Dossierbild Geschichte im Fluss

21.1.2019 | Von:
Neşe Özgen

In Enez

Die türkische Grenzstadt Enez am Delta des Meriç war schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Tummelplatz für Flüchtlinge und Fluchthelfer aller Art. Noch heute lässt sich in Enez beobachten, wer und warum in die Türkei kommt und wer aus ihr flieht.

Stilles Grabmal am Ägäischen Meer bei EnezStilles Grabmal am Ägäischen Meer bei Enez (© Panoramio)

Enez und Ainos

Enez, eine Provinzstadt am Flussdelta des Meriç, liegt nahezu im Meer. Die winzig kleine Stadt beherbergt 11.000 Einwohnerinnen und Einwohner – in der ländlichen Umgebung von Enez leben 7.000 Menschen, im Stadtinneren etwas mehr als 4.000. Um 6500 v. Chr. als Fischerstädtchen entstanden, lebt die Stadt heute von Reisanbau und Kleintierzucht. Aal als lokale Spezialität gibt es längst nicht mehr. Die Fischereibetriebe machten dicht. Die Bestände des Wolfsbarsches, ein in der Türkei beliebter Speisefisch, sind auf ein Minimum geschrumpft. Die delikaten Speisefische des Flussdeltas werden nicht mehr gefangen.

Nördlich der Stadt liegt das ausgedehnte Flussdelta des Meriç, auf der anderen Seite das Ägäische Meer mit seinen gelbgoldenen Stränden. Doch es scheint fast so, als ob Enez, auf griechisch Ainos, seine Beziehung zum Wasser mittlerweile abgestellt hätte. Sein einziger Bezugspunkt ist nun die Grenze. Aber warum?

Der Evros/Meriç bei EnezDer Evros/Meriç bei Enez (© Tanju Koray Ucar, Panoramio)

Enez und die Geschichte einer Grenze

Die Geschichte der griechisch-türkischen Grenze beginnt in Enez zwischen 1938 und 1950. Während des Zweiten Weltkriegs nutzte der türkische Geheimdienst MIT den Fluss Meriç, um türkischstämmige Familien von “drüben”, also von Griechenland ins Land zu holen. Der türkischen Minderheit in Griechenland wurde ein Dach über dem Kopf vesprochen, ein satter Bauch und Arbeit. Einen Teil der Übersiedler überzeugte der türkische Geheimdienst auch, in der Sowjetunion als Spion zu arbeiten.

Dennoch war von einer harten Grenze noch keine Rede. Bis in die 1970er Jahre hinein war die militärische Überwachung an der Grenze eher lose. Ein Grenzbeamter schilderte die Lage so: "Es gab weder einen ordentlichen Grenzzaun noch eine regelmäßige Grenzpatrouille. Bis zur militärischen Aktion auf Nordzypern gab es diese gar nicht. 1972, eigentlich noch viel später, nach der Eroberung von Nordzypern, standen hier an der Grenze auf einmal Grenzposten. Während der Zypernkrise haben wir die Bewachung der Grenze übernommen, aber wir können ja nicht lügen, es gab von der griechischen Seite keinerlei Provokationen. Wir teilten unseren Raki, unsere Speisen und unseren Fisch mit unseren Nachbarn von drüben. Bis die Gendarmerie hierher versetzt wurde und die Grenze sicherte. Und die Grenze von der ansässigen Bevölkerung bereinigte."

Ab 1972, zwei Jahre vor der türkischen Besetzung Nordzyperns, wurde Enez zum “Grenzsicherheitsgebiet” und somit zu einem Ort, der am äußersten Rand der Türkei den meisten Bürgerinnen und Bürgern keinen Durchgang mehr gewährte. Das gesamte Städtchen wurde wegen dieses Grenzsicherheitstatus' zu einem Niemandsland, in dem es Einwohnern wie Fremden verboten war, Land zu erwerben. Sogar kultuelle Aktivitäten wie Konzerte mussten von den Grenzschützern genehmigt werden.

Enez, von drei Seiten vom Wasser umgeben, wurde von der politischen Großwetterlage in eine Art Falle getrieben. Von den Bewohnern wollte ich wissen, wie es dazu kam. “Weil wir hier an der Grenze sind. So ist das eben an der Grenze”, hat man mir geantwortet. Und als ich erzählte, dass es solch einen Status in anderen türkischen Grenzstädten entlang des Flusses wie Hopa, Nusaybin oder Meriç nicht gibt, wurde ich angeschaut, als ob man dies zum ersten Mal hört.

