kulturelle Bildung

5.5.2010 | Von:
Armin Klein

Öffentliche Kulturbetriebe zwischen Bildungsauftrag und Besucherorientierung

Die mehr oder weniger offizielle Begründung des kulturellen Bildungsauftrages findet sich in der deutschen Weimarer Klassik, vor allem bei Schiller und hier etwa in seinen Schriften zur "Ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts". In seiner 1802 veröffentlichten programmatischen Schrift "Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet" schreibt Schiller: "Die Schaubühne ist mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staates eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele." In dieser Selbstdefinition als "Kulturstaat" unterscheidet sich Deutschland deutlich von anderen europäischen Staaten – und hier liegt die zweite, historisch-politische Begründung des kulturellen Bildungsauftrages. Während beispielsweise Frankreich sein Selbstbild in der "Nation" bzw. der "République", England im "Empire" oder "Commonwealth" findet, waren und sind in Deutschland Kunst und Kultur zentrale Elemente des eigenen gesellschaftlichen und vor allem politischen Selbstverständnisses. Die so gänzlich unterschiedliche Entwicklung in Deutschland im Vergleich zu England und Frankreich resultiert aus den das 17. und 18. Jahrhundert bestimmenden Fragen erstens der nationalen Einheit und zweitens der politischen Rolle des Bürgertums.

Während in England die nationale Frage relativ früh geklärt war und sich das Bürgertum in der "Glorious Revolution" von 1688 unblutig seinen politischen Platz erkämpft hatte, in Frankreich die nationale Einheit spätestens seit dem 14. Jahrhundert entschieden war und sich das revolutionäre Bürgertum 1789 an die Macht brachte, sah die Situation in Deutschland gänzlich anders aus. Im 18. Jahrhundert war "Deutschland" in eine Vielzahl von kleinen Fürstentümern zersplittert, das Bürgertum als neu sich formierende Schicht in dieser Kleinstaaterei politisch weitgehend machtlos. Nationale Einheit realisierte sich in Deutschland zu dieser Zeit daher vor allem in der gemeinsamen Sprache und Kultur. Theater, aber auch die Universitäten und Hohen Schulen waren die bevorzugten Orte des Bürgertums, das sich hier formieren konnte, während es politisch noch lange Zeit wirkungslos blieb.

Kunst und Kultur fördern

Der Staat will – wie gesagt – mit der Erhebung von Kunst und Kultur zu meritorischen Gütern ganz eindeutig etwas bewirken (ebenso, wie er dies mit anderen meritorischen Gütern auch tut). Die öffentliche Hand (also konkret Bund, Länder und Kommunen als Förderer), muss daher überall dort, wo sie mit öffentlichen Mitteln Kunst und Kultur fördert, ihre (kultur-) politischen Ziele klar und deutlich formulieren und sollte die Zielerreichung auch durch entsprechende Instrumente evaluieren (was bislang leider noch kaum geschieht). Da der Staat (bzw. die Kommunen) diese Subventionierung mit Steuergeldern (d.h. einem erzwungenen, zumindest teilweisen Konsumverzicht der Bürgerinnen und Bürgern), bezahlt, muss er auch dafür Sorge tragen, dass er durch die eingesetzten Mittel die höchst- bzw. bestmögliche Wirkung erzielt.

Dieser kulturelle Bildungsauftrag kann allerdings nur dann konsequent erfüllt werden, wenn der jeweilige Kulturbetrieb – also das Theater, das Museum, das Orchester, aber auch die Musik- oder Volkshochschule – möglichst viele Besucher erreicht. Sie müssen Besucher bzw. Nutzer finden, die ihre Leistungen und Angebote in Anspruch nehmen, weil ansonsten der kulturpolitische Auftrag abstrakt bleibt. Folgt man den Überlegungen von Umberto Eco in seinem Buch "Das offene Kunstwerk", so vollendet sich jedes künstlerische Werk überhaupt erst in der Rezeption durch den jeweiligen Nutzer. Eco schreibt: "In diesem Sinne produziert der Künstler eine in sich geschlossene Form und möchte, dass diese Form, so wie er sie hervorgebracht hat, verstanden und genossen werde; andererseits bringt jeder Konsument bei der Reaktion auf das Gewebe der Reize und dem Verstehen ihrer Beziehungen eine konkrete existentielle Situation mit, eine bestimmte Bildung, Geschmacksrichtungen, Neigungen, persönliche Vorurteile, dergestalt, dass das Verstehen der ursprünglichen Form gemäß einer bestimmten individuellen Perspektive erfolgt". Ecos Konsequenz: "Jede Rezeption ist so eine Interpretation und eine Realisation, da bei jeder Rezeption das Werk in einer neuen Perspektive neu auflebt." [2] Erst durch den Rezipienten also vollendet sich das Werk – ein Buch, das nicht gelesen wird, eine Komposition, die nicht gehört wird, ein Bild, das nicht betrachtet wird, "existiert" in diesem Sinne ohne Besucher nicht.

Fußnoten

2.
Eco, Umberto: Das offene Kunstwerk, Frankfurt (1977) S. 30

Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen