Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Axel Kahrs

Literaturort Dömitzer Brücke

Schriftsteller und die terra inkognita

Doch an erster Stelle sollen die zu Wort kommen, die jahrelang nicht frei reden und schreiben durften, ihre Botschaften verschleiern mussten oder für zu offene Worte gescholten wurden. Die immer perfekte Organisation der deutschen Teilung in der DDR machte den unmittelbaren Bereich der Grenze mehr und mehr zur terra incognita. Im Dömitzer Grenz-Sperrbezirk ließ der zunehmend perfekt abgesicherte Zaun direkt am Wall der Festungsstadt die Brücke immer mehr aus dem Blickfeld geraten, sie war weitgehend "unsichtbar". Die Elbe wurde zum Phantom-Fluss, von dem man im Osten bestenfalls das Klatschen der Wellen, das Heulen des Sturms, das Knirschen der Eisschollen oder das Tuten der Schiffsirenen hören konnte, manchmal der dumpfe Pufflaut einer Mine.

Zu sehen waren der Strom und seine Brücken-Bauwerke nicht. Daher wählte der DDR-Schriftsteller Jürgen Borchert die Form des historischen Romans, um seinen Lesern auf diesem – in der Literaturgeschichte oft bewährten – Umwege ein paar Dinge zu schildern, die zu DDR-Zeiten nicht denk- oder sagbar waren. Denn die offizielle Sprachregelung der DDR reduzierte das Phänomen "Grenze" oft auf ein schematisches Schwarzweißbild. Ein Beispiel: Als in der Dömitzer Nachbarstadt Lenzen, gegenüber dem weithin sichtbaren, aber in Westdeutschland liegenden Berg Höhbeck gelegen, ein Seniorenheim in der ehemaligen Burg eingeweiht wurde, spottete die Schweriner Zeitung siegessicher: "Damit stattet ihnen (den Rentnern) unsere Gesellschaft gewissermaßen den Dank ab, umgibt sie mit Liebe und Fürsorge, hat die Burg ausgebaut und zu einem behaglichen Ort für die Veteranen gemacht; zu unserer Freude und zum Ärger jener, die von den Höhen westwärts Lenzens äugen und sich nicht abfinden wollen mit dem Unabänderlichen."

Angesichts dieser Festlegungen versucht Jürgen Borcherts historischer Roman Reuter in Eisenach durch eine geschichtliche Rückbesinnung das Bild zu aufzufächern. Er führt seine Romanfigur Dr. Schwabe, den Leibarzt des niederdeutschen Dichters Reuter, der in Dömitz 1839-40 den Rest seiner "Festungstid" absaß, und seinen Schweriner Kollegen Flemming nach Dömitz. Was sie hier – allerdings nur fiktiv im Roman! – im Jahre 1873 sahen, kannten die DDR-Leser nicht: "Überall große, alte Linden, in denen der Wind der Niederelbe rauscht. Vom Stadtwall aus der Blick auf den Strom, der gemächlich und ruhig dahinzieht, sehr breit, anders als in Magdeburg: hier liegt schon die Ahnung des Meeres über dem Wasser. Linkerhand schob sich die gewaltiger nicht denkbare Brücke ins Bild, die eben hier errichtet worden ist, um eine Eisenbahnverbindung zwischen Hannover und Mecklenburg zu ermöglichen, über eine halbe Meile lang, auf riesigen Steinpylonen im Strom stehend und aus stählernem Gitterwerk gebaut."

Borchert nutzt dann zwei kleine Erzählabschnitte, um die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit in die Roman-Geschichte einzuschmuggeln. Zum einen tritt – in der DDR-Literatur fast ein "Muss" – die aufmüpfige Arbeiterklasse auf, über die sich der Dömitzer Arzt beim Kollegenbesuch von 1873 beschwert: "Wir möchten unsere Ruhe haben. Der Fortschritt bringt nur Unruhe. Als man die Brücke baute, hatten wir hier ein Lager von ein paar hundert Berliner und Leipziger Arbeitern. Pastor Weißmüller wollte sie zum Gottesdienst einladen – die haben nur gelacht! Sie würden kommen, wenn Bebel predigt, haben sie gesagt. Stellen sie sich das vor!"

Die neue Zeit wird nicht nur in den Erbauern, sondern auch in der Brücke selbst sichtbar, die der Autor Borchert einen "Vorgriff auf das nächste Jahrhundert" nennt, das den "Rhythmus der Schmiedehämmer" in sich trage. Doch dann lässt er einen alten Fischer die Kassandra spielen: "Hunnert Johr' sall de Brügg uthollen! Er schüttelte den grauen Kopf und sog an seiner Pfeife. Glöben Se dat? Flemming breitete zweifelnd die Arme und antwortete, zur höchsten Verwunderung des Alten auf plattdeutsch: Minschen hebben de Brügg bucht; wenn Minschen se nich wedder daal smiten, künn se woll hunnert Johr' stahn bliewen!"

Autor und Leser wussten bei Erscheinen des Romans in Jahre 1986, dass es nur 72 Jahre werden sollten, und Borchert kannte sicher aus Fontanes Gedicht "Die Brücke am Tay" von 1879 den Refrain, der die Katastrophe des Brückeneinsturzes begleitet: "Tand, Tand, / Ist das Gebilde von Menschenhand."

