kulturelle Bildung

10.3.2011 | Von:
Mely Kiyak

Was für ein Theater!

Ich gab mein Studium auf. Ich hatte meinen pawlowschen Reflex, "Denken am Eingang liegen lassen", überwunden. Ich sah mich in diesem Theater nicht. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, Teil eines Betriebes zu sein, der seine Gegenwart auf die Nebenbühne verlegt und sie dort zum "Experimentieren" frei gibt. Was gibt es an der Gegenwart auszuprobieren? Na ja, Gegenwart ist ohnehin ein großes Wort. Nennen wir es Nischen der Gegenwart.

Neulich sah ich eine Grafik, in der das absurde Intendantenkarussell illustriert wurde. Ganz schwindelig wurde es einem. Die gleichen zehn Namen, die gleichen zehn Bühnen, einziger Unterschied, die Wechselei. Die Intendanten nehmen ihr gesamtes Personal und ziehen um. Manche nehmen sogar ihre Stücke mit und führen sie am neuen Ort wieder auf. Die Adresskartenkartei mit einer Handvoll Regisseure, die man als Gast an seinem Theater hat aufführen lassen, nimmt man auch mit, damit der gleiche Gastregisseur mit dem gleichen Stück auch an der neuen Bühne gastieren kann.

Man muss das wissen, weil man sonst nicht verstehen wird, weshalb die Bevölkerung immer multiethnischer wird, das Theater aber immer noch monokulturell, weil monoethnisch organisiert, bleibt. Man braucht gar nicht in das Theater hineinzugehen, um sich der staatlich subventionierten alten Clique zu vergewissern. Es reicht, vorne am Eingang zu stehen und zu schauen, wer in das Theater hineingeht. Mein Vater steht nicht am Kartenschalter an. Nicht weil ihn Theater nicht interessiert, sondern weil ihn dieses Theater nicht interessiert.

Wem gehört eigentlich das "Deutsche Theater"? Den Deutschen? Gehören die Migranten zu den Deutschen? Eines ist gewiss: Die Migranten gehören zu den Steuerzahlern. Sie finanzieren mit ihrem Steuergeld das deutsche Theater. Rein rechnerisch gehört ihnen ein Fünftel der Bühne, denn die Migranten sind ein Fünftel der Gesellschaft. Wo ist das Fünftel nichtdeutscher Regisseure, Dramaturgen, Bühnenbildner, Musiker, Autoren und Schauspieler?

Wer sie treffen will, geht ins Theater "Ballhaus Naunynstrasse" in Berlin Kreuzberg. Dort jedenfalls müssen alle zusammenrücken, weil der Saal überquillt, weil die Migranten hungrig sind, nach Geschichten, nach Theater, nach Leben, in dem sie sich wiederfinden. Das Publikum ist alt und jung, Arbeiter und Akademiker, sie kommen aus allen Ländern, sie drängen sich Abend für Abend aneinander, während am Schiffbauerdamm die Hälfte der Zuschauer nach der Pause von Bernhards "Immanuel Kant" abgehauen ist. Nicht nur die überteuerten Gummibrezeln, die seit Jahren am Eingang verkauft werden, schmecken ausgelutscht und salzarm.

Warum hat Claus Peymann bis zum heutigen Tag keine türkischstämmigen Künstler eingeladen? Wäre das Berliner Ensemble Peymanns kleine private Wohnzimmerbühne, wären Nachfragen dieser Art unhöflich. Da es sich gewissermaßen um gemeinsamen Besitz handelt, stellt sich diese Frage geradezu verspätet. Wir erinnern uns:
"Die Freiheit des Theaters besteht darin Unerreichbares zu wagen, ohne gezwungen zu sein, es zu verwirklichen". Es ist ein mit großer Attitüde vorgetragener Satz, der sehr leer bleibt. Man kann ihn kneten, wie man will, heraus kommt nichts. Ich erkenne im Spielplan und Repertoire des Berliner Ensembles beim besten Willen kein Wagnis. Ich höre nur, wie Brecht und Bernhard sich gerade ächzend in ihren Gräbern drehen.

Die hermetische Abriegelung gegen tatsächliche multikulturelle Einflüsse aus dem Inland kann man nicht nur auf den Theaterbühnen beobachten, sondern in allen bedeutenden Kultureinrichtungen. Man kann sich interessieren für andere Geschichten, doch verordnen lassen sie sich nicht. Das gilt nicht nur fürs Theater, das lässt sich auch an deutschen Museen deklinieren. Wer bestimmt, wessen Bilder gezeigt werden und so weiter. Könnten bedeutende Denkmäler oder Gebäude bei Migranten in Auftrag gegeben werden? Wäre es denkbar, dass das geplante Einheits- und Freiheitsdenkmal von einem türkischstämmigen Künstler geschaffen wird? Warum waren in der Ausstellung "60 Jahre - 60 Werke" nicht auch ganz selbstverständlich die Werke von Einwandererkindern, die Künstler geworden sind, zu sehen? Wäre es denkbar, dass in den Podiumsrunden zu Fragen des deutschen Selbstverständnisses und Kulturbegriffes bikulturelle Geisteswissenschaftler sich beteiligen könnten? Wäre es denkbar, dass im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien eines Tages ein Parlamentarier mit nichtdeutschen Wurzeln sitzt?

Die Welt dreht sich weiter. Es tut sich was, ganz sicher. Die Namen der Zukunft gehören den fremdstämmigen einheimischen Theatermachern Nurkan Erpulat, Nuran David Calis, Neco Çelik, Feridun Zaimoglu, Shermin Langhoff. Sie schreiben, sie drehen, sie inszenieren, sie filmen, sie schaffen ihre eigenen Häuser, sie sind zum Teil erfolgreich, sie werden mit Preisen überhäuft, sie kommen vom HAU oder Maxim Gorki, manchmal kommen sie wie aus dem Nichts, neuerdings hört man soviel Gutes aus Köln, aber das sind und bleiben Ausnahmen eines gesättigten Betriebes, der sich tapfer eingrenzt gegen äußere Einflüsse. Das muss man sich mal vorstellen: Ein Theater, das das Draußen nicht hinein lässt! Was für ein Theater!


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