kulturelle Bildung

28.9.2011 | Von:
Wanda Wieczorek

Die Kunst des Involvierens

Eine Ausstellung begegnet ihrer Stadt

Der documenta 12 Beirat ist ein Beispiel für den Versuch, den Wirkungsradius einer Kunstausstellung auf neuen Wegen zu erweitern und dadurch zum Gelingen des gesellschaftlichen Zusammenlebens beizutragen. Die Autorin berichtet über Chancen und Probleme einer solchen Herangehensweise.

Der Beirat kommt in diesem Unterrichtsraum im Kulturzentrum Schlachthof regelmäßig zur Arbeitssitzung zusammen. Kreidezeichnung auf Schultafel von Jürgen Stollhans. © Jürgen Stollhans / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Fotografie: Robert ColletteDer Beirat kommt in diesem Unterrichtsraum im Kulturzentrum Schlachthof regelmäßig zur Arbeitssitzung zusammen. Kreidezeichnung auf Schultafel von Jürgen Stollhans. (© Jürgen Stollhans / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Fotografie: Robert Collette)

"Für die Stadt ist es eine wichtige Frage, wo die Weltkunstausstellung documenta ihren Auftakt findet und wie sie sich präsentiert. Dafür wurde in diesem Fall kein offizieller, kein bisher üblicher Rahmen gewählt, sondern auf einmal tauchte ein Akteur wie der Schlachthof auf, von dem man eigentlich ein anderes Bild hatte: verknüpft mit sozialer und soziokultureller Arbeit, mit Anliegen wie Beteiligung, Interaktion, Auseinandersetzung und Kommunikation. Da stellte sich für viele die Frage, was wir eigentlich mit Kunst zu tun haben, was wir davon verstehen und warum wir dabei mitreden sollten [...]." Christine Knüppel, Geschäftsführerin des Kasseler Kulturzentrums Schlachthof e.V. (Knüppel/Gülec 2009: 42).


Seit einiger Zeit steigt wieder das Interesse an den Überschneidungen zwischen Kunst und Politik. Eine Nähe zur Politik wird von der Kunst aus zwar schon länger gesucht – ein prägender Diskursstrang des letzten Jahrzehnts beschäftigte sich mit Arbeiten, die politische Themen verhandeln und mit Theorien, die die politische Dimension der Kunst herausstellen. Diese Auseinandersetzung wurde allerdings vor allem innerhalb der Grenzen des Kunstfelds betrieben. Ausstellungen, kunstphilosophische Abhandlungen und Kongresse diskutierten die politische Wirkmächtigkeit der Kunst hauptsächlich mit Kennern, Könnern und Eingeweihten, im Rahmen der bewährten analytischen Maßstäbe und handwerklichen Mittel. Dass sich Akteure aus der Kunst nach vorne wagen und über die politische Bildung Handlungsmöglichkeiten im Feld der Politik suchen, ist dagegen eine jüngere Entwicklung. Sie betreten dabei unbekanntes Terrain. Weder können sie sich darauf verlassen, dass ihre Fachkenntnisse in den neuen Zusammenhängen etwas wert sind, noch dass die in der Kunstwelt eingeübten habituellen Regelsysteme Bestand haben werden.

Dafür verspricht die Allianz mit der politischen Bildung einen Ausweg aus einer Krise der Kunst, die sich parallel zu ihrem erstarkten politischen Interesse aufgetan hat: Die Kunstinstitutionen als ehemals allgemein akzeptierte Träger eines kulturellen Bildungsauftrags werden sowohl von den öffentlichen Geldgebern als auch von ihrem Publikum in Frage gestellt. Die gesellschaftlichen Realitäten haben sich verschoben und insbesondere die öffentlichen Institutionen der Kunst sind in dieser sozialen und politischen Dynamik gezwungen, ihre Position zu überprüfen und ihr Selbstverständnis neu zu formulieren. Überall werden neue Wege eingeschlagen: Medial intensiv begleitete Blockbuster-Ausstellungen sollen durch große Publikumsströme Relevanz belegen. Bildung und Pädagogik werden mit den Mitteln der Kunst zum Thema gemacht, was feldintern bereits als "pedagogical turn" bezeichnet wurde. Die Aktivitäten der Kunstvermittlung werden intensiviert und die Zusammenarbeit mit Bildungsinstitutionen gesucht.

