Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Robert Darnton

Die Bibliothek im Informationszeitalter

6000 Jahre Schrift

Information war niemals stabil. Das mag sich wie eine Binsenweisheit anhören, verdient aber eine nähere Betrachtung, denn diese Einsicht mag als Korrektiv für die Auffassung dienen, der zufolge die Beschleunigung des technischen Wandels uns in ein neues Zeitalter katapultiert habe, in dem die Information völlig außer Kontrolle geraten sei. Ich vertrete die Auffassung, dass die neue Informationstechnologie uns dazu bringen sollte, unsere Vorstellung von Information selbst zu überdenken. Information sollte nicht als harte Fakten oder als Brocken von Wirklichkeit begriffen werden, die aus einer Zeitung, Archiven und Bibliotheken herausgelöst werden können wie aus einem Steinbruch – sondern als Botschaften, die im Zuge ihrer Übermittlung ständig verändert werden. An Stelle von fest gefügten Dokumenten haben wir es mit multiplen, veränderbaren Texten zu tun. Wenn wir lernen, uns vor dem Computer skeptisch mit ihnen auseinander zu setzen, dann können wir auch lernen, unsere Tageszeitungen besser zu lesen – und sogar alten Büchern neue Wertschätzung entgegen zu bringen.

Bibliographen kamen lange vor dem Internet zu diesem Schluss. Sir Walter Greg entwickelte sie am Ende des 19. Jahrhunderts, und Donald McKenzie perfektionierte sie am Ende des 20. Jahrhunderts. Ihre Arbeit bietet eine Antwort auf die Fragen, die Blogger, Googler und andere Web-Begeisterte stellen: Warum soll man mehr als ein Exemplar eines Buches archivieren? Warum soll man viel Geld für Erstausgaben ausgeben? Sind Sammlungen seltener Bücher nicht dem Tod geweiht, wo doch jetzt alles im Internet verfügbar ist?

Nicht-Gläubige betrachteten Henry Clay Folgers Entschlossenheit, Exemplare von Shakespeares Folio zu sammeln, als Spinnerei eines Verrückten. Die Folio-Ausgabe war 1623, sieben Jahre nach Shakespeares Tod, veröffentlicht worden und stellt die erste Sammlung seiner Stücke dar. Die meisten Sammler waren der Auffassung, eine Ausgabe würde für jede Forschungsbibliothek ausreichen. Als Folgers Sammlung auf über drei Dutzend Ausgaben anwuchs, verspotteten ihn seine Freunde als "Forty Folio Folger". Seit damals haben jedoch Bibliographen diese Sammlung auf wichtige Informationen ausgewertet, nicht nur in Bezug auf die Niederschrift der Stücke, sondern auch auf ihre Aufführung.

Sie haben nachgewiesen, dass 18 der 36 Stücke in der Folio-Ausgabe nie zuvor gedruckt worden waren. Vier waren früher nur von fehlerhaften Kopien, den so genannten "schlechten" (wenig zuverlässigen) Quarto-Ausgaben, bekannt gewesen – also von Broschüren einzelner Dramen, die zu Shakespeares Lebzeiten gedruckt wurden, häufig von skrupellosen Verlegern, die fehlerhafte Versionen des Texts benutzten. Zwölf waren in modifizierter Form von relativ guten Quarto-Ausgaben nachgedruckt worden; nur zwei waren ohne Veränderungen von früheren Quarto-Ausgaben nachgedruckt worden. Da keines der Manuskripte Shakespeares erhalten geblieben ist, können die Unterschiede zwischen diesen Texten von wesentlicher Bedeutung dabei sein, herauszufinden, was Shakespeare tatsächlich geschrieben hat. Doch die erste Folioausgabe kann nicht einfach mit den Quartausgaben verglichen werden, denn jede einzelne Folioausgabe ist unterschiedlich. Während der Drucklegung in der Werkstatt Isaac Jaggards 1622 und 1623 wurde das Buch dreimal neu aufgelegt. In einigen Ausgaben fehlte Troilus und Cressida, andere enthielten den Troilus vollständig, während andere den Haupttext von Troilus wiedergaben, aber nicht den Prolog, dafür aber ein durchgestrichenes Ende für Romeo und Julia auf der Rückseite des Blattes, das den ersten Satz von Troilus enthielt.

