach der Schlacht von Stalingrad, das heute Wolgograd heißt, wurde das nördliche Ostpreußen russisch, und aus der Memel, seit Hoffmann von Fallersleben bekannt aus der ersten Strophe des Deutschlandslieds, wurde im Kaliningrader Gebiet der Neman.

Doch das war es dann auch schon. Kaum ein Russe kann sagen, wo die Quelle der Memel liegt, kein Lied besingt das "Mütterchen Neman", keine Ausflugsdampfer verkehren auf dem Unterlauf des Stroms, der hier die Grenze zu Litauen bildet. Russland und die Memel, das ist seit 1945 die Geschichte eines weißen Flecks im kollektiven Erinnern.

Doch woher kommt dieses Fremdeln? Schließlich ist in Kaliningrad doch auch wieder von Königsberg die Rede und in Sowjetsk von Tilsit. Nur der Fluss, der gehört nicht dazu zur Suche nach dem kulturellen Erbe einer Region, die 1945 vermeintlich bei Null anfing. Liegt es an der Vergangenheit der Memel, die nie russisch war, dafür aber deutsch, litauisch, belarussisch, polnisch und jüdisch? Lieben die Russen nur die Ströme, die ihnen russisch genug sind? Oder wird die Memel deshalb ignoriert, weil sie die Grenze zu Litauen bildet und damit, aus der Perspektive Kaliningrads, die unbedeutende Peripherie des Gebiets?

„Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wogen? Mit ihnen so viel Glück und sel’ges Wähnen Wohin ist meiner Kindheit Lust verflogen?“

Adam Mickiewicz, 1826

„Die Dzimken, die Flößer, die mit den Hölzern stromab aus Russland kommen, sitzen in ihren langen, grauen Hemden auf der Floßkante und baden sich die Füße. Hinter ihnen rauchen die Kessel zum Frühstücksbrot.“

Hermann Sudermann, 1917

„Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein.“

Thomas Mann, 1929

„Aus der Finsternis kommst du, mein Strom, aus den Wolken. Wege fallen dir zu und die Flüsse, Jura und Mitwa, jung, aus Wäldern, und lehmschwer, Szeszupe.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Diese Grenzen sind temporäre Grenzen. Früher oder später bringt uns der Fluss wieder zusammen.“

Krzysztof Czyzewski, 2009

Die "Stunde Null"

Als die Rote Armee Otto Lasch, den Kommandanten der Festung Königsberg, am 9. April 1945 zur Kapitulation zwang, lag kein Fahrplan vor für die Eingliederung der Stadt in die Sowjetunion. Auch Stalin war sich nicht sicher, ob ihm Königsberg, im offiziellen sowjetischen Sprachgebrauch die "Wiege des preußischen Militarismus", langfristig nutzen oder eher schaden würde. 1.275 Kilometer war die Stadt am Pregel von Moskau entfernt, dazwischen lag Litauen, wo sich Partisanen zu Tausenden gegen das Sowjetregime wehrten. Anders als über Schlesien, wo es in Breslau einen ähnlichen Bevölkerungstausch wie in Königsberg gab, war über Ostpreußen erst am 2. August 1945 auf der Potsdamer Konferenz entschieden worden.

Kurz darauf wurde klar, dass Stalin an Königsberg eher ein strategisches denn ein wirtschaftliches Interesse hatte. Statt es als Oblast in die Sowjetunion einzugliedern, machte er aus dem nördlichen Ostpreußen zunächst ein Sperrgebiet und einen Sondermilitärbezirk. Die Botschaft war deutlich: Die sowjetische Militärbasis an der Ostsee sollte den Nachbarn in Litauen und Polen eine Mahnung sein, nicht von der Sowjetunion respektive dem Bündnis der kommunistischen Satellitenstaaten abzufallen.

Auch nach der Umbenennung des Gebiets in Kaliningradskaja Oblast am 4. Juli 1946 verlief die Entwicklung alles andere als reibungslos. Zwar war Kaliningrad nun Teil der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR), und die Uhren am Hauptbahnhof zeigten die Moskauer Zeit an. Für die sowjetische Hauptstadt aber blieb Kaliningrad Ausland und, wie es Per Brodersen in seiner Studie Die Stadt im Westen formulierte, "ein ungeliebtes Kind. Viel Aufmerksamkeit brachte ihm Moskau nicht entgegen."

Das ist womöglich untertrieben. Wie unscharf selbst die geografische Kenntnis des Gebiets aus der Perspektive Moskaus war, zeigen die damaligen Verkehrsplanungen. In dem "Schema von Autotransportstraßen des Gebiets Kaliningrad", das Verkehrsplaner 1947 in Moskau veröffentlichten, wird die Moskauer Kriegsbeute im Norden zwar richtigerweise von der Memel begrenzt. Am andern Ufer aber zeichneten die Planer nicht die Litauische, sondern die Lettische SSR ein.

