Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

2.12.2009 | Von:
Christina Holtz-Bacha

Politikerinnen-Bilder im internationalen Vergleich

Playing the gender card?

Dass in der Gesellschaft bestimmte Vorstellungen über die Geschlechter bestehen, ist gewiss. Mit ihnen verbinden sich bestimmte Erwartungen an Verhalten, Kompetenzen und äußerliche Erscheinung. Solche Vorstellungsbilder sind kulturabhängig. Für Frauen, die in der Politik Karriere machen wollen, liegt die Herausforderung darin, mit den gesellschaftlichen Rollenerwartungen umzugehen. Da die Politik bis heute von Männern dominiert ist und Frauen auf politischen Spitzenpositionen nach wie vor die Ausnahme sind, fehlen die Erfahrungen für geeignete Strategien. Das bedeutet, Politikerinnen, die in den Wahlkampf ziehen, können kaum auf bewährte Rezepte zurückgreifen, sondern begeben sich auf eine ungewisse Gratwanderung zwischen konkurrierenden Erwartungen, die sich aus dem double bind ableiten. Wegen der Kulturabhängigkeit gesellschaftlicher Vorstellungen ist die Orientierung an ausländischen Vorbildern ebenfalls nur bedingt möglich. Schließlich ist es auch nicht ein bestimmter Typ Frau, der sich in der Politik durchsetzt, so dass Karrierestrategien für Politikerinnen letztlich mehr oder weniger individuell ausfallen.

Daran liegt es, dass uns die Medien von den Politikerinnen, die sich in den vergangenen Jahren in der Politik durchgesetzt haben, sehr unterschiedliche Bilder geliefert haben. Zwar lassen sich international bestimmte Konstanten in der Berichterstattung über Frauen in der Politik ausmachen, die oftmals auf die bekannten Selektions- und Produktionsstrategien der Medien zurückzuführen sind. Was und wie die Medien über Politikerinnen berichten, ist aber auch von deren öffentlicher Selbstdarstellung beeinflusst, die wiederum mehr oder weniger strategisch an Umfelderwartungen orientiert und situationsgebunden ist.

Als 2005 der Bundestagswahlkampf startete und die Unionsparteien Angela Merkel zur Kanzlerkandidatin machten, waren Medien, Wählerschaft, Politiker und Kampagnenstrategen mit einer bislang unbekannten Situation konfrontiert. Beobachter stellten übereinstimmend fest, dass Merkel nicht "als Frau" und auch nicht unter Einsatz ihrer privaten Seite in den Wahlkampf ging. Wenn es entsprechende Erwartungen in den Medien gegeben haben sollte, bediente die Kandidatin sie also nicht. Da es in dieser Position bislang noch keine Frau gegeben hatte, brachte aber allein der Neuigkeitswert besondere Aufmerksamkeit für das Geschlecht mit sich. Die verschiedenen Analysen der Medienberichterstattung während des Wahlkampfes sind zwar nicht eindeutig,[11] was unter anderem auch auf unterschiedliche Untersuchungszeiträume, untersuchte Medien und Vorgehensweisen zurückzuführen ist. Aber sie haben überwiegend gezeigt, dass über den Amtsinhaber und Gegenkandidaten Gerhard Schröder kaum häufiger berichtet wurde als über Angela Merkel. Der in Deutschland beinahe traditionelle "Kanzlerbonus" schwand so dahin. Auch bei Bewertungen ließ sich nicht von einer generell negativeren Berichterstattung über die Kanzlerkandidatin sprechen.

