Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Uwe Rada

Ulmer Donaugeschichten

Gedenken an die vertriebenen Donauschwaben am Donauufer in Ulm.Gedenken an die vertriebenen Donauschwaben am Donauufer in Ulm. (© Uwe Rada)

Kleiner Fluss, großes Programm

Kleiner Fluss, großes Programm: Vielleicht ist das die Botschaft, die von Ulm ausgeht. Denn anders als in Regensburg oder Passau prägt die Donau in Ulm nicht das Bild der Stadt. "Dennoch gehört die Donau zur Identität der Stadt", glaubt Sabine Meigel, die Leiterin des Ulmer und Neu-Ulmer Donaubüros.

Das hat vor allem mit den Donauschwaben zu tun. Bis Ende des 19. Jahrhunderts zogen die Süddeutschen von Ulm in die Fremde. Es ist tatsächlich eine Geschichte von "Aufbruch und Begegnung", die in Ulm ihren Lauf nahm. Und es ist eine europäische Geschichte von Ankunft und Integration. Bis heute ist die Vojvodina, die ehemalige Batschka, in Serbien ein Ort des Zusammenlebens verschiedener Kulturen.

Die Deutschen aber gehören nicht mehr dazu. Dort, wo die Blau in die Donau mündet wird an dieses jähe Ende des Aufbruchs erinnert. Auf kupfernen Tafeln sind die Siedlungen genannt, die von den Donauschwaben gegründet worden – und doch sind es im Grunde Grabtafeln. Nicht nur die Geburt der Siedlung ist auf ihnen verzeichnet, sondern auch das Ende. In den meisten Fällen war es 1944 oder 1945. Für Titos Partisanen waren die Donauschwaben Deutsche und damit Verräter. Im Banat in Rumänien durften sie zwar noch bleiben, viele aber zogen es in den fünfziger und sechziger Jahren vor, dorthin zurückzukehren, von wo ihre Vorfahren einst aufgebrochen waren.

Diese Geschichte der Rückkehr war oft tabu. "Doch nun", sagt Sabine Meigel, "wird sie wieder entdeckt. Es sind die Nachfahren der vertriebenen und geflüchteten Donauschwaben, die das enge Band zwischen Ulm, dem Fluss und seiner Geschichte knüpfen. Nirgendwo ist diese Geschichte mit so vielen Familiengeschichten verbunden wie in Ulm." Um das ganze auch im Stadtbild sichtbar zu machen, sind auf dem Asphalt des Donauradwegs in Ulm und Neu-Ulm die Namen der Städte am fast 3.000 Kilometer langen Lauf der Donau aufgemalt und auch die Entfernung, die zwischen ihnen und Ulm liegt.

Dreihundert Jahre nach dem Aufbruch ist diese Geschichte, die auch die Geschichte der Donau ist, zurückgekehrt nach Ulm. Und mit ihr sind neue Impulse gekommen, neue Ideen und auch neue Menschen. Vor dem Fall der Mauer, weiß sie, habe man in Ulm vor allem Donau aufwärts geschaut, zur Quelle. "Jetzt schaut man auch die Donau hinunter bis zum Delta." Vor allem die Jugendlichen würden diesen neuen Blick proben. "Vielleicht", sagt Sabine Meigel, "war das Jugendcamp das wichtigste beim Donaufest 2012. Niemand baut so schnell Vorurteile ab wie die Jugendlichen, wenn sie sich erst einmal kennengelernt haben und das Eis gebrochen ist."

Eines, findet sie aber, müssten die Ulmer noch lernen. "Die Jugendlichen aus Serbien, Rumänien oder Bulgarien haben eines südländische Esskultur. Die verstehen es beim besten Willen nicht, dass der Schwabe schon um 17 Uhr vespert und die ganze Mahlzeit aus nichts anderem besteht als Brot und Wurst."


Zum Weiterlesen

Die Donau

  • Claudio Magris: Die Donau. Biografie eines Flusses. Zsolnay Verlag (1996). Eine intellektuelle Reise durch die Geistesgeschichte an der Donau von der Quelle bis zur Mündung. Der Klassiker unter den Flussgeschichten.

  • Michael W. Weithmann: Die Donau. Geschichte eines europäischen Flusses. Böhlau Verlag (2012). Eine fundierte Geschichte des Donauraums von der Antike bis zur Gegenwart. "Die wohl beste Neuerscheinung der letzten Jahre zur Geschichte und Gegenwart des Donauraums." (Siebenbürger Zeitung)

  • Frank Gauditz: Warten auf Europa. Begegnungen an der Donau. Deutsches Kulturforum östliches Europa (2006). Der Fotograf Frank Gauditz reiste die Donau entlang und legt ein biografisches Porträt der Donau am Beispiel ihrer Menschen vor.

  • Christian Fridrich (Hg.): Europa Erlesen. Donau. Wieser Verlag (2012). Auch der Wieser-Verlag hat sich der Donau angenommen. Auf mehr als 600 Seiten bietet die Anthologie bekannte und unbekannte Texte über die Donau.

  • Michal Hvorecky: Tod auf der Donau. Tropen Verlag (2010). Der Thriller des slowakischen Autors spielt auf einem Kreuzfahrtsschiff auf einer Fahrt von Regensburg zum Schwarzen Meer. "Porträt und Chronik eines paneuropäischen Flusses" (Frankfurter Allgemeine Zeitung)