Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Bogdan Twardochleb

Ein Fluss auf der Suche nach sich selbst

Im Mittelalter bildete das slawische Oderland tatsächlich ein kulturelles Grenzland, ein Gebiet slawisch-deutscher Koexistenz. Mit der Zeit allerdings verschwand das Slawentum unter dem Einfluss des Reiches sowie der deutschen Bewohner- und Handwerkerschaft. Hingegen blieb das schlesische Oderland lange Zeit ein gemeinsames deutsch-polnisches Siedlungsgebiet. Julius Roger (1819-1865), ein deutscher Ethnologe, der von Ulm nach Schlesien gezogen war und die polnische Sprache beherrschte, schrieb im Vorwort seines Buches Polnische Volkslieder in Oberschlesien (Breslau 1863), dass die Polen die Dörfer des preußischen Schlesien auf beiden Seiten der Oder besiedeln.

Der polnische Nationalismus propagierte in der Zwischenkriegszeit das Bild eines historischen Polentums an der Oder, die zugleich eine historische Grenze bilde. Das war Wasser auf die Mühlen der deutschen Nationalisten, die Polen auf der Suche nach einer Begründung für die Befestigung der Oder unter Druck setzten. Infolge des Zweiten Weltkriegs verloren die Deutschen das Oderland an Polen. Zum Einzugsgebiet der Oder in Deutschland gehört nur noch ein kleiner Streifen westlich der Grenzoder. Schon während des Krieges war das Thema der Odergrenze in der polnischen Nationalbewegung diskutiert worden, sowohl im Lande selbst als auch in der Emigration.

Die Grenze wurde schließlich auf Beschluss der Siegermächte festgelegt, obwohl sie faktisch schon von den Armeen der östlichen Front in den letzten Kriegstagen gebildet wurde. Die neue Grenzziehung bedeutete gleichzeitig Flucht, Vertreibung und Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung sowie die Besiedlung mit Polen, denen die polnische Propaganda versprach, in ein seit Jahrhunderten polnisches Oderland zurückzukehren. Die Grenze wurde zur Demarkationslinie, die beide Länder und Völker trennte. An der Grenzoder wurde ein Großteil der Brücken, die früher einmal beide Seiten des Ufers miteinander verbanden, nicht wieder aufgebaut, aber auch nicht zerstört. Der stehende Begriff "Hinter der Oder" wurde im Polnischen zum Synonym für Deutschland, und das deutsche "Hinter der Oder" oder "östlich der Oder" zum Synonym für das gegenwärtige Polen und die verlorene Heimat.

Die Oder-Neiße-Grenze beschreibt auch Andrzej Piskoszub, ein Kenner und Erforscher der kulturellen Bedeutung der Flüsse. Ihm zufolge sind Flüsse allerdings keine natürlichen Grenzen, sondern Kommunikationswege, "deren Aufgabe es ist, zu verbinden, und nicht zu teilen". Piskoszub schreibt, dass weder die Oder, noch die Lausitzer Neiße jemals vor 1945 eine Grenze gebildet haben. Ganz im Gegenteil: "Die Oder war immer eine Kommunikationsachse, die auf beide Seiten gewirkt hat. Die Grenzziehung an Oder und Lausitzer Neiße hat diese Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte an diesen Flüssen entstanden ist, zerstört."

Die Symbole der neuen Ordnung an der Oder sind Grenzsteine auf beiden Seiten und Denkmäler auf der polnischen Seite, die vor 1990 errichtet worden waren. Nennen wir zwei davon: Auf dem Steilufer bei Cedynia erhebt sich ein Adler, den Schnabel nach Deutschland gerichtet. Er soll an die Schlacht von Cedynia vor tausend Jahren erinnern. In Czelin steht dagegen ein stilisierter Grenzstein, der an das Ergebnis der Zweiten Weltkriegs erinnert.