Viele Ansätze bleiben jedoch an der Oberfläche des Problems. Sie setzen zwar die bestehenden Mittel von Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Museumskommunikation aufwändiger oder auch effektiver ein, eine ehrliche Infragestellung der eigenen Position bleibt aber aus: Welche Rolle soll Kunst heute im gesellschaftlichen und persönlichen Leben spielen? Welche Form der Kunst erachten wir als wichtig und förderungswürdig? Wer soll Zugang zu Kunst haben? Welche gesellschaftliche Verantwortung schreiben wir Kunstinstitutionen zu, und wie können sie zum Gelingen des Zusammenlebens beitragen? Diese Fragen berühren den Kern der Krise und müssen daher ausgesprochen und diskutiert werden – und zwar nicht nur innerhalb der Kunstwelt, sondern in einem weiteren gesellschaftlichen Rahmen. Das bedeutet, dass die Institutionen der Kunst einen qualitativ veränderten Kontakt zu ihrem Publikum aufbauen müssen und es nicht bloß als Konsumenten ihres Angebots begreifen können - im Sinne einer "reproduktiven" Nachbesserung, mit der "das Publikum von morgen" herangebildet werden soll (vgl. Mörsch 2009: 9f). Sie müssen ihr Publikum involvieren und sich dabei auch an Personen wenden, die nicht bereits zu ihren etablierten Publikumskreisen (vor allem aus den bürgerlichen Mittelschichten) gehören. Personen also, die ihnen neue Impulse und unvorhersehbare Antworten auf die Fragen nach der Neubestimmung der eigenen Position hin zu einer aktualisierten gesellschaftlichen Relevanz geben können.

Die meisten Institutionen der Kunst verfügen allerdings nicht über die notwendigen Kontakte und Erfahrungen, um Menschen außerhalb des traditionellen Kunstpublikums anzusprechen und für einen Austausch zu gewinnen. Dafür fehlen ihnen neben der Kenntnis lokaler Zusammenhänge eine adäquate Sprache und geeignete Vermittlungsmethoden. Eine Allianz mit der politischen Bildung macht die Möglichkeit einer neuen, kooperativen Beziehung zum Publikum greifbarer. Die politische Bildung mit ihren Netzwerken und methodischen Werkzeugen, so die Vermutung, könnte der Kunst einen Weg zu weisen, wie sie ihr politisches Potenzial tatsächlich zu gesellschaftlicher Wirksamkeit bringen kann.

Der documenta 12 Beirat

Der folgend dargestellte documenta 12 Beirat ist ein Beispiel für den Versuch, den Wirkungsradius einer Kunstausstellung entlang neuer Bahnen zu erweitern und dadurch zum Gelingen des gesellschaftlichen Zusammenlebens beizutragen. Der Beirat entstand im Jahr 2005 im Vorfeld der 12. documenta in Kassel und arbeitete bis 2007 an einer Verbindung der Kunstausstellung mit der Kasseler Stadtgesellschaft.

