Dossierbild Geschichte im Fluss

6.8.2012 | Von:
Uwe Rada

Basel feiert den Rhein

Die Buvetten

Rheinaufwärts, an der Basler Küste wird nicht groß gedacht, sondern lokal. Sehr lokal. Als Jérôme Beurret, der Inhaber des Restaurants "Rhyschänzli" im Frühjahr 2012 seine Kasernen-Buvette öffnen wollte, hagelte es Proteste von den Anwohnern. Zu laut, zu viele "Wildpinkler", überhaupt sei das hier keine Küste, sondern ein ordentliches Wohngebiet.

Jérôme Beurret ist einer von drei Buvetten-Betreibern in Basel. Neben seiner Kasernen-Buvette, die unterhalb des gleichnamigen Kulturzentrums ihren Platz gefunden hat, gibt es seit 2006 die Dreirosen-Buvette von Dana Poeschel. Die dritte Buvette steht am Ufer Höhe Oettlinger-Straße. Wäre es nach der Allmende-Verwaltung gegangen, die in Basel für den öffentlichen Raum zuständig ist, hätte 2012 auch noch eine Buvette an der Florastraße eröffnet. Denn die stilvoll angestrichenen Restaurant-Container mit den Stühlen am Rheinufer gehören zur "Mediterranisierung" in Basel, die das "Draußensein" zelebriert. So sieht es die Stadt.

Andere sehen das nciht so. Bei der Buvette an der Florastraße hatten diejenigen Erfolg, denen weniger am "Draußen-Sein" als am "Nach Draußen-Schauen" und ansonsten an Ruhe gelegen ist. In Basel tobt ein Kulturkampf um den öffentlichen Raum am Rhein, und so bald wird er nicht zu Ende sein. Die Basler Verwaltung, in vergangenen Jahren eher Verhindererin als Ermöglicherin, hat sich nämlich auf die Seite der Open-Air Freunde und der "Basler Küste" geschlagen. Mittelfristig seien sogar neun Buvetten-Standorte möglich, heißt es in einem Konzept, das die Stadt Basel im Oktober 2011 vorgelegt hat.

Buvette, noch so eine lokale Kultur, die der Globalisierung trotzt. Die Übersetzungsmaschinen im Internet wissen auch nicht so recht, wie sie die Basler Sommer-Container einordnen sollen: "Refreshment Bar" schlägt die englische Übersetzung vor, "Buffet" die deutsche. Die Basler selbst verzichten ohnehin auf Übersetzungen. Aber vielleicht reiht sich Buvette einfach ein in die "B"'s der Basler Küste, die die Basler Zeitung aufzählt: "Boule-Spieler sind da, Ballspieler auch, Bücherleser, Bikini-Trägerinnen, Bong-Raucher, Büchsenbiertrinker, Badelatschen, Bratwürste auf Grills, Bronzehaut da und dort und der Himmel ist so blau."

Vor der Uferstraße 90 ist von alldem nichts zu sehen. Brachen gibt es hier, wo einmal "Rheinhattan" entstehen soll, industrielle Hinterlassenschaften, Zäune. Nun soll die Küste in Basel verlängert werden. "Ein Kulturschiff ist schon da", freut sich Marc Keller und spricht von den Pioniernutzungen, mit denen die Entwicklung der neuen Rheininsel beginnen soll. "Im nächsten Jahr wird es dann auch hier eine Buvette geben", ist er sich sicher. Nur schwimmen wird man dann noch immer nicht dürfen.

Tradition am Rhein

Das Schwimmen im Rhein gehört in Basel zur Sommerfrische.Das Schwimmen im Rhein gehört in Basel zur Sommerfrische. (© Inka Schwand)
Der Kulturkampf in Basel hat auch das Großbasler Ufer erreicht, erzählt mit der Fährmann, als ich mit der "Münsterfähre" übersetze. Noch immer sind die vier traditionellen Basler Fähren in Betrieb, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts den Verkehr über den Fluss sicherten. Damals war die Mittlere Brücke die einzige Brücke über den Rhein.

Inzwischen gehören die Basler Fähren den Touristen. "Und die fragen immer wieder, wie sie in Großbasel zum Anleger kommen", klagt der "Fährimaa", der Fährmann. Ein durchgängiger Uferweg auf der Altstadtseite fehlt – und so wird das auch bleiben. "Ein Uferweg auf einem Steg sollte hier entstehen", ärgert sich der Fährimaa, "doch die Konservativen haben es verhindert. Die Konservativen, das sich die Traditionalisten, die Heimatschützer, wie sie sich in Basel nennen. Der Blick aufs Münster, verunstaltet mit einem Uferweg? Undenkbar! Auch das gehört wohl zur schrullig-schrägen Lokalkultur.

Gut zu wissen, dass wenigstens die Kleinbasler auf Distanz gehen. Sogar einen eigenen Feiertag haben sie drüben, im Armeleutebasel. Gewidmet ist er dem "Vogel Gryff", dem heraldischen Wappentier von Kleinbasel. Immer im Februar feiern sie ihren Greif. Ein Floß kommt dann den Rhein herab, man nennt es die "Rheinfahrt des Wilden Mannes", erklärt der Fährimaa. "So gibt es also eine Kleinbasler Konkurrenz zur Basler Fastnacht."

Ich weiß nicht so recht, ob ich dem Fährmann glauben soll. In einer Broschüre, die ich mir gegriffen habe, heißt es, dass die Leute auf der Fähre so allerhand Geschichten erzählen. Sogar ein geflügeltes Wort haben sie in Basel dafür gefunden: "Verzell du daas em Fäärimaa!"

Scherben bringen Glück

Wann, wenn nicht jetzt. Die Klamotten sind im Wickelfisch verstaut. Der Sack sieben Mal gewickelt, so steht es auf der Gebrauchsanleitung. Hat die Frau im "Rhy-Lädeli" das nicht gelesen? Egal. Rein den Zeh in den Rhein, dann einen Fuß, dann den ganzen Rheinschwimmer. Die Strömung zerrt, ich gebe mich ihr hin, dann bin ich Teil des Flusses, er führt mich in atemberaubender Geschwindigkeit stromabwärts. Wie lange würde ich wohl brauchen bis zur Europabrücke, bis zur Loreley, zum Kölner Dom oder zum Hafen in Rotterdam.

Das Manövrieren erfordert Geschick. Nur mit Mühe steuere ich an einer Boje vorbei, die plötzlich vor mir auftauchte. Das nächste Hindernis ist das Kulturfloß. Rechts oder links vorbei. Ich entscheide mich für rechts und schwimme wie wild Richtung Ufer. Steinufer. Trete in eine Scherbe. Scherbenufer. Komme blutend an Land. Bringen Rheinscherben Glück?

Eine halbe Stunde später ist alles vergessen. Die Mitarbeiter des Open Air Festivals "Im Fluss" hatten Kompresse und Mullbinde parat. "Passiert hier öfter", sagte einer und zog den Mund breit. Auf der Promenade pilgern sie noch immer mit ihren orangen Wickelfischen stromaufwärts. Die, die den Rhein hinunter treiben, steigen spätestens an der Kasernenbuvette aus dem Fluss. Bis zur Rheininsel ist es noch ein weiter Weg, denke ich, und nippe an einem Glas Weißwein. Ob die neue Buvette die beiden Welten in Basel tatsächlich verbinden kann? Sieben Kilometer lang wäre dann die Basler Küste, von der Eisenbahnbrücke bis zur deutschen Grenze.

So ganz scheint auch Marc Keller, der Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements, noch nicht an die Rheininsel zu glauben. "10.000 Menschen könnten auf der Insel wohnen", hatte er gesagt, als er sich über das Modell von "3Land" gebeugt hatte. Erst auf mehrfaches Nachfragen räumte er ein, dass Basel nicht wachse, sondern sogar Einwohner verliere. Aber vielleicht retten ja Deutschland und Frankreich das neue, schicke Rheinprojekt. Die Fußgängerbrücke zwischen Weil und Huningue überqueren täglich Tausende. Aber das ist eine andere Geschichte aus dem Dreiland, das allerdings einen gemeinsamen Nenner hat: Einen Fluss, den man wieder feiert.

Auch an der Basler Küste feiern sie an diesem Abend. Bei "Im Fluss" spielt die britische Indieband "Fanfarlo" Post-New-Wave. Vielleicht 5.000 Zuhörer haben sich am Ufer in Kleinbasel versammelt. Der Marktplatz in Großbasel ist dagegen leer. 25 Jahre nach Schweizerhalle hat der Rhein Basel eine neues Zentrum geschenkt.


Zum Weiterlesen

Der Rhein

  • Lucien Febvre: Der Rhein und seine Geschichte. Campus Verlag (2006): Der Klassiker der Rheinliteratur. Febvre beschreibt den Rhein erstmals aus einer übernationalen Perspektive. "Lucien Febvre ist der Aufklärung verpflichtet." (Die Zeit)

  • Horst Johannes Tümmers: Der Rhein. Ein europäischer Fluss und seine Geschichte. Beck Verlag München (1994). Tümmers hat sich die Geschichte des Stromes zu Fuß erlaufen. Noch immer ein Standardwerk. "Ein generalistisches, im besten Sinne gelehrtes, informatives und nicht zuletzt aufrüttelndes Buch." (Sehepunkte)

  • Gertrude Cepl-Kaufmann/Antje Johanning: Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes. Primus Verlag (2003). Die Geschichte des Rheins als literarische Geschichte. "Ein origineller Ansatz zu einer Kulturgeschichte." (NZZ)

  • Karen Denni: Rheinüberschreitungen. Grenzüberwindungen. UVK-Verlag (2008). Karen Denni schreibt die Geschichte der Brücken zwischen Straßburg und Kehl und mit ihr ein Stück deutsch-französische Geschichte.