Dossierbild Geschichte im Fluss
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Danzig in der Literatur


2.7.2013
Lange Zeit spielten Danzig und die Weichsel in der deutschen und polnischen Literatur keine Rolle. Erst mit der Vertreibung der Deutschen bekam die Stadt ihren literarischen Platz, u.a. in der "Blechtrommel" von Günter Grass. Polnische Autoren setzen diese Tradition fort.

Die Langegasse ist der Markt von Danzig.Die Langegasse ist der Markt von Danzig. (© Inka Schwand)

Prolog



Danzig hat sich ins 20. Jahrhundert eingeschrieben, ist zu einem der Erinnerungsorte Europas geworden und spielt nicht zuletzt auch eine Rolle in der Literatur. Nach dem Friedensvertrag von Versailles Menetekel für einen neuen europäischen Konflikt, Ort des Kriegsausbruchs von 1939, Symbol für beispiellose Zerstörung, verändert durch Bevölkerungsaustausch und Wiederaufbau nach 1945, Schauplatz der friedlichen Solidarność-Revolution – all dies lässt Danzig, diese jahrhundertelang zwischen Deutschland und Polen gelegene Stadt, zu einem faszinierenden Gegenstand wissenschaftlicher wie literarischer Verarbeitung werden. All dies lässt sich auch problemlos im Stadtbild selbst erkennen. Nur die Weichsel sucht man als Besucher lange vergebens in dieser Stadt – der Fluss ist in der Danziger Topographie merkwürdig abwesend, ehe man ihn schließlich doch noch entdeckt.

Danzig und die Literatur: Mehr als nur Günter Grass



Zunächst ein wenig Literatur, denn Danzig besitzt neben vielen anderen Mythen auch einen literarischen Mythos – den Mythos Günter Grass. Es ist eigentlich schon seltsam: Jahrhundertelang hatte die Stadt keinen Dichter hervorgebracht, der sich in den Kanon der deutschsprachigen Literatur hineingeschrieben hätte. Gewiss, zahlreiche kleinere Poeten lebten an Mottlau (Motława) und Weichsel. Ein Martin Opitz fristete hier als polnischer Hofhistoriograph zumindest seine letzten Lebensjahre, auch Joseph von Eichendorff war in Danzig eine (kürzere) Zeitlang preußischer Regierungsrat und Richard Dehmel Primaner.

Aber bis ins 20. Jahrhundert war Danzig in der Regel kein Ort, an dem ehrgeizige Literaten ein Auskommen finden konnten oder ihren Wohnsitz nehmen wollten. Selbst der Dramatiker Max Halbe, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts landesweit als großes Talent des deutschen Naturalismus und lokal als größter "Danziger Dichter" hofiert, wuchs einige Dutzend Kilometer südlich der Stadt auf, in der er nie gelebt hatte; der große Utopist Paul Scheerbart stammte zwar tatsächlich aus Danzig, führte aber stets nur ein literarisches Nischendasein und schrieb über alles mögliche, nur nicht über seine Heimatstadt.

Auch die Großen der polnischen Literatur hatte um Danzig meist einen Bogen gemacht, der Nationaldichter Adam Mickiewicz erwähnt es in zwei Zeilen seines Epos Pan Tadeusz, nur der Vielschreiber Józef Ignacy Kraszewski schrieb einen Danzig-Roman, der allerdings kaum über Unterhaltungsniveau hinauskommt.

Giebelhäuser in DanzigDas deutsche Danzig wurde von den Polen nach dem Krieg im historistischen Stil wieder aufgebaut. (© Inka Schwand)
Erst als das "deutsche Danzig" ein für alle Mal Geschichte war, fand Danzig seinen Weg in die erste Liga der deutschen Literatur: Günter Grass’ Roman Die Blechtrommel galt gleich nach seinem Erscheinen 1959 als literarische Großtat. Die magisch verfremdete Geschichte des um sein Wachstum betrogenen Oskar Matzerath seziert vor dem Hintergrund des vernichteten Danzigs und seiner kleinbürgerlichen Lebenswelten ein gutes Stück deutsch-polnischer Geschichte der Neuzeit und fasziniert auch heute, ein halbes Jahrhundert später, noch seine Leser. Rasch darauf folgten weitere Danzig-Werke, Katz und Maus und Hundejahre, alle angesiedelt dort, wo auch der 1927 geborene Günter Grass aufgewachsen war, im Stadtteil Langfuhr (Wrzeszcz). Eine große Abrechnung mit der Lokal- und Nationalgeschichte war der (Anti-) Geschichtsroman Der Butt. Und auch Unkenrufe spielte noch einmal in Grass’ Heimatstadt. In den Hundejahren beschreibt er seinen privaten Mikrokosmus so:

