Dossierbild Geschichte im Fluss
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Mit der Memel in den Westen


11.5.2012
In Belarus nennen wir die Memel den Vater der Flüsse. Gleich zweimal verbindet uns dieser Fluss mit Europa – historisch und geografisch. Daran konnte weder die sowjetische Herrschaft etwas ändern noch die des Alexander Lukaschenko.

Ein Stein bei Minsk erinnert an den Verlauf der MemelDie Quelle der Memel ist verschwunden. Stattdessen erinnert ein Stein bei Minsk an den Verlauf des Stromes. (© Inka Schwand)

Die Memel ist Europa



Wenn Belarus etwas im Überfluss hat, ist es Wasser. Keine spektakulären Ströme wie den Amazonas oder die Wolga, aber unzählige Teiche, Bäche, Seen – und natürlich Flüsse. So viel Wasser ist nicht nur das Erbe der Eiszeit, an das uns bis heute Steine auf den Feldern und die Hügelketten im Norden und Westen erinnern. Auch das Klima hält das Land feucht. Man spürt die Nähe des Baltikums – schon aus diesem Grund hat das Land das Recht, sich baltisch zu nennen.

Der klimatischen Zwischenlage entspricht auch die geopolitische Situation des Landes. Der Wechsel zwischen den westlichen und den immer wieder eindringenden östlichen Winden prägt ein mildes und feuchtes Wetter; das Ringen zwischen den Ansprüchen Moskaus und der Opposition, die das Land näher an den Westen bringen will, bestimmt die gesellschaftliche Atmosphäre.

Gleiches gilt für die großen Flüsse in Belarus. Der Dnepr und der Prypjat strömen dem Osten und Süden entgegen. Der Njoman aber, wie die Memel in Belarus heißt, verlässt das Land west- und nordwärts, Richtung Europa. Er ist der Vater des Landes, sagt die belarusische klassische Literatur.

„Niemen, mein Heimatstrom! Wo sind die Wogen? Mit ihnen so viel Glück und sel’ges Wähnen Wohin ist meiner Kindheit Lust verflogen?“

Adam Mickiewicz, 1826

„Die Dzimken, die Flößer, die mit den Hölzern stromab aus Russland kommen, sitzen in ihren langen, grauen Hemden auf der Floßkante und baden sich die Füße. Hinter ihnen rauchen die Kessel zum Frühstücksbrot.“

Hermann Sudermann, 1917

„Die weiße Küste ist schön geschwungen, man könnte glauben in Nordafrika zu sein.“

Thomas Mann, 1929

„Aus der Finsternis kommst du, mein Strom, aus den Wolken. Wege fallen dir zu und die Flüsse, Jura und Mitwa, jung, aus Wäldern, und lehmschwer, Szeszupe.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmsee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit.“

Johannes Bobrowski, 1961

„Diese Grenzen sind temporäre Grenzen. Früher oder später bringt uns der Fluss wieder zusammen.“

Krzysztof Czyzewski, 2009

Ein Fluss aus dem Nirgendwo



Nicht alle Belarussen wissen, wo die Quelle der Memel liegt. Das ist die Hinterlassenschaft der sowjetischen Bildungspolitik. Die geografische Kenntnis Russlands war wichtiger als die des eigenen Landes. Aber auch diese Geografie wurde in Sowjetzeiten unkenntlich gemacht.

Die Quelle befand sich südlich von Minsk in Bezirk Uzda auf mehr als 200 Metern Höhe über dem Meeresspiegel – das ist nicht wenig im ansonsten flachen Belarus. Dort, wo die beiden Quellflüsse Njomanec und Loscha zusammenflossen, begann der Njoman, die Memel. Diese Quelle gibt es heute nicht mehr. Der Grund ist die Trockenlegung des Gebiets, mit dem die Sowjetmacht das Land in die Moderne führen wollte. Im Grunde waren die Pläne nicht falsch. Noch vor hundert Jahren war Belarus ein Land der Sümpfe. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser kam, waren viele Dörfer vom Rest des Landes abgeschnitten. Um diese Isolation zu überwinden, Krankheiten zu bekämpfen, die Landwirtschaft zu fördern und mit der Industrialisierung zu beginnen, begann die kommunistische Regierung mit der Politik einer radikalen, manchmal aber auch rücksichtslosen Melioration.

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Kilometer lang ist die Memel. Sie entspringt bei Minsk, erreicht in Grodno ihre erste Großstadt, fließt dann nach Norden und durchbricht in zahlreichen Mäandern den Baltischen Landrücken, bevor sie sich in Kaunas nach Westen wendet und ins Kurische Haff mündet.

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Meter hoch ist die Quelle der Memel. Sie ist damit ein typischer Flachlandfluss mit großen Schwankungen des Wasserstandes. Binnenschiffahrt findet auf der Memel kaum mehr statt.



Das Ergebnis: Als die Sowjetunion zusammenbrach, gab es in Belarus so gut wie keine Sümpfe mehr. Man hatte das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Ein Opfer dieser Politik war auch die Quelle der Memel. Dort, wo einst der Fluss entsprang, der Belarus mit dem Westen verbindet, verlaufen heute Gräben und Kanäle. Der Quellstein wurde gesprengt, ein anderer wurde neu und an anderer Stelle gesetzt. Mit der tatsächlichen Quelle hat er nichts zu tun.

