Dossierbild Geschichte im Fluss

23.7.2014 | Von:
Jean-Paul Kauffmann

Eine Reise entlang der Marne

Eine Reise zum Anfang

Vor dem Weltkriegsmuseum in MeauxVor dem Weltkriegsmuseum in Meaux (© Inka Schwand)
Der Genuss des Alleinseins, eine pathetische Einsamkeit in Übereinstimmung mit meinem tiefsten Sein und eine Vertrautheit und Intimität mit meiner Umgebung: Wolken, laue Luft, weiße Weidenbäume und am Flussufer wachsende Heckenrosen. Und dieses unbeschreibliche Licht. All dies ein Geschenk, das ich in seiner ganzen Fülle auskosten wollte. Ich genoss diesen friedlichen Anblick wie eine milde Gabe, als einen Zustand der absoluten Vollkommenheit, zusammen mit der Erkenntnis, meinen Rhythmus gefunden zu haben oder vielmehr Geduld mir selbst gegenüber. Noch nie hatte ich den Fluss so sehnsuchtsvoll betrachtet: das Wasser wie zerknitterte Seide; Wurzeln, deren Schatten sich wie prächtiges Haar über den Uferrand ausbreiteten. Ich hatte befürchtet, dass Wiederholungen einen Überdruss erzeugen. War ich nun endlich zu der fürs Wandern unerlässlichen Zuversicht gelangt, die mir bislang fehlte?

Stromaufwärts zu wandern war eine intuitive Entscheidung. Nicht einen Augenblick habe ich gezögert, bei der Quelle zu beginnen, obwohl die umgekehrte Richtung der Normalfall ist. Der dahinfließende Strom ist dermaßen mit der Zeitrichtung verbunden – genau wie der Pfeil, der eine unumkehrbare Richtung weist – dass ich mich frage, ob diese Idee, in die Gegenrichtung zu wandern, nicht der unbewusste Wunsch war, an den Anfang zurückzukehren. Eine Rückkehr, eine Entdeckungsreise ins Landesinnere, ein abenteuerlicher Rückzug ins verlorene Vaterland.

Bei dieser Reise ist alles ein Appell zur Umkehr. Der Fluss strömt unaufhaltsam seinem Verschwinden zu, ich gehe zu seinem Anfang. Nach dem Lyriker Hölderlin "vergisst der Fluss die Quelle nie, denn in seinem Fließen ist er selbst die Quelle". Wenn man aufmerksam den Wasserlauf verfolgt, beobachtet man Wirbel- und Gegenströmungen am Uferrand, die sich dem Sog widersetzen und flussaufwärts bewegen.

Ich wandere durch das reiche Rebland der Champagne. Das Weinbauernmilieu, das nur schwer die äußerlichen Merkmale seines Reichtums verbergen kann, kontrastiert mit der Verarmung eines Teils der Bevölkerung. Die Gemüsegärten machen einen verwahrlosten Eindruck, zugemüllt von Waschmaschinenskeletten, zu Flocken zerbröselten Styroporplatten und alten Autositzen.

In der Champagne

Krise. Problemviertel. Man hat den Eindruck, die Leute haben resigniert. Wann ist dies alles zusammengebrochen? Das Gefüge der Gesellschaftsordnung hat Löcher bekommen. Alle seit langem sorgfältig ineinander gewobenen Fäden sind nicht auf einmal gerissen, aber eines Tages war die Feststellung unumgänglich: nach und nach waren sie gerissen. Haben diese Menschen aufgegeben, weil es ihnen unmöglich scheint, in dieser Welt zu existieren? Anblick der Entrümpelung der Dörfer. Eindruck eines klammheimlichen Verschwindens. Ein Untergang? Das letzte Anzeichen für Dekadenz? Nein, ein Abschluss, das Ende eines Zyklus. Beunruhigung in Bezug auf das Kommende? Momentan nur Abwarten, eine große Pause. Die Seite ist noch nicht geschrieben.

Auf das an einen großen Garten erinnernde Weinanbaugebiet folgen die ausgedehnten Getreidefelder, deren immense Weite die Eroberer aus dem Osten oftmals in Bedrängnis gebracht hat. Dieser Teil Frankreichs ist nicht mit der unendlichen russischen Ebene vergleichbar, die Napoleon und Hitler zum Verhängnis wurde. Aber inwiefern ein Land wie unseres überlegen ist, hat Braudel zum Ausdruck gebracht. Obwohl von viel kleinerem Ausmaß, konnte es den Feind zurückschlagen, weil die Steppe der Champagne einen Eindruck von unendlicher Weite vermittelte. "451 hat die Champagne die Hunnen verschlungen", hat Victor Hugo geschrieben. 1914 werden die langen Märsche, die eine erschöpfte deutsche Armee "in einem schwer einzunehmenden, weil zu ausgedehntem Gebiet" absolviert, diesen Feind aufreiben.

