kulturelle Bildung

10.3.2011 | Von:
Shermin Langhoff

Die Herkunft spielt keine Rolle - "Postmigrantisches" Theater im Ballhaus Naunynstraße

Interview mit Shermin Langhoff

Mit dem Ballhaus grenzen Sie sich von den bestehenden Theaterinstitutionen ab. Wäre es nicht sinnvoller zu versuchen, die bestehenden Strukturen von innen zu verändern, statt eine "Parallel-Theatergesellschaft" aufzubauen? Beispielsweise durch Quoten für Menschen mit migrantischem Hintergrund?

Der Vorwurf, eine "Parallel-Theatergesellschaft" aufzubauen, ist genauso absurd wie der an ein imaginiertes Kollektiv "der Migranten" gerichtete, eine Parallelgesellschaft aufzubauen. Jedes überregional erfolgreiche Theater der letzten Jahrzehnte hatte sein eigenes Profil und grenzte sich vom Bestehenden ab. Warum sollte dies gefährlich sein, wenn wir es machen? Wir machen keine Folklore sondern feiern Transkulturalität; da wird niemand ausgeschlossen.

Erweiterte Partizipation überall ist natürlich gerade auch unser Anliegen. Das wird durch Impulse erreicht, die wir setzen, sowohl als Produktionsstätte, als auch als kulturpolitischer Akteur. Diese Impulse werden durchaus aufgegriffen, aber oft ist die theatrale Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex "interkulturelle Gesellschaft" inhaltlich noch fragwürdig. Genau deshalb muss es uns geben, und wir würden uns ehrlich gesagt freuen, wenn wir endlich einmal als junges deutsches Theater wahrgenommen würden, schlicht und einfach. Stattdessen projizieren manche Diskursteilnehmer diffuse Ängste vor einer Absonderung und Zusammenrottung der marginalisierten "Anderen" ausgerechnet auf unser kleines, junges Haus.

Andere nehmen die neuen Impulse auf und beginnen, sich für Künstlerinnen und Künstler mit Migrationshintergrund zu interessieren. Aber über Quoten funktioniert das nicht. Es geht doch nicht darum, fünfzehn "Benachteiligte" in ein Ensemble oder in die Gewerke aufzunehmen, sondern gemeinsam eine Auseinandersetzung zu vollziehen, die in einen Perspektivwechsel münden muss. Erst dadurch wird eine Öffnung und Partizipation für alle ermöglicht. Gleichzeitig strebt ohnehin eine junge Generation von Theaterkünstlerinnen und -künstlern mit postmigrantischem Hintergrund in die Szene; das wiederum hilft auch beim Perspektivwechsel.

Ein Schwerpunkt der Arbeit des Ballhauses liegt im Bereich der kulturellen Bildung. So hat das Theater das gesamte Programm im Februar 2011 der "Akademie der Autodidakten" gewidmet, die ihre Produktionen und Projektergebnisse des letzten halben Jahres präsentierte. Was hat es damit auf sich?

Neue Zugänge zu schaffen bedeutet zuerst einmal, Menschen ans Theater heranzuführen, die bisher ausgeschlossen waren. Das kann an gesellschaftlicher Benachteiligung liegen oder ganz konkret daran, dass man ihnen an Theaterschulen und -häusern sagt, sie würden nicht "passen". Auf der einen Seite bieten wir also interessierten Autodidakten ohne einschlägige Ausbildung die Möglichkeit, sich auszuprobieren und in der gemeinsamen Arbeit mit anderen etwas zu lernen.

Auf der anderen Seite meint kulturelle Bildung natürlich auch immer Kunstvermittlung: Wir sprechen gezielt Personen an, die sich nicht unbedingt als Theaterpublikum verstehen. Dabei richten wir uns insbesondere an Jugendliche, wenden aber keine Altersbegrenzung an. Ein erfolgreiches Format ist die "Kiezmonatsschau" – Jugendliche bekommen Kameras und Video-Coaching durch wechselnde Paten und produzieren dann weitgehend eigenständig ihre eigenen Filme. Hier sind sie einmal nicht Objekt, sondern Subjekt der Berichterstattung.

Die Grenzen zwischen Publikum und Künstlerinnen und Künstlern sind bei der "Akademie der Autodidakten" angenehm fließend. Jugendliche, die an einem Workshop teilnehmen, werden gemeinsam mit ihren Freunden zu Theaterfans, während junge Zuschauerinnen und Zuschauer an uns herantreten mit dem Anliegen, auch mal etwas bei uns zu machen.

Beschreiben Sie bitte konkret eines der Projekte der Akademie.

Unser neuestes Jugendprojekt "Tod eines Superhelden" ist aus einem Schauspielworkshop mit Cem Sultan Ungan entstanden. Gegen Ende des Workshops holten wir die jungen Autoren Marianna Salzmann und Deniz Utlu hinzu, die aus Gesprächen mit den Jugendlichen Figuren und eine Handlung bastelten, die Literaturtheater auf hohem Niveau und gleichzeitig ganz nah an ihrer Realität und ihren (schau)spielerischen Bedürfnissen dran sind.

Bei einer unserer erfolgreichsten Produktionen der Akademie "Ferienlager – Die 3. Generation" mit zehn Jugendlichen aus dem Kiez, die bereits in München, Hamburg und New York zu Gastspielen war, waren die Jugendlichen auch die Autorinnen und Autoren, ihre Texte wurden gemeinsam mit dem Regisseur Lukas Langhoff zu einem Stück collagiert. Die sehr vielschichtigen Texte werden mit inszenatorischen Ideen verknüpft, die direkt aus der Lebenspraxis der Jugendlichen stammen. Das Anliegen, die Gleichberechtigung von kritischem Hinterfragen und lustvollem Spiel mit theatralen Mitteln zu etablieren, zieht sich durch alle unsere Produktionen aus dem Bereich der "Akademie der Autodidakten".

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