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Meter war einst die Brücke von Tilsit breit. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zerstört und danach wieder aufgebaut. Inzwischen sind Hammer und Sichel vom Brückenportal auf der russischen Seite verschwunden und das Bauwerk trägt wieder seinen alten Namen: Königin-Luise-Brücke



Das war nicht der einzige Fehler. Anstelle von Sowjetsk, der Grenzstadt an der Memel, ist im Transportschema Tilsit verzeichnet. Sowjetsk befindet sich auf der Karte einige Kilometer weiter östlich, an der Stelle von Ragnit, das von den Sowjets, wie der Fluss, in Neman umbenannt worden war. Mithin existierte Tilsit weiter, wenn auch nur auf der Karte. Das Chaos war so groß, dass sich die neuen Bewohner des Gebiets noch 1948 in der Kaliningradskaja Prawda darüber beschwerten, dass an den Verkaufsstellen für Eisenbahnfahrtkarten "bis heute die alten Ortsnamen benutzt werden. (…) Die Fahrgäste geraten in vollkommene Verwirrung, wenn sie erfahren, dass es die Städte Sowjetsk, Pollesk oder Bolschakowo nicht im Fahrplan gibt."

Ohnehin standen nicht die Siedler im Mittelpunkt der Sowjetpolitik, sondern die Ausbeutung der Region. Industriebetriebe wurden demontiert, Drainagerohre herausgerissen, die wichtigsten Wertgegenstände gingen nach Moskau, unter ihnen, natürlich, tonnenweise Ziegel.

In einer Zeit, in der die Deutschen das ehemalige Ostpreußen noch nicht vollständig verlassen hatten, waren sich die zuständigen Stellen nicht sicher, ob und wie lange Russland das Kaliningrader Gebiet behalten würde. Also baute man lieber ab als auf. So offensichtlich war die Plünderung, dass sich der kommissarische Gebietsparteichef Pëtr Iwanow in einem Brief an Stalin persönlich wandte. Darin hieß es: "Stellvertreter verschiedener Ministerien und Dienststellen im Gebiet betrachten Ostpreußen als besetztes Gebiet, demontieren Ausrüstung, transportieren wertvolle Materialien aus Betrieben ab", während die örtliche Führung "der Bevölkerung und den Angehörigen der Sowjetarmee nicht erklärte, dass das Gebiet Kaliningrad ein sowjetisches Gebiet ist und dass alle Betriebe, Einrichtungen, materiellen Wertgegenstände als sozialistisches Eigentum, als Besitz des sowjetischen Staats gelten".

Als Moskau daraufhin eine Kommission nach Kaliningrad schickte, die kurze Zeit später die Gebietsverwaltung für die Missstände verantwortlich machte, verübte Pëtr Iwanow Selbstmord.

Zukunft statt Vergangenheit

So wenig interessiert Moskau an der wirtschaftlichen Entwicklung seiner Beute war – seine Geschichtspolitik trieb es konsequent voran. Im Grunde war es eine Politik der Geschichtslosigkeit. Nichts sollte mehr an die ostpreußische Vergangenheit erinnern – und wie immer im Augenblick solcher Zäsuren traf es die Orts- und Straßennamen als erste.

Doch das war schwieriger als gedacht. Im Gegensatz zu Schlesien, wo die polnischen Geografen und Historiker auf alte polnische Ortsnamen und Flurbezeichnungen zurückgreifen konnten, war Ostpreußen nie russisch gewesen. Wie also sollte man Königsberg, Tilsit und Ragnit nennen?

Und wie die Memel und ihre Mündungsströme Ruß und Gilge? Sollte man die Namen einfach ins Russische übertragen oder ihnen russische Endungen anfügen? Oder war es besser, ganz neue Namen zu finden, um die deutsche Vergangenheit ein für allemal auszumerzen und 1945 als Stunde Null zu etablieren – und damit als eigentlichen Beginn der nun sowjetischen Geschichte?

Erstaunlicherweise gaben die sowjetischen Behörden diese Fragen zunächst an die Neusiedler weiter, deren Zahl im Jahr 1946 auf knapp 50.000 gestiegen war. Auf zahlreichen Versammlungen sollten sie die Namensfrage beraten. Das Votum war eindeutig. Um eine Brücke zwischen ihrer alten und der nunmehr neuen Heimat zu schaffen, sprachen sich die meisten für Ortsnamen aus ihrer Herkunftsregion aus. Das zeigte, schlussfolgert Per Brodersen, "wie stark die Bindung der Übersiedler an ihren alten Wohnort geblieben war – zu Kaliningrad hatten sie keinen Bezug."

Ende 1946 schließlich schickten die Kaliningrader Stellen eine erste Liste mit Vorschlägen nach Moskau. Diese enthielt sowohl Namen, die an die Herkunftsorte erinnerten, als auch Namen sowjetischer Herkunft wie Komsomolskij, Uljanowo oder Oktoabrskoe. Wer es gern historisch wollte, bediente sich bei Puschkin oder dem General des Vaterländischen Krieges gegen Napoleon, Bagration. Das Ziel war klar, meint Brodersen: "Kaliningrad sollte sowjetisch werden, in dem sich seine Ortsnamen überall auf der sowjetischen Landkarte finden ließen. Zwar waren alle Regionen der UdSSR sowjetisch – Kaliningrad aber sollte am sowjetischsten sein."


Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.