Dossierbild Geschichte im Fluss

30.4.2013 | Von:
Axel Kahrs

Literaturort Dömitzer Brücke

Die Brücke als Sehenswürdigkeit

Das Elbvorland im Hannoverschen Wendland.Das Elbvorland im Hannoverschen Wendland. (© Inka Schwand)
Auch die Gäste der niedersächsischen Stipendiatenstätte Künstlerhof Schreyahn, die seit 1981 ins Wendland kamen, zeigten großes Interesse an der Grenzregion und besonders der Brücke bei Dömitz. Auf vielfältige Art und Weise gingen die Eindrücke der Erkundungsreisen in die Werke der Schriftsteller ein. Der Romancier Martin Kurbjuhn lässt so in seinem Roman Der Mann und die Stadt das Gespräch von zwei Menschen aus Ost- und Westberlin durch ein Winter-Brückenbild eine unerwartete Wendung nehmen: "Weiße, spurenlose Schräge, abfallend zum Fluss. Schatten verrosteter Brückenbogen, unberührter Schnee. Eisschollen, um zerstörte Strompfeiler kreiselnd, blendendes Licht. Schwarze, gestikulierende Figur auf der Deichkrone." Doch sein Gegenüber hat keinen Sinn für Ästhetik: "Dreiundvierzig haben sie uns in ungeheizten Viehwaggons über diese Brücke transportiert. Entschuldigen Sie bitte. – Da gibt es doch nichts zu entschuldigen, sagte Maaßen. Es war ihm so rausgerutscht. Skoluda war schon aufgestanden. Doch, sagte er, als Zurückgebliebener."

Der Schriftsteller Guntram Vesper, ebenfalls Schreyahn-Gast, hat 1986 in seiner Reportage unter dem Titel Landschaft aus Bäumen, Wiesen und Wasser die innerdeutsche Grenze, das Ärgernis Gorleben und das Kriegerdenkmal der Dömitzer Brücken wie in einem historischen Panorama simultan gesetzt:

"Die Altwasserarme, die jahrhundertealten Eichen auf den dunkelgrünen Aueflächen, dahinter der Strom. Wirklich, eine Landschaft aus Bäumen, Wiesen und Wasser. Aber immer sahen wir auch auf der anderen Seite des Flusses den Grenzzaun, die Türme, und, wenn es dämmerte, die Lampen und Scheinwerfer. … Weiter im Norden, elbabwärts, die beiden weit ausholenden seit Kriegsende zerstörten Brücken, die Dömitz am anderen Ufer seit über vierzig Jahren nicht mehr erreichen. Man sieht die Türme der Stadt, die Ziegelmauern der Festung, in ihr und an anderen Orten hat Fritz Reuter, als Demokrat in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu dreimal zehn Jahren Haft verurteilt, sieben Jahre gesessen: wie hängt zusammen, was war und was ist. Auf der Rückfahrt vom Elbufer kamen wir jedesmal durch Gorleben und dann an der neuen Festung des Zwischenlagers für Atommüll, an den Gittertoren und Erdwällen vorbei. … Bilder aus unserer Gegenwart, auch im Wendland. Widersprüche. Gegensätze. Um uns. In uns."

Schon vor ihm hatte Walter Moßmann, ein süddeutscher Liedermacher, der den Gorleben-Protest im Wendland von Anfang an unterstützte, in seinem später oft gesungenen Lied vom Lebensvogel aus dem Jahre 1978 diese Verknüpfung erkannt:

"Da, wo die Elbe raus kommt aus dem Zaun, der unter Strom steht und schießt; / Da, wo die Elbe'n Zaun lang durch die grüne Stille fließt, / Steht dreiunddreißig Jahre, viel zu lange schon, / Eine zerbrochne Brücke als Sinnbild der Region, / Wo links und rechts vom Wasser verwandte Menschen wohn'n, / Für die der Fluß so breit wie'n Weltmeer ist."

