Dossierbild Geschichte und Erinnerung

7.10.2008 | Von:

Keine gemeinsame Erinnerung

Geschichtsbewusstsein in Ost und West

Verkoppelung der Vergangenheiten

Seit 1990 geschieht in der öffentlichen Debatte häufig eine Verkoppelung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Diskussion um die DDR-Geschichte. Das ist nicht verwunderlich. Nach der Vereinigung gab es in den neuen Bundesländern nicht nur einen radikalen Paradigmenwechsel in Bezug auf die Bewertung des Sozialismus in der DDR. Auch das starre, hermetische Bild von der NS-Vergangenheit, wie es bis dahin in KZ-Gedenkstätten, Museen, Schulbüchern und Publikationen gezeichnet worden war, stand nun zur Disposition. Schließlich war dieses Vergangenheitsbild, dessen Botschaft im Sozialismus mündete, ganz wesentlich vom Legitimationsinteresse der SED-Führung geprägt worden.

Die gleichzeitige und doppelte Revision hat zweifellos mit dazu geführt, dass sich heute beide Erinnerungsschichten berühren, überlagern, vermischen, sogar in Konkurrenz miteinander treten, zumal, wenn es um Orte geht, an denen nicht nur zur NS-Zeit Menschen inhaftiert und gequält wurden, sondern die nach 1945 in der SBZ oder später in der DDR ebenfalls zu diesem Zweck genutzt wurden. Dort muss eine erstarrte, eingeengte Erinnerung neu befragt und ein bisher tabuisierter Teil der Vergangenheit in die Geschichtsarbeit einbezogen werden. Hier wäre nicht nur an die bekannten Kontroversen um die KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen zu denken, die später als sowjetische Speziallager dienten. Ich denke auch an Haftorte wie das Zuchthaus Brandenburg, das Zuchthaus Bautzen, die Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden. Überall dort sind heute Gedenkstättenmitarbeiter wie Besucher mit der zweifachen Vergangenheit dieser Orte konfrontiert und stehen vor der Aufgabe, angemessen damit umzugehen. Es geht immer wieder um die gleichen Fragen: Sollen beide Vergangenheiten in der Darstellung völlig voneinander getrennt werden? Oder können sie in Zusammenhang gebracht oder gar miteinander verglichen werden?

Zu Beginn der neunziger Jahre habe ich als Mitglied der Expertenkommission für die Neuorientierung der Brandenburgischen Gedenkstätten diesen Konflikt ganz nah miterlebt. Es gab damals heftige Kontroversen zwischen den Opferverbänden. Das Internationale Auschwitzkomitee veröffentlichte eine große Anzeige in der "Zeit", in der die Bemühungen, in den KZ-Gedenkstätten auch an die sowjetischen Speziallager zu erinnern, als Vorbereitung "eines neuen Auschwitz" verdammt wurden. Mit derart schweren Vorwürfen wollte man in letzter Minute eine Entscheidung blockieren.

Inzwischen hat sich die Situation verändert. Zwischen den Opferverbänden, die beide Vergangenheiten repräsentieren, existiert ein zerbrechlicher Konsens. Aber direkt und indirekt geht es in den Debatten immer wieder und weiterhin um eine "Konkurrenz der Opfer". Die überlebenden Häftlinge der Nachkriegszeit fühlen sich benachteiligt, zurückgesetzt, als Opfer zweiter Klasse behandelt. Häufig beklagen sie, dass ihre Leidensorte nicht angemessen bezeichnet und beachtet werden. Das Gedenken an nationalsozialistische Verfolgung und Holocaust, wie es sich in 40 Jahren in der Gesellschaft der alten Bundesrepublik etabliert hat, ist für sie der Maßstab, an dem sie den Umgang mit ihrer Leidensgeschichte messen. Die Opfer des Stalinismus, wie sie sich selbst in ihrem Dachverband nennen, beklagen, dass das Bild der SBZ/DDR, wie es in der Öffentlichkeit gezeichnet wird, viel zu freundlich und harmlos erscheine und ihre Verfolgungsgeschichte häufig ausgespart bleibe. Auf der anderen Seite äußern ehemalige DDR-Bürger, wie schon erwähnt, dass das öffentliche Bild der DDR nur noch aus Repression und Terror bestehe. Ihr normales Alltagsleben komme darin nicht vor.

Eine Verkoppelung der Debatten um DDR und Nationalsozialismus finden wir zum Beispiel in der Kontroverse um die Ehrenbürgerwürde für den Kinderarzt Jussuf Ibrahim, die in den vergangenen Jahren in Jena geführt wurde. Als der Publizist Ernst Klee aus Frankfurt/Main Fakten über die Beteiligung des in Jena hoch verehrten Mediziners am nationalsozialistischen Mord an behinderten Kindern enthüllte und die Aberkennung von dessen Ehrenbürgerwürde forderte, wiesen Bürgerinnen und Bürger - auch Abgeordnete des Jenaer Stadtparlaments und Mitglieder von Ärztevereinigungen der Region - das als Versuch der Delegitimierung der Leistungen der DDR-Medizin vehement zurück.

