Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.

8.4.2011 | Von:
Geert Lovink

Die Gesellschaft der Suche

Fragen oder Googeln

Seit dem Aufkommen der Suchmaschinen in den Neunzigern leben wir in der "Gesellschaft der Suchanfrage", die sich nicht sehr stark von Guy Debords "Gesellschaft des Spektakels" unterscheidet, deutet Weizenbaum an. Diese Situationsanalyse aus den späten Sechzigern basierte auf dem Aufstieg der Film-, Fernseh- und PR-Industrien. Der wichtigste Unterschied zur heutigen Situation besteht darin, dass wir ausdrücklich zur Interaktion aufgefordert sind. Wir werden nicht mehr als anonyme Masse passiver Konsumenten angesprochen. Stattdessen sind wir "dezentrale Akteure" geworden, die auf einer Vielzahl von Kanälen präsent sind. Debords Kritik der Kommodifizierung ist nicht mehr revolutionär. Der Genuss, sich dem Konsum hinzugeben, ist so weit verbreitet, dass er den Status eines universellen Menschenrechts erlangt hat. Wir alle lieben den Fetisch der Ware und schwelgen im Glanz, den die globale celebrity-Klasse für uns auf die Bühne bringt. Es gibt keine soziale Bewegung oder kulturelle Praxis, wie radikal auch immer, die der Warenlogik entkommen kann. Es wurde noch keine Strategie für das Leben im Zeitalter des Postspektakels ausgearbeitet. Stattdessen sorgt man sich um unsere Privatsphäre oder das, was noch davon übriggeblieben ist. Die Fähigkeit des Kapitalismus, Gegnerschaft zu absorbieren, ist so umfassend, dass es kaum mehr möglich ist, überhaupt Argumente für die Notwendigkeit von Kritik – in diesem Fall des Internet – zu finden, es sei denn, all unsere privaten Telefongespräche und übers Netz kommunizierten Botschaften würden öffentlich gemacht. Selbst dann fiele es schwer, gute Argumente für eine Kritik zu finden, und sei es in Gestalt einer organisierten Beschwerde von Verbraucherlobbyisten. Stellen wir uns vor, es gäbe diese "Aktionärsdemokratie". Nur dann würde das sensible Thema der Privatsphäre zu einem Katalysator für ein wachsendes Bewusstsein von den Interessen der Unternehmen werden; dennoch wären die Teilnehmer dieser Bewegung weiterhin begrenzt. Die Zugehörigkeit zu den aktienbesitzenden "Massen" ist auf die Mittelklasse und die sozialen Schichten beschränkt, die über ihr angesiedelt sind. Das aber verstärkt nur die Notwendigkeit einer lebendigen und facettenreichen Öffentlichkeit, in der weder staatliche Überwachung noch Marktinteressen den Ton angeben.

