kulturelle Bildung
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23.7.2009 | Von:
Richard Stang

Kulturelle Erwachsenenbildung

In der Öffentlichkeit und politischen Fachdebatten spielt kulturelle Bildung für Erwachsene keine wesentliche Rolle. Dabei fördert sie in jedem Alter soziale Kompetenzen, die einen kreativen Umgang mit den Anforderungen unseres Alltags ermöglichen.
Gemeinsame Aufführung von Impromtü und Wortlichter in Hamburg.Gemeinsame Aufführung von Impromtü und Wortlichter in Hamburg. Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de

Kulturelle Bildung als gesellschaftliche Grundlage

Die Diskussion über das lebenslange Lernen hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass der Blick auf Bildung nicht nur auf berufliche Qualifizierung verengt wird. Bildung muss in Zukunft auch Antworten darauf finden, wie Menschen dazu befähigt werden können,
  • die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse zu meistern, den Alltag auch jenseits von Arbeitsprozessen zu bewältigen, ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln,

  • Kompetenzen zu entwickeln, die das soziale Miteinander, auch in Anbetracht des demografischen Wandels, ermöglichen,

  • an der Entwicklung einer humanen Gesellschaft mitzuwirken, die Bildung als langfristiges – und nicht als kurzfristig gewinnbringend vermarktbares – Gut schätzt.


Die Basis hierfür ist die Förderung von Schlüsselkompetenzen wie Kreativität, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit, sogenannte "soft skills". Diese sind in den vergangenen Jahren zum Inbegriff arbeitsplatzbezogener Kompetenzförderung geworden, doch werden sie über den beruflichen Kontext hinaus immer wichtiger. Die Förderung sozialer Kompetenzen, die einen kreativen Umgang mit den Anforderungen des Alltags ermöglichen, steht schon immer im Zentrum von allgemeiner Weiterbildung und besonders kultureller Erwachsenenbildung.

Betrachtet man die öffentliche Diskussion, wird deutlich, dass die kulturelle Bildung vor allem im Hinblick auf die Förderung von Kindern und Jugendlichen diskutiert wird. Erst seit wenigen Jahren werden zumindest in der Fachöffentlichkeit unter der Perspektive des lebenslangen Lernens Erwachsene und Senioren als Zielgruppe von kultureller Bildung stärker in den Blick gerückt.[1] Dies ist in Anbetracht der Herausforderungen des demografischen Wandels von besonderer Bedeutung.

Trotzdem ist festzustellen, dass kulturelle Erwachsenenbildung in der Bildungsdiskussion und der politischen Akzeptanz zunehmend an Boden verliert. Dies hat fatale Folgen – bildungspolitisch und für die Institutionen. Kulturelle Erwachsenenbildung wird häufig nicht mehr als "Grundversorgung", sondern als "Luxusangebot" klassifiziert [2] bzw. mit dem "Etikett Freizeit, Hobby und Spaßkultur diskreditiert" [3], was zur Folge hat, dass die kulturelle Erwachsenenbildung inzwischen in mehreren Bundesländern aus der Förderung herausgenommen wurde.

Allgemeine Kompetenzentwicklung als Herausforderung

Angesichts der vielfältigen sozialen Problemlagen und Herausforderungen wie demografischer Wandel, Migration, Globalisierung oder zunehmende Armut wird es für unsere Gesellschaft in Zukunft von besonderer Bedeutung sein, die Perspektive zu verändern. Der Bedarf an "gesellschaftlichen Schlüsselqualifikationen" wird zunehmen [4], und im Bezug auf Erwerbsarbeit wurde bereits auf den Bedarf "berufsbiografischer Gestaltungskompetenz" hingewiesen [5]. Doch im Kern wird es in Zukunft um die Entwicklung allgemeiner biografischer Gestaltungskompetenz gehen, die – unabhängig von Funktionskontexten wie der Arbeitswelt – die Bewältigung des Alltags ermöglicht. Es wird zunehmend wichtiger werden, Kompetenzentwicklung nicht nur unter der Perspektive der "Beschäftigungsfähigkeit" ("employability") zu sehen, sondern verstärkt unter der Perspektive von "Gesellschaftsfähigkeit". Dies gilt besonders im Bezug auf Erwachsene und ältere Menschen, für welche die Bewältigung der technischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozesse eine besondere Herausforderung darstellt.
Dass es einen Bedarf an kulturellen Bildungsangeboten gerade in diesen Zielgruppen gibt, lässt sich zum Beispiel an der Entwicklung der Altersstruktur der Teilnehmenden an Angeboten der Kulturellen Bildung im Volkshochschulbereich zeigen (siehe folgende Tabelle).

