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Eine Regenbogengeschichte


17.5.2010
Wie hat sich die Situation von Lesben und Schwulen zwischen 1945 und 1989 in Deutschland entwickelt? Auf welche Erfolge kann die Homosexuellen-Bewegung im Kampf um Respekt und Anerkennung zurückblicken? Benno Gammerl gibt einen Überblick.

Eine Regenbogenfahne, die die Vielfalt homosexuellen Lebens symbolisiert, hängt an der Fassade des Metropol Theater in der Innenstadt von Berlin.  Am 15. Uni 2002 findet das größte lesbisch-schwulen Stadtfest Europas statt.Als Ergebnis der lesbischwule Bürgerrechtsbewegung ist u.a. das Lebenspartnerschaftsgesetz von 2001 in Deutschland entstanden. (© AP)

Einleitung



Bloß die Schwulen", sagt Walter, "die haben wir vergessen." Pessimistisch blickt der von Werner Dissel gespielte ältere Mann in die deutsche Zeitgeschichte der Homosexualitäten zurück. Dabei sitzt er in einem (Ost-)Berliner Lokal vor einem Tisch mit leeren Weinbrandgläsern, während im Hintergrund das lesbischwule Nachtleben gefeiert wird. Die historiografische Schlüsselszene aus Heiner Carows Film "Coming Out" (DDR, 1989) wirft ein resignierendes, aber nicht verzweifeltes Licht auf die Fortschrittshoffnungen, die der männerliebende Mann nach den Verfolgungen durch die Nationalsozialisten in das demokratische Deutschland gesetzt hatte. Auch heute noch, sagen seine etwas müden Augen dem ihm gegenübersitzenden jungen Lehrer Philipp, zieht der Verstoß gegen die heteronormative Ordnung Strafen und Kummer nach sich.

Hat sich die Lage gleichgeschlechtlich liebender Menschen in Deutschland zwischen 1945 und 1989 tatsächlich nicht verbessert? Oder zunächst weniger wertend gefragt: Wie veränderten sich die Lebensweisen homosexueller Menschen und ihr Umfeld in dieser Zeit?


Intimsphären, Halböffentlichkeiten und Repressionen



Bereits die Begrifflichkeit verweist auf einen Wandel. Während das Adjektiv "homosexuell" in den 1950er Jahren eng mit medizinischen, psychologischen und kriminologischen Diskursen über Devianz und Perversion verknüpft war,[1] gilt es heutzutage als weitgehend neutrale Beschreibung für die Liebe zu Menschen des gleichen Geschlechts.[2] Die geläufigsten Selbstbezeichnungen sind dagegen "schwul" bei den Männern und "lesbisch" bei den Frauen. In den 1950er Jahren wurden diese Worte von den "Betroffenen" noch sorgfältig vermieden. Frauen, die sich damals zu privaten Tanzveranstaltungen trafen oder zusammen wohnten, betonten eher ihre unschuldigen Freundinnenbande und ihre Anständigkeit als ihr gleichgeschlechtliches Lieben. Versuche, jenseits des Privaten Strukturen für "Gleichgesinnte" zu schaffen, blieben sehr spärlich.[3] Das rege soziale und kulturelle Großstadtleben frauenliebender Frauen der Weimarer Zeit, das die Nationalsozialisten zerstört hatten, fand in den 1950er und 1960er Jahren im westlichen wie im östlichen Deutschland kaum eine Fortsetzung. Jenseits von pubertären Romanzen à la "Mädchen in Uniform" - die zweite Verfilmung dieses Stoffs mit Romy Schneider kam 1958 in die Kinos - verkörperte in dieser Zeit allein die verheiratete Mutter das Idealbild der erwachsenen Frau. Nicht zuletzt aufgrund drohender Diskriminierungen und Schmähungen dominierte deswegen unter frauenliebenden Frauen eine Strategie des Sich-Verbergens.[4]