Bis zurück in die Römerzeit

Nach Châlons-en-Champagne komme ich in ein starkes, kurzes Gewitter. Plötzlich ist da, durch den Regen verursacht, eine Explosion von Gerüchen, die wegen der Trockenheit nicht wahrnehmbar waren, besonders dieser spezifische Geruch von Schnecken, den die Gewitterfeuchtigkeit verbreitet. Ein Duft nach nasser Wiese steigt auf, wenn man über hochgewachsene Gräser und Büsche klettert. Die Spinnweben glitzern und verlieren einige ihrer winzigen Silberperlen, die die Erde aufsaugt.

Bei der Brücke von Vésigneul nähert sich die dreißig Meter breite Marne plötzlich dem Kanal, der den Fluss seit Epernay begleitet. Neugierig geworden, gehe ich ein paar hundert Schritte weiter und entdecke eine landschaftlich wunderschöne Ecke. Am rechten Ufer der Flussschleife lässt sich Sandstrand, Kieselstrand und Grasland ausmachen. Die Vision von ersten prähistorischen Menschen, die eine solche Stelle als Schutz- und Wachpunkt wählen, drängt sich auf. Die Schleife ist makellos, vollständig offengelegt, wie eine Panoramaansicht. Mitten in der Wiese breitet eine alte Eiche ihr etagenförmiges Astwerk, einem Herrscher gleich, aus.

Ein nahezu übernatürlicher Friede herrscht hier und erinnert an den letzten Abschnitt des antiken Flusses, der unter dem Namen Matrona bekannt war. Matrona, die starke Nährmutter. Sie befindet sich hier vor mir, fruchtbar, durchflutet von nie endendem Leben, jedoch bedroht durch ihre eigene Stärke. Die Strömungsgeschwindigkeit, die Reibungen, die Wirbel zeugen von ihrer Kraft, aber auch von einer Abnutzung, die unvermeidliche Schäden zur Folge hat. Die Energie, die sie braucht, unterhöhlt den Zusammenhalt dieser beinahe perfekten Ordnung.

Eine innere Grenze

Die Ordnung, der Zusammenhalt, gerade dies wird schon seit ewigen Zeiten diesem Fluss zugeschrieben. Eine symbolische Ordnung. Der imaginäre Grenzstein. Wenn im Juni 1940 die französische Armee nach Süden zurückweicht, muss sich die Marne halten. Im Gegensatz zur Loire ist ihr strategischer Wert nicht sehr groß, ihre sinnbildliche Bedeutung dagegen sehr: Sie ist eine Stickerei, die feine Paspel auf dem französischen Frack vor der Ankunft in Paris. Wenn diese Fäden reißen – und dazu braucht es keine große Anstrengung – ist die Katastrophe da. Seit Karl V. ist die Marne die innere Grenze, die sich das Land ausgesucht hat. Eine einer Doktrin gleichende, abstrakte und ans Absurde grenzende Demarkationslinie. Wenn diese Linie überschritten wird, droht dem Land Gefahr. .

Die Franzosen hätten einen stärkeren und vor allem weiter vom Gehirn entfernten Schutzwall wählen können. Jedoch gab es keinen anderen. Dieser kleine, halbkreisförmige Fluss wiegt Paris in der Illusion, nach Osten gesichert zu sein. Da sind keine anderen Barrieren bis auf, weiter nördlich, den Argonnerwald, ein uriges Waldmassiv, die “französischen Thermopylen”, ein schwierig zu durchdringendes, aber leicht zu umgehendes Hindernis.

Kurz vor Vitry-le-François dann eingestürzte Kalköfen. Eine leere Festung. Das Bild wird schärfer. Trotz allem ist dieses Land, das seit Beginn meiner Wanderung an mir vorüberzieht, nicht am Ende. Vielmehr ist es eine unbeachtet heruntergekommene, sich mit Angst und Zweifel auseinandersetzende Welt. Mehr als Riss denn als Bruch wahrnehmbar. Die Beschädigung ist nicht endgültig, oft gibt es eine unvermutete Wendung, die das Ganze zurechtrückt und korrigiert. Ich habe verlassen scheinende Dörfer gesehen: verbarrikadierte Häuser, vernachlässigte Vorgärten, löchrige Felder. Hier und da vorhandene Reise- und Versammlungsplakate ließen den Schluss auf eine noch existierende Gemeinde zu. Hinter der defensiven Fassade sucht eine unsichtbare Welt Schutz, in deren Mitte ein anderes, auf personellem Einsatz, Ehrenamtlichkeit und Solidarität basierendes Leben herrscht.