Altersstruktur der Teilnehmenden im Programmbereich "Kultur – Gestalten" der Volkshochschulen
  1991 1999 2007
Unter 18 Jahre 12,1% 10,3% 10,9%
18-24 Jahre 13,8% 9,1% 5,6%
25-34 Jahre 28,8% 24,7% 14,4%
35-49 Jahre 24,7% 28,8% 33,1%
50-64 Jahre 14,5% 19,8% 22,9%
65 Jahre und älter 6,1% 7,4% 13,0%
Quelle: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung


Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass die kulturelle Erwachsenenbildung vornehmlich von Frauen genutzt wird. So nahmen 2007 an den Angeboten des Programmbereichs "Kultur – Gestalten" im Volkshochschulbereich 78,1% Frauen und nur 21,9% Männer teil [6]. Hier gilt es in Zukunft, verstärkt Aktivitäten zu unternehmen, damit die gesellschaftliche Reputation von kultureller Erwachsenenbildung insgesamt verbessert wird und damit auch die Akzeptanz in der Breite der Bevölkerung. Die Angebote der kulturellen Erwachsenenbildung liefern hier vielfältige Argumente.

Kulturelle Erwachsenenbildung kann entscheidend zur Entwicklung biografischer Gestaltungskompetenz in der Breite der Bevölkerung beitragen, indem sie unter anderem:
  • gestalterische Fähigkeiten und Kreativität fördert,
  • für die verschiedenen Formen künstlerischen Ausdrucks sensibilisiert,
  • kulturelle und kommunikative Kompetenzen erweitert,
  • Medienkompetenz entwickelt und
  • für soziokulturelle und interkulturelle Lebenszusammenhänge sensibilisiert.

Institutionelle Kontexte und Zielgruppen

Kulturelle Erwachsenenbildung findet heute in den unterschiedlichsten institutionellen Kontexten statt, was eine Beschreibung einer einheitlichen Struktur erschwert, gleichzeitig allerdings auch die Vielfalt und Zielgruppenbezogenheit abbildet. Neben den klassischen Weiterbildungseinrichtungen, wie zum Beispiel Volkshochschulen und kirchliche Bildungseinrichtungen, sind es Kultureinrichtungen, wie Bibliotheken, Museen und Theater, sowie sozio-kulturelle Zentren, Kulturvereine und private Initiativen, die Angebote im Bereich der kulturellen Erwachsenenbildung entwickeln und realisieren. Auch im Kontext des Seniorenstudiums werden kulturelle Bildungsangebote zur Verfügung gestellt und stark nachgefragt.

Diese institutionelle Anbietervielfalt spiegelt sich auch bei den Angeboten wider. Neben kunst- und kulturbezogenen Angeboten, unter anderem in den Bereichen Literatur, Theater, Bildende Kunst, Musik und Kulturgeschichte, sind es vor allem Angebote im Bereich künstlerisch-kreatives Gestalten (zum Beispiel Malen, Zeichnen, plastisches Gestalten, Theaterarbeit, musikalische Praxis, Medienpraxis und Tanz), die das Bild der kulturellen Erwachsenenbildung prägen.

Gleichzeitig lassen sich Unterschiede durch die regionale Verortung von kultureller Erwachsenenbildung feststellen, je nachdem, ob sie im städtischen oder ländlichen Umfeld realisiert wird [7]. Je nach Kontext nimmt die kulturelle Erwachsenenbildung unterschiedliche Aufgaben wahr. Dabei entzieht sie sich ein Stück weit dem Effektivitätsdenken unter einer Input/Output-Perspektive, die heute auch bezogen auf Bildung häufig vorherrscht. Doch durch die PISA-Studien ist deutlich geworden, dass es auch der Förderung des kreativen Potenzials in Bildungsprozessen bedarf. Es verwundert in diesem Zusammenhang nicht, dass seit wenigen Jahren vor allem der schulische Bereich in den Blick genommen wird, wenn es um kulturelle Bildung geht. Doch greift dies zu kurz. Es bedarf ebenso einer Förderung der kulturellen Erwachsenenbildung.
Sie kann im Rahmen von Projekten, Werkstätten, offenen Ateliers und weiteren Angeboten offene Lernprozesse ermöglichen, die auf Selbstbildungsprozesse in der Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur oder dem eigenen kreativen Gestalten bauen. Methodische Zugänge wie Experiment und Improvisation sind hier wichtige Dimensionen, die dazu beitragen, Kreativität, Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit und interkulturelle Sensibilität zu fördern.

