kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
Birgit Cauer

HORTUS CIRCULOSUS – Kreisläufe zwischen Kunst und Natur

Wie kann der Begriff Nachhaltigkeit mit künstlerischen Mitteln begreifbar gemacht werden? Funktionierende Kreisläufe aus Künstlichem und Natürlichem, die in einem Garten erprobt werden, stehen im Zentrum des Projekts "HORTUS CIRCULOSUS" für angehende Erzieherinnen und Erzieher und ihre Lehrenden.

Link zur Methode "HORTUS CIRCULOSUS"

Studierende bringen Kreislauf-Vorstellungen aufs Papier, Foto: Birgit CauerStudierende bringen Kreislauf-Vorstellungen aufs Papier (© Birgit Cauer)

Als Künstlerin beschäftige ich mich damit, wie man – vereinfacht gesagt – funktionierende Organismen und Kreisläufe aus Künstlichem und Natur erzeugen kann [1]. Auch Wasser-, Energie-, Wirtschafts- und Nahrungsmittelkreisläufe sind im besten Fall funktionierende, lebendige Organismen. Dass die Störung dieser Kreisläufe mit dem Klimawandel und der Endlichkeit unserer Energie- und Wachstumsressourcen in einem Zusammenhang steht, tritt immer deutlicher ins Bewusstsein.


In Kreisläufen zu denken und ihnen nachzugehen, stellt für mich ein grundlegendes Prinzip von Nachhaltigkeit dar. Die Störung des Wasserkreislaufs durch die radikale Vernichtung von Grünflächen zugunsten von asphaltiertem Bau- und Straßengrund zur Befriedigung unserer (wirtschaftlichen) Wachstumsbedürfnisse findet nicht nur im brasilianischen Regenwald statt, sondern auch in Deutschland. Es gilt zu handeln – auch als Künstlerin.

Mit dem Projekt "HORTUS CIRCULOSUS – Kreisläufe zwischen Kunst und Natur" wird die Wahrnehmung von Kreissegmenten (z.B. die eigene, kurzfristige Bedürfnisbefriedigung) auf die Wahrnehmung des Gesamten erweitert. Fragen nach dem "Woher?" und "Wohin?" regen zu einem Denken und Handeln in Kreisläufen an und lassen uns uns selbst als Teil diverser Kreisläufe begreifen.

Es ist ein großes Glück, dass ich im Rahmen der Initiative "Über Lebenskunst. Schule" [2], bei der es um die Verbreitung von Bildung für nachhaltige Entwicklung geht (siehe unten), dieses Projekt nicht nur von langer Hand vorbereiten konnte, sondern dass es auch über ein Jahr finanziert und begleitet wird.

Zunächst galt es, einen Kooperationspartner zu finden. Die Stiftung SPI, Fachschule für ErzieherInnen in Berlin [3] bietet die Ausbildung zur staatlich anerkannten ErzieherIn an. Dieser Personenkreis wiederum wird sein Denken an nachfolgende Generationen weitergeben. Das schien mir – ganz im Sinne von nachhaltigen Kreisläufen – der richtige Kooperationspartner zu sein.

Foto: Birgit CauerStudierende in einem Seminar über Kreisläufe (© Birgit Cauer)
Die eigentliche Kooperation begann, als ich mich mit an dem Projekt interessierten Dozentinnen und Dozenten dieses Institutes im Rahmen eines Workshops traf und sie einer künstlerischen Vorgehensweise aussetzte. In von mir zur Verfügung gestelltem Material (Schläuche, Folien, Fäden, Netze, Papier, Draht, usw.) waren sie aufgefordert ihrer Vorstellung von Kreisläufen eine Form zu geben. Anschließend entwickelten sie eine schriftliche Aufzeichnung der eigenen Arbeits- und Interessensschwerpunkte. Auf diese Weise konnte ich sie für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema "Kreisläufe zwischen Kunst und Natur" in ihrem jeweiligen Fachbereich anregen und ihr Vertrauen in meine Vorgehensweise gewinnen.