Profilkontrolle

Bereits im Jahr 2005 veröffentlichte der Präsident der französischen Bibliothèque Nationale, Jean-Noël Jeanneney, ein kleines Buch, in dem er vor Googles Anspruch warnte, "die Informationen der Welt zu organisieren". Es ist nicht an einer einzigen privaten Unternehmung, eine solche Rolle anzunehmen. Googles Herausforderung bleibt eines der wenigen Dokumente, das offen Googles sonst unbestrittene Hegemonie herausfordert. Jeanneney befasst sich nur mit einem spezifischen Projekt: BookSearch, das darauf abzielt, Millionen von Büchern aus amerikanischen Bibliotheken zu digitalisieren. Jeanneneys Argument ist ein sehr französisch-europäisches: Weil die Auswahl der betreffenden Bücher durch Google sehr unsystematisch ist und keinerlei editorischen Prinzipien folgt, wird das so entstehende Archiv die Giganten der nationalen Literaturen wie Hugo, Cervantes oder Goethe nicht richtig repräsentieren. Wegen seiner Tendenz, sich auf englische Quellen zu stützen, wird Google nicht der adäquate Partner sein, um ein Archiv des Weltkulturerbes aufzubauen. "Die Wahl der zu digitalisierenden Bücher wird von der angelsächsischen Atmosphäre geleitet sein", schreibt Jeanneney. Für sich genommen ist das zwar ein legitimes Argument. Allerdings ist es gar nicht Googles eigentliches Interesse, ein online abrufbares Archiv zu erstellen und zu verwalten. Google leidet an Datenfettsucht und ist gegenüber Aufforderungen zu sorgfältiger Aufbewahrung von Daten indifferent. Es wäre naiv, von Google kulturelles Bewusstsein zu erwarten. Das primäre Interesse Googles an diesem zynischen Unternehmen besteht darin, das Verhalten von Nutzern zu beobachten, um Verbindungsdaten und -profile an interessierte Dritte zu verkaufen. Google geht es nicht um das Eigentum an Émile Zola. Seine Absicht besteht eher darin, den Proust-Fan vom Archiv wegzulocken. Vielleicht besteht Interesse an einer coolen Stendhal-Tasse, dem Flaubert-T-Shirt in XXL oder einem Sartre-Kauf bei Amazon. Für Google sind Balzacs gesammelte Werke abstrakter Datenmüll, ein Rohstoff, dessen einziger Sinn darin besteht, Profit zu generieren, während sie für die Franzosen die Epiphanie ihrer Sprache und Kultur darstellen. Es bleibt eine offene Frage, ob die europäische Antwort auf Google, die Multimediasuchmaschine Quaero, jemals in Betrieb gehen wird – ganz abgesehen davon, ob sie dann Jeanneneys Werte verkörpert. Wenn Quaero lanciert werden wird, wird der Markt der Suchmaschinen im Zugriff auf neue Medien und Geräte bereits eine Generation voraus sein. Manche kommen daher zur Einschätzung, Herrn Chirac sei es dabei mehr um den Stolz der Franzosen als um die Weiterentwicklung des Internet gegangen.(1)

Es vergeht keine Woche mehr, in der Google nicht eine neue Initiative in die Welt setzt. Selbst für Kenner des Unternehmens ist es beinahe unmöglich, diese Projekte nachzuvollziehen oder gar einen höheren Plan hinter ihnen zu entdecken. Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes im April 2008 ist etwa Googles neue App Engine zu nennen, "ein Entwicklungswerkzeug, das es Ihnen ermöglicht, Ihre Webanwendungen auf Googles Infrastruktur laufen zu lassen". Google App Engine ist ein perfektes Beispiel dafür, wie ein Unternehmen, das die entscheidende Infrastruktur von heute besitzt, noch mehr Macht konzentrieren kann. App Engine wird es jungen Unternehmen erlauben, Googles Webserver, Programmierschnittstellen und andere Entwicklungswerkzeuge als primäre Architektur zur Erstellung neuer Webanwendungen zu nutzen. Richard MacManus hat dazu bemerkt: "Google ist groß genug und besitzt die nötige Intelligenz, um diese Plattform als Dienstleistung anzubieten. Trotzdem stellt sich die Frage: Warum sollte ein Start-up die Kontrolle abgeben und sich damit in Abhängigkeit eines großen Internetunternehmens begeben?" Die Bereitstellung von Programminfrastrukturen wird zunehmend von Dienstprogrammen geleistet, Google App Engine ist ein weiteres Beispiel für diese Entwicklung. MacManus schließt mit einer rhetorischen Frage: "Würden Sie gerne Google die Kontrolle über Ihre gesamte Systementwicklungsumgebung überlassen? War es nicht genau das, wovor sich Entwickler bei Microsoft gefürchtet haben?" Die Antwort ist einfach: Es ist der gar nicht so geheime Wunsch der Entwickler, von Google gekauft zu werden. Millionen von Nutzern nehmen, willentlich oder nicht, an diesem Prozess teil, indem sie Unternehmen Einblick in ihre Profile gewähren und ihnen Aufmerksamkeit, die Währung des Internet, schenken. Google hatte auch eine Technologie patentieren lassen, die die Möglichkeiten steigert, seine Nutzer "zu lesen". Man will das Verhalten eines Nutzers beobachten, der eine Webseite aufgerufen hat, um herauszufinden, an welchen Regionen und Themen der Seite er Interesse zeigt. Das ist nur ein Beispiel für die multiplen analytischen Techniken, die dieses Medienunternehmen entwickelt, um Nutzerverhalten zu studieren und kommerziell zu verwenden.


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