Das sah auch die Dömitzerin Frieda Ribbat so, die 1959 in dem Sonderheft der Zeitschrift Land und Leute ihren Beitrag unter dem Titel "Zerstörte Brücken" mit einem schlichten Gelegenheitsgedicht abschloss, das es in sich hatte. Denn im Stil einer "Bau auf! Bau auf!"-Lyrik ermuntert sie zum Schulterschluss, ruft zur gemeinsamen Tat auf: "Wir schweißen die Träger, schon wächst vom Rand, / Von Pfeiler zu Pfeiler das stählerne Band. / Schon will, die blind wir einst zerstört, - / mit tausend Streben hinüberschweben. / Packt an! Herbei, wer zu uns gehört, / und verbindet Land mit Land. / Denn wer über diese Brücke geht, / im Kampf für die deutsche Einheit steht."

War es der historisch missliebige Satz, dass "wir" die Brücke einst "blind" zerstörten, oder der unerwünschte Hinweis auf die erkämpfenswerte deutsche Einheit? Immerhin hatte Anfang der fünfziger Jahren der Lyriker Walter Werner aus Anlass des Jugendkongresses in Ostberlin noch anstandslos reimen können: "Osten und Westen – hinüber, herüber; / das Ufer der Elbe so schön wie am Rhein. / Von Liebe getragen, / die Brücken geschlagen - / ein Deutschland des Friedens, so kann es nur sein!"

Auf jeden Fall wurde nun, acht Jahre später, das Ribbat-Gedicht in der Zeitschrift nicht gern gesehen, die politisch inkorrekten Verse waren unerwünscht. Das Heft wurde später sogar verboten und eingestampft. Nur ein paar Exemplare überwinterten hinter den Festungsmauern von Dömitz, und erst nach der Wende können wir entspannt den euphorischen Schluss der Verse zitieren: "Und einmal wird, wieder neu gespannt, / mit tausend Streben hinüberschweben / von Volk zu Volk und von Land zu Land / des Friedens goldene Brücke."

Das Bild aus dem Westen

Diese Vision hatte man im Westen kaum. Hier richtete man sich ein, arrangierte sich zunächst mit den Gegebenheiten – im wahrsten Sinne des Wortes, denkt man zum Beispiel an die Schauspielerin Hildegard Knef. Ihr Lebensbericht Der geschenkte Gaul von 1970 erinnert daran, wie eine Filmteam im Jahre 1947 sein Quartier auf den Gleisen zwischen dem Eisenbahn-Brückenkopf und dem Dorf Damnatz bezog: "Ein alter Zug mit vier Waggons, einem Speisewagen und keiner Lokomotive. … Ich bezog ein Dritte-Klasse-Abteil, schlief auf der Holzbank, erwachte wanzenstichübersät, trank meinen Muckefuck, lief über die Felder zum Drehplatz."

Das Ergebnis war der Film ohne Titel, für die Knef immer ihr liebstes Werk und zudem der – auch kommerziell – erfolgreichste Film des Jahres 1948. Rudolf Jugert als Regisseur war es mit seinem weiblichen Star und Hans Söhnker an ihrer Seite gelungen, den Kontrast zwischen dem bombardierten Berlin in den Anfangsszenen und der folgenden idyllischen Elbtallandschaft, ländlicher Lebensweise und grenzenlosem Himmel herauszuarbeiten.

Auf seinen Spuren wandelte später auch der Filmregisseur Wim Wenders, der 1976 die Handlung seines Roadmovies Im Laufe der Zeit vor der Kulisse der Eisenbahnbrücke bei Kaltenhof beginnen lässt. Und Volker Schlöndorffs Verfilmung des Nicolas Born-Romans Die Fälschung von 1981 zeigt anfangs eine genau kalkulierte Kamerafahrt bis zur Abbruchkante der Straßenbrücke, die exakt in dem Moment endet, als ein Schiff den allein stehenden Brückenpfeiler in der Strommitte passiert.

Die poetischen Umschreibungen der Ruinen im Gedicht sind deutlich von den Besuchen der Lyriker vor Ort geprägt. Am klarsten formuliert das Wolfgang Rischer, der sein Gedicht "Die Dömitzer Brücke" mit den Worten beginnen lässt: "Weitgespannt über die Elbniederung / wo wir innehalten, die Karte zurückübersetzen / in die Wirklichkeit / (eine Daumenbreite, das ist / eine Landschaft) / am Deich beginnt sie, der wir folgen, die Brücke…"

Rischer hat dabei die Zeilenanfänge seines Gedichts im Buch so eingerückt, dass die Optik der Bogenbrücke in der Textstruktur wiederholt wird. Und sein Schlusssatz lässt sich zweifach lesen. Für den Autor ist der alte Pfeiler im Strom je nach Betonung "nicht tragfähig genug für ein Versprechen" oder doch "nicht tragfähig – genug für ein Versprechen"?

Sein Kollege Heinz Kattner sucht in seinem Gedicht "Brücke nach Dömitz" Sichtbares und Denkbares: "Am Anfang steht eine Festung / aus Backstein, als hätten die / Erbauer etwas geahnt. / Längst ohne Schienen tragen / Pfeiler bis zur Strommitte die / Erinnerung. Was ist zu sehen."

Immer sind die Lyriker dabei der unlösbaren Verschränkung von Landschaft, Bauwerk, Geschichte und Gegenwart auf der Spur, ihre Spracherkundung will das gesamte Ensemble dieses Ortes erfassen, neu erschreiben, erschaffen.


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.