Dossierbild Moschee DE

6.6.2019 | Von:
Michał Honnens

"Es ging uns um die Versachlichung einer Debatte"

Michał Honnens ist Produzent und Co-Regisseur des Films "Moschee DE". Im Interview beschreibt er die Bedeutung von sprachlicher Unmittelbarkeit und Authentizität im Film und gibt Einblicke in die Entwicklung und Inszenierung von "Moschee DE".

Michał Honnens steht vor einer blauen Wand.Michał Honnens (© Michał Honnens)

bpb.de: Der Film „Moschee DE“ nimmt Bezug auf die Proteste, die der Bau der Khadija-Moschee im Berliner Stadtteil Pankow-Heinersdorf auslöste. Was gab den Anstoß, dieses Thema filmisch aufzugreifen?

Michał Honnens: Robert Thalheim, der Autor der Vorlage von „Moschee DE“, zog gerade nach Pankow, als der Bau der Moschee dort überall für Gesprächsstoff und aufgeregte Unterschriftenaktionen sorgte. Ihm blieb sozusagen fast nichts anderes übrig, als sich damit zu beschäftigen. Robert und Co-Autor Kolja Mensing merkten schnell, dass sie es nicht nur mit einem lokalen Phänomen zu tun hatten. Sie nahmen sich ein Tonbandgerät und führten ausführliche Interviews mit sehr auskunftsfreudigen Protagonist*innen. Herausgekommen ist ein Theaterstück, das zwei Spielzeiten lief und auch im Deutschen Theater in Berlin zu Gast war. Ein Film war zuerst gar nicht geplant. Den haben wir erst gemacht, als Jahre später plötzlich eine Bewegung und eine Partei mit Slogans in ganz Deutschland präsent wurden, die uns allen verdächtig bekannt vorkamen.

Die Monologe im Film beruhen auf Äußerungen von Personen, die in den Konflikt um den Moscheebau in Heinersdorf involviert waren. Welche Bedeutung hat der dokumentarische Charakter für den Film?

Sehr kurzweilige Monologe muss man dazu sagen. Robert und Kolja hatten von Anfang an Wert drauf gelegt, die Interviewpartner*innen ernst zu nehmen und ausreden zu lassen. Durch das Fehlen einer Kamera erzählten sie offen, frei und in ihrer Sprache. So gelang nicht nur ein kleines Zeitdokument, sondern die Aufzeichnung von etwas Unmittelbaren und Unverstelltem. Etwas, was sich heutzutage seltener finden lässt, weil man tendenziell dazu übergegangen ist, sich lieber anonym und in Twitterlänge Floskeln um die Ohren zu hauen. Vor allem bei umstrittenen Themen. Diese authentische Sprache galt es dann im Film wortwörtlich umzusetzen.

Warum haben Sie sich für eine reduzierte Art der Inszenierung entschieden? Was unterscheidet den Film von einem (klassischen) Dokumentar- oder Spielfilm?

Es gab zwei Faktoren. Das eine war wie gesagt der Fokus auf die Sprache. Da kann die Bildgestaltung, egal welche, schon mal stören – auch wenn wir daran gewöhnt sind, dass es eine geben muss. Das andere war die islamische Tradition der Vermeidung von bildlichen Darstellungen, auch in Moscheen. Das wollte ich nicht nur respektieren, sondern auch nutzen. Beim Stück „Moschee DE“ im Schauspiel Hannover habe ich die Bühne mit dem Zuschauerraum verschmolzen. Das Publikum fand sich auf der Tribüne einer Mehrzweckhalle wieder, obwohl es im Theater war. Einen ähnlichen Effekt wollte ich mit dem Film erzielen. Ein direktes Sich-Angesprochen-Fühlen, mit viel neutralem Raum für die Verkörperung der Figuren. Zusammen mit der Regisseurin Mina Salehpour, die unsere Schauspieler*innen in- und auswendig kennt, und wie die meisten von ihnen bereits beim Theaterstück dabei war, konnten wir uns beim Dreh auf die Nuancen von Haltung, Mimik und Sprachduktus konzentrieren, was selbst beim Spielfilm häufig zu kurz kommt.

