Dossierbild Geschichte im Fluss

6.8.2012 | Von:
Uwe Rada

Basel feiert den Rhein

Bis in die achtziger Jahre war der Rhein auch in Basel ein Abflussrohr für Industriemüll. Doch dann wurde der Rhein sauber, und die Basler warfen sich in seine Fluten. Inzwischen soll sogar die ehemalige Rheininsel im Hafen wieder entstehen. Als neuer schicker Stadtteil im Fluss.

Wickelfisch und Strandkabine

Soll ich, oder soll ich nicht? Vor mir prangt am Kleinbaseler Rheinufer der bunte Schriftzug des "Rhy-Lädeli" und lockt mit dem, was alle haben, nur ich nicht: Einen wasserdichten Sack namens "Wickelfisch" für die Klamotten und eine mobile "Strandkabine" fürs umziehen. Einmal um die eigene Achse gedreht, bedeutet mir der Rhein: Ja, ich soll!

Blick von der Mittleren Brücke auf das Kleinbaseler Ufer.Blick von der Mittleren Brücke auf das Kleinbaseler Ufer. (© Inka Schwand)

Für 55 Schweizer Franken sichere ich mir Wickelfisch und Strandkabine, obwohl mich die Inhaberin des "Rhy-Lädeli" mit so verblüffender Unlust bedient als hätte ich soeben das Schweizer Bankgeheimnis gelüftet. "Was wollen sie wissen?" - "Ob der Wickelfisch wirklich wasserfest ist. Ich habe mein Handy dabei." - "Entweder etwas ist wasserdicht, oder es ist nicht wasserdicht." - "Also ist er wasserdicht." - "Wollen Sie jetzt eine Garantie oder was?" Solche Dialoge kenne ich sonst nur von der Spree.

Doch nach Kaufboykott ist mir nicht zumute, ich will in den Rhein. So wie Hunderte und vielleicht Tausende an diesem heißen Dreißiggradtag nahe dem Dreiländereck Schweiz, Deutschland, Frankreich. Schon auf der Mittleren, auf Baslerdeutsch also der ältesten Rheinbrücke, habe ich sie gesehen: Mit hoch gestreckten Köpfen, die Arme fest um den Sack geschlungen, rauschen sie mitten im Fluss wie eine Korkenarmee rheinabwärts. Manche haben sogar Flöße gezimmert, auf denen sie Partygut und Fahrräder transportieren. Andere schwimmen ganz ohne Beiwerk. Einen schier unerschöpflichen Nachschub bekommt der Fluss an Rheinschwimmern. Woher er kommt, konnte ich auf der Mittleren Brücke nicht in Erfahrung bringen. Die Rheinschwimmer kommen stromaufwärts geblickt um die Ecke – und machen ganz beiläufig dem Rheinknie ihre Aufwartung, jenem Ort, an dem der Hochrhein endet und der Oberrhein beginnt.

„Für die Nacktheit des verengten Rheinufers unterhalb Bingen erhält der Landschaftskenner keine Entschädigung. Die Hügel zu beiden Seiten haben nicht jene stolze, imposante Höhe, die den Beobachter mit einem mächtigen Eindruck verstummen heißt; ihre Einförmigkeit ermüdet endlich, und wenngleich die Spuren von künstlichem Anbau an ihrem jähen Gehänge zuweilen einen verwegenen Fleiß verraten, so erwecken sie doch immer auch die Vorstellung von kindischer Kleinfügigkeit. Das Gemäuer verfallener Ritterfesten ist eine prachtvolle Verzierung dieser Szene; allein es liegt im Geschmack ihrer Bauart eine gewisse Ähnlichkeit mit den verwitterten Felsspitzen, wobei man den so unentbehrlichen Kontrast der Formen sehr vermisst.“

Georg Forster, 1790

„Ja, mein Freund, der Rhein ist ein edler Fluss: aristokratisch, republikanisch, kaiserlich, würdig, sowohl Frankreich als auch Deutschland anzugehören.“

Victor Hugo, 1842

„Wo heute noch der laute und wirre Jahrmarkt der Eitelkeiten tummelt, kann morgen der Garten der deutsch-französischen Freundschaft im Licht stehen. Nur hier.“

René Schickele, 1932

„Geboren bin ich in Köln, wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufließt.“

Heinrich Böll, 1959

Woher und Wohin?