Land außer Betrieb

Bei Ankunft in der Haute-Marne, der Region der oberen Marne, habe ich das Gefühl, die aktive Achse Zentralfrankreichs hinter mir zu lassen, in ein anderes Gebiet, in Innerfrankreich, einzudringen. Es macht auf mich keinen deprimierten Eindruck, sondern einfach den, nicht mehr “in Betrieb” zu sein. Ein Land, das mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat und das nach und nach an den Rand gedrängt wurde, um unnötige Ausgaben zu vermeiden. In eine Situation des Nicht-Funktionierens. In den Dörfern gibt es immer weniger Postämter, Ärzte und Läden. Die aufgegebenen Tankstellen sind das spektakulärste Zeichen. In ihrer unwiderruflichen Verlassenheit – sie werden durch kein Geschäft ersetzt – sind sie ein Symbol für den schleichenden Zerfall dieses Krisen-Frankreichs, das dem Frankreich der blühenden Dörfer diametral entgegengesetzt ist.

Den Kampf ums Überleben veranschaulichen die immer deutlicher hervortretenden Indizien für größte finanzielle Einschränkung: ungepflegte Häuserfassaden, schrottreife Autos. Die Bevölkerung dieser Dörfer veraltet, aber gibt sich nicht geschlagen. Der Kampf wird woanders ausgetragen, in der Privatsphäre, innerhalb der Verbände und Vereine. Weniger ins Auge fallend als der Kampf um die Existenz sehe ich in ihnen eine Vereinbarung zugunsten der Existenz. Das Leben, das weiter geht, eine nicht ausgelöschte Lebensfreude, Solidarität. Hier ist das Frankreich, wo man Karten spielt und Grillfeste am Rathaus veranstaltet, Scrabble-Wettbewerbe organisiert und wo sich viele Mitbürger ehrenamtlich betätigen. Hinter der Reglosigkeit verbirgt sich eine wahre, durch Taten zu spürende Großzügigkeit.

Seit Beginn meiner Wanderung habe ich Männer und Frauen getroffen, die einer Kategorie von Dissidenten gleichzusetzen sind. Sie kehren dem momentan herrschenden, üblen Zeitgeist – also Lustlosigkeit, ständiges Klagen, Ressentiment, Hass – den Rücken. Mich hat die Unkompliziertheit, mit der diese Unbekannten ohne Umschweife mit mir geredet haben, fasziniert. Bis auf einige Ausnahmen waren sie aufgeschlossen und beinahe glücklich, sich einem Fremden gegenüber äußern zu können.

Arm aber herzlich

Waren sie beeindruckt, dass ein Zugereister Interesse an ihrem Tal und seinem Wasserlauf zeigt? Berührt von der Aufmachung dieses Wanderers, der sich die Mühe gemacht hat, zu Fuß bis zu ihnen zu gelangen? Es bleibt für mich ein Rätsel. All dies waren außerordentlich reizvolle Begegnungen. Etwas wurde mir gegeben, einfach so und ohne Gegenleistung. Sehr oft während dieser Wanderung habe ich diese Gunstbezeugung in ihrer ganzen Unmittelbarkeit erfahren. Trotz eines deprimierenden Umfelds, der zerstörten Landschaft, der von der jungen Generation verlassenen Dörfer, haben sich diese Männer und Frauen ihre Sensibilität bewahrt.

Sollte Anmut und Grazie in dieser Mischung aus Vertrauen und Ausgeglichenheit zum Ausdruck kommen, in der Art, einfach weiterzumachen, manchmal kurzzeitig zu jammern und dann zu etwas anderem überzugehen? Die Wanderung entlang der Marne war im Grunde die Beantwortung der Frage: Ist dies noch ein begnadetes Land? Wie viel schlechter Geschmack! Wie viel verdorbene Naturschönheit! Oft kann jedoch eine Kleinigkeit, die wie ein Überraschungseffekt, ein Blitzeinschlag wirkt, noch alles retten und, einer tiefgründigen Ordnung folgend, die Situation umkehren. Das ist Gnade, eine der Grundbedingungen, um das Heil zu erlangen.

Aus dem Französischen von Gabriele Franz