Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Ivan Ivanji

Meine Donau

Ich bin ein Donauanrainer. Schon als Kind habe ich Europas Karten nach den Flüssen gezeichnet. Der Badestrand von Novi Sad war der schönste, den es gab. Nur waren meine Eltern so ungeschickt, als Juden auf die Welt zu kommen.

Die Donau mit der neuen Freiheitsbrücke in Novi SadDie Donau mit der neuen Freiheitsbrücke in Novi Sad (© Wikimedia)

Landkarte mit Flüssen

Mein Geburtsort liegt an einem Wasserlauf, der so oft von Menschenhand verändert worden ist, dass man ihn nicht als Fluss, sondern als Kanal bezeichnet. Er heißt Bega und mündet in den aus Ungarn kommenden Strom Theiß, die Theiß danach in die Donau. Deshalb darf ich mich einen Donauanrainer nennen.

Auf der ersten Landkarte, die ich in der Schule für den Geographieunterricht erhielt, ist der Doppelkanal Bega mit zwei ganz dünnen blauen Strichen eingetragen, die schräg von rechts oben – dem Nordosten – nach links unten – Südwesten – führen. Dort begegnen sie einer etwas dickeren blauen Linie, der Theiß, die sich fast geradeaus von oben nach unten erstreckt. Die Donau ist ein viel besser bemerkbarer, dicker, manchmal verkrampfter, sich verdünnender oder verdickender Strich. Der fällt Richtung Nord-Süd in Jugoslawien ein, macht dann einen Knick nach rechts, fährt dem Osten zu, mit wieder einem Knick läuft er nach unten, sucht kurz wieder den Süden und macht einen weiteren Knick endgültig nach rechts, obwohl er noch verschiedene komplizierte Schlingen weiter bis zur blauen Fläche des Schwarzen Meeres ziehen wird. Ziemlich genau an der Mitte zwischen den beiden Knicks liegt die Stadt Novi Sad, auf Deutsch Neusatz, auf Ungarisch Ujvidék.

Die Landkarte mit diesen Flüssen kann ich jederzeit ziemlich genau zeichnen. Ich musste sie als zehnjähriger Schüler auf Pauspapier kopieren. Auf ihr beruht heute noch mein Bild von meiner Heimat. Die blauen Flusslinien wirken wie Adern in einem anatomischen Atlas. Die Donau als Schlagader?

Der Donaustrand in Novi SadDer Donaustrand in Novi Sad (© Wikimedia)

Der Badestrand von Novi Sad

Meine wichtigsten Erinnerungen an die Donau stammen aus dem Sommer 1941. Damals waren meine Eltern, die so ungeschickt gewesen sind als Juden zur Welt zu kommen, schon verhaftet. Meine Tante, die Frau des älteren Bruders meines Vaters, die vernünftigerweise Deutsche war, nahm mich zu sich nach Novi Sad. Die Region Batschka, deren Hauptstadt Novi Sad ist, war von Horthys faschistischen Ungarn besetzt.

Der Badestrand von Novi Sad ist weltweit einer der schönsten Flussstrände, die es gibt. Dachte ich damals und glaube es immer noch. Er ist mehrere Kilometer lang, ausgestattet mit seltsam gebauten, architektonisch verschieden gestalteten Umkleidekabinen aus solidem Holz, manche von ihnen mit kleinen, überflüssigen Türmen. Entlang des Strandes befanden sich mehrere Cafés und Restaurants auf feinem, aber festen, hellbraunen Sand, der kein Staub, sondern grobkörnig ist, so dass man ziemlich feste Sandburgen bauen kann.

In einem Bootshaus hatte mein Onkel einen Platz für sein Ruderboot mit Rollsitz gemietet und seine Familie, zu der ich jetzt auch gehörte, konnte dort eine große Kabine zum Umziehen benutzen. Ich durfte manchmal auch allein auf den Fluss hinausrudern, weil ich in meiner Heimatstadt an der Bega schon so einen ähnlichen Kahn gehabt habe.

Als Knabe allein auf der breiten Donau habe ich mich trotz allem frei gefühlt.

Die Strömung der Donau bei Novi Sad ist so stark, dass kaum jemand fähig ist flussaufwärts zu schwimmen, aber man spaziert, so lange man Lust hat, in diese Richtung, steigt dann ins Wasser und lässt sich bequem flussabwärts treiben. Oder man spielt im Sand. Wenn man ein Kind ist. Ich war damals zwölf Jahre alt. Die Erwachsenen tranken Bier und spielten Karten.

Mein Onkel hatte mir einen Taschenkalender aus dem vorigen Jahr geschenkt, in dem Verkehrszeichen in Farbe abgebildet waren. Ich klebte sie auf ein Stück Karton, schnitt vorsichtig die Gebots- und Verbotszeichen aus und befestigte sie an Streichhölzern. Dann machte ich Berge aus Sand, führte Straßen mit vielen Kurven durch diese Landschaft und bestückte sie mit meinen Tafeln. Winzige Zweige pflanzte ich als Bäume am Straßenrand. Mitunter führte der Weg durch Tunnels, der vorsichtig benetzte Sand hielt das aus.