"Es war einmal eine Stadt, die hatte neben den Vororten Ohra, Schidlitz, Oliva, Emaus, Praust, Sankt Albrecht, Schellmühl und dem Hafenvorort Neufahrwasser einen Vorort, der hieß Langfuhr. Langfuhr war so groß und so klein, daß alles, was sich auf dieser Welt ereignet oder ereignen könnte, sich auch in Langfuhr ereignete oder hätte ereignen können."

Günter Grass wurde übrigens im polnischen Danzig nicht auf Anhieb bekannt. Zwar wurde Katz und Maus rasch ins Polnische übersetzt, doch dauerte es bis Anfang der 1980er Jahre, ehe weitere Werke von ihm bekannt wurden (und dann gleich auch, obschon zunächst nicht offiziell erlaubt, Volker Schlöndorffs Verfilmung). Sie veränderten innerhalb weniger Jahre das Bild der jüngeren Danziger von ihrer Stadt: Hier endlich fanden sie den Schlüssel, um zu verstehen, was vor 1945 in Danzig gewesen war, hier erzählte ihnen jemand, was ihnen die kommunistische Kultur- und Geschichtspolitik jahrzehntelang hatte verheimlichen wollen – dass Danzig nämlich weitgehend deutschsprachig gewesen war, dass die deutschen Danziger genauso gut und böse, dumm und intelligent waren wie ihre polnischen Nachfahren, dass die Stadt aber auch viele Anregungen und Einflüsse aus dem polnischen und kaschubischen Umland aufgenommen hatte. Die lokale Heimat übte plötzlich eine ungeahnte Faszination auf die Zeitgenossen aus.

Angestiftet von Grass, machten sich die nach dem Krieg in Danzig Geborenen auf die Suche nach diesem verschwiegenen, vergessenen Danzig der Vorkriegszeit. Alte Kanaldeckel, Aufschriften, die unter dem abblätternden Putz alter Häuser zum Vorschein kamen, Bücher und Karten auf den Speichern und Bibliotheken wurden auf einmal zu attraktiven Wegweisern in neue Facetten der eigenen Stadt. Diese Neu-Entdeckung der lokalen Vergangenheit prägte eine ganze Generation und ließ eine neue Heimatliteratur entstehen, die in ganz Polen bekannt wurde: Paweł Huelle schrieb mit seinem 1987 erstmals erschienenen Roman Weiser Dawidek gewissermaßen Grass fort in die polnische Nachkriegszeit. Auch dieses Buch ist eine Jungengeschichte, die sich allerdings in einer verfremdeten jüngeren, polnischen Vergangenheit abspielt, in die als verstörende und nicht leicht zu begreifende Zeichen Zeugnisse der deutschen Geschichte hineinragen.

Dieser Text machte ebenso Furore wie Stefan Chwins in fein ziselierter Sprache geschriebener Roman Tod in Danzig, der den Übergang vom deutschen zum polnischen Danzig erzählt, das langsame Verschwinden des einen und das allmähliche Entstehen des anderen. Huelle und Chwin schrieben noch viele weitere Danzig-Romane, und eine ganze Reihe weiterer Autoren knüpfte an ihre Werke an, zuletzt auch wieder deutsche – Sabrina Janeschs 2012 erschienener Roman Ambra handelt wieder von dieser ganz besonderen Stadt.

