kulturelle Bildung

5.5.2010 | Von:
Armin Klein

Öffentliche Kulturbetriebe zwischen Bildungsauftrag und Besucherorientierung

Konsequente Besucherorientierung

Deshalb ist eine konsequente Besucherorientierung von grundlegender Bedeutung für den öffentlichen Kulturbetrieb. Der Begriff der "Besucherorientierung" bezeichnet die Übernahme des Konzepts der Nutzerorientierung aus dem allgemeinen Marketing durch Kulturbetriebe wie Theater, Museen oder Musikschulen. Aufgrund ihrer (wie oben dargestellt, notwendigerweise) ausgeprägten Orientierung an dem kulturellen Bildungsauftrag, also an inhaltlichen Zielen und den entsprechenden künstlerischen und kulturellen Produkten, geraten allerdings speziell öffentliche Kulturbetriebe sehr leicht in die Gefahr, sich eher an diesen inhaltlichen Vorstellungen als an den Interessen und Bedürfnissen ihrer Besucher zu orientieren. Hinzu kommen oftmals auch eine gewisse Organisationszentrierung und Qualitätsfixierung, die daran schuld sind, dass der Besucher mit seinen Bedürfnissen mehr oder weniger aus den Augen verloren wird.

Denn nicht wenige im Bereich von Kunst und Kultur Tätige haben große Befürchtungen, kultureller Auftrag und Besucherorientierung schlössen sich gegenseitig aus. Die diesbezüglichen weit verbreiteten Zweifel bündelte – mit geradezu ängstlichem Unterton – der Theaterkritiker Gerhard Jörder vor einigen Jahren in der Wochenzeitung "Die Zeit" in den Fragen: "Wie kann man das Publikum zurückgewinnen - und doch nicht zum Quotennarren werden? Wie kann man Zuschauerbindungen erneuern, ohne den Spielplan in den Windkanal der Marktforschung zu hängen und die Kunst an Bedarfsprofile zu verraten? Wie kann dieser Spagat gelingen?" [3]

Demgegenüber hält die besucherorientierte Kultureinrichtung zwar beharrlich an ihren inhaltlichen Zielen (etwa an herausragender Qualität in der Produkt- und Programmpolitik) fest, konzentriert sich aber vor allem im Rahmen eines entsprechenden Kulturmarketings auf die entsprechende Besucherorientierung. Dabei steht – anders als im kommerziellen Marketing, das seine Produkte den Kundenwünschen anpasst – das künstlerische bzw. kulturelle Produkt nicht zur Disposition. Seine freie Gestaltung ist nicht zuletzt durch die Kunstfreiheitsgarantie des Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes geschützt. Besucherorientierung im öffentlichen Kulturbetrieb lässt sich daher definieren als die kontinuierliche und umfassende Ermittlung und Analyse der Besucherinteressen (etwa durch eine entsprechende Besucherforschung und Data-Base-Marketing) mit dem langfristigen Ziel, stabile Austauschbeziehungen zwischen der jeweiligen Kulturorganisation, ihrem kunst- bzw. kulturpolitischen Auftrag und ihren Besuchern zu organisieren.

Wesentliche Elemente der Besucherorientierung sind ein entsprechendes Kulturmarketing, die freiwillige Besucherbindung und die Entwicklung von sogenannten Verbundenheitsstrategien (im Gegensatz zu Gebundenheitsstrategien wie langfristigen Verträgen, Abonnements usw., die den Nutzer oft gegen seinen Willen binden). Instrumente sind beispielsweise der Aufbau von Förderkreisen und Besucherclubs sowie ein professionelles Beschwerdemanagement. Eine Kultureinrichtung arbeitet dann besucher-, zuschauer- und teilnehmerorientiert, wenn sie im Rahmen ihrer künstlerischen, kulturellen und kulturpolitischen Zielsetzungen und finanziellen Bedingungen jede Anstrengung unternimmt, sensibel Besucher-, Zuschauer- oder Teilnehmerwünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen, zu bedienen und vor allem langfristig zu befriedigen.

Rhythm is it

Ein sehr gutes Beispiel für die Verbindung von kulturellem Bildungsauftrag und konsequenter Besucherorientierung ist das im Februar 2003 begonnene Projekt der Berliner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle und 250 Kindern und Jugendlichen aus 25 Nationen. Ziel war es seiner Zeit, gemeinsam mit diesen Jugendlichen, meist aus Berliner Problemschulen, innerhalb von nur sechs Wochen Probezeit das Ballett "Le sacre du Printemps" von Igor Stravinsky aufzuführen. Hieraus entstand dann der Film "Rhythm is it". Mit großem Erfolg führen die Berliner Philharmoniker unter der Marke "Zukunft@BPhil" seither ihre Jugendkulturarbeit weiter.

Auch im Programm der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 gibt es viele Beispiele für besucherorientierte kulturelle Bildungsprojekte. Im Ruhrgebiet haben sich im Zusammenleben von mehreren Millionen Menschen mit unterschiedlicher kultureller Herkunft alltagspraktische Formen interkultureller Kommunikation gebildet. Insbesondere die Schulen sind Orte, in denen Interkulturalität praktisch gelebt wird. Hier setzt beispielsweise das Projekt "Schüler verstehen. Improvisationen über Interkultur" an, indem es Schülerinnen und Schüler der Metropole Ruhr als Experten für Interkultur ernst nimmt. Mit Mitteln des Improvisationstheaters zeigen die Schüler/-innen gemeinsam mit Wissenschaftlern und Künstlern im Rahmen eines zweitägigen Workshops, wie Gesellschaften mit kultureller Verschiedenheit umgehen können.


Urheberrecht
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Fußnoten

3.
Jörder, Gerhard: Publikumsverweigerung. In: DIE ZEIT vom 15.03.2001

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