Zu diesen Unterschieden kamen noch mindestens hundert Änderungen in letzter Minute und die eigentümlichen Praktiken von mindestens neun Setzern, die an der Ausgabe arbeiteten, während sie auch mit anderen Aufträgen beschäftigt waren – und die Arbeit an Shakespeare bisweilen an unerfahrene jugendliche Lehrlinge abtraten. Bibliographen wie Charlton Hinman und Peter Blayney haben den Produktionsprozess rekonstruiert und sind zu überzeugenden Schlussfolgerungen zu diesen wichtigsten Werken der englischen Sprache gelangt. Diese präzise wissenschaftliche Arbeit hätte ohne Folgers Folios nicht durchgeführt werden können. Gewiss, Shakespeare ist ein Sonderfall. Aber textliche Stabilität hat es in der Zeit vor dem Internet nie gegeben. Die am weitesten verbreitete Ausgabe von Diderot‘s Encyclopédie im 18. Jahrhundert enthielt hunderte Seiten, die in der Originalausgabe nicht enthalten waren. Der Herausgeber war ein Geistlicher, der den Text mit Auszügen aus Predigten seines Bischofs anreicherte, um den Bischof gnädig zu stimmen. Voltaire betrachtete die Encyclopédie als so unvollkommen, dass er sein letztes großes Werk Questions sur l´Encyclopédie als neunbändige Antwort darauf konzipierte. Um seinen Text angriffiger gestalten und schneller verbreiten zu können, arbeitete er hinter dem Rücken seines eigenen Verlegers mit Piraten zusammen und fügte den Piratenausgaben Textstellen hinzu.

Voltaires Spielereien mit seinem Text gingen so weit, dass sich die Buchhändler zu beschweren begannen. Sobald sie eine Ausgabe eines Werkes verkauft hatten, kam schon wieder ein neues, mit Hinzufügungen und Korrekturen durch den Autor. Die Kunden protestierten. Manche sagten sogar, sie würden keine Gesamtausgabe von Voltaires Werken – von denen es viele unterschiedliche gab – vor dessen Tod kaufen, ein Ereignis, das von vielen Händlern in der Buchbranche herbeigesehnt wurde.

Piratendrucke waren im frühneuzeitlichen Europa so verbreitet, dass Bestseller nie zu Blockbustern wurden, so wie es heute der Fall ist. Anstatt von einem Verlag in hoher Auflage produziert zu werden, wurden die Bücher gleichzeitig in kleinen Auflagen von vielen Verlagen veröffentlicht, die versuchten, das beste aus dem Markt herauszuholen, ohne dabei auf Copyrights Rücksicht zu nehmen. Wenige Piraten machten sich die Mühe, genaue Fälschungen der Originalausgaben herzustellen. Sie kürzten, verlängerten und veränderten Texte, wie es ihnen gefiel, ohne sich Sorgen um die Intentionen des Autors zu machen. Sie verfuhren dekonstruktiv avant la lettre.

Instabilität von Text

Die Frage der Textstabilität führt zur allgemeinen Frage nach der Rolle von wissenschaftlichen Bibliotheken im Internet-Zeitalter. Ich will nicht vorgeben, einfache Antworten zu kennen, möchte jedoch eine Perspektive auf die Frage entwickeln, indem ich zwei Sichtweisen auf die Bibliothek diskutiere, die ich als große Illusionen bezeichnen würde – große und zum Teil wahre Illusionen. In den 1950er Jahren waren Bibliotheken für Studierende wie Zitadellen des Lernens. Das Wissen war zwischen harte Buchdeckel verpackt, und eine große Bibliothek schien alles Wissen zu enthalten. Die New York Public Library zu betreten, die Treppe hochzusteigen und an den steinernen Löwen, die den Eingang bewachen, vorbei in den monumentalen Lesesaal im dritten Stock zu gehen, war, wie eine Welt zu betreten, die alles enthielt, was bekannt war. Das Wissen war in Standard-Kategorien geordnet, denen man über einen Zettelkatalog bis in die Seiten der Bücher folgen konnte. Überall war die Bibliothek das Zentrum des Universitäts-Campus. Sie war das wichtigste Gebäude, ein Tempel mit klassizistischen Säulen, wo man in Stille las: kein Lärm, kein Essen, keine Störungen, außer vielleicht ein verstohlener Blick auf einen potenziellen, in Buchlektüre vertieften Flirt.