Auf andere Weise verknüpft der Schriftsteller Nicolas Born die Realität an der Elbe mit Visionen, Ängsten und lastenden Erfahrungen aus anderen Zeiten und Orten. In der ersten Fassung seines Romans Die Fälschung kehrt die Hauptfigur Georg Laschen aus dem vom Bürgerkrieg verwüsteten Beirut zurück. Der Journalist sucht wiederholt den Anblick der desolaten Elb-Eisenbahnbrücke als Déjà-vu-Erlebnis des Kriegsalltags von 1945 in Deutschland und 1978 im Libanon:

"…in Stücke gerissen war der Güterzug, hier und da sah man einzelne und auch zusammengekoppelte Waggons rostig hervortreten aus dem wilden und verhedderten Wuchs, die Strecke war tot, aber immer noch befuhr man die Übergänge langsam. Etliche Nebenstraßen verliefen parallel oder führten auch schräg bis dicht an den Bahndamm heran, um sich dann wieder, wie abgeschreckt davon, zu entfernen. Ein selbstvergessener, in die Stille hineinknisternder Schlaf seit ´45, der Rost auf den Eisenteilen sprang in schieferartigen Schichten ab, wenn man mit dem Knüppel dagegen schlug. Laschen geriet bei dem Anblick manchmal in eine lastende, verwirrte Ehrfurcht. Er ging oft so, dass ihn der Weg zu der Bahnlinie führte, es gab ein paar Punkte auf dem Deich, von wo aus man an die zwei Dutzend der Waggons zugleich sehen konnte, wie großzügig und mit einem Wurf in die Landschaft gestreut. So eine schöne Symbolleistung der Natur, die das Vergessen betraf und das Geheimnis der Zeit, das im Vergessen versteckt lag."

Im weiteren Verlauf dreht sich in der wiederholten Betrachtung der Eindruck ins Negative: "Im Sommer war das Bahngelände, wegen der Dornbüsche und Brennnesselwälder, so gut wie unzugänglich, hier sah er aber aus der Nähe kahle Weidenruten über die Waggondächer hinausragen. Und das Brombeergestrüpp breitete sich aus wie auf einer wirren, über jeden Rand hinausdrängenden Zeichnung. Laschen dachte dabei auch an zu mannshohen Spiralen ausgerollten Stacheldraht. Der Himmel flackerte durch die von herausgefaulten Brettern hinterlassenen Lücken und Ritzen, vom Bahndamm und Gleisen war nichts zu erkennen, zwischen niedergesunkenem Geäst hing eine aufgerissene Matratze, deren Seegrasfüllung in kleinen schimmligen Büscheln herumgestreut lag. Irgendwie meinte Laschen, war es das Leben nach dem Tod, eine Zeit nach aller Zeit, durchgelegene Friedhofsnatur."

Born transportiert so visionär den realen Eisenbahnwaggonzug, den Hildegard Knef erwähnte, in seine Gegenwart der siebziger Jahre, um ihn dann auf das eben erfahrene Grauen am Mittelmeer zu projizieren. Sein literarischer Kunstgriff nutzt so den Zug als das Bindeglied zwischen Mensch und Brücke, um an ihm den Jahrzehnte andauernden Stillstand zu demonstrieren. Zugleich aber ist es die beklemmende Aktualisierung, der Krieg kehrt heim ins Land, die Idylle wird aufgebrochen.

Dieser Romanfang wurde von Born nicht in die Endfassung übernommen. Die Gründe dafür sind nicht bekannt, aber es gibt Hinweise. Günter Grass erinnert sich in seinem Nicolas Born gewidmeten Roman Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus von 1980 an eine der zahlreichen Begegnungen west- und ostdeutscher Autoren in Ostberlin, die jüngst im Stasi-Buch über Grass ausführlich dokumentiert wurden: "Gegen Ende unserer Treffen – das muss Anfang 77 gewesen sein: Biermann war schon ausgebürgert, Schädlichs, Sarah, Brasch, Jurek Becker kamen bald danach – las Nicolas Born den noch ungesicherten Anfang seiner 'Fälschung'. Wir wussten nicht, er mochte ahnen, worauf das hinauslief."