Dennoch ergaben sich einige Hinweise darauf, dass das Geschlecht doch eine Rolle spielte. So wurden bei Herausforderin Merkel Themen, die sich auf das Privatleben bezogen, eher behandelt als bei Schröder, und ihr Aussehen wurde häufiger angesprochen als das des Kanzlers. Sie wurde öfter im Zusammenhang mit Geschlechterstereotypen thematisiert und es traten gender frames auf, das heißt Berichte, die spezifisch das Geschlecht der Kandidaten ansprechen. Untersuchungen der Bildberichterstattung über Angela Merkel bestätigen zum Teil die Gültigkeit dieser Geschlechterstereotypen. Andererseits gab es in der Gegenüberstellung von Merkel und Schröder aber auch ein cross-sex-typing, wobei Merkel eher "männlich" und Schröder eher "weiblich" präsentiert wurde.[12]

Anders als Angela Merkel stellte Ségolène Royal im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2007 ihre Weiblichkeit und das Duell zwischen Frau und Mann heraus. Eine Analyse des Wahlkampfes spricht mit Bezug auf Royal gar von einer "Inkarnation der Weiblichkeit",[13] die sich auch im Gegensatz zu dem seine Männlichkeit betonenden Hauptkonkurrenten Nicolas Sarkozy herausbildete. In den französischen Medien kam Royal nicht so gut weg, allerdings ist hier oftmals schwer zu entscheiden, ob dabei das Geschlecht eine Rolle spielte oder der überlegene Wahlkampf von Sarkozy seinen Niederschlag fand.[14] So berichteten die französischen Zeitungen häufiger über Sarkozy als über Royal, wobei sich auswirkte, dass Sarkozy noch während der Kampagne als Innenminister tätig war, während Royal nur als Wahlkämpferin auftrat. Beide erfuhren zwar negative Bewertungen, Royal aber im Vergleich noch schlechtere als ihr Opponent.

Die Medien stellten die Sozialistin oft als unerfahren dar und zogen ihre Führungsqualität in Zweifel. Außerdem thematisierten sie häufig ihre äußere Erscheinung und verwendeten ihren Vornamen oder andere Anreden, die ihr Geschlecht hervorhoben, was bei ihren männlichen Rivalen so gut wie gar nicht vorkam. Die Anrede von Kandidatinnen mit dem Vornamen wirkt wie eine Verniedlichung, die demonstriert, dass Frauen in eine andere Sphäre gehören und in der Männerdomäne Politik nicht ernst genommen werden. Royal bezog sich im Wahlkampf wiederholt auf ihre Rolle als Mutter, was die Medien auch aufgriffen, allerdings in einer eher abwertenden Weise.

Die Kandidatur von Cristina Kirchner bei der argentinischen Präsidentschaftswahl 2007 und die Art und Weise, wie die Medien damit umgingen, stellt einen besonderen Fall dar.[15] Die strategische Absprache und die deutliche Präsenz ihres Mannes Néstor Kirchner, dem sie im Präsidentenamt nachfolgte, sowie ihre Rolle als first lady brachten ihr nicht nur erhöhte Aufmerksamkeit, sondern legten es geradezu nahe, sie in Bezug auf ihren Mann zu präsentieren. Cristina Kirchner selbst machte Wahlwerbung mit ihrem Vornamen. Zusammen mit den Kommentaren zu ihrer äußeren Erscheinung boten also die spezifischen Bedingungen der Kampagne Anlass für geschlechterstereotype Berichterstattung, bei der sich nicht auseinanderhalten ließ, ob Kirchner eine Andersbehandlung aufgrund ihres Geschlechts erfuhr oder eben Situation und Kandidatin diese gewissermaßen provoziert hatten.