Ein Beispiel für ein solches Angebot ist das "Internationale Kunstsymposium" der Volkshochschule Arnstadt-Illmenau, das alle zwei Jahre im thüringischen Kleinbreitenbach stattfindet. Dort werden von der VHS jeweils sechs internationale Künstler eingeladen, die eine Woche an Kunstobjekten arbeiten. Für Erwachsene und Senioren aus der Region besteht die Möglichkeit, mit den Künstlern gemeinsam an eigenen Kunstobjekten zu arbeiten. Durch die Kommunikation mit den Künstlern und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen künstlerischen Perspektiven treten die Teilnehmenden in eine aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Ansätzen ein und entwickeln interkulturelle Perspektiven. Zum Abschluss des Symposiums gibt es eine Ausstellung der gestalteten Objekte, und die Kunstobjekte der Künstler werden auf dem inzwischen umfangreichen Kunstwanderweg rund um Kleinbreitenbach installiert.

Kulturelle Erwachsenenbildung als Feld der Bildungsstrategie In Anbetracht gesellschaftlicher und ökonomischer Herausforderungen, wie der Globalisierung, dem demografischen Wandel, der Migration sowie dramatischer Veränderungen der Arbeits- und Alltagswelt durch den Einsatz neuer Technologien, wird die kulturelle Erwachsenenbildung als Grundversorgung für die gesamte Bevölkerung an Bedeutung gewinnen.

Moderne Bildungspolitik wird sich daran messen lassen müssen, welche Strategien sie für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft entwickelt. Die Förderung der kulturellen Bildung dürfte dabei nicht die schlechteste Strategie sein, denn der Wettbewerb um die "kreativsten Köpfe" ist längst im Zuge der Globalisierung weltweit entbrannt, und diese "Köpfe" lassen sich eben nicht nur mit berufsorientierter Bildung entwickeln, genauso wie sich eine soziale Gesellschaft nicht nur mit politischer Bildung gestalten lässt. Das sinnvolle Zusammenspiel der verschiedenen Bildungsbereiche ist hierfür unerlässlich.

Literatur

Benedix, Barbara/Achim Rache: "Ein Fachbereich – Zwei Köpfe. Die Geschichte einer Entwicklung", Hessische Blätter für Volksbildung, Heft 4/2002, S. 331-343.

Deutscher Bundestag (Hrsg.): Kultur in Deutschland. Schlussbericht der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages, Regensburg 2008.

Deutscher Kulturrat (Hrsg.): Kulturelle Bildung in der Bildungsreformdiskussion. Konzeption Kulturelle Bildung III, Berlin 1995.

Gieseke, Wiltrud/Karin Opelt: "Orte und Räume kultureller Bildung", in: dies. u.a.: Kulturelle Erwachsenenbildung in Deutschland. Exemplarische Analyse Berlin/Brandenburg, S. 376-382, Band 1 der Publikation: Wiltrud Gieseke/Jósef Kargul (Hrsg.): Europäisierung durch kulturelle Bildung. Bildung – Praxis – Event, Münster 2005.

Hendrich, Wolfgang: "Beschäftigungsfähigkeit oder Berufsbiographische Gestaltungskompetenz", in: Friederike Behringer u.a. (Hrsg.): Diskontinuierliche Erwerbsbiographien, Baltmannsweiler 2004, S. 260-270.

Negt, Oskar: "Gesellschaftliche Schlüsselqualifikationen", in: Widerspruch, Heft 33/1997, S. 89-114.

Reichart, Elisabeth/Hella Huntemann: Volkshochschul-Statistik Arbeitsjahr 2007, PDF-Datei online unter: www.die-bonn.de (Stand: 23.07.2009).

Stang, Richard: "Nachrichten aus der Luxusabteilung. Zum Verschwinden der Kulturellen Bildung aus einer ökonomisierten Weiterbildung", in: Politik und Kultur. Zeitung des Deutschen Kulturrats, Heft 3/4/2004, S. 23-24.
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Fußnoten

1.
Vgl. Deutscher Kulturrat 2005, Deutscher Bundestag 2008.
2.
Vgl. Stang 2004.
3.
Benedix/Rache 2002, S. 333.
4.
Vgl. Negt 1997.
5.
Vgl. Hendrich 2004.
6.
Vgl. Reichart/Huntemann 2008, S. 36.
7.
Vgl. Gieseke/Opelt 2005.
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