Auf einem Notebook ist die Startseite der deutschen Wikipedia vor einem Bücherregal zu sehen

10.10.2012 | Von:
Torsten Kleinz

Unerwünschtes Wissen

Wikipedia und Zensur

Jagd auf Manipulatoren

Doch nicht immer sind die Manipulatoren einfach zu entdecken. Wer einen Account bei dem Projekt anlegt, kann zum Beispiel seine IP-Adresse verbergen. Dies machen sich manche Firmen zu Nutze. So zeichneten britische Journalisten Ende 2011 ein Verkaufsgespräch der PR-Firma Bell Pottinger auf, indem die PR-Spezialisten erklärten, wie sie mit mehreren Accounts die Wikipedia-Einträge ihrer Klienten bearbeiteten. Nach dieser Enthüllung spürten Wikipedia-Aktivisten den Aktivitäten der verdächtigen Accounts nach und konnten tatsächlich Änderungen in den Artikeln über die Klienten der PR-Firma nachweisen: Kritik wurde gelöscht, positive Informationen prominent hervorgehoben.

Bell Pottinger gab die Änderungen zu, betonte in einer Stellungnahme aber, nichts Illegales getan zu haben und keine falschen Fakten in die Wikipedia eingestellt zu haben. Doch Wikimedia-Gründer Jimmy Wales verurteilte das Editieren unter falscher Flagge scharf: "Ich bin erstaunt über die ethische Blindheit der Reaktion der Firma.“ Mit den verborgenen Aktivitäten, habe die PR-Firma nicht nur sich, sondern auch seinen Klienten geschadet.

Normalerweise lösen Wikipedia-Autoren Konflikte auf der Diskussionsseite eines Artikels. Wie effektiv das funktioniert, hängt von der Popularität des Themas ab. Wenn sich nur zwei Wikipedia-Autoren für ein Thema interessieren, müssen die unter sich auf einen Konsens einigen. Die Theorie: Wenn alle Seiten an einem Artikel zusammenarbeiten, wird am Ende ein Ergebnis stehen, das alle Beteiligten zufrieden stellt. Wenn jedoch verschiedene Autoren heimlich zusammenarbeiten, funktioniert das System nicht mehr.

Es gibt sogar regelrechte Anleitungen den Wikipedia-Qualitätsprozess zu unterlaufen. So veröffentlichte die pro-palästinensische Organisation "Electronic Intifada“ (mit Sitz in den USA) im Frühjahr 2008 E-Mails des ebenfalls in den USA ansässigen "Committee for Accuracy in Middle East Reporting in America (CAMERA). Darin wurden Freiwillige gesucht, die die Artikel in der Wikipedia israelfreundlicher gestalten sollten. "Nachdem ihr Euren Account angelegt habt, solltet ihr eine Weile vermeiden, in israelbezogenen Artikeln zu arbeiten. Ihr solltet mehr Änderungen an nicht israel-bezogenen Artikeln vornehmen “, heißt es dort. So sollte den anderen Wikipedia-Autoren vorgetäuscht werden, dass die CAMERA-Mitglieder allein die Qualität der Wikipedia im Blick hätten. In Wahrheit hätten sie sich jedoch im Hintergrund abgestimmt, um ihre Ziele auf der Wissensplattform durchzusetzen.

Für solche Fälle kennt die Wikipedia-Community Schiedsgerichtverfahren, die einem komplexen Regelgerüst folgen und die verglichen mit dem schnellen Editierprozess äußerst langwierig und für die Beteiligten sehr frustrierend sind. Freiwillige Schiedsrichter analysieren dort jede umstrittene Änderung haarklein und entscheiden, ob eine Seite in einem Konflikt gegen die Grundsätze der Wikipedia verstoßen hat. Nach dem Streitfall um CAMERA wurden ein Wikipedia-Autor auf Lebenszeit gesperrt, zwei weitere für ein Jahr.

