"Wer wenn nicht wir"

11.3.2011

Der Schlüssel zum Verständnis der RAF liegt auch im Privaten

Ein Gespräch mit Andres Veiel, Regisseur des Films "Wer wenn nicht wir"

In seinem neuen Film "Wer wenn nicht wir" spürt Andres Veiel den Anfängen der RAF-Bewegung jenseits der bekannten Bilderschleifen nach. Sein erzählerischer Ansatz setzt auf Beziehungs- und Familienpsychologie. Ein Interview.

Herr Veiel, der Deutsche Film hat sich in den letzten Jahrzehnten durchaus schon an der RAF abgearbeitet. Sie selbst haben sich bereits vor zehn Jahren mit Ihrem Film "Blackbox BRD" des Themas angenommen. Was hat Sie bewogen, sich erneut mit der Materie zu beschäftigen?

Andres Veiel: Die bisherigen Filme, vor allem die aus der jüngsten Zeit, haben sich mit dem Phänomen der RAF beschäftigt, ohne wirklich genau nach den Ursachen und der Motivation dieser Bewegung zu fragen. Wenn entsprechende Begründungen geliefert wurden, dann immer aus den bekannten Bilderschleifen heraus: Schüsse auf Benno Ohnesorg, Studentenunruhen, Schüsse auf Rudi Dutschke, der Anschlag auf das Springer-Verlagsgebäude. Und irgendwann – so wird es dem Zuschauer vermittelt – spaltet sich dann die Studentenbewegung in diejenigen auf, die den Marsch durch die Institutionen antreten und einige, die in die Gewalt abdriften. Angesichts dessen hat sich mir schnell eine Kernfrage gestellt: Warum war es von den Hunderttausenden, die damals auf den Straßen demonstriert und protestiert haben, gerade diese Handvoll Leute, die in den bewaffneten Untergrund gegangen ist? Um das zu verstehen, muss man meines Erachtens zeitlich sehr viel früher einsetzen, und auch die Familienbiographien und Beziehungskonstellationen der einzelnen RAF-Mitglieder mit einbeziehen.

Nach mehreren Dokumentarfilmen ist "Wer wenn nicht wir" Ihr Spielfilm-Debüt. Was hat Sie zu diesem Wechsel der Formate bewogen?

Andres Veiel, Regisseur von "Wer wenn nicht wir".Andres Veiel, Regisseur von "Wer wenn nicht wir". (© Markus Jans/zero one film)
Wie bei jedem anderen meiner Projekte begann die Arbeit an dem Film mit einer langen Recherchephase. Und dabei wurde mir schnell klar, dass die Menschen, die ich gerne vor die Kamera geholt hätte, entweder bereits tot waren oder sich nicht filmen lassen wollten. Somit war die Diskrepanz zwischen dem, was ich dokumentarisch hätte erzählen wollen und dem, was ich faktisch hätte erzählen können, einfach zu groß. Die Entscheidung, einen Spielfilm zu drehen, wurde aber keineswegs nur aus dieser Not heraus geboren: Letztlich kam ich zu dem Schluss, der inneren Wahrheit der dargestellten Personen über die Arbeit mit Schauspielern näher zu kommen. Bei einer rein dokumentarischen Herangehensweise hätte man viele Aspekte zwangsläufig aussparen müssen, gerade was die persönlichen und intimen Beziehungen angeht.

Schaut man sich die Dreiecksbeziehung zwischen Gudrun Ensslin, Bernward Vesper und Andreas Baader an, dann hat die gesellschaftliche und gerade auch sexuelle Liberalisierung der sechziger Jahre auch quälende und sehr verletzende Komponenten.

Es ist eine komplette Überforderung. Das war mir auch wichtig, dass ich da nicht ungebrochene Klischee-Figuren zeige. Gerade in den Filmen der letzten Jahre wurden die RAF-Mitglieder oft nur noch als blutrünstig-durchgeknallte Kriminelle dargestellt. Eine Biographie jenseits der üblichen Klischees wurde ihnen abgesprochen. Das wollte ich vermeiden. Auf der anderen Seite wollte ich allerdings ebenso wenig einer Mythologisierung oder einer neuen Ikonographie von RAF-Helden Vorschub leisten. Es ging mir darum, den positiven Aufbruchsgeist, der damals herrschte, einzufangen, und Menschen zu zeigen, die etwas wollen und die sich mit den Missständen im eigenen Land nicht abfinden. Auf der anderen Seite waren da aber natürlich auch sehr viele charakterliche Widersprüche, Zweifel und Abgründe.

Bernd Eichingers starbesetzten "Baader Meinhof Komplex" sahen 2008 rund 2,5 Mio. Menschen im Kino. War es angesichts dessen nicht schwer, so extrem medienpräsente Figuren wie Gudrun Ensslin und Andreas Baader noch einmal neu zu erfinden?

Für mich war bei Gudrun Ensslin erst einmal ganz wichtig, dass sie – eben nicht wie beim "Baader Meinhof Komplex" – schon von Beginn an eine komplett fertige Figur ist. Im Bewusstsein, dass wir filmisch schon 1961 anfangen, habe ich nach einer Schauspielerin gesucht, die eine zehn Jahre währende Entwicklung glaubhaft verkörpern kann. Gleichzeitig muss sie den Zuschauer davon überzeugen können, dass ihre Figur das, was sie politisch formuliert, auch tatsächlich denkt. Bei Lena Lauzemis merkt man: Da ist ein persönliches Interesse, sich in diese Zeit hinein zu begeben und sich mit dieser Zeit auseinander zu setzen. Und Andreas Baader wollte ich als eine gebrochene, kränkbare und sehr verletzliche Persönlichkeit zeigen, die ungeheure Verlustangst hat und daraus dann eine aggressive Skrupellosigkeit entwickelt.