Der künstlerische Leiter der Ausstellung Roger M. Buergel und die Kuratorin Ruth Noack sahen die Notwendigkeit, die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung der documenta 12 an ihrem konkreten Ort, in Kassel, zu beantworten. Zwar hat sich die documenta in den gut fünfzig Jahren ihres Bestehens zu einer der einflussreichsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit entwickelt. Dabei blieb jedoch ihr Herkunftsort hinter der Orientierung am internationalen Kunstgeschehen zurück. Die Stadt und ihre Bewohnerschaft haben daher ein ambivalentes Verhältnis zur documenta entwickelt. Einerseits ist die Identifikation mit dem bedeutenden Ereignis enorm, andererseits bleiben große Teile der Kasselerinnen und Kasseler von der Teilnahme daran ausgeschlossen. Gleichzeitig ist Kassel von seiner wechselvollen Geschichte zwischen Glanz und Zerstörung geprägt und besitzt eine höchst fragmentierte Bebauungs- und Bewohnerstruktur. Der Leitung der documenta 12 war bewusst, dass sie die Orientierung in dieser komplexen Situation und die Kontaktaufnahme zu diversen sozialen Milieus nicht aus eigener Kraft leisten könne. Nicht etwa, weil die documenta nicht die symbolische Macht und Durchsetzungskraft besäße, sondern weil es in ihren Augen nicht genügte, mit den Mitteln der Kunstwelt eine Organisationsform zu entwickeln, die nur in Kunstkreisen wahrgenommen und lediglich nach Kunstmaßstäben bewertet wird – nicht zuletzt vorherige documenta-Ausstellungen hatten Beispiele für die Begrenztheit solcher selbstreferentieller, "politischer" Kunstproduktionen geliefert. Sie suchten daher nach einem Partner aus dem gesellschafts- und bildungspolitischen Bereich und fanden das Kulturzentrum Schlachthof und seine beiden Mitarbeiterinnen Ayşe Güleç und Christine Knüppel. Zu diesem frühen Zeitpunkt der documenta-Vorbereitungen wurde ich als Koordinatorin für die lokale Anbindung eingesetzt und war damit eine der ersten Mitarbeiterinnen der documenta 12.

Der Schlachthof [1] ist eine große soziokulturelle Einrichtung in der Kasseler Nordstadt mit Jugendzentrum, kulturellem Veranstaltungsprogramm und umfangreichem Bildungsangebot. Er stellt einen wichtigen Knoten im Netz der gesellschaftspolitisch engagierten Szene Kassels dar. Als soziokulturelles Zentrum hat sich der Schlachthof den Zielen der politischen Bildung verpflichtet und ist daran interessiert, möglichst allen Mitgliedern eines Gemeinwesens politische Teilhabe zu ermöglichen. Daher werden umfangreiche Ressourcen in die Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Gruppen investiert, die von den gängigen politischen Partizipationsmodellen weitgehend ausgeschlossen sind. Das Kooperationsangebot der documenta war für den Schlachthof in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen kommen mit der Kunst neue, möglicherweise inspirierende und aktivierende Formen der inhaltlichen Auseinandersetzung in das Haus. Gerade für die Arbeit mit Jugendlichen, bildungsbenachteiligten Personen und Personen mit anderen sprachlichen und kulturellen Herkünften ist es so wichtig, Formen der Kommunikation zu finden, die nicht nur die ohnehin dominanten Ausdrucksmuster bevorzugen. Die Kunst bietet ein enorm ausgefeiltes Reservoir an Kommunikationsmöglichkeiten, die für diese Zusammenhänge sehr wertvoll sind. Zum anderen erfährt diese Auseinandersetzung durch den hohen symbolischen Wert der Kunst (und der Institution documenta) eine Aufwertung, die gerade den gesellschaftlichen Randgruppen zu Gute kommen kann. Genau diese Gruppen wiederum erreichte die documenta bislang nicht und hatte dies auch nie als Ziel formuliert.

Der Schlachthof und die documenta 12 wurden also Partner in dem geteilten Anliegen, die documenta enger mit Kassel zu verbinden. Sie einigten sich auf eine Kooperationsform, und der sogenannte documenta 12 Beirat wurde gegründet: eine Gruppe von etwa 25 "lokalen Expertinnen und Experten" – Personen aus verschiedenen beruflichen und sozialen Feldern (schulische, außerschulische und universitäre Bildung, Kinder- und Jugendarbeit, soziokulturelle Arbeit, Architektur und Stadtplanung, Gewerkschaften, Fraueninitiativen und weitere) – die sich regelmäßig mit der künstlerischen Leitung, mit Künstlerinnen und Künstlern sowie Teammitgliedern der documenta 12 traf.

Fußnoten

1.
www.schlachthof-kassel.de
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