In diesem Sinne vorbereitet gingen die sieben Dozentinnen und Dozenten nun daran, in ihren regulären Unterrichtsbereichen, die die Themen Gestaltung, Natur und Umwelt, Pädagogik, Mathematik, Psychologie und Medien berühren, gemeinsam mit den Studierenden die jeweils fachspezifischen "Kreisläufe" zu finden. Bei der näheren Untersuchung stellt sich immer die Frage nach der adäquaten Form der Aufzeichnung: beschreiben, fotografieren, filmen, sammeln, nachbilden, dichten, verbinden, formen, spielen, befragen, tanzen? Beispiele für die von den Lehrenden entwickelten Themenstellungen: Die Vernetzung und Kooperation von sozialen Einrichtungen organisieren, den Weg der Erdnuss von Anfang bis Ende mit Grundschülern verfolgen oder visuelle Muster in der Natur erkennen und in eine neue Ordnung bringen.

Meine Rolle besteht darin, Impulse zu geben, den intensiven Prozess der Auseinandersetzung mit dem Thema zu begleiten und zwischen den Lehrenden, den Studierenden und den Institutionen (SPI, Haus am Lützowplatz) zu vermitteln.

Parallel dazu begann ich in Zusammenarbeit mit Carsten Hensel, Dozent für die Themenfelder "Lebensräume erschließen und gestalten" und "Alltag und besondere Anlässe gestalten" und Künstlerkollege von mir, sowie Martina Knebel, der Dozentin für das Themenfeld "Bilden und erziehen. Lernwelten von Kindern und Jugendlichen gestalten" ein zweiwöchiges Einführungsprojekt mit einem Erstsemesterkurs.

Hier standen die praktische Arbeit und Untersuchung von Kreisläufen im neuen Umfeld "Stiftung SPI, Fachschule für ErzieherInnen" der Studierenden im Vordergrund. Die Studierenden suchten und fanden für sie interessante Kreisläufe in ihrer Hochschule – sowohl im Gebäude selbst als auch in der Organisation oder dem Studiengang als Gesamtes. Ihre Auseinandersetzung mit diesen Kreisläufen materialisierten sie in Zeichnungen, Filmen, Objekten und Installationen und präsentierten sie Mitstudierenden aus anderen Klassen. Die ungewöhnliche Offenheit der Lehrenden erwies sich in der Arbeit als sehr hilfreich, da sie die Kommunikation untereinander über den gemeinsamen Unterricht sehr erleichterte.

Diese ersten entstandenen Zwischenergebnisse aller an dem Prozess beteiligten Gruppen zu den diversen "Kreisläufen" werden im zweiten Semester miteinander verknüpft. Als Ort der Aufbereitung der Einzelergebnisse hin zu einer dauerhaften oder auch für eine Öffentlichkeit sichtbaren und weiter benutzbaren Form habe ich den Kunstverein Haus am Lützowplatz gewinnen können. Seine Studiogalerie und der geschützte Garten und Hof stehen uns im Frühjahr 2012 für Objekte und Rauminstallationen zur Verfügung.

Idee ist es, diese Objekte und Installationen zu Beispielen skulpturaler Gestaltung eines Lebensraumes werden zu lassen, in dem sich vom Menschen und von der Natur (Witterung, Alterung, Wachstum, Abnutzung) ausgelöste Wirkweisen niederschlagen. So erklärt sich auch der Titel des Projekts "HORTUS CIRCULOSUS – Kreisläufe zwischen Kunst und Natur".

So sollen der Kunstverein und sein Garten für die Studierenden selbst und im Rahmen ihres Praktikums bzw. ihrer Praxisstellen auch für Kindergruppen zu nutzbaren und zugänglichen Orten werden. Denn was heißt Nachhaltigkeit anderes, als gemeinsam Veränderungen zu verfolgen und zu begleiten.

Das Projekt "HORTUS CIRCULOSUS – Kreisläufe zwischen Kunst und Natur" wird gefördert von ÜBER LEBENSKUNST.Schule, einer Kooperation von ÜBER LEBENSKUNST und der Freien Universität Berlin – ÜBER LEBENSKUNST ist ein Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt.

Fußnoten

1.
Weitere Informationen unter www.bcauer.de
2.
Das Bildungsprogramm ÜBER LEBENSKUNST – Schule hat zum Ziel, die Bildung zu nachhaltiger Entwicklung an Schulen zu vertiefen. Ausgewählte Künstlerinnen und Künstler wurden geschult, mit künstlerischen Mitteln Themen zum Klima- und den damit einhergehenden Gesellschaftswandel in verschiedenen Projekten zu erarbeiten und nachhaltige Erfahrungen und Kooperationen zu ermöglichen. www.ueber-lebenskunst.org
3.
www.stiftung-spi.de
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