kulturelle Bildung

13.4.2012 | Von:
Hans-Werner Kuhn

Musik und politische Bildung

Was hat die Gründung einer Rockband mit Politik zu tun? Kann man von Kolonialisierung sprechen, wenn im Politikunterricht Songtexte analysiert werden? Musik und politische Bildung haben verschiedenste Schnittmengen und Berührungspunkte. Ihre Verbindung bietet Chancen, birgt aber auch Gefahren.

Musik und politische Bildung - ein spannungsreiches Gebiet.Musik und politische Bildung - ein spannungsreiches Gebiet. (© guntier/Photocase)

Stationen

Es ist ein langer Weg. Von dem ersten bekannten Instrument der Menschheit, einer Knochenflöte, über die bildungsbürgerlichen Ambitionen zum Musizieren mit Geige, Querflöte, Cello oder Klavier, das Schulorchester, die eigene Band (allein in Berlin existieren ca. 1000 Jugendbands) bis hin zu eigenen Texten und Kompositionen. Die urzeitliche Knochenflöte kommt in Werner Herzogs Film “Höhle der vergessenen Träume – 3D” (2011) vor. Ein Mitarbeiter des Tübinger Urgeschichts-Professors Nicholas Conard spielt im Film die amerikanische Nationalhymne auf dem Instrument.

In einem Interview wird Prof. Nicholas Conard gefragt, wie es dazu kam – Seine Antwort: Als die Flöte entdeckt wurde, war die erste Frage natürlich: Wie klingt dieses Kunstwerk? Ich sagte also meinem Mitarbeiter Wulf Hein, dass er bei der öffentlichen Präsentation auf der Flöte spielen sollte. Er meinte, er wäre experimenteller Archäologe, aber kein Musiker. Schließlich hat er doch zugestimmt. Am Abend vor der Pressekonferenz schickte er mir eine E-Mail mit dem Betreff “Obama gewidmet” – er hatte als erste Melodie auf dem ältesten Instrument der Welt die Nationalhymne der USA gespielt. Und zwar deshalb, weil die ersten drei Töne dieser Flöte tatsächlich an diese Hymne erinnern. Bei unserer Pressekonferenz haben wir das Stück nicht verwendet, aber Herzog wollte natürlich unbedingt das hören, was als erstes auf dieser Gänsegeier-Flöte gespielt worden war

Die Stationen der Musik-Geschichte lassen sich auch in individuellen Biographien nachzeichnen. Es sind nicht untypische Stationen politischer und musikalischer Sozialisation. Sozialisation deshalb, weil latente, also nicht-sichtbare und manifeste, also sichtbare, Anteile vorkommen, Anpassung an schulische Anforderungen genauso wie eigene individuelle Entscheidungen. Nimmt man den Fokus politischer Musik, also Musik, die politische Texte enthält, aber auch die, die politische Wirkung erzeugt als (vorläufigen) Endpunkt dieser Entwicklung, so kann vielfach ein Denkmuster unterstellt werden, das soziologisch als “Abgrenzung” bezeichnet werden kann. Vielfach beginnt schon im Kindergarten die musikalische Früherziehung, sie wird in der Grundschule fortgesetzt, vor allem durch Kooperationen mit außerschulischen Partnern wie Musikvereinen, Musikschulen und Gesangvereinen. Daraus kann – wie in der Johannes-Schwartz-(Grund-)Schule in Freiburg-Lehen – der Versuch erwachsen, bereits in der Grundschule eine Band zu gründen. Wenn Musicals zum Schulprofil zählen, wird Musik und Theater verbunden. Später, in den Sekundarstufen, folgt meist individueller Musikunterricht an klassischen Instrumenten. [1] Das Schulorchester bindet die Einzelnen zu einer musikalischen Gemeinschaft zusammen, die bei Schulfesten und Klassenspielen eine öffentliche Funktion erfüllen. Diese musikalische Bildung schult Gehör, Rhythmusgefühl, sie vermittelt Wissen über Musikepochen, klassische und moderne Musik, sie fordert aber auch Durchhaltevermögen und Willensstärke.