Als das Land in den neunziger Jahren seine Unabhängigkeit feierte, schlugen Wissenschaftler vor, die ehemalige Quelle der Memel wiederherzustellen. Aus einem Bohrloch sollte das Wasser aus 15 bis 20 Meter Tiefe in ein künstliches Becken gebracht werden, von dem zwei parallele Kanäle – ähnlich dem Njomaniec und der Loscha – ausgehen sollten. Sie sollten bis zu der Stelle fließen, an der einst beide Quellflüsse sich zur Memel vereinigten. Dieser Ort liegt etwa 50 Kilometer von Minsk entfernt und hätte gute Chancen gehabt, sich zu einer touristischen Sehenswürdigkeit zu entwickeln.

Es ist bemerkenswert, dass die Regierung für eine solche Idee kein Geld hatte. Doch inzwischen hatte sich der Wind in Belarus einmal mehr gedreht. Als Alexander Lukaschenko 1995 ins Präsidentenamt gewählt wurde, standen nicht mehr die Unabhängigkeit und die nationale belarussische Kultur im Vordergrund, sondern einmal mehr das sowjetische Erbe. So wie er die belarussische Sprache verhöhnte und Russisch zur zweiten Amtssprache machte, erging es auch der Idee mit der Wiederbelebung der Quelle. Sie war angeblich zu "nationalistisch", um von der Regierung gefördert zu werden. Stattdessen baute Minsk eine mythische "Stalin-Verteidigungslinie" auf und veranstaltete eine pompöse Parade zu Ehren des sowjetischen Sieges im Mai 1945.

Wer ist hier der "Andere"?



Die Memel ist dezent wie das Land selbst – ein Fluss der Ebene. Den Mythos des Vaters der Nation hat ihr die Literatur verschafft. Dabei entstand sogar eine Art sakraler belarusischer Geografie. "Es strömt unter dem heiligen Berg unser Vater Njoman“, schrieb etwa der Dichter Jurka Vicbicz. Eine "Wacht an der Memel" haben die Belarussen allerdings nie gehabt – auch deshalb, weil der Fluss bei ihnen keine Grenze war. So wirft die Memel auch die Frage des Zusammenlebens der Völker auf. Waren Belarussen, Litauer, Polen, Deutsche und Juden vor hundert Jahren tatsächlich "Andere" füreinander? Oder waren sie einfach nur "Verschiedene", die allesamt an den Ufern des Flusses zuhause waren?

Die Belarussen selbst waren verschieden. Für das Volk an den Ufern der Memel war jede Definition zu eng. Ihre Kultur kennt nicht weniger als fünf Religionen, vier Sprachen, drei Schriften, zwei Seelen (ein immer wiederkehrendes Motiv der belarussischen intellektuellen Diskussionen seit Maxim Harecki), und nur dieser Fluss konnte für sich eine einzigartige Stellung beanspruchen.

Die Belarusen hatten natürlich auch eigene Ansprüche auf die Memel. Das Einzugsgebiet des Flusses war der Gründungsort des Großfürstentums Litauen – eines mittelalterlichen Staates, der zahlreiche Länder vereinigte, aus denen später Belarus wurde. So ließ der Fluss die belarussische Kultur zur Blüte kommen. Es war die Memel, die diese Länder und Stämme zusammenbrachte. Eine radikale Abgrenzung der eigenen Nation zu den Nachbarn forderten nur wenige. Zu vieles wäre dabei verloren gehen – zum Beispiel Adam Mickiewicz. Der Dichter wurde in Belarus geboren und begann sein Versepos Pan Tadeusz mit den Zeilen "Litauen, du mein Vaterland".



 
Zum Weiterlesen

Die Memel

  • Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes. Siedler Verlag (2010). Ein Buch, das einen vergessenen Strom im östlichen Mitteleuropa wieder zum Leben erweckt. "Uwe Rada rehabilitiert die Memel als Zukunftsort eines Europas der Völker – nicht der Nationen." (Der Tagesspiegel)

  • Ulla Lachauer: Paradiesstraße. Rowohlt Verlag (2007). Ein wunderbares Porträt der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit und mit ihr des Memellandes. "Wer diese Seiten liest, hat eine andere Welt kennengelernt." (Die Zeit)

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit. Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen. Rowohlt (1995). Mit diesem Reiseessay wurde Lachauer zur Pionierin der Wiederentdeckung des ehemaligen Ostpreußen.

  • Martin Rosswog/Ulla Lachauer: Menschen an der Memel. Edition Braus (2009). Einfühlsame Porträts von Menschen im Memelland durch die Autorin Ulla Lachauer und den Fotografen Martin Rosswog.

  • Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Pantheon Verlag (2007). Kossert beschreibt Ostpreußen als multikulturelles Grenzland zwischen Polen, Deutschen und Litauern. "Kossert wirft einen ganz neuen und für viele überraschenden Blick auf das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen." (Die Zeit)

  • Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein. Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812-1942. Fibre Verlag (2010). Die Autorin, bekannt über ihre Studien zu Ostpreußen und den Wolfskindern, berichtet über den Beginn und das Ende jüdischen Lebens im Memelland.