Denkbar ist, dass die frühe Parallelisierung der zerstörten Landschaften im Libanon und im Wendland zu sehr den Kontrast verwischte, den Borns Hauptfigur Gregor Laschen im Laufe der Handlung empfindet, als er die Elbregion als bedrohtes Refugium dem Kriegsschauplatz der Levante gegenübersetzt. Das zur gleichen Zeit entstandene Born-Gedicht "Ein paar Notizen aus dem Elbholz" deutet ebenfalls in diese Richtung. Doch auch die Leser des Romans Die Fälschung wären mit diesem visionären, für den Ortsunkundigen sicher deutungsüberfrachteten Auftakt überfordert gewesen. Grass' Unsicherheit mag da ein korrigierender Hinweis für den Romancier Born gewesen sein.

Faszinierender Torso

Blick auf den Torso von der Mecklenburger Elbseite.Blick auf den Torso von der Mecklenburger Elbseite. (© Inka Schwand)
In der Gesamtschau der Texte scheint es, als bewege die Dominanz der Brückenbilder und die Übermacht der Landschaft die hier vorgestellten Lyriker, Romanciers und Reporter dazu, in ihrer Literatur die Brücken zu adaptieren, sei es in der Textstruktur der Gedichte, in der Botschaft zwischen den Zeilen scheinbar historischer Romane oder in der Vermischung von Realität und Fiktionalität. Die Brücken stehen dabei zunächst für Fortschritt und Technik, dann für Krieg und Zerstörung, zuletzt sind sie Projektionsfläche für Horrorszenarien und Zukunftsvisionen zugleich.

Der Literaturkritiker Peter Iden kommt dieser andauernden Faszination, wie sie so leicht nicht wieder in deutschen Landen anzufinden ist, am nächsten. Iden, seit Kindheit mit der Elbregion vertraut, erinnert sich in seiner Zeitungsreportage Tram-Stopp am Grenzfluss an die Elbbrücken: "Für die Kinder der ersten Nachkriegsjahre war hier das Abenteuer. Auf den Bahngleisen, die durch das Land auf die Brücke zugingen, waren ausrangierte Waggons und Lokomotiven der Reichsbahn abgestellt, ein kilometerlanger Zug, angehalten für immer."

Iden berichtet dann, wie er in den folgenden Jahren auf Niederlagen, Enttäuschungen und Verletzungen in seinem Leben reagierte: "Wenn es schlimm kam, war auch der Wunsch da, wieder an den Fluss zu fahren, die Brücken wiederzusehen: Trümmer von länger her. So kann, was historische Spur ist, dem Persönlichsten sich verbinden."

Das Panorama der Dömitzer Elbbrücken wird zum Balsam der Seele.

Und mit Peter Idens Schlusssatz beginnt das Wechselspiel der Literatur mit Dichtung und Wahrheit, Phantasie und Wortkunst erneut: "Dann sieht man plötzlich die Brücken, wie seltsame Plastiken in einem toten Winkel, eiserne Bögen und gemauerte Pfeiler, momentan fixieren sie das Interesse – und lenken die Phantasie dann weiter, über den Schauplatz hinaus."


Zum Weiterlesen

Die Elbe

  • Uwe Rada: Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss. Siedler Verlag (2013). Konrad Adenauer hat einst behauptet, hinter der Elbe beginne Asien. Tatsächlich treffen an der Elbe das barocke, sinnesfreudige und das preußisch-nüchterne Europa aufeinander. "Uwe Rada versteht es, vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken." (Deutschland Radio Kultur)

  • Sabine Tacke/Eckart W. Peters (Hg.): Kulturlandschaft Elbe. Anlässlich der Internationalen Bauausstellung 2010 in Sachsen Anhalt hat der Verlag Janos Stekowics diesen opulente Anthologie herausgegeben. Eine wahre Fundgrube.

  • Hansjörg Küster: Die Elbe. Landschaft und Geschichte. Verlag C.H. Beck (2007). Nach seinen Büchern über die Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, die Ostsee und den Wald, widmet sich Küster nun den Landschaften an der Elbe.

  • Karen Nölle-Fischer: Die Elbe. Ein literarischer Reiseführer von der Mündung bis zum Riesengebirge. Klett Cotta (1999). Ein ungewöhnliches Reisebuch, das "gegen den Strom" schwimmt.

  • Deutsches Historisches Museum (Hg.): Die Elbe. Ein Lebenslauf/ Labe. Život řeky. Der Katalog zur deutsch-tschechischen Ausstellung zur Elbe im DHM 1992 und dem Nationalmuseum in Prag.