Neoklassische Statue des antiken griechischen Philosophen Platon vor der Kunstakademie von Athen, Griechenland.

Meinung: Das Zeitalter der Opfer


5.2.2014
In der aktuellen Krise denkt kaum einer an die Migranten in Griechenland, meint der Schriftsteller Petros Makaris. Sie treffe die Wirtschaftskrise am härtesten. Die EU-Flüchtlingspolitik hält er für reine Heuchelei.

"Stummer Protest" für die Anerkennung auf politisches Asyl: Ein Flüchtling in Athen am 27. Dezember 2010."Stummer Protest" für die Anerkennung auf politisches Asyl: Ein Flüchtling in Athen am 27. Dezember 2010. (© picture-alliance/dpa)

Es war im Sommer 2007 und Athen stöhnte unter einer großen Hitzewelle. Ich konnte in der Nacht nicht schlafen, weil mich die Klimaanlage im Schlafzimmer stört. Gegen drei Uhr morgens geriet ich endlich ins Schlummern, da hörte ich plötzlich in der Fußgängerzone vor meiner Wohnung einen lauten Krach.

Ich sprang aus dem Bett, lief auf den Balkon und rief empört: "Leute, woher findet Ihr denn die Kraft, um drei Uhr morgens und in dieser Hitze einen Streit anzuzetteln?" Es folgte eine lange Pause. Dann sah ich ein schwarzes Gesicht mit zwei brennenden Augen zu mir hinaufblicken, und eine warme Baritonstimme sagte: "Excusez-moi, Monsieur! – Entschuldigen Sie, mein Herr!"

In der Umgebung meiner Wohnung, im Athener Stadteil Kypseli, wohnen viele französischsprachige Afrikaner: Senegalesen, Abidjanesen und Einwanderer von der Elfenbeinküste. Einige von ihnen haben Läden, die afrikanische Produkte verkaufen, andere unterhalten Essbuden. Die Mütter lassen ihre Kinder in der Fußgängerzone spielen, fast jeden Tag trifft man dort junge Afrikanerinnen und Afrikaner, die herumflanieren und fließend Griechisch sprechen.

Die Griechen haben im Allgemeinen ein gutes Verhältnis zu diesen Afrikanern. Man sieht sie gemeinsam vor den Läden sitzen und plaudern, oder sie spielen Tavli miteinander. Als die Neonazi-Partei "Goldene Morgenröte" in dieser Gegend Fuß zu fassen versuchte, wurde sie von den Griechen vertrieben.

Vor ein paar Tagen gab es gegen elf Uhr Nachts in der Flanierzone eine Polizeirazzia. Am nächsten Morgen fragte ich meinen Nachbarn, was passiert ist: "Es war eine Operation gegen den Rauschgifthandelring in der Gegend", antwortete er.

Ich habe diese beiden Geschichten nebeneinander gestellt, um zu zeigen, dass die Migranten eben Menschen sind wie wir. Das scheinen viele Europäer – nicht nur die Griechen – einfach zu vergessen. Nur hat die Krise das Verhältnis zwischen Griechen und Migranten zunehmend zerstört. Wenn man in einer Gesellschaft mit knapp dreißig Prozent Arbeitslosigkeit und knapp sechzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit lebt, und alles Vertrauen zu den Politikern verloren hat, dann erscheinen die Migranten als eine zusätzliche Belastung, sogar als Konkurrenten im Kampf ums Überleben.

Wenn ich um sieben Uhr morgens von meinem Balkon auf die Straße hinunterschaue, dann sehe ich Griechen mit einem Stock im Müll wühlen. Die meisten sind alte Leute im Ruhestand, die mit ihrer – in den letzten drei Jahren vielfach gekürzten – Pension nicht mehr auskommen. Sie erscheinen immer frühmorgens, weil sie sich schämen, von ihren Landsleuten ertappt zu werden.

Gegen zehn Uhr kommen dann die Migranten. Auch sie wühlen im Müll herum, doch nicht mit einem Stock, sondern mit einer Eisenstange. Meistens fischen sie nach leeren Blechdosen, die sie zu 10 Cent das Stück verkaufen, und nach Holz, das sie als Brennholz absetzen – denn viele Familien können sich das Heizöl nicht mehr leisten. Die Goldene Morgenröte und andere rechtsextreme Parteien schüren den Unmut der Leute, und sie fordern lautstark, die Migranten auszuweisen.

Das ist nur Theater. Man braucht die Migranten nicht auszuweisen, sie verlassen von selbst das Land, die meisten von ihnen Albaner. Das ist eine doppelte Tragödie. Zum einen, weil die Albaner sich in Griechenland völlig integriert haben: schon die zweite Generation konnte man von den Griechen nicht mehr unterscheiden. Sie haben die griechische Sprache übernommen, und sprechen auch zu Hause Griechisch – das Land verliert also jene Migranten, die sich am besten integriert haben. Zum anderen, weil auch diese albanischen "Rückkehrer" sehr unglücklich sind. Die junge Generation spricht kein Albanisch. Sie gingen in griechische Schulen, ihre Freunde waren Griechen. Jetzt müssen sie Albanisch lernen. Die albanischen Schulen sind ihnen so fremd wie das Land. Für die jungen Albaner ist das also keine Rück- sondern eine Auswanderung. Mein albanischer Kiosk-Besitzer wollte nach Albanien zurück, hatte dabei aber ein Problem. "Soll ich als Albaner, oder als Grieche zurückkehren?", hat er mich gefragt. "Kehre ich als Albaner zurück, dann werden mich meine Landsleute als Versager auslachen. Kehre ich dagegen als Grieche zurück, dann werden sie auf mich schimpfen."