Auch heute respektieren Studenten noch ihre Bibliotheken, doch die Lesesäle sind in manchen Universitäten fast leer. Um die Studierenden anzulocken, bieten manche Bibliothekare Lounge-Bereiche mit bequemen Sitzmöbeln, wo geplaudert werden kann und sogar Getränke und Snacks erlaubt sind, Brösel hin oder her. Moderne oder postmoderne Studierende machen einen Großteil ihrer Forschungsarbeit am Computer in ihren Zimmern. Für sie ist Wissen etwas, was online und nicht in Bibliotheken zu finden ist. Sie wissen, dass Bibliotheken niemals alles in sich aufnehmen können, denn die Information ist endlos, sie verbreitet sich überall im Internet, und um sie zu finden, braucht es eine Suchmaschine, keinen Katalog. Doch auch dies mag eine große Illusion sein; oder, um es positiv auszudrücken, beide Sichtweisen, die Bibliothek als Zitadelle und das Internet als offener Raum haben etwas für sich. Wir sind damit bei dem Problem, das durch Google Book Search aufgeworfen wird.

2006 schloss Google Vereinbarungen mit fünf großen wissenschaftlichen Bibliotheken ab – der New York Public, Harvard, Michigan, Stanford, und Bodleian in Oxford –, um deren Bücher zu digitalisieren. Bücher mit Copyrights stellten ein Problem dar, das bald durch rechtliche Schritte seitens der Verlage und Autoren akut wurde. Sieht man von diesen Problemen ab, dann schien der Vorschlag Googles jedenfalls eine Möglichkeit zu bieten, das gesamte Buchwissen allen Menschen zugänglich zu machen, oder zumindest jenen, die das Privileg des Zugangs zum World Wide Web haben. Das Vorhaben versprach, der letzte Schritt in der Demokratisierung des Wissens zu sein, die mit der Schrift, dem Kodex, den beweglichen Lettern und dem Internet in Gang gesetzt wurde.

Ich schreibe als Google-Begeisterter. Ich glaube, dass die Google-Buchsuche Buchwissen tatsächlich auf eine neue Art weltweit zugänglich machen wird, trotz der digitalen Spaltung, welche die Armen von den Computer-Besitzern trennt. Die Arbeit mit riesigen Datenmengen, die ohne Digitalisierung nicht möglich wäre, wird auch der Forschung neue Möglichkeiten eröffnen. Als Beispiel für eine mögliche Zukunft würde ich Electronic Enlightenment nennen, ein Projekt, das von der Voltaire-Stiftung in Oxford gesponsert wird. Durch die Digitalisierung der Korrespondenz von Voltaire, Rousseau, Franklin und Jefferson – in etwa zweihundert hervorragenden wissenschaftlichen Bänden – wird das Projekt die transatlantische Literatenrepublik des 18. Jahrhunderts neu herstellen.

Die Briefe vieler anderer Philosophen, von Locke und Bayle zu Bentham und Bernardin de Saint-Pierre, werden in diese Datenbank integriert werden, sodass die Wissenschaft in der Lage sein wird, Bezugnahmen auf Personen, Bücher und Ideen innerhalb des gesamten Netzwerks der Korrespondenz zu suchen, welches die Aufklärung untermauerte. Viele andere derartige Projekte – etwa auch das Projekt American Memory von der Library of Congress(1) und Valley of the Shadow an der University of Virginia(2) – haben gezeigt, dass Datenbanken in diesem Umfang machbar und nützlich sind. Ihr Erfolg beweist indessen nicht, dass Google Book Search, die größte derartige Unternehmung, wissenschaftliche Bibliotheken überflüssig machen wird. Im Gegenteil, ich glaube, dass Google sie wichtiger machen wird, als je zuvor. Um diese Ansicht zu untermauern, möchte ich mich auf acht Punkte konzentrieren.


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