Jedesmal, wenn ich in eine neue Stadt komme, suche ich als erstes den Fluss. Das gibt mir Orientierung, weil mich der Fluss, auch wenn ich fremd bin, mit Orten verbindet, die ich kenne. Vom Bodensee kommt der Hochrhein nach Basel, dort habe ich in Kressbronn bei Lindau als Kind meine Sommerferien verbracht. Gen Europabrücke zwischen Straßburg und Kehl fließt der Oberrhein, die Brücke überquerten wir, wenn wir in den siebziger Jahren zum Onkel nach Illkirch-Graffenstaden fuhren. Dort staunte ich dann über die Autos mit den gelben Augen und die Zigaretten, die nicht qualmten, sondern stanken.

Blick vom Hafen auf den Oberrhein und den Campus Novartis.Blick vom Hafen auf den Oberrhein und den Campus Novartis. (© Inka Schwand)
Womit ich nicht gerechnet habe: In Basel braucht der Rhein kein Woher und kein Wohin. So innig sind die Basler mit ihrem Fluss verwachsen, dass mir kein Vergleich einfällt für eine solche Symbiose. Was hatte ich erwartet? Die Abflussröhre von Sandoz und Ciba-Geigy, die sich nun, fusioniert, Novartis nennen? Die Schornsteine von Hoffmann-La Roche? Noch immer Fische, die mit dem Bauch nach oben in einer Kloake treiben?

Plötzlich wieder ein Fluss



Patrick Marcolli kennt die Geschichte der Basler und ihres Flusses. Er ist ein Kind der Stadt, ein Kind des Rheins war er nicht. "In den siebziger Jahren war der Rhein praktisch nicht existent. Alle haben sich von ihm abgewandt. Selbst die Mieten waren am Rheinufer billiger als in der Altstadt." Spuren dieser Missachtung sieht man noch heute. Ein paar Häuser neben dem "Rhy-Lädeli" befindet sich in bester Kleinbaseler Uferlage das Männerheim "Rheinblick". Welche Stadt kann das von sich behaupten: Eine Villa am Wasser für die Bedürftigsten?

Patrick Marcolli kennt nicht nur die Geschichte des abwesenden Rheins, er hat auch seine Wiederentdeckung erlebt. "Das war nach 1986, nach dem Unglück in Schweizerhalle", sagt er. "Das Datum kennt in Basel jeder, das war eine richtige Zäsur." Marcolli kann sich noch erinnern, wie plötzlich alles anders war als sonst. Wie die Basler fassungslos vernahmen, dass im Chemiewerk Schweizerhalle von Sandoz eine Lagerhalle mit einem Fassungsvermögen von 1.350 Tonnen Chemikalien brannte. Wie die 170.000 Basler über Lautsprecher aufgefordert wurden, ihre Fenster zu schließen. Wie die gesamte Aalpopulation auf einer Länge von 400 Flusskilometern vernichtet wurde. Wie sich der Rhein infolge des Löschwassers, dass in den Fluss geleitet wurde, blutrot färbte.

Sechzehn Jahre alt war Marcolli an jenem 1. November 1986. "Wir haben es in den Nachrichten gehört, meine Mutter hat in der Schule angerufen. Dürfen wir in die Schule oder nicht?" Der Schulleiter sagte: Ihr dürft nicht nur, ihr müsst. Es bestehe keine Gefahr. "Am Abend hieß es plötzlich, wir dürften am nächsten Tag doch nicht mehr in die Schule." Da hatte Patrick Marcolli schon in den blutroten Rhein geschaut.