1980, nachdem das Militär putschte und die Grenze noch härter abgeriegelt wurde, begann die umgekehrte Migration. Die Linken, die vor dem Regime nach Griechenland und noch weiter in die europäischen Länder flüchteten, “entflohen in die Demokratie”, wie sie es nannten.

In den 1990er Jahren, im “Krieg ohne Namen” zwischen der Kurdischen Arbeiter-Partei (PKK) und den türkischen Sicherheitskräften, wurden Enez und der Meriç zu einer viel genutzten Zwischenstation für die kurdischen Flüchtenden. Aus den südöstlichen Gebieten der Türkei vertrieben, verhalfen ihnen die Mitglieder der linken Bewegung, die nun in Griechenland lebten, zur Flucht. Für Menschen, deren Zahlen sich in kurzer Zeit um Tausende vervielfachte, waren Enez und der Fluss die Hauptroute auf ihrer Reise.

Während die Schatten nachts länger wurden

Enez trägt heute die Stille einer Kleinstadt. An der Küste der Bucht von Saroz leben in den Sommermonaten nur noch einige hundert Familien. Ansonsten hat Enez kaum touristische Ambitionen, auch wenn es historisch und wegen der Wassernähe allen Grund dazu hätte.

Stattdessen flaniert der Besucher oder die Besucherin morgens unter dem kühlenden Schatten der Linden entlang bis zum Park, wo Tee und frischer Simit warten. In einer der beiden örtlichen Apotheken ist bestimmt jemand für einen kleinen Plausch zu haben, und abends ist es Zeit, mit Freunden in das beliebte Lokal von Turhan, dem Bären, einkehren.

Die Hauptstrasse aus Keşan endet an den Reisfeldern am Ufer des Meriç. Am Hauptbahnhof warten die zwei Mal täglich verkehrenden Busse zusammen mit einigen Sammeltaxen und summenden Fliegen auf Gäste. Die aber verirren sich kaum noch hierher. Auf den letzten asphaltierten Spuren der historischen Via Egnatia, vorbei an den stillen Resten der antiken Kirche von Ainos und den Ruinen in den Reisfeldern, die ehemals als Depots und Aalfischereien genutzt wurden, gelangt man über das Meriç-Delta zu den Sümpfen, der historischen Brücke und dem Posten der Grenzgendarmerie. 50 Meter weiter beginnt Griechenland. Geht man von hier zum Meer, vorausgesetzt man wird nicht von den Soldaten gestoppt, sieht man den historischen Hafen mit einer 7.000-jährigen Geschichte und schließlich die Insel Samothraki, auf türkisch Semadirek.
Enez 2009Enez 2009 (© Mehmet Ercan, Panoramio)

Alles an diesem Ort scheint wie geschaffen zu sein für einen idealen Aufenthalt im Ruhestand. Bis Sie mit ihren Freunden, die nicht die türkische Staatsbürgerschaft besitzen, hier ihren Urlaub verbringen. Bis zu dem Punkt, wo der Gendarm Sie auffordert, sofort diesen Ort zu verlassen. Ab diesem Moment wird es Ihnen hier zu eng. Bis zum Abend, an dem die anderen kommen. Nicht die Urlauber, sondern die Flüchtlinge und die Schlepper.

In der Dämmerung, wenn die Schatten länger werden, das Tuscheln unter den Bäumen anhebt, wenn die Brote aus den Öfen getragen und die Einwohner sich in die Häuser oder in ihre Geschäfte zurückziehen, wird deutlich, dass dieser Ort für die einen eine verbotene, für andere dagegen nur eine Transitzone ist.

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Evros - Meriç - Maritsa

Evros heißt er auf Griechisch, Meriç auf Türkisch und Maritsa auf Bulgarisch. Einst war dieser nur 515 Kilometer lange Fluss die Verbindung Europas zum Osmanischen Reich. Davon kündet zum Beispiel die Architektur im bulgarischen Plovdiv. Heute aber ist der Fluss vor allem eines: die Außengrenze der Europäischen Union.

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