Dossierbild Geschichte und Erinnerung
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Mythen der Neutralität

Wie der Holocaust in Schweden und der Schweiz ausgeblendet wurde


12.8.2010
In Schweden und der Schweiz wurde die Komplizenschaft mit dem Holocaust lange Zeit ignoriert. Internationalen Medien ist es zu verdanken, dass nationale Mythen der Neutralität hinterfragt und (Mit-)Verantwortung eingestanden wurde, schreibt Arne Ruth.

Ein US-Soldat untersucht goldene Tabakdosen - Raubgut der Nazis, das 1945 von der US-Armee in den österreichischen Alpen gefunden wurde.Ein US-Soldat untersucht goldene Tabakdosen - Raubgut der Nazis, das 1945 von der US-Armee in den österreichischen Alpen gefunden wurde. (© AP)
Erst in den Achtzigerjahren wurde die Erfahrung des Holocaust als universelles Thema in die verschiedenen nationalen Projekte integriert, aus denen sich Europa zusammensetzt. Schweden und die Schweiz, die beide während des Krieges neutral waren, sind zwei hervorragende Beispiele dafür, wie lange Zeit Fragen der Mitschuld und Kollaboration vermieden wurden. Erst die Nazigold-Kontroverse in den späten Neunzigerjahren erschütterte die etablierten nationalen Perspektiven in beiden Ländern. Aber auch in einem größeren Zusammenhang war diese Kontroverse ausgesprochen aufschlussreich: Denn für die Integration echter Universalität in das europäische Projekt ist grenzüberschreitende Provokation ein zentrales Element.

Nach Kriegsende wurden Schweden und die Schweiz beschuldigt, ihre Neutralität zur Selbstbereicherung genutzt zu haben, und nicht, wie die beiden Länder es selbst darstellten, als Beitrag zum epochalen Kampf um die Zukunft der Menschheit. Die Schweiz sah sich insbesondere dem Vorwurf ausgesetzt, unbeschränkt deutsches Raubgold in ihren Banken gelagert zu haben.

Beide Länder reagierten nach dem Krieg damit, ihre nationalen Projekte als einzigartiges Bemühen darzustellen, universelle Werte zu verwirklichen. Die weitgehende Isolation von Europa war aus ihrer Perspektive ein Mittel, um das nationale Gemeinwohl zu erhalten. Während sich beide im nationalen Kontext vordergründig zu liberaler Universalität bekannten, so gingen sie doch sehr unterschiedliche Wege. Die Schweiz, nach wie vor das weltweite Finanztransaktionszentrum, präsentierte sich als Gralshüter des freien Weltmarkts - was sie aus ihrer Sicht allen Widrigkeiten zum Trotz auch während des Krieges gewesen war. Als einen weiteren universellen Wert beanspruchte sie ihre nationale Souveränität und weigerte sich, neu entstehenden transnationalen Strukturen wie den Vereinten Nationen beizutreten. Ihre Isolation, so schien es, wies der Schweiz auch die besondere Rolle als zentrale Bühne internationaler Verhandlungen zu. Schweden wählte die umgekehrte Richtung zur Universalität und kanalisierte seine außenpolitischen Ziele symbolhaft durch die UN und andere neue internationale Organisationen.

Die Nachkriegsverhandlungen zwischen den Alliierten und der Schweizer Regierung über den Umgang mit deutschem Besitz und Raubgold stellten Schweizer Politiker intern als einen Kampf von David gegen Goliath dar. In der öffentlichen Meinung wurde dieser Kampf mehrheitlich als der aussichtslose Versuch betrachtet, die Unantastbarkeit des Privateigentums vor den Übergriffen der Großmächte zu schützen. Im November 1946 beschuldigte der Schweizer Chefverhandler Walter Stucki die Alliierten, ihre eigenen, in der Atlantik-Charta niedergelegten Prinzipien zu missachten. Die Tatsache, dass die Schweiz sich im März 1945 dem amerikanischen Druck gebeugt und zugestimmt hatte, allen deutschen Besitz einzufrieren, Fremdwährungshandel zu verbieten und den Kauf von Gold aus Deutschland einzuschränken, war, wie er sagte, das Ergebnis von politischem Druck, der schlimmer war als alles, was Göring jemals versucht hatte - ein Bruch aller Prinzipien in einer Welt "bar aller materiellen und moralischen Grundlagen" [1], in der sich die Schweiz in einer gefährlichen politischen Isolation wiederfand.

Die Ironie dieser einzigartig bornierten Definition von nationalem Schweizer Interesse wurde für die Welt erst fünf Jahrzehnte später offensichtlich, als der World Jewish Congress und der Eizenstat-Report die Schweizer Behörden mit der Frage jüdischen Eigentums während des Krieges konfrontierte.

In Schweden war es nach dem Krieg wesentlich einfacher, offizielle Repräsentaten dazu zu bewegen, eine Mitschuld durch Handel mit dem Dritten Reich einzugestehen. Dean Acheson reflektiert diese Frage in seinen Memoiren: "Wenn die Schweden starrköpfig waren, dann waren die Schweizer der Gipfel der Starrköpfigkeit." [2] Der Raubgold-Frage versuchten schwedische Vertreter in der unmittelbaren Nachkriegszeit jedoch auszuweichen. Erst als auch Schweden in den Strudel des Eizenstat-Reports hineingezogen wurde, drang die Schuldfrage endlich in die schwedische Öffentlichkeit durch. Als Premier Göran Persson Ende der Neunzigerjahre ein umfangreiches, international angelegtes Holocaust-Bildungsprojekt zu Geschichte und Problemen der Gegenwart initiierte, wurde das von der Weltöffentlichkeit als offene und gewissenhafte Auseinandersetzung der Schweden mit diesen ethischen Fragen wahrgenommen.

Um zu verstehen, dass diese Haltung einen radikalen Bruch mit der herrschenden Tradition des Verschweigens und Vernachlässigens bedeutete, muss man sich mit den Besonderheiten der schwedischen Nachkriegsgeschichte auseinandersetzen: Nach dem Krieg wählte Schweden das Mitgefühl als seine charakteristische nationale Qualität, aufbauend auf einer kurz zuvor erfolgten Neudefinition des nationalen Projekts. Eine bereits in den Dreißigerjahren eingeführte spezifische Form des sozialen Wandels konnte jetzt zur Verkörperung von Modernität ausgerufen werden.


 

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