Die schärfste Waffe der Wikipedianer ist das Checkuser-Verfahren, bei dem die Benutzerdatenbank der Wikipedia nach Hinweisen auf Doppelaccounts untersucht wird. Solche "Sockenpuppen“ werden häufig eingesetzt, um Wikipedia-Diskussionen zu manipulieren und einen Konsens in einer bestimmten Streitfrage vorzutäuschen. Nur in absoluten Ausnahmefällen darf ein bestimmter Nutzer auf die Benutzerdatenbank zugreifen, um solche Verstöße aufzudecken. Die Enttarnung eines Pseudonyms eines Wikipedia-Nutzers ist normalerweise ein Tabu, für das man selbst vom Projekt ausgeschlossen werden kann.

Kampf mit der Selbstzensur

Wer in der Wikipedia-Gemeinschaft gut verankert ist, kann durchaus Inhalte aus der Wikipedia heraushalten. Als der Journalist David Rohde im Jahr 2008 von den Taliban entführt wurde, hatten die US-Medien mit einer kollektiven Nachrichtensperre reagiert, um den Reporter der New York Times nicht zu gefährden. Projekt-Mitgründer Jimmy Wales setzte diese Nachrichtenblockade auch in der Wikipedia durch, indem er andere Mitarbeiter zur Löschung der Meldung brachte.(Quelle: heise.de) Jimmy Wales sorgt mit seiner teilweise hemdsärmeligen Herangehensweise bei Wikipedianern immer wieder für Konflikte. Wenn er beispielsweise die eigene Biographie zu ändern versucht oder seine Konflikte mit seinem ehemaligen Partner Larry Sanger austrägt, wird dies auf zahlreichen Diskussionsseiten und der hauseigenen Informationsdienst "Signpost“ thematisiert. Bei der Nachrichtensperre zu David Rohde konnte er sich aber auf die Solidarität der Wikipedia-Autoren verlassen.

Doch im Jahr 2010 erfuhr auch er die Grenzen seiner Überzeugungskraft. Nachdem der konservative US-Fernsehsender Fox News Wikipedia wegen vermeintlich pornografischen Bildern kritisiert hatte, versuchte Wales mit einigen Mitstreitern im Eilverfahren 400 allzu freizügige Bilder zu entfernen. Die Wikipedia-Community reagierte jedoch allergisch auf diese eigenmächtige Aktion. Um die Autoren zu beruhigen, gab Wales schließlich einige Privilegien ab.

Was muss die Wikipedia zeigen und was kann sie zeigen? Diese Frage ist seit dem Porno-Streit wieder verschärft aufgebrochen worden. Um ihre Mission zu erfüllen, das Wissen weltweit zu verbreiten, engagiert sich die Wikimedia Foundation nun vermehrt in Entwicklungsländern. Die US-Stiftung befürchtet aber, dass allzu freizügige Inhalte hier dem Projekt eher schaden könnten. Denn die Wikipedia zeigt nicht nur Motive, die man im Aufklärungs-Kapitel von Biologie-Büchern finden würde, sondern zeigt auch sehr plastisch Intimpiercings oder Gewaltmotive. Auch vor religiös brisanten Inhalten schreckt die Wikipedia-Community nicht zurück: So sind hier historische Abbildungen des Propheten Mohammed genauso zu finden wie die umstrittenen Islam-Karikaturen der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten, die in der arabischen Welt zu gewalttätigen Ausschreitungen geführt hatten.

"Wir glauben, die Meinungen und Vorlieben der Wikipedia-Leser sind so legitim wie unsere - sie absichtlich zu provozieren ist deshalb nicht OK", schrieb Ting Chen im Oktober 2011. Als vermeintliche Kompromisslösung hatte der Stiftungsrat einen Filter für "kontroverse Inhalte“ vorgeschlagen, mit dem Leser anstößige Bilder blockieren könnten. Doch ohne die Mitwirkung der Wikipedia-Community kann das nicht funktionieren. Der erste Vorstoß wurde von den Wikipedianern mit einer für die Stiftung überraschenden Schärfe zurückgewiesen. Im Juli 2012 ließ die Wikimedia Foundation die Pläne endgültig fallen.

Ob Politik, Pornografie-Vorwürfe oder persönliche Konflikte – Wikipedia wird also auf absehbare Zeit weiterhin Anstoß erregen. Unerwünschtes Weltwissen? Was erwünscht oder nicht erwünscht ist, wollen sich die Wikipedianer von niemandem vorschreiben lassen.

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Autor: Torsten Kleinz für bpb.de
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