Im Falle der Präsidentschaftskandidatur von Hillary Clinton in den USA 2008 lässt sich zeigen, dass das Geschlecht dort in der Berichterstattung - auch - eine Rolle spielte: Denn auch Clinton ging mit der Bürde der ehemaligen first lady in den Präsidentschaftswahlkampf und stand vor der Herausforderung, sich als von ihrem Mann unabhängige Politikerin zu beweisen. Obendrein unterlag sie in beispielhafter Weise dem Druck des double bind; sogar innerhalb ihrer Kampagnenorganisation gab es Uneinigkeit darüber, ob und wie weit sie die gender card, also das Geschlecht, ausspielen sollte.[16] Sie entschied sich für eine "harte" Strategie, um Führungsstärke und damit Eignung für das Präsidentenamt zu demonstrieren. Unabhängig davon, dass mit der Kandidatur eines Schwarzen in diesem Wahlkampf eine komplexe Gemengelage zwischen Geschlecht und Ethnie entstand, hatte Barack Obama einen Vorteil als Mann. Die Analysen zeigen, dass Clinton zwar reichlich mediale Beachtung fand, die Berichterstattung über sie aber deutlich negativer ausfiel als über ihre Konkurrenten. Sie entging der für Politikerinnen sonst üblichen viability-Diskussion, diese wurde jedoch ersetzt durch eine andauernde Spekulation darüber, wann sie aus dem Rennen aussteigen würde. Obwohl ihr auch einige andere Klischees erspart blieben, erwies sich die Berichterstattung als "deeply gendered",[17] die in den sogenannten neuen Medien noch ausgeprägter ausfiel als in den alten. Die Medien werden daher auch mitverantwortlich gemacht dafür, dass die Kandidatin - die, wie sie selbst sagte, der "gläsernen Decke" 18 Millionen Risse zufügte - es letztlich nicht schaffte.

Fußnoten

11.
Vgl. Hajo G. Boomgarden/Holli A. Semetko, Duell Mann gegen Frau?! Geschlechterrollen und Kanzlerkandidaten in der Wahlkampfberichterstattung, in: Frank Brettschneider/Oskar Niedermayer/Bernhard Weßels (Hrsg.), Die Bundestagswahl 2005. Analysen des Wahlkampfes und der Wahlergebnisse, Wiesbaden 2007; Thomas Koch/Christina Holtz-Bacha, Der Merkel-Faktor – Die Berichterstattung der Printmedien über Merkel und Schröder im Bundestagswahlkampf 2005, in: Christina Holtz-Bacha (Hrsg.), Frauen, Politik und Medien, Wiesbaden 2008, S. 49–71; Bettina Westle/Ina Bieber, Wahlkampf der Geschlechter? Inhaltsanalyse von Printmedien im Bundestagswahlkampf 2005, in: Steffen Kühnel/ Oskar Niedermayer/ Bettina Westle (Hrsg.), Wähler in Deutschland. Sozialer und politischer Wandel, Gender und Wahlverhalten,Wiesbaden 2009, S. 167–197.
12.
Vgl. Susanne Kinnebrock/Thomas Knieper, Männliche Angie und weiblicher Gerd? Visuelle Geschlechter- und Machtkonstruktionen auf Titelseiten von politischen Nachrichtenmagazinen, in: C. Holtz-Bacha (Anm. 11), S. 83–103; Christina Holtz-Bacha/Thomas Koch, Das Auge wählt mit: Bildberichterstattung über Angela Merkel, in: C. Holtz-Bacha (Anm. 11), S. 104–121.
13.
Marlène Coulomb-Gully, Beauty and the Beast: bodies politic and political representation in the 2007 French presidential election campaign, in: European Journal of Communication, 24 (2009) 2, S. 203–218.
14.
Vgl. Jacob Leidenberger/Thomas Koch, "Bambi und der böse Wolf". Ségolène Royal und der französische Präsidentschaftswahlkampf in der deutschen und französischen Presse, in: C. Holtz-Bacha (Anm. 11), S. 122–150; R. Murray/S. Perry (Anm. 4).
15.
Vgl. Malvina E. Rodríguez, "Lieber Hillary als Evita?" Cristina Kirchner und der argentinische Präsidentschaftswahlkampf in der argentinischen und deutschen Presse, in: C. Holtz-Bacha (Anm. 11), S. 180–207.
16.
Vgl. Regina G. Lawrence/Melody Rose, Hillary Clinton´s race for the White House. Gender politics and the media on the campaign trail, Boulder 2009.
17.
Ebd., S. 203.

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