Die bewaffnete Oder

Die befestigten Burgen an der Oder entstanden bereits in vorhistorischen Zeiten. Die Befestigungen, die im Mittelalter daraus entstanden – wie in Oppeln, Breslau, Glogau, Beuthen an der Oder sowie Crossen, allesamt also am mittleren Oderlauf – waren schwer einzunehmen, aber auch schwer zu verteidigen. Die Sandbänke und Furten ermöglichten es den Angreifern, in den Rücken der Verteidiger zu gelangen und die Belagerung zu knacken. Im 17. Jahrhundert wurde die Befestigung Stettins, auch dank der Oder, für unbezwingbar gehalten. Bolesław Krzywousty eroberte die Festung erst im Winter, als die Oder zugefroren war. Die Dänen griffen Stettin mit Schiffen an. Deshalb wurde der Wall zwischen der Oder und der Stadt aufgeschüttet.

Die Ruinen der Festung Küstrin als „Pompeji des Nordens“Die Ruinen der Festung Küstrin als „Pompeji des Nordens“ (© Inka Schwand)
Die Festungen wurden zwischen den Flussgabelungen gebaut, wie zum Beispiel in Crossen zwischen der Oder und dem Bober, oder in Küstrin zwischen der Oder und der Warthe. Ein mächtiges Schutzbauwerk ist der so genannten Schlesienwall, der sich von Crossen nach Nordosten zieht. Die Schweden, die nach dem Dreißigjährigen Krieg Vorpommern eingenommen haben, errichteten im 17. Jahrhundert in Stettin eine Festung. Die Stadt lag damals nah der schwedisch-brandenburgischen Grenze, die entlang der Ostoder verlief.

Zur preußischen Zeit wurde die Oder gleichermaßen modernisiert und militarisiert, wie unter anderem Uwe Rada betont. Ausgebaut wurden die Festungen in Breslau (heute eines der größten Freiluftmuseen der Befestigunsgtechnik in Europa), Küstrin, Stettin und Swinemünde. Erst die Industrialisierung markierte eine Zäsur. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Festung in Stettin geschleift, damit sich die Stadt weiter entwickeln konnte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Frankfurt an der Oder zur größten Grenzstadt im Osten Deutschlands, das größte Zentrum zwischen Berlin und der deutsch-polnischen Grenze. Hugo Kinne, der Oberbürgermeister der Jahre 1925-1933, hat dazu gesagt: "Wir als die größte Stadt in der Ostmark betrachten es als heilige Pflicht, den Wall zu bilden gegen das andringende Slawentum."

In den Jahren 1928 bis 1939 wurde die Oderstellung gebaut, eine Befestigungslinie zwischen Breslau und Crossen, die Deutschland vor einem polnischen Angriff schützen sollte – sie ergänzte den Ostwall und die Pommernstellung. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie noch einmal modernisiert, aber den Offensiven aus dem Osten konnte sie nicht standhalten. Gleiches gilt für die Festungen Breslau und Küstrin, die ebenfalls an der Oder lagen. Dagegen forderte die Schlacht an der Seelower Höhen gegenüber von Küstrin 50.000 Opfer. Blutig war auch der Durchbruch über die Oder nördlich von Küstrin. In diesen Ortschaften wird bis heute an die Schlachten erinnert.

Als Polen 1945 die Westgebiete übernahm, wurde betont, dass die Oder ein wichtiger Teil ihres Schutzes sei. Symbol dessen wurde die Demonstration "Halten wir an der Oder Wacht", die am 13. und 14. April in Stettin organisiert wurde. Damals hieß es, dass entlang der Grenzoder ein "Volkswall" entstehe, der Polen vor der deutschen Gefahr beschütze. Angesiedelt wurden vor allem demobilisierte Soldaten, gleichzeitig wurde ein strenges Grenzregime eingeführt.

Heute sind die militärischen Bauten entlang der Oder eine Touristenattraktion, etwa in Swinemünde (das preußische Fort) oder die Oderstellung bei Cigacice. Erneuert wurden die Befestigungen in Küstrin, die die bis auf die Grundmauer zerstörte Altstadt umgeben – das Pompeji des Nordens.

In Stettin, Gartz und Eisenhüttenstadt sind Reste einer zerstörten Brücke aus dem Krieg erhalten. An das Grenzregime nach dem Krieg erinnern die Eisenbahnbrücke bei Siekierki, die verrosteten Schleusen im Zwischenoderland und die nicht mehr betriebenen Fähranleger.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)