Irgendwann kann es dann zum Bruch kommen. Die Vorgaben reichen nicht mehr aus, Eigenes will produziert werden. Wenn dann noch die materiellen Voraussetzungen gegeben sind, also das Drum-Set, die E-Gitarre und der Proberaum, dann beginnt eine neue Phase der musikalischen Sozialisation. Im Ausprobieren, im Erlernen der Kunstfertigkeit am eigenen Instrument, an ersten Textentwürfen, besonders aber am gemeinsamen “Musik machen”, entwickelt sich eine Perspektive auf die Welt. Die eigene Musik wird zum Gestaltungsmittel, zum Kommunikationsmittel, das in öffentlichen Auftritten, in Jugendklubs, in Austausch mit den Peers kommt. Feedback, Impulse und Nachfrage nach ersten selbst produzierten CDs sind die Folge.
Warum ist dieser beispielhafte Prozess der musikalischen Sozialisation wichtig für das Thema “Musik und politische Bildung”? Meine These: Parallel zu diesem Prozess erfolgt eine “Politisierung”, die immer auch mit einer “Radikalisierung” verbunden ist.

In der Jugendphase vervielfältigt sich der Musikkonsum, die präferierten Stile ändern sich immer wieder. Die Abgrenzung zu anderen Gleichaltrigen spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Abgrenzung gegenüber Erwachsenen. Legt man einen soziologischen Jugendbegriff zugrunde, der sich nicht auf ein bestimmtes Alter festlegt, sondern ökonomische Faktoren, Selbständigkeit, Autonomie usw. berücksichtigt, dann dürften sowohl in der musikalischen wie in der politischen Sozialisation hier entscheidende Weichen gestellt werden, die sensible Phasen genannt werden. Die Suchbewegungen bestimmen den Weg, Festlegungen sind immer nur vorläufig.

Musik und politische Bildung. Ein “vermintes” (ambivalentes) Verhältnis

Das Verhältnis von “Musik und politischer Bildung” kann ein Stück weit abgegrenzt werden vom Verhältnis von “Musik und Politik” . [2]Für Musik und Politik werden kategoriale Unterscheidungen eingefordert, [3] nicht nur die außerschulische Bildung wehrt sich zu Recht gegen eine wechselseitige “Kolonisierung” beider Felder. Dennoch wird neben der Differenz auch das Gemeinsame gesehen, [4] die Überschneidungen als gesellschaftliche Praxis, als öffentliches Handeln, als Austausch und Kommunikation. Bis hin zur These, beide seien aufeinander angewiesen, um demokratische Kultur zu ermöglichen.

Hier wird ein anderer Ansatz versucht: Musik und politische Bildung stehen beide unter dem Signum der “Vermittlung”. Die gesuchte Mitte liegt beim eingegrenzten Thema der politischen Musik (gibt es auch eine musikalische Politik?). Wie kann dies näher bestimmt werden? Im Folgenden werden mehr Fragen gestellt als beantwortet, mehr Deutungen und Lesarten, mehr fachdidaktische Lernwege skizziert als umfassend entwickelt. Im aktuellen Diskurs um kulturelle Bildung [5] erscheint dies notwendig, um allgemeine Aussagen auf das Vermittlungsproblem beider Sphären herunter zu brechen, aber auch, um Abgrenzungen und Sackgassen deutlich zu machen. Diese Gefahren werden als “Fallen” oder auch als “Fehlkonzepte” bezeichnet.

