Dossierbild Geschichte im Fluss

14.5.2012 | Von:
Mathias Enger

Weite und Wasser

Die DDR machte aus dem Stettiner Haff das Oderhaff. An die zweitgrößte Stadt am Fluss sollte nicht erinnert werden. Nun heißt das Haff wieder nach Stettin – und die Naturlandschaft ist so bezaubernd wie eh und je. Auf der polnischen wie auf der deutschen Seite.

Abends am Stettiner HaffAbends am Stettiner Haff (© Inka Schwand)

Ich stehe auf einem Holzsteg. Wasser, nichts als Wasser und wie von Künstlerhand drapiert einige Segelboote irgendwo in der Ferne. Der Dammsche See, Polens viertgrößtes Binnengewässer, ist zugleich ein mögliches Ende der Oder.

Hier bei Stettin ist sie plötzlich verschwunden, die, die so stolz durch Breslau fließt, die sich im Oderbruch hollandisieren ließ und die im Unteren Odertal zum Nationalpark erklärt wurde, ist einfach weg.

Im Norden der polnischen Hafen- und Großstadt verliert sich die Oder zwischen Papenwasser, Dammschem See und Stettiner Haff. Letzteres durfte noch eine kurze Episode lang seinen alten Namen aus der DDR-Zeit tragen. Doch schon die ersten nach dem Versinken der demokratischen deutschen Republik neu gedruckten Karten machten aus dem Oderhaff wieder das Stettiner Haff.

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Quadratkilometer groß ist das Oderhaff oder Stettinerhaff. Es ist damit größer als das Frische Haff mit 840 Quadratkilometern. Weitaus größer aber ist das Kurische Haff im Mündnungsgebiet der Memel. Es hat eine Größe von 1.584 Quadratkilometern.



Das alles war vor etwa 20 Jahren, und auf dem Holzsteg stand ein Herr neben mir, der sehr schnell merkte, dass ich deutsch verstehe. Also muss ich wohl ein Verbündeter sein, dem man es ja sagen kann, dass dieses Land, so weit und schön, doch gar nicht Polen sei. Wir müssten es uns ja eigentlich zurückholen, sagte dieser Mann aus dem großen Frankfurt, das nicht an der Oder liegt, und redete dabei mit einem sehr hessischen Akzent.

Zeit der Heimattouristen

Zwischen Altwarp und Nowe Warpno auf dem Stettiner Haff.Zwischen Altwarp und Nowe Warpno auf dem Stettiner Haff. (© Inka Schwand)
Damals, Anfang der 90er Jahre, die Grenzen waren gerade ohne Visa passierbar geworden, bestanden wohl die meisten Reisegruppen, die sich in diese Gegend trauten, aus "Heimattouristen". Sie suchten die Heimat der Eltern und Großeltern, kamen in Bussen und wurden rundum betreut von Reiseleitern der alten Schule. Für diese Reisenden, die wenigsten redeten so wie jener Hesse, war Stettin und die Region am Stettiner Haff zumeist nur Zwischenstopp auf dem Weg nach Hinterpommern, Danzig oder Ostpreußen.

Hotels wurden modernisiert oder neu gebaut, und die Welt der Taxifahrer blühte auf. Sie waren die Dienstleister für die individuelle Spritztour am Rande der Gruppenreise. Bei ihnen wurde Geld gewechselt, und zumeist besaßen sie eine Liste alter deutscher Ortsnamen, um schnell verstehen zu können, wohin die Erinnerung den deutschen Gast führen sollte.

Heute fehlen diese Busse fast gänzlich, und auch die Taxifahrer sind um 20 Jahre gealtert. Oft haben sie ihren Job schon an den Nagel gehängt. Vielleicht trifft der eine oder andere von ihnen auf einen damaligen Kunden, wenn beide sich zufällig zur Kur in ein Sanatorium an der Ostsee begeben. Denn dorthin fahren heute die Busse und holen nach zwei Wochen ihre Kundschaft wieder ab, Rheumadeckenverkauf inklusive.

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Information

Das Stettiner Haff, auf Polnisch Zalew Szczeciński, ist nach dem Kurischen Haff das zweitgrößte Haff in der Ostsee. Hier mündet die Oder nach 860 Kilometer Länge. Das Haff wiederum entwässert über die Peene, die Swine (Swina) und die Dievenow (Dziwna) in die Ostsee. Den nördlichen Teil auf der deutschen Seite bildet die Südseite der Insel Usedom mit dem reizvollen Hafen Kamminke. Ebenfalls auf der deutschen Seite liegt Ueckermünde mit seinem Haffstrand. Auf der polnischen Seite begrenzen der Süden der Insel Wollin und die Ostküste bei Kopice das Haff. Bei Trzebież (Ziegenort) beginnt der Mündungstrichter der Oder. Nach dem Wegfall der Grenzen kann man das Haff, zum Beispiel mit dem Fahrrad mühelos umrunden.
Auf der linken Seite des Haffes ließ sich damals Ähnliches beobachten, und doch war es hier ganz anders. Heimattourismus ja, aber weniger per Reisebus. Die neugierigen Wessis, die sich in den ersten Jahren der neuen Bundesrepublik bis ans Haff oder auf die Insel Usedom wagten, kamen mit dem eigenen Wagen. Doch dank der teils langen Schlangen an den Grenzkontrollen oder der Wirkung der bekanntesten Polenwitze blieben die meisten von ihnen auf der deutschen Seite.

Mitte der 90er Jahre veränderte sich die Lage. Das Stichwort der Stunde lautete "grenzüberschreitende Zusammenarbeit". Unzählige Planungsbüros hatten den wilden Osten entdeckt, und jeder Kommunalpolitiker führte den "Ausbau touristischer Strukturen" oder noch besser "die Schaffung gemeinsamer touristischer Produkte" im Munde.

Zahlreiche gute Ideen wurden geboren, wie etwa der "Internationale Radrundweg rund ums Stettiner Haff". Die "Naturfreunde Internationale" erklärte die Odermündung zur "Europäischen Landschaft des Jahres". Gemeinden schlossen sich zur Euroregion zusammen. Vereine und Initiativen entstanden und lernten sich trotz Grenze und Sprachhürden kennen.


Zum Weiterlesen

Die Oder

  • Uwe Rada: Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. Siedler Verlag (2009). Die erste Biografie des Stromes, der Deutsche und Polen verbindet und nicht mehr trennt. "Dieses Buch ist längst fällig gewesen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

  • Karl Schlögel/Beata Halicka (Hg.): Oder-Odra. Blicke auf einen europäischen Strom. Peter Lang Verlag (2007). Autoren aus Tschechien, Polen und Deutschland über die Rekonstruktion des Kulturraums Oder. "Das Buch ist mehr als nur ein Konferenzband." (Inter Finitimos)

  • Wolfgang Tschechne: Große Oder, großer Strom. Bergstadt Verlag Wilhelm Gottlieb Korn (2006). Eine Reise entlang des Stroms von der Quelle bis zur Mündung.

  • Institut für angewandte Geschichte (Hg.): Terra Transoderana. Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska. Bebra Verlag (2008). Ein Almanach zu einer Brückenregion, deren Geschichte wieder entdeckt wird. "Und der Reiz dieses Buches nun liegt auch darin, die Widersprüchlichkeit aufzuzeigen und nach Wegen zu suchen, um zwei zumeist getrennt bestehenden Perspektiven zu verbinden." (Kulturradio)