Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Guido Hausmann

Flüsse als europäische Erinnerungsorte

Dass Flüsse ein hohes metaphorisches Potential haben, wissen wir aus der Antike. Dass sie politisch und national aufgeladen werden können, hat das 19. Jahrhundert gezeigt. Seit dem Ende des Kommunismus stehen sie aber auch für das Zusammenwachsen Europas.

Am 14. Juni 1985 unterzeichneten Vertreter von fünf EU-Mitgliedstaaten in einer kleinen Zeremonie auf einem Moselschiff ein Abkommen, das seither Berühmtheit erlangt hat: das so genannte Schengener Abkommen. Der Ort an sich, ein kleines luxemburgisches Winzerdorf, war sicherlich weniger wichtig als der Umstand, dass er im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Luxemburg gelegen war. Denn das Abkommen, das erst 1995 in Kraft trat, beschloss den zukünftigen Abbau der Grenzen und die Einführung eines freien Personen- und Warenverkehrs. Schengen symbolisiert somit Grenzlage und Grenzüberschreitung, und am Moselufer in Schengen steht heute ein Europadenkmal, das an den Abschluss des Abkommens erinnert. Die Wahl des Ortes verweist darauf, dass die Europäische Union ursprünglich ein west- und südeuropäisches Projekt war. Welchen Ort und welchen Fluss hätte man nach 1990 für ein solches Abkommen gewählt – einen Ort an Oder, Elbe oder Donau?

Europadenkmal in Schengen in Erinnerung an das Schengener AbkommenEuropadenkmal in Schengen in Erinnerung an das Schengener Abkommen (© Wikimedia)

Der Schengener Vertrag auf der Mosel

Während Schengen seitdem berühmt geworden ist (und für Menschen aus vielen Ländern, die das Abkommen nicht unterzeichnet haben, auch berüchtigt), wird der Moselfluss weniger mit dem Ereignis und dem Abkommen assoziiert. Die Zeremonie und die Zeremonienmeister von 1985, über die weder das Gemeindeamt von Schengen noch die Presse Wesentliches wissen oder preisgeben, wählten die Mosel und ein Moselschiff sicherlich nicht zufällig aus. Die Mosel war nicht nur ein französisch-luxemburgisch-deutscher Fluss, also ein Fluss, der die europäische Überwindung nationaler Grenzen in hohem Maße symbolisierte; sie war auch ein geschichtsträchtiger Fluss. Denn wer europäische Geschichte reflektieren und konstruieren wollte, konnte auf die Zugehörigkeit des Flusslaufes zum Römischen Reich und vor allem auf seine zentrale Lage im fränkischen Reich bis zu seiner Teilung im Jahr 843 verweisen. Ob diese historischen Bezüge 1985 hergestellt wurden oder nicht, wissen wir nicht, zumal es bisher keine umfassende Gedächtnisgeschichte der Mosel gibt.

Doch auch so lässt sich feststellen, dass 1985 nicht nur Schengen, sondern auch die Mosel neu als ein spezifisch europäischer Erinnerungsort geschaffen wurden. Zeremonien oder rituelle Praktiken, zu denen im Fall Schengens und der Mosel auch eine Feier zum 25-jährigen Jubiläum des Abkommens 2010 gehörte, und Gedächtnisträger wie Gedenksteine schaffen und stabilisieren Erinnerungsorte. Der Fluss selbst, die Flussufer, die Orte am Fluss sind dabei kommunikative Elemente eines komplexen Ortes.

„Sie wissen, ich habe oft gesagt, ich liebe Flüsse. Über Flüsse werden sowohl Ideen als auch Waren befördert. Alle Phänomene der Schöpfung haben ihre großartige Aufgabe. Flüsse, riesigen Trompeten gleich, singen dem Ozean das Lied von der Schönheit der Erde, der Feldbestellung, der Pracht der Städte und der Menschen Ruhm.“

Victor Hugo, 1842

„Der Zug der Zeit ist ein Zug, der seine Schienen vor sich her rollt. Der Fluss der Zeit ist ein Fluss, der seine Ufer mitführt.“

Robert Musil, 1930

„Sollte es sich erweisen, dass Staatsgrenzen entgegen allen Erwartungen beweglich und Fremdsprachen problemlos erlernbar sind, dass Hautfarbe und Form der Wangenknochen nur unter ästhetischem Gesichtspunkt eine Rolle spielen und dass wir uns in jeder beliebigen Stadt und in jedem Hotel genauso zurechtfinden können wie in jedem Buch, ganz gleich wie exotisch der Name des Autors klingt, falls wir also aufgrund irgendeiner Verwirrung völlig unsere Orientierung verlieren sollten, dann rate ich jedem, sich auf den eigenen Fluss zu besinnen.“