"An diesem Tag erwachte in Basel das Umweltbewusstsein", erinnert sich Marcolli. "Es waren die Bürger und nicht die Industrie, den den Rhein gerettet haben. Überall gab es Demonstrationen, ich war auch dabei." Das Bild von den Protesten verbreitete sich rasch zwischen Bodensee und Nordsee. Wütend auf die Industrie, die den Rhein zum Abwasserkanal gemacht hatte, hatten die Basler ihre Brücken besetzt. "Plötzlich war der Rhein unser Rhein", weiß Marcolli. "Das haben wir uns bis heute nicht mehr nehmen lassen."

Schweizerhalle und 1986, das teilt die Geschichte der Menschen und ihres Flusses in ein Vorher und ein Nachher. Bald wurde der Fluss sauberer. Schenkte man ihm wieder Aufmerksamkeit. Ging man am Ufer spazieren. Sprang in sein Wasser. Marcolli hat die Geschichte dieser Entdeckung als Redakteur der Basler Zeitung begleitet. Hat beobachtet wie der öffentliche Raum immer mehr genutzt wurde. Wie sich die Basler vor ihrem Fluss verneigten. Wie die innige Umarmung entstand, die mich an diesem Dreißiggradtag von den kühlen Fluten träumen und bei einer grimmigen Ladenbesitzerin 55 Schweizer Franken liegen lässt.

Faszinosum Rhein



Die Literatur weiß, dass es ein Vorher und ein Nachher am Rhein schon vor der Zäsur von Schweizerhalle gab. Voller Enthusiasmus etwa reimte Johann Peter Hebel in seinem Gedicht Erinnerung an Basel:

"Z'Basel an mim Rhi,
ja dört möchti si!
Weiht nit d'Luft so mild und lau,
und der Himmel isch so blau
an mim liebe Rhi!"


Auch den Franzosen blieb der Reiz des Rheinknies in Basel nicht verborgen. Lange nach Hebel, dessen Gedicht bald vertont und zur Hymne der Stadt wurde, begab sich 1845 Victor Hugo auf eine Rheinreise – und notierte erstaunt:

"Das Spiegelbild der Brücke sieht aus wie eine Riesenleiter, die man von einem Ufer zum andern gelegt hat. (…) Das alles lacht, singt, spricht, schwatzt, quillt, kriecht, flieht, geht, tanzt, glänzt in einem Ring von hohen Bergen, der sich nur am Horizont öffnet, um dem Rhein Einlass zu gewähren."

Beide Texte stammen aus dem Büchlein Basel erlesen, das Barbara Piatti und David Marc Hoffmann für den Lojze Wieser Verlag zusammengestellt haben. Ich habe es ins Reisegepäck genommen, weil ich etwas wissen wollte über das Verhältnis der Basler und der Baselbesucher zum Rhein. Doch die Herausgeber haben mir die Arbeit abgenommen. Im Nachwort ihrer hübschen Anthologie stellen sie fest: "Eine Stadt am Fluss – immer wieder ist von Brücken die Rede, vom Rheinufer, vom Wasser, das Basel in zwei Hälften teilt, in das reiche Großbasel und das ärmere Kleinbasel. Der Rhein ist die heimliche Hauptfigur in den hier versammelten Texten, beinahe kein Autor, keine Autorin lässt ihn unerwähnt: Rund hundertfünfzig Mal fällt sein Name." Julien Green, den Amerikaner in Basel, erinnerte der Rhein "mit seinen lehmfarbenen Wassern" sogar "an einen amerikanischen Fluss, dessen Dimensionen er im lauten Getöse seines Gefälles annimmt".

Leider ist in Basel erlesen nichts über das Nachher zu erfahren. Wie schmeckte den Baslern der Rhein als er stank und strahlte? Wann wurde das Kleinbaseler Ufer, das sie heute "Riviera" nennen, zum Hinterhof der Stadt und der "Rheinblick" zum Zufluchtsort für Gestrandete?


Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.