Jeden Morgen, wenn ich an seinem verlassenen Kiosk vorbeigehe, frage ich mich, wie er sein Problem gelöst hat. Die meisten von den afrikanischen und asiatischen Einwanderern, die Griechenland verlassen, sind illegale Einwanderer, denen man den Flug bezahlt. Viele von den Einwanderern, die eine Aufenthalts- und eine Arbeitsgenehmigung besitzen, würden auch gern in ihr Heimatland zurückkehren, können aber das Reisegeld nicht auftreiben. Weil sie legale Einwanderer sind, müssen sie den Rückflug selbst bezahlen.

Trotzdem sehe ich, wenn ich in der Flanierzone spaziere, Afrikaner, die frohen Mutes sind. Sie lachen, machen Witze, und erinnern mich an die Griechen der sechziger Jahre, die immer lachten und einen unerbittlichen Humor hatten. Der fiktive Reichtum und der Rückfall in die Armut haben den Griechen ihren Humor verdorben. Außer bei den Migranten, sieht man in Athen kaum noch lachende Gesichter.

Wir leben in Europa nicht nur im Zeichen der EU, sondern auch im Zeitalter der Opfer. Diese Opfer sind die Einwanderer. Sie werden in ihrem Ursprungsland von Banden verführt und zahlen ihre ganzen Ersparnisse, um ihnen in Europa einen Arbeitsplatz und damit ihren Familien eine Zukunft zu verschaffen.

Viele zahlen dafür nicht nur mit Geld, sondern auch mit ihrem Leben. Sie ertrinken irgendwo im Mittelmeer, in Sichtweite von Italien, Griechenland, Zypern oder Malta. Lampedusa ist das eklatanteste Beispiel, das einzige ist es nicht. Diejenigen, die die Küste erreichen, werden sofort in Auffanglager gesperrt, sie leben mit dem Traum einer Aufenthaltsgenehmigung. Die meisten haben ihre Papiere vernichtet, in der Hoffnung als politische Flüchtlinge akzeptiert zu werden. Man spricht nicht gern von "Lagerstrukturen", aber darum kommt man im Zusammenhang mit diesen Einwanderern nicht herum.

Die Einwanderungspolitik der EU ist eine Politik der Heuchelei. Zuerst einmal gegenüber den Küstenländern Europas, die die große Last zu tragen haben. Die mitteleuropäischen Staaten geben den Küstenländern Geld, damit sie Europa gegen die Einwanderungswelle besser wappnen können. Letztendlich werden alle Fragen in Europa fast nur noch mit Geld gelöst – Geld ist zum Allheilmittel der EU geworden.

Damit sei nicht gesagt, dass wir Griechen alles richtig gemacht hätten. Ganz im Gegenteil, wir haben eine Reihe fataler Fehler begangen. So haben auch wir jahrelang einfach weggeschaut, als die Einwanderungswelle zunahm. Dabei hat Griechenland ein doppeltes Problem. Die Einwanderer kommen nicht nur auf dem Seeweg, sondern auch über die nordöstliche Grenze zur Türkei, die sehr lang und äußerst schwer zu überwachen ist.

Weil die örtlichen Stadtgemeinden sowohl an der griechisch-türkischen Grenze als auch auf den Inseln die Migranten nicht akzeptieren, übten die Parlamentsmitglieder der jeweiligen Regierungspartei, die in diesen Wahlkreisen kandidierten, Druck auf die Regierung aus. Die einfachste Lösung war, sie alle nach Athen zu schicken. Die zuständigen Minister dachten wohl, einige tausend Migranten mehr oder weniger, das wäre für den Moloch Athen kein Problem.

Jetzt in der Krise zahlt Athen die Zeche für diese Politik. Die Krise hat Athen am schwersten getroffen. Nirgendwo in Griechenland ist sie so hart zu spüren. Die Opfer der Krise und die Opfer der Einwanderung wühlen nicht nur im selben Müll, sie irren auch nebeneinander durch Athen, in der verzweifelten Suche nach Arbeit.

Auch die beiden Häfen Patras und Igoumenitsa haben ein großes Migrantenproblem – die Fähren nach adriatischen und Mittelmeerhäfen fahren von diesen Städten aus. Alle Tage sieht man dort eine enorme Polizeipräsenz. Die Migranten warten auf die Fähren und versuchen, als blinde Passagiere Griechenland zu verlassen. Die Polizei versucht, sie davon abzuhalten. Die Migranten sind müde und entmutigt, die Polizisten und Schiffsmannschaften auch. Es ist ein tägliches, aussichtsloses Spiel, dessen Einsatz aus Menschenleben besteht.

Immer, wenn die Diskussion auf die Menschenrechte in Syrien, Ägypten oder China kommt, dann denke ich an diese Migranten. Wer schützt ihre Menschenrechte? Auch das ist Heuchelei.


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Autor: Petros Markaris für bpb.de
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