Könnte man in Analogie dazu sagen, dass Bernward Vesper an dem nicht bewältigten Verhältnis zu seinem Vater, dem NS-Heimatdichter Will Vesper, psychisch zugrunde ging, den er als Sohn auf der einen Seite liebte, von dem er sich politisch aber distanzieren musste?

Ja, ich glaube, dass das ein sehr bedeutsamer Grund ist, neben seinem Drogenkonsum. Gerade wenn Menschen am Ende dann komplett abdriften, ist es immer schwer zu sagen: Das ist jetzt der erste Grund und das der zweite. Als Autor kann ich aber sagen, dass diese nicht bewältigte Vater-Beziehung ganz, ganz wichtig ist, weil er den Vater sehr geliebt hat. Will Vesper war natürlich ein Vater, der sehr dominant war, zum Teil auch repressive Erziehungsmethoden angewandt hat, ein hoffnungslos Ewig-Gestriger, der Zeit seines Lebens nie müde wurde, Hitler und das Dritte Reich zu verteidigen. Und trotzdem war er eben auch ein liebender Vater. Ich glaube, das war das große Problem für Bernward Vesper. Sonst hätte er den Vater einfach hinter sich lassen können.

Die Beschäftigung mit dem Sachkomplex "'68 und die Folgen" wird an den deutschen Schulen noch immer etwas stiefmütterlich behandelt. Wo liegt gerade für jüngere Menschen heute seine Relevanz?

Durch die ersten Gespräche, die ich inzwischen mit Zuschauern geführt habe, merke ich, dass viele jüngere Leute diesen Film und die ihm zugrunde liegenden Fragestellungen auch für ihre eigene Lebensrealität nutzbar machen möchten. Generell verspüren viele Menschen auch jetzt wieder ein Unbehagen. Das betrifft einzelne Großprojekte wie die Castor-Transporte, die Einflugschneise in Berlin oder Stuttgart 21, aber auch zum Beispiel die Finanzkrise vor zweieinhalb Jahren. Natürlich formuliert sich das Unbehagen heute anders als zu RAF-Zeiten. Damals gab es nicht diesen Komplexitätsverdacht, es gab eine klarere Frontlinie der Befreiungsbewegung. Heutzutage sind die Proteste viel lokaler, aber gleichzeitig brechen sie auch in Ländern aus, wo man es nicht erwartet hätte.

Woher kommt dieser neu erstarkende Impuls zum eigeninitiativen Handeln?

Ich glaube, das sind Erfahrungswerte, aufbauend auf der Gewissheit, dass Veränderung möglich ist. Und gerade in den Jahren '67, '68 herrschte weltweit ein ähnliches Empfinden: Die Amerikaner wankten in Vietnam. Der Vietkong, die Befreiungsbewegung, hatte die Botschaft der Vereinigten Staaten vorübergehend gestürmt. Ein Aufbruchsgeist lag in der Luft, das Gefühl, etwas bewirken zu können. Und heute erleben wir ganz Ähnliches in Nordafrika, weil auch hier das Gefühl entstanden ist: "Die Tunesier haben es geschafft, warum sollen wir es in Ägypten nicht auch schaffen?" Es ist ein Dominostein-Effekt, Lernen am Modell, Beflügelung durch den Rückenwind der Geschichte. In Deutschland haben wir es 1989 erlebt... Es gibt historische Erfahrungen, die noch nicht so weit zurückliegen und die zeigen, dass eine Besserung der Lage auch ohne Blutvergießen möglich ist.

Empfinden Sie diesen Impuls der engagierten Auseinandersetzung mit bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen als die grundlegende Triebfeder für ihre Arbeit als Regisseur?

Auf jeden Fall. In meinen Filmen und Arbeiten beschäftige ich mich immer mit historischer Gewalt und der Frage, welche falschen Prinzipien und Glaubensgrundsätze übernommen werden und wo dafür die Gründe liegen. Mein Großvater war General im Russlandfeldzug. Auch ohne NSDAP-Mitglied gewesen zu sein, war er damit sozusagen ein Funktionsträger des Faschismus. Mein Vater war ebenfalls Soldat im Zweiten Weltkrieg. Das hat für mich persönlich unglaublich viele Fragen aufgeworfen. Das heißt, es gab – wenn auch nicht in dem Ausmaß wie bei Bernward Vesper – auch Debatten und Diskussionen bei uns in der Familie über Verstrickung, Schuld und Verantwortung.

Gibt es noch weitere unerzählte Aspekte des Phänomens RAF oder ist das Thema langsam an einem Endpunkt der filmischen Erzählungen angelangt?

Ein Aspekt, der bislang sicher noch nicht ausreichend beleuchtet wurde, ist die Rolle der Geheimdienste. Ich denke da zum Beispiel an eine Figur wie den V-Mann Peter Urbach, der 1967 bis 1969 sämtliche Brandsätze geliefert hat. Hier ist ganz offenbar vieles unter staatlicher Aufsicht passiert, zumindest mit dem Wissen staatlicher Organe. Bis heute sind viele Akten mit der Berufung auf den Informantenschutz nicht freigegeben worden. Ich glaube, dass da noch sehr viele Dinge schlummern, die uns alle eines Tages überraschen werden.

Interview: Christian Heger, 02.03.2011


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