Danzig ist ein magischer Ort (oder, mit Sabrina Janesch gesprochen: eine "magische Vorstellung", eine "Show der Illusionen"), an dem sich Geschichte und Gegenwart, Polnisches und Deutsches vielfach kreuzen, überlagern, überschreiben. Es ist eine Stadt, die noch auf längere Zeit hin vieles von dem erfahr- und begreifbar macht, was Europa in der Neuzeit auszeichnet: Pluralität, Multiperspektivität und die Macht der Erinnerung.

Dies geht einher mit dem symbolhaften Charakter der Stadt, eines der großen Erinnerungsorte Europas in der Moderne, mit einer dichten, kulturhistorisch packenden Architekturlandschaft und mit einer zauberhaften Umgebung, die Meer und Hügel, Naturlandschaft und Urbanität selten schön vereint. Es ist tatsächlich über Jahrhunderte so gewesen, dass Danzig die Menschen, die sich mit ihm befassten, nicht losließ.

Die Weichsel nur am Rande: Danzig und der Fluss



Wenn man in Danzig ist, bekommt man von der Weichsel nur wenig mit, denn die historische Innenstadt, das Ensemble aus Rechtstadt (Główne Miasto), Altstadt (Stare Miasto), Speicherinsel (Wyspa Spichrzów), Vorstadt (Stare Przedmieście) und Langgarten (Długie Ogrody), liegt beiderseits des Flusses Mottlau, der kurz hinter dem alten Siedlungszentrum – nach einer Flussbiegung – in die Weichsel mündet.

Das Krantor an der Mottlau ist das Symbol des maritimen Danzig.Das Krantor an der Mottlau ist das Symbol des maritimen Danzig. (© Inka Schwand)
Auf der Mottlau ankerten jahrhundertelang die Segelschiffe, die zwischen Frühjahr und Herbst in großer Zahl nach Danzig kamen, um einzuladen, was das östliche Europa zu bieten hatte: Getreide und Holz, die über die Weichsel bis Danzig herabgeschifft und geflößt wurden; auch Produkte der Stadt selbst nahmen sie mit, nicht zuletzt Bernstein und Bernsteinschmuck. Aus dem Westen brachten die Schiffe Heringe, Salz, Tuche, Südfrüchte, Wein und vieles andere mehr.

Auch wenn man also die Weichsel auf den ersten Blick nicht sieht in Danzig, so hat sie den Aufstieg der Handels- und Handwerkerstadt erst möglich gemacht, einen Aufstieg, der sie in der Mitte des 17. Jahrhunderts zur größten Stadt zwischen Moskau und Amsterdam werden ließ, zur größten deutschsprachigen Stadt der damaligen Zeit überhaupt. Dieses urbane Zentrum am Rande der osteuropäischen Weiten war Umschlagplatz für Waren, aber auch für Nachrichten und Neuigkeiten. Wer in Polen wissen wollte, was in der Welt vor sich ging, erfuhr es in Danzig, wo man über politisches Leben und künstlerische Moden bestens informiert war.



 
Zum Weiterlesen

Die Weichsel

  • Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. C.H. Beck Verlag (2011). Eine moderne Darstellung Danzigs aus europäischer Perspektive. "Das höchst informative Buch wird darum jeder an Danzig und Polen Interessierte leicht in einem Sitz und mit grossem Gewinn durchlesen" (Neue Züricher Zeitung).

  • Thomas Urban: Von Krakau bis Danzig. Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte. C.H. Beck Verlag (2000). Der Polen-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung beschreibt die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte am Beispiel der Städte. Krakau, Warschau und Danzig liegen an der Weichsel. "Eines der besten Bücher über die deutsch-polnischen Beziehungen, nicht nur instruktiv, sondern auch mit großem Talent geschrieben." (Wladyslaw Bartoszewski, ehemaliger polnischer Außenminister)

  • Andrzej Piskozub: Wisła. Monografia rzeki. Warschau 1982. Im Vergleich zur nationalen Bedeutung, die die Weichsel für die Polen hat, ist es erstaunlich wie wenig über sie geschrieben wurde. Das Standardwerk in Polen ist immer noch Andrzej Piskozubs Weichselmonografie aus dem Jahre 1982. Ein umfangreiches Autorenkollektiv untersucht darin die Hydrologie, Siedlungs- und Kulturgeschichte (auf Polnisch).