Wer sich mit der DDR-Karriere von Ibrahim und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschäftigt, stößt wiederum zwangsläufig auf die Aktivitäten der Staatssicherheit, die seinerzeit viele Informationen über die NS-Belastung der betreffenden Personen zusammentrug, gleichzeitig aber dafür sorgte, dass die Dokumente unter Verschluss blieben, um das Ansehen der DDR-Medizin in der Öffentlichkeit nicht zu beschädigen. Viele Jahrzehnte lang hatte sich das Schweigen der Obrigkeit mit der Verleugnung der Bürger/innen verbunden. Als nach "Wende" und Vereinigung dieses Schweigen endlich aufbrach, meinten die Angegriffenen, es gehe vor allem um ihre Identität und ihre Lebensleistung, die es zu verteidigen galt.

Ähnlich und doch anders mag es den Fürstenberger Bürgerinnen und Bürgern während des so genannten Supermarktskandals gegangen sein. Sie waren 1991 unvermittelt als "hässliche Deutsche" in die Schlagzeilen geraten, weil sie mit einer spontanen Demonstration den umstrittenen Bau eines Supermarkts nicht weit vom Eingang des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück hatten unterstützen wollen. Auch die Fürstenberger Bevölkerung hatte sich, ähnlich wie die Jenaer, im pauschalen Antifaschismus der DDR-Zeit eingerichtet. Einmal im Jahr waren sie pflichtgemäß zur Gedenkveranstaltung hinunter an den Schwedtsee gegangen. Es war bequem, dass die Verbindung zwischen Stadt und Lager weitgehend tabuisiert war und die Erinnerung an das KZ auf ein kleines Areal zwischen Lagermauer und See begrenzt blieb.

Als nach 1990 eine neue Geschichtskonzeption nach der tatsächlichen Ausdehnung des Frauenkonzentrationslagers fragte und die bis dahin allseits gebilligte Grenze zwischen historisch belastetem und alltäglich nutzbarem Raum in der Stadt zu verschieben oder sogar ganz aufzuheben drohte, wurden in diesem Konflikt auch tiefere Erinnerungsschichten aufgewirbelt. Alte Rechtfertigungsmuster und die bisher öffentlich nicht thematisierten eigenen Leiden und die erlebte Willkür am Ende des Krieges und in der frühen Nachkriegszeit verbanden sich in dieser Situation zu einem widersprüchlichen und explosiven Gemisch.

Auf welche Weise vor allem im familiären Dialog in den ostdeutschen Bundesländern die Vertreter/innen der Großelterngeneration nach so vielen Jahren des Schweigens ihre Leidens- und Verfolgungserfahrungen in der Nachkriegszeit gegen die Geschichte des Nationalsozialismus setzen oder sogar dagegen aufrechnen möchten, ist in einer Publikation nachzulesen, die unter dem Titel "Opa war kein Nazi" Befragungsergebnisse von Vertretern dreier Generationen vorstellt. In der Studie von Harald Welzer und seinen Mitarbeiter/innen wurden Angehörige dreier Generationen über die Erinnerungen an die NS-Vergangenheit und die Weitergabe von Erfahrungen an Kinder und Enkel befragt.[4] Die Autorin Sabine Moller, die vor allem Familien in den ostdeutschen Bundesländern befragte, machte dabei die Entdeckung, dass die Großelterngeneration, die den Nationalsozialismus noch erlebt hat, nach dem Ende der DDR moralisch an Boden gewonnen habe und entsprechenden Einfluss auf die Enkelgeneration ausübe. Die VertreterInnen der Kriegsgeneration bräuchten heute nur auf die "Stasi" verweisen, um kritische Fragen ihrer Töchter und Söhne nach ihrem damaligen Verhalten abzuwehren.

So versuchte beispielsweise Frau Haase, eine der Befragten, im Gespräch mit ihrer Tochter und ihrem Enkel die NS-Zeit als heile Welt darzustellen, die erst mit dem Krieg zerbrochen sei. Die Tochter gab zu verstehen, dass sie anderer Auffassung sei, worauf die Mutter erwiderte: "Was du in der DDR gelernt hast, das ist doch heute nicht mehr aktuell."[5] Die Tochter von Frau Haase konnte - anders als ihre Altersgenossinnen aus dem Westen - so schnell in die Defensive gedrängt werden, weil sie ja inzwischen weiß, dass sie selbst aus einer Diktatur kommt. Sie hat das DDR-System mitgetragen oder sich zumindest darin arrangiert.


Fußnoten

4.
Vgl. H. Welzer u.a. (Anm. 1).
5.
Sabine Moller, "Du und Dein DDR-Geschichtsbild!". Der neue Blick auf die Familiengeschichte im Nationalsozialismus nach dem Ende der DDR, in: Horch und Guck, Nr. 40 (2002) 4, S. 26.

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