Olga Tokarczuk, 2004

„Flüsse sind zweifellos ein Segen für diese Welt. Besser gesagt: Sie könnten ein Segen werden, wenn wir mit der Welt behutsamer umgingen. Wie alle im Sternzeichen Fisch Geborenen lasse ich mich vom Flusswasser hypnotisieren, besonders im Sommer. Nein, auch Seen haben ihre Vorzüge, ein See ist genauso wunderbar. Aber jetzt geht es mir um die Strömung, ihre Anmut und Elastizität, die Möglichkeit, im Wasser und mit dem Wasser zu schwimmen, ganz zu schweigen von der anderen, genauso verführerischen – den Widerstand der Strömung zu überwinden. Sorry, wenn Ihnen das wie eine Metapher erscheint.“

Juri Andruchowytsch, 2007

„Wer den Fluss achtet, achtet auch seinen Nächsten.“

György Konrád, 2010

Erinnerungsorte und Gedächtnisgeschichten

Für die Kennzeichnung eines Flusses wie der Mosel als eines europäischen Flusses und Erinnerungsortes reicht der bloße Flusslauf durch drei verschiedene Länder Europas aber nicht aus. Ein bewusster oder expliziter europäischer Bezug sollte hinzukommen, die Zuschreibung einer europäischen Bedeutung, die von einem Publikum geteilt wird. Rituelle Praktiken wie die von 1985 oder 2010 können entweder einen europäischen Erinnerungsort schaffen oder – wenn sie auf andere vergangene Ereignisse am gleichen Ort Bezug nehmen und diese umdeuten – eine Gedächtnisgeschichte eines Ortes schreiben, wie sie der französische Historiker Pierre Nora bereits in den 1980er Jahren vorschlug.

Erinnerungsorte sind ja nicht nur geographische Orte, sondern zeichnen sich auch durch Symbolhaftigkeit und ihre Funktion aus. Eine Gedächtnisgeschichte bricht den unmittelbaren Bezug auf Vergangenes, der in der Literatur in Anlehnung an den französischen Soziologen Maurice Halbwachs auch als "lebendiges Gedächtnis" bezeichnet wird, und ersetzt sie durch eine spezifische Geschichte des Gedächtnisses. Dabei haben sich historisch die Medien, die Erinnerungen speichern und verbreiten, gewandelt. Lange dominierte die mündliche Weitergabe, in der Neuzeit die schriftliche Form, seit dem 20. Jahrhundert haben Visualisierungen deutlich an Bedeutung und Verbreitung gewonnen. Auch das Denkmal in Schengen gehört dazu.

Eine europäische Tradition



Warum sind Flüsse historisch offenbar besondere "Sinnbilder der Identitätsfrage" (Claudio Magris) geworden? Haben Flüsse nur in der europäischen Geschichte eine hohe symbolische Bedeutung erfahren, oder worin unterscheidet sich diese von Flüssen in anderen Weltregionen? Selbstverständlich sind auch Berge, Meere, Wüsten, Bäume und Seen Erinnerungsorte beziehungsweise potentielle Erinnerungsorte. Fast allen Orten – natürlichen wie künstlichen – kann Erinnerung angelagert werden, können menschliche Erfahrungen zugeschrieben werden. Doch Flüsse eignen sich anscheinend besonders dafür, individuelle und kollektive menschliche Grunderfahrungen wie Leben und Tod oder Abgrenzung und Soziabilität beziehungsweise Grenzbildung und Grenzüberwindung räumlich und symbolisch abzubilden.

Diese universale symbolische Dimension verband sich in der europäischen Geschichte mit einer spezifischen kulturellen Tradition. Immer wieder wird seit der europäischen Antike die symbolische Dimension der Flüsse betont, und so sind bestimmte Flüsse über die Jahrhunderte zu kulturellen Mustern geworden, die Erfahrungen und Erwartungen ordnen oder auf bestimmte kulturelle Möglichkeiten verweisen. Seit der griechischen Antike wird Heraklit die Äußerung zugeschrieben, niemand könne zweimal in denselben Fluss steigen, ein Bild für den Wandel und die Einheit des Lebens. Der Fluss Styx teilt in der griechischen Mythologie die Unter- von der Oberwelt und kann nur durch den Fährmann Charon überquert werden; trinkt man das Wasser des Unterweltflusses Lethe, so vergisst man alle Erinnerungen.

