Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Robert Darnton

Die Bibliothek im Informationszeitalter

6000 Jahre Schrift

Ich vertrete die Auffassung, dass Nachrichten schon immer ein Artefakt gewesen sind und niemals genau dem entsprochen haben, was sich ereignete. Wir verstehen zwar die Titelseiten von heute als Spiegel der Ereignisse von gestern, doch sie wurden tatsächlich erst gestern von Layoutern entworfen, welche die Titelseite nach willkürlichen Konventionen gestalten: Titelgeschichte in der äußersten rechten Spalte, Hintergrundgeschichte links, "weiche" Nachrichten im Inneren oder unterhalb der Falzung, Features, die sich durch spezielle Schlagzeilen abheben. Durch typografisches Design wird der Leser orientiert und die Bedeutung der Nachrichten definiert. Die Nachrichten selbst haben die Form von Erzählungen, die von Profis nach Konventionen verfasst werden, welche sie im Laufe ihrer Ausbildung vermittelt bekamen – das Prinzip der "umgekehrten Pyramide", die Farbcodierung für "hohe" und "die höchsten" Quellen, usw. Nachrichten sind nicht das, was geschah, sondern eine Geschichte darüber, was geschah.

Nun geben viele Reporter ihr Bestes, um genau zu sein, doch sie müssen sich an die Konventionen ihres Berufs halten, und es gibt immer einen Spielraum zwischen ihrer Wortwahl und dem Ereignis selbst, so wie es von anderen erlebt oder wahrgenommen wurde. Fragen Sie einmal jemanden, der bei einem Ereignis, worüber berichtet wurde, dabei war. Sie werden hören, dass die betreffende Person sich selbst oder das Ereignis in der Zeitungsgeschichte nicht wieder erkennt. Fortgeschrittene Leser der sowjetischen Pravda hatten gelernt, allem, was in dieser Zeitung veröffentlicht wurde, zu misstrauen, und sogar das Ausbleiben von Berichten als Zeichen dafür zu werten, dass etwas im Gange war. Am 31. August 1980, als Lech Walesa das Abkommen mit der polnischen Regierung unterzeichnete, mit dem die Solidarność als unabhängige Gewerkschaft gegründet wurde, weigerten sich die Polen zuerst, das zu glauben – nicht, weil sie die Nachricht nicht erreicht hätte, sondern weil sie über das staatlich kontrollierte Fernsehen verbreitet wurde.

Ich war selbst einmal Reporter. Meine Grundausbildung erwarb ich mir 1959 als Student mit Berichten aus dem Polizeihauptquartier in Newark. Ich hatte zwar schon in Schulzeitungen mitgearbeitet, wusste aber nicht, was Nachrichten waren – das heißt, welche Ereignisse eine Geschichte hergaben, und welche Wortkombinationen dafür sorgen würden, dass der Redakteur des Nachtdienstes sie auch druckte. Wenn Ereignisse die Redaktion erreichten, dann für gewöhnlich in Form von squeal sheets, Zettel mit getippten Zusammenfassungen von eingehenden Anrufen in der Telefonzentrale. Solche Zettel konnten alles betreffen, entlaufene Hunde ebenso wie Mordfälle, und es kamen bis zu einem Dutzend pro halbe Stunde herein. Meine Arbeit bestand darin, sie von einem Leutnant abzuholen, nach möglichen Nachrichten zu durchforsten, und die potenziellen Nachrichten an die altgedienten Reporter verschiedener Zeitungen weiterzugeben, die im Pressezimmer im Erdgeschoß saßen und Poker spielten. Das Pokerspiel war ein Nachrichtenfilter. Für gewöhnlich gab ein Reporter dann einen Kommentar ab, ob etwas, das ich ausgesucht hatte, überprüft werden sollte. Ich stellte diese Überprüfungen an, normalerweise durch Telefonanrufe an wichtige Abteilungen wie das Morddezernat. Wenn die Information gut genug war, teilte ich dies der Poker-Runde mit, deren Mitglieder sie dann telefonisch an ihre Redaktionen weitergaben. Sie musste aber wirklich gut sein – also das, was die meisten Menschen für schlecht halten – um eine Unterbrechung des nie endenden Pokerspiels zu rechtfertigen. Denn Poker war das Hauptinteresse von allen – außer mir: ich konnte es mir nicht leisten, Karten zu spielen (man musste einen Dollar Einsatz vorab zahlen, was damals eine Menge Geld war). Ich musste also ein Gespür für Nachrichten entwickeln.

Ich lernte bald, die DOA-Fälle (dead on arrival, also gewöhnliche Todesfälle) und die Überfälle auf Tankstellen zu ignorieren, ich brauchte aber länger, die wirklich "guten" Geschichten auszumachen, etwa Überfälle auf bekannte Geschäfte oder Rohrbrüche im Stadtzentrum. Eines Tages erreichte mich ein squeal sheet, das so gut war – es betraf Vergewaltigung und Mord gleichzeitig –, dass ich direkt zum Morddezernat lief, anstatt zuerst der Pokerrunde zu berichten. Als ich es dem Dienst habenden Leutnant zeigte, blickte er mich herablassend an: "Siehst du das nicht, Junge?", sagte er und zeigte auf ein großes B in Klammern, das den Namen des Opfers und des Verdächtigen nachgestellt war. Erst dann bemerkte ich, dass jedem Namen entweder ein B oder ein W folgte. Ich wusste nicht, dass Verbrechen, die schwarze Menschen betrafen, nicht als Nachrichten zählten.

