kulturelle Bildung

17.7.2017

Projektpräsentation: Dialog macht Schule

Siamak Ahmadi und Hassan Asfour, Geschäftsführer der Dialog macht Schule gGmbH, stellten das 2011 bei der bpb gestartete gleichnamige Modellprojekt vor. Das Programm widmet sich der politischen Bildungsarbeit in segregierten bzw. sozial benachteiligten Schulen. In ihrer Präsentation gaben sie Einblicke in die Praxis und stellten die Ansätze von "Dialog macht Schule" vor. Weiterhin legten sie die Genese und damit auch die Überführung in eigene Strukturen, die bundesweit expansiv tätig sind, dar. (http://www.dialogmachtschule.de)

Hassan AsfourHassan Asfour (© Ast/Juergens)

Asfour begann die Vorstellung des 2011 bei der bpb gestarteten Modellprojekts "Dialog macht Schule" mit einem Rückblick in die Entstehungsphase des Projekts. Im Fokus stand zu Beginn die Auffindung von neuen Formaten und Zugängen politischer Bildung für sozial- und bildungsbenachteiligte Kinder. Besagte Benachteiligung gehe insbesondere in Ballungszentren oft mit Migrationshintergrund einher. Er beschrieb eine Haltung der Überraschung der Kinder gegenüber ihm als einem Akademiker mit Migrationshintergrund, was andersherum Rückschlüsse auf einen Mangel an Vorbildern zuließe. Die Schülerinnen und Schüler erlebten eine doppelte Benachteiligung, da sie einerseits Teil segregierter Schulen sind, also in ihrem Schulalltag nur von ähnlichen Bevölkerungsgruppen umgeben sind, andererseits jedoch auch aus einem sozial- und bildungsbenachteiligten Elternhaus stammen. Oftmals erlebe man im Kontakt mit diesen Kindern, dass diese kein Zugehörigkeitsgefühl gegenüber Gesellschaft und Bildungssystem empfinden. Außerdem treffe der 'Normalfall Vielfalt' die Schulen zumeist unvorbereitet. Dies und auch das negative Selbstbild der Schülerinnen und Schüler sensibilisierte für den hohen Bedarf in diesem Feld, was 2013 zur Gründung des Bildungsträgers "Dialog macht Schule" führte.

Begleitung zur Identitätsbildung

In seiner Ausrichtung sei das Programm "Dialog macht Schule" insbesondere auf drei Aspekte ausgelegt: erstens Persönlichkeitsentwicklung, zweitens politische Bildung und drittens Partizipation. Zu diesem Zweck bildet die gemeinnützige Dialog macht Schule GmbH Studierende und junge Akademiker im Alter zwischen 20 und 30 Jahren aus. Auswahlkriterien seien eine offene Haltung, Neugier, ein wahres Interesse und außerdem würde darauf geachtet, dass mindestens fünfzig Prozent der Aspirant/innen selbst eine Einwanderungsgeschichte haben oder in engem Bezug dazu stehen, da dies den Zugang zu den Schülerinnen und Schülern vereinfache. Das "Dialog macht Schule"-Programm dient als Ergänzung zum Unterricht und findet einmal die Woche über zwei Jahre hinweg statt. Es soll helfen, das Selbstvertrauen der Teilnehmenden zu stärken und einen Rahmen zu schaffen, indem sie Wirksamkeit erfahren können. Außerdem versteht es sich als Begleitung zur Identitätsbildung. Die Teilnehmenden ständen oft in einem Spannungsfeld zwischen den traditionellen Werten des Elternhauses und den Wertvorstellungen der Schule. Zudem solle das negative Selbstverständnis gewandelt werden und der Blick auf die Vorteile der Mehrsprachigkeit sowie der interkulturellen Kompetenz gelenkt werden. Das Programm stärke demokratische Kompetenzen (z.B. Urteilskraft) und schaffe Begegnungen.

Siamak AhmadiSiamak Ahmadi (© Ast/Juergens)

Eine politische Brille

"Wie gehen wir an die Themen der Schüler ran?" fragte Ahmadi, Geschäftsführer von „Dialog macht Schule“, als er seine eher praxisorientierte Erläuterung des Projektes begann. Insbesondere betonte er den sehr intensiven und langfristigen Ansatz des Projektes. Auf jede Klasse kämen vier Dialog-Moderator/innen (also zwei à Dialoggruppe). Der benötigte Vertrauensraum könne nur im Rahmen einer Stärkung der Beziehungsqualität gewährleistet werden.

Für ihre Arbeit nutzen sie Alltagsthemen, etwa den Konflikt einer Schülerin mit ihrer Schwester, und betrachteten ihn mit einer „politischen Brille“ - Politik sei immer Aushandlungsprozess. Auch hier sei die Beziehungsebene fundamental. Es gehe darum, die Schülerinnen und Schüler "ins Erzählen zu bringen", hierfür solle auch der/die Moderierende etwas erzählen. Dieser dialogische Modus schaffe Nähe und stifte Identität. Im Anschluss könne dann ein Übergang in einen argumentativen Modus geschaffen werden, in dem die Kinder bzw. Jugendlichen zu hinterfragen und Gründe zu finden begännen. Dieser führe die Gruppe (meistens im zweiten Jahr) zum Modus des Handeln, wo sie nun für ihre Arbeit auch starke Anerkennung erfährt.

Aus der Praxis

Ahmadi erläuterte die Herangehensweise mit zwei Beispielen aus der Praxis. So zeigte er auf, wie aus der Situation eines gestohlenen Beamers, der Frage der Bestrafung und des Einfühlens in andere, am Ende ein argumentativer Modus, praktiziert mit Dilemmamethoden, stehen kann. Oder wie die Passion der Schülerinnen und Schüler für Filmstars als Aufhänger für eine Diskussion um die Diversität von Religionen dienen kann. Es sei wichtig, dass sich Argumente im Zuge dieser Diskussionen über einen langen Zeitraum hinweg setzen und ihre Kraft entfalten können.
Im Rahmen der Gruppen entwickelte Projekte sind etwa: Anti-Rassismuskampagnen, Ausstellungen über die Geschichte der Migration der Teilnehmenden, eine Tagung zum Thema Salafismus oder auch eine Auseinandersetzung mit dem Thema Migranten und Migrantinnen in Film und Medien.
Das Netzwerk expandiere derzeit stark. Etwa 100 Moderator/innen könnten pro Jahr ausgebildet werden. Mittlerweile seien sie an 35 Schulen in sechs verschiedenen Städten vertreten und erreichten somit 1800 Schüler pro Woche. Aus dem Projekt sind mittlerweile weitere Projekte wie etwa "Begegnung macht Schule" in Kooperation mit der Robert-Bosch-Stifung oder auch das Modellprojekt "Wissenschaft macht Schule" entstanden. Abschließend fasste Ahmadi noch einmal zusammen. Es handle sich also um langfristige "peer-education", verankert mit politischer Bildung, die das Potential der Studierenden nutze, da diese schließlich auch in den zwei Jahren ausgebildet würden. Außerdem nutze man die hybriden Identitäten, versuche einen 'counter narrative' zu kreieren, mache Alltagsthemen nutzbar und übe die demokratische Handlungsfähigkeit im Kleinen.

von Simon Clemens


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