Der Nil ist seit der europäischen Antike als fluviorum pater und vitalistischer Fluss im europäischen Bewusstsein verankert, der Tiber als der imperiale Strom (Simon Schama), der Jordan als der spirituelle Fluss, Ort der Taufe Jesu und Symbol der moralischen Ordnung des Judentums. In der biblischen Tradition gehörten dazu neben dem Jordan der See Genezareth, Jerusalem, der Ölberg, das Land Kanaan und viele andere Orte. Die Flüsse waren so seit der Antike Teil eines umfassenden Repertoires an Personen, Orten und Landschaften, Ereignissen und Erzählungen, auf die man sich immer wieder und in unterschiedlicher Weise bezog.

Flüsse symbolisieren unser Wissen von der Welt. Berninis Vierströmebrunnen in Rom.Flüsse symbolisieren unser Wissen von der Welt. Berninis Vierströmebrunnen in Rom. (© Inka Schwand )
Es lässt sich hierin ein spezifisches symbolisches Flusssystem oder -bezugssystem erkennen, das sich so nur in der europäischen Tradition herausbildete. Allerdings handelte es sich nicht um ein abgeschlossenes System, sondern es konnten sowohl neue Flüsse als Erinnerungsorte eine besondere symbolische Bedeutung erlangen als auch bekannte Flüsse neue symbolische Bezüge erhalten. In der Renaissance und in der frühen Neuzeit erfuhren die Quellen der Flüsse eine besondere Aufmerksamkeit, vielleicht weil die gelehrte Literatur der Zeit an der Überprüfung der Bibelpassage Genesis 2:10-14 interessiert war, nach der sich der Paradiesfluss in vier Hauptflüsse (Pischon, Gihon, Tigris und Euphrat) teilte. Die mittelalterlichen Weltkarten stellten das Paradies abgetrennt von der Welt dar, und der Paradiesfluss trennte sich beim Austritt aus dem Paradies in die vier Flüsse. Daraus ergaben sich eine Reihe heikler Fragen, etwa die nach der Identifikation der beiden Flüsse Pischon und Gihon oder die nach der Lokalisierung des Paradieses, über die man mit Hilfe der Kenntnis der genauen Quellenlage der großen Flüsse Aufschluss erhoffte. Eine Variation dieser Vorstellung findet sich etwa in der Cosmographia von Sebastian Münster (Erstausgabe 1544), die den Ursprung der Donau auf die Sintflut zurückgeführt hat.

Die Kenntnis des Flusses wird so auch zum Sinnbild für die Welterkenntnis, nicht nur der Selbsterkenntnis. So wirkte sich der zeitgenössische Wissenshorizont immer auf die Ausprägung der Flüsse als Erinnerungsorte aus. Der Vierströmebrunnen von Gian Lorenzo Bernini, der in der Mitte des 17. Jahrhunderts auf der römischen Piazza Navona im päpstlichen Auftrag entstand, gehört zu den großen figürlichen Allegorien der vier Ströme, die hier jedoch nicht mehr die vier Paradiesströme sind, sondern Donau, Ganges, Nil und Rio de la Plata darstellen und damit auf die vier damals bekannten Kontinente verweisen.


Weiterlesen

Flüsse in der Geschichte

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Guido Hausmann: Mütterchen Wolga. Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Campus Verlag (2009). Am Beispiel des größten Europäischen Flusses schreibt Hausmann mehr als nur eine russische Geschichte. "Guido Hausmann ist ein großer Wurf gelungen." (Sehepunkte)

  • Peter Ackroyd: Die Themse. Biografie eines Flusses. Knaus Verlag (2009). Am Beispiel der Themse beschreibt Ackroyd die Geschichte des britischen Imperiums und entwirft die Grundzüge einer 'liquid history'. "Ackroyd erzählt Geschichte, und wie gerne er erzählt." (Die Zeit)

  • Christof Mauch/Thomas Zeller (Hg.): Rivers in History. University of Pittsburgh Press (2008). Eine Anthologie in englischer Sprache von Beiträgen einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in Washington, die eine Brücke zwischen der europäischen und der amerikanischen Flussdebatte schlagen. "Ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zur Geschichte von Menschen und Flüssen diesseits und jenseits des Atlantiks". (Sehepunkte)