Als jemand, der gelernt hat, Nachrichten zu schreiben, misstraue ich Zeitungen als Informationsquellen, und es überrascht mich immer wieder, wenn Historiker sie als Primärquellen verwenden, die Auskunft über die tatsächlichen Ereignisse geben sollen. Ich denke, Zeitungen sollten als Information darüber gelesen werden, wie die Menschen einer bestimmten Zeit Ereignisse darstellten, nicht als verlässliche Quelle über die Ereignisse selbst. Eine Studie über die Nachrichten während der amerikanischen Revolution, die von einem meiner Doktorats-Studenten, Will Slauter, geschrieben wurde, macht dies deutlich. Will untersuchte Berichte über Washingtons Niederlage in der Schlacht von Brandywine in der amerikanischen und europäischen Presse. Im 18. Jahrhundert hatten Nachrichten für gewöhnlich die Form von einzelnen Absätzen und waren keine "Geschichten", so wie wir sie jetzt kennen. Die Zeitungen schrieben die meisten dieser Absätze voneinander ab, und reicherten sie mit Kaffeehausklatsch sowie Gerüchten von heimkehrenden Schiffskapitänen an. Eine loyalistische New Yorker Zeitung druckte die erste Nachricht von Brandywine mit einem Brief von Washington ab, in dem dieser den Kongress darüber informierte, dass er zum Rückzug vor den britischen Streitkräften unter General William Howe gezwungen gewesen war. Ein Exemplar der Zeitung gelangte per Schiff über New York, Halifax und Glasgow nach Edinburgh, wo der Absatz und der Brief in einer lokalen Zeitung abgedruckt wurden.

Die Nachdrucke von Edinburgh wurden ihrerseits in mehreren Londoner Zeitungen nachgedruckt, wobei jedes Mal leichte Änderungen vorgenommen wurden. Diese Veränderungen waren wichtig, denn Spekulanten setzten große Summen auf den Verlauf des amerikanischen Kriegs und bekämpften einander an der Börse, während die pro-amerikanische Opposition die Regierung von Lord North zu stürzen drohte. Trotz einer Entfernung von mehreren tausend Kilometern und vier bis sechs Wochen Schiffsreise waren die Ereignisse in Amerika entscheidend für die Lösung dieser Finanz- und Politikkrise.

Was war nun tatsächlich geschehen? Die Londoner hatten gelernt, ihren Zeitungen zu misstrauen, denn die Nachrichten wurden im Zuge des gegenseitigen Abschreibens häufig verfälscht. Dass der ursprüngliche Absatz von einer loyalistischen amerikanischen Zeitung stammte, machte ihn für die lesende Öffentlichkeit verdächtig. Die Umwege, über die er gekommen war, machten ihn noch verdächtiger, denn weshalb würde Washington seine Niederlage bekannt geben, während Howe in einer Aussendung von Philadelphia, nahe am Ort des Geschehens, noch keinen Sieg beanspruchte? Manche Berichten zufolge war Lafayette in der Schlacht verwundet worden, was den britischen Lesern unmöglich erschien, denn sie glaubten (aufgrund früherer falscher Berichte), dass Lafayette weit von Brandywine entfernt war und an der kanadischen Grenze gegen General John Burgoyne kämpfte.

Bei aufmerksamer Lektüre von Washingtons Brief zeigten sich schließlich auch stilistische Feinheiten, die nicht der Feder des Generals entstammen konnten. Ein Beispiel dafür war der Gebrauch des Wortes array anstatt arrange für die Aufstellung von Truppen, was sich jedoch später als Druckfehler erwies. Viele Londoner kamen zu dem Schluss, dass der Bericht falsch war und den Zweck hatte, den Interessen einer bestimmten Spekulantengruppe sowie konservativer Politiker zu dienen. Dies umso mehr, als die Berichterstattung durch Plagiate zunehmend aufgebläht wurde. Manche Londoner Blätter behaupteten, dass diese kleine Niederlage nichts weniger als eine Katastrophe für die Amerikaner war, denn sie hätte die Aufständischen-Armee aufgerieben, und Washington selbst sei dabei ums Leben gekommen. (Washington wurde im Zuge der Kriegsberichterstattung vier Mal für tot erklärt, die Londoner Presse erklärte Benedict Arnold gar 26 Mal für tot).

Le Courrier de l‘Europe, eine in London gedruckte französische Zeitung, veröffentlichte eine Zusammenfassung der englischen Berichte mit dem Hinweis, dass diese vermutlich falsch seien. Diese Version der Ereignisse erschien in einem Dutzend französischer Zeitungen, die in den Niederlanden, im Rheinland, der Schweiz und Frankreich selbst herausgegeben wurden. Als die Nachricht schließlich in Versailles eintraf, galt Washingtons Niederlage bereits als völlig unglaubwürdig. Der französische Außenminister, Graf von Vergennes, befürwortete daher auch weiterhin eine militärische Intervention auf der Seite der Amerikaner. In London, wo Howes Bericht über seinen Sieg mit großer Verspätung eintraf (er hatte einfach zwei Wochen lang nichts geschrieben), wurde diese von der viel mehr Aufsehen erregenden Nachricht von Burgoynes Niederlage bei Saratoga überschattet. Die Niederlage bei Brandywine wurde zu einem Beispielfall für falsch geschriebene und falsch gelesene Nachrichten – ein Nicht-Ereignis, dessen Bedeutung durch den Übermittlungsprozess bestimmt wurde, ähnlich wie die Blogs über die einfahrbare Kuppel und das Filtern der Verbrechensmeldungen im Polizeihauptquartier von Newark.


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