Nun wäre das Spielfeld für Spielzeugautos gefahrlos zu befahren gewesen. Tatsächlich hoffte ich jeden Abend, mein Werk am nächsten Morgen ausnahmsweise heil wieder vorzufinden, aber anstatt erfüllter Hoffnungen erlebte ich Enttäuschungen, meine Landschaft im Sand wurde immer wieder von achtlosen Menschenfüßen zertrampelt. Freilich war ich immer vorsichtig genug, wenigstens die Verkehrszeichen einzusammeln und mit nach Hause zu nehmen. Die Sandwelt konnte ich ja wieder aufbauen, aber wenn die selbstgebastelten Verkehrszeichen verloren gegangen wären, hätte ich für sie keinen Ersatz gefunden.

Wo sind meine Eltern?

Ich kann mich nicht erinnern, wer mir gesagt hat, dass meine Eltern in Belgrad in einem Lager seien. Auch nicht, was ich mir damals unter einem Lager vorgestellt habe. An manchen Tagen pflückte ich Feldblumen am Donauufer und ging zum Hafen, um auf Schiffe aus Belgrad zu warten. Vielleicht würden sie ankommen und ich stünde da, um sie zu begrüßen. Das wäre eine große Überraschung für sie gewesen. Schiffe legten an, Menschen stiegen aus und gingen achtlos an mir vorbei. Zwischen Bootsrand und Steg plätscherte die Donau. Am späten Nachmittag, wenn keine Schiffe mehr erwartet wurden, warf ich die Blumen weg. Ich hätte sie für meine Tante mit nach Hause bringen können, die hätte sich gefreut, aber ich konnte nicht, sie waren nicht für sie bestimmt.

Dann wieder am Strand, der schon seit Jahrzehnten, seit 1911, eine offizielle Badeanstalt war. In Österreich-Ungarn. Danach im Königreich Jugoslawien. Jetzt von ungarischen Truppen besetzt. Der Donau scheint das gleichgültig zu sein.

Manchmal lag ich einfach nur im heißen Sand und beobachtete den Himmel mit seinen verspielten Wolken. Und die Bäume. Auch heute noch wird der Badestrand in Novi Sad von Spalieren hoher, wunderbarer Pappeln bewacht. Im Krieg sind sie, Gott sei dank, trotz Frost und Tod nicht abgeholzt worden. Gezählt habe ich sie nie. Es müssen viele Hunderte sein, kilometerlang mehrere Reihen von Pappeln.

Mir fehlt ein Wort

Viel später habe ich einen Aufsatz von Kurt Tucholsky mit dem Titel Mir fehlt ein Wort gelesen. Mir fehlt hier eben dasselbe Wort. Freilich wusste ich damals nichts von diesem Dichter und dass er sich wegen der Leute, die ein Hakenkreuz auf dem Rockärmel trugen, umgebracht hatte, obwohl er schon in Sicherheit in Schweden war. Dazu muss ich feststellen, dass ich im Sommer 1941 genau so wenig wusste, wo meine Eltern waren, und dass man sie vielleicht im diesem selben Augenblick folterte, erniedrigte oder umbrachte, während ich…

Ich beobachtete faul und gedankenlos die schiefergraue Donau und die Pappeln. Tucholsky hatte eigentlich über Birken geschrieben, aber was ist das schon für ein Unterschied?

"Ich werde ins Grab sinken", heißt es bei ihm, "ohne zu wissen, was die Blätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Äste; die Blätter zittern so schnell hin und her, dass sie… was? Man kann allenfalls sagen: die Blätter flimmern… aber es ist nicht das. Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst. Steht bei Goethe. Blattgeriesel? Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit zu diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre…", schrieb Tucholsky, ist aber bei mir genau so der Fall, auch meine großen Bücherregale sind so weit vom Schreibtisch entfernt. "Ich werde sterben", sagt Tucholsky, "und es nicht gesagt haben…" Ich werde auch nicht sagen können, was ich jetzt gerade so gerne sagen möchte.

Die Donau, im Sommer 1941 mit meinen zwölfjährigen Augen gesehen, ist genau so schwierig, so unmöglich zu beschreiben wie die Birken- oder Pappelblätter und ihre Bewegung. Mächtig wälzt sie sich dahin. Kein Wellengang wie am Meer, aber um nichts weniger kräftig. Viele Nuancen von Grau. Ich habe schiefergrau gesagt, aber möglicherweise wäre taubengrau besser? Mausgrau nicht. Je nach dem, wie die Sonne steht, leuchtet Grünliches, manchmal doch auch Bläuliches auf. Es funkelt. Oder es vibriert, glänzt, gleißt. Wenn die Abendsonne auf die müde Donau hinunterstrahlt, lodert es manchmal feuerrot auf, aber nur für eine Sekunde.

Über den breiten Fluss streichen weiße Möwen. Wo kommen die her? Wo fliegen sie hin?


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)