Auf den ersten Blick reproduziert „Moschee DE“ Klischees: Fünf stereotype Charaktere schildern ihre Sicht auf die Ereignisse, ohne miteinander konfrontiert zu werden. Wieso wurde diese Art der Darstellung gewählt?

Ich würde das so nicht unterschreiben, also das mit den Stereotypen. Ich persönlich kenne keinen Konvertiten, weiß also gar nicht, wie „die“ so sind. Auch sind Zugezogene sicherlich überall ein wenig anders. Von einem Pfarrer, einem Imam oder dem Vorsitzenden einer Anti-Moscheebau-Initiative erwarte ich natürlich gewisse Muster, das ist richtig. Unseren Protagonist*innen haben wir aber keine Korsetts übergezogen. Sie sind für uns alle gleichberechtigt und haben das Bild von sich selbst miterschaffen. Außerdem gibt es sie ja wirklich. Wir haben sie nur ausgewählt und Passagen sowie die Chronologie ihrer Aussagen so zusammengeschnitten, dass man den Eindruck erhält, sie reagieren aufeinander. Das ist natürlich etwas hinterlistig, dafür aber aufschlussreich.

Der Film thematisiert Ereignisse aus dem Jahr 2006. Inwiefern sind die dargestellten Perspektiven auch heute noch relevant? Was hat sich seitdem verändert?

Der Film hatte Ende 2016 seine Premiere auf dem DOK Leipzig Festival. Zehn Jahre waren vergangen, aber niemand störte sich am zeitlichen Abstand. Das lag wohl daran, dass wir damals den Anfangsmoment einer Wahrnehmung einfangen konnten, die sich bis jetzt durch ein schräges Grundprinzip auszeichnet: Der Westen klagt über den Osten, wo Nazis Ausländer*innen hassen, weil der Islam eine Gefahr für den Westen ist. An diesem Satz ist alles falsch, und trotzdem stimmt er. Von daher hat sich nicht viel verändert, nein. Es ist nur undurchsichtiger geworden. Da weiter neue Moscheen gebaut werden, sind nicht nur die dargestellten Perspektiven nach wie vor relevant, sondern Perspektiven im Allgemeinen. Als Mehrzahl. Wir werden im Ausland dafür geschätzt, dass unsere Debattenkultur trotz zunehmender Hysterie noch vergleichsweise ruhig und sachlich abläuft. Man kann hier anderer Meinung sein und lässt sich nicht vom Sog der Vereinfachung mitreißen. Unser Konvertit würde sagen, das sind alles sehr deutsche Eigenschaften. Aber eben auch islamische.

Inwiefern leistet der Film einen Beitrag zur Debatte um den Umgang mit dem Islam in Deutschland?

Abgesehen davon, dass in jedem Streit immer ein Erkenntnisgewinn steckt, ging es uns um die Versachlichung einer Debatte, die ja, wenn wir ehrlich sind, im Kern eine religiöse ist. Das fällt paradoxerweise gerne hinten über. Im Film gibt es zwischen dem Pfarrer und dem Imam einen kleinen Wettstreit darum, wer öfter betet. Klingt albern, zeigt aber, dass es aus theologischer Sicht gar keinen Gewinner geben kann. Wobei diese Runde klar an den Imam ging (lacht). Gerade weil wir einiges ad absurdum führen und vor allem nie den Gesprächsfaden abreißen lassen, lernen wir Motive kennen, die sich hinter den politischen Parolen verbergen und sich als private oder wirtschaftliche offenbaren.

Man merkt dann, dass Islamophobie die Projektion von was ganz anderem ist. Während wir permanent über den Islam reden, wollen die meisten wenig darüber wissen, vermischen lieber Halbwahrheiten mit Vorurteilen. Für mich äußert sich diese Berührungsangst darin, dass ein*e deutsche*r Christ*in oder Atheist*in eher eine Moschee im Türkeiurlaub besuchen würde als die bei sich im Ort.

Das Interview führte Lea Schrenk.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Michał Honnens für bpb.de

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