Fallen

“Vermintes Gelände”, diese martialische Metapher zielt ebenso wie der Hinweis auf eine “Kolonisierung” [6] als feindliche Landnahme darauf ab, dass in der schulischen politischen Bildung private Musik-Interessen von Jugendlichen instrumentalisiert werden. [7] Eigentlich nur, um die abstrakte Politik irgendwie zu illustrieren, zu veranschaulichen, “lebendiger” zu machen, bunter. Es bleibt dabei, dass etwas über Politik und Gesellschaft gelernt werden soll. [8] Können aber politische Songtexte prinzipiell etwas über Politik und Gesellschaft aussagen? Ist nicht eine sozialwissenschaftliche Analyse notwendig?

Hier kommen zwei weitere Fallen ins Spiel: Sind diese Songtexte nicht notwendig populistisch? Verkürzen sie nicht differenzierte Sichtweisen? Und: Im Kern zielt politische Bildung auf Urteilsbildung (Massing 2003, 91ff.), werden aber in den Texten Urteile gefällt, ohne dass vorher und systematisch ein Problem, ein Fall oder ein Konflikt mehrperspektivisch erfasst und an Kriterien orientiert (Effizienz und Legitimität) kontrovers thematisiert wird? Hier beginnen erste Zweifel: Könnte es sein, dass Urteilen anhand von Texten gelernt werden kann, dass die Texte selbst mehrperspektivisch angelegt sind? Hier spielt der (situative, gesellschaftliche, politische, historische) Kontext eine wichtige Rolle. Erst dieser Kontext macht aus einem Song einen politischen Song, erst in der Interaktion von Band und Publikum bilden sich, bzw. eher: verstärken sich vorhandene Einstellungen zu Gesellschaft und Politik. Hinzu kommt: Politikunterricht beinhaltet als Strukturmoment “Kontroversität” (Beutelsbacher Konsens 1976). Zwei Varianten sind möglich: Entweder enthält das Lied selbst kontroverse Sichtweisen oder aber es wird eine bestimmte Position, ein Standpunkt vertreten. Aufgabe von Lehrer/-in und Schülern/-innen wäre es dann, Kontroversität mithilfe anderer Standpunkte oder Liedtexte herzustellen bzw. zu inszenieren.

Fußnoten

1.
Nach den Befunden der JIW-Studie 2011 macht jeder vierte Jugendliche selbst Musik (24%), sei es durch das Spielen eines Instruments oder Mitwirkung in einem Chor; 2005 waren es 18%.
2.
vgl. die wenigen Beiträge zu diesem Verhältnis: Canaris, Lietzmann, Goll, APuZ-Themenheft: Musik und Gesellschaft.
3.
Vgl. Sander, Wolfgang: Was ist politische Bildung?, http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/59935/politische-bildung ; vgl. Interview mit Helle Becker, http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/59945/interview-bildung-nicht-kolonialisieren )
4.
Lietzmann, Hans J.: Politik und Musik. Gemeinsamkeit und Differenz, in: Canaris, Ute (Hrsg.): Musik // Politik. Texte und Projekte zur Musik im politischen Kontext, Bochum 2005 (Bundeszentrale für politische Bildung), 47-73
5.
Etwa in diesem Online-Dossier der bpb, www.bpb.de/kulturellebildung
6.
“Kolonisierung bedeutet in ihrem Kern die politische, ökonomische und kulturelle Dominanz eines gesellschaftlichen Systems im Verhältnis zu einem anderen.” (Dümcke, Wolfgang/Fritz Vilmar (Hrsg.): Kolonialisierung der DDR. Münster 1996, 14
7.
Vgl. das Interview mit Helle Becker, die mit Blick auf die außerschulische Bildung der kulturellen wie der politischen Bildung rät, “sich nicht gegenseitig kolonialisieren zu wollen.” http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/59945/interview-bildung-nicht-kolonialisieren
8.
Vgl. Seibt 2010; vgl. die Einbindung des Spielfilms “Die fetten Jahre sind vorbei”, der an das Thema “Soziale Ungleichheit” angedockt wird: Schmitz, GWP 2009, 299-319.

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