Ähnliches galt für die homophilen Männer. Für sie bestimmte Zeitschriften wie "Der Weg zu Freundschaft und Toleranz" aus Hamburg oder "Der Kreis" aus Zürich konnten sich jedoch im Westen über mehrere Jahre etablieren. Außerdem gab es überwiegend von Männern getragene Organisationen wie den "Verein für humanitäre Lebensgestaltung" in Frankfurt am Main, die mittels wissenschaftlicher Überzeugungsarbeit die gesellschaftliche Ablehnung der Homosexualität in Toleranz verwandeln wollten. Diesem Ziel und dem homophilen Geist der Zeit entsprachen das Leitbild der nicht-sexuellen Kameradschaft sowie die ästhetische und theoretische Überhöhung zwischenmännlicher Intimität.[5] Allerdings erreichten die genannten Publikationen und Gruppen kaum eine breitere Öffentlichkeit. Auch das Leben männerliebender Männer spielte sich weitgehend in privater Heimlichkeit ab. Dies galt umso mehr für die DDR, als Homosexuellengruppen und -zeitschriften dort verboten waren.[6]

In der Bundesrepublik erreichte die staatliche Repression um 1960 einen Höhepunkt, und viele Verlage und Vereine mussten ihre Arbeit einstellen. Zudem zwang die Strafbarkeit sexueller Handlungen zwischen Männern diese zur Vorsicht und ins Verborgene. Ein Großteil des häufig anonymen zwischenmännlichen Sexuallebens spielte sich im Halbdunkel öffentlicher Toiletten ab. Rund 45000 Personen wurden zwischen 1950 und 1965 im Westen nach §175 StGB verurteilt.[7]


  1. Vgl. Hans-Joachim von Kondratowitz, Stichwort frühe Bundesrepublik, in: Rüdiger Lautmann (Hrsg.), Homosexualität. Handbuch der Theorie- und Forschungsgeschichte, Frankfurt/M. 1993, S. 239-243; Bert Thinius, Erfahrungen schwuler Männer in der DDR und in Deutschland Ost, in: Wolfram Setz (Hrsg.), Homosexualität in der DDR, Hamburg 2006, S. 17-20.
  2. Dieser Bedeutungswandel ließ die Dichotomie homo/hetero jedoch unangetastet, die als zentrale Signatur des 20. Jahrhunderts betrachtet werden kann. Vgl. Eve Kosofsky Sedgwick, The Epistemology of the Closet, Berkeley-Los Angeles 1990; Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt/M. 1977.
  3. Vgl. Christina Karstädt/Anette von Zitzewitz (Hrsg.), ... viel zuviel verschwiegen. Eine historische Dokumentation von Lebensgeschichten lesbischer Frauen in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1996; Kirsten Plötz, Als fehle die bessere Hälfte. "Alleinstehende" Frauen in der frühen BRD, 1949-1969, Königstein/Ts. 2005.
  4. Vgl. Sabine Puhlfürst, "Mehr als bloße Schwärmerei". Die Darstellung von Liebesbeziehungen zwischen Mädchen/jungen Frauen im Spiegel der deutschsprachigen Frauenliteratur des 20. Jahrhunderts, Essen 2002, S. 174-180; Ilse Kokula, Jahre des Glücks, Jahre des Leids. Gespräche mit älteren lesbischen Frauen, Kiel 1990².
  5. Vgl. Burkhardt Riechers, Freundschaft und Anständigkeit. Leitbilder im Selbstverständnis männlicher Homosexueller in der frühen Bundesrepublik, in: Invertito. Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten, 1 (1999), S. 12-46; Martin Dannecker, Der unstillbare Wunsch nach Anerkennung. Homosexuellenpolitik in den fünfziger und sechziger Jahren, in: Detlef Grumbach (Hrsg.), Was heißt hier schwul? Politik und Identitäten im Wandel, Hamburg 1997, S. 27-44.
  6. Vgl. Andreas Sternweiler, Selbstbehauptung und Beharrlichkeit, Berlin 2004, S. 49; Rainer Herrn, Schwule Lebenswelten im Osten: andere Orte, andere Biographien, Berlin 1999, S. 30f und passim.
  7. Vgl. A. Sternweiler (ebd.), S. 149; vgl. auch Sabine Mehlem, Polizeiliche Ermittlungsmethoden nach §175 StGB, in: Schwulenreferat im AStA der FU Berlin (Hrsg.), Homosexualität und Wissenschaft II, Berlin 1992, S